20. Juni 2017

"Heute bin ich Sith-gesteuert!"

Interview geführt von

Wenn Corey Taylor ohne Slipknot-Gesichtsmaske über die Bühnen dieser Welt strampelt, bedeutet das meist entweder, dass er Bruce Springsteens Stagemoves parodiert, oder dass Stone Sour auf den Brettern stehen. Letztere haben dank "Hydrograd" Slipknot in punkto Album-Quantität überholt und Corey sowie Gitarrist Josh Rand für Interviews entsandt.

Einen der wenigen sonnigen Apriltage in Berlin 2017 kann man sich auch schöner vorstellen, als stundenlang im Hotel Fragen zu beantworten. Teils zu zweit, teils separat in benachbarten Räumen stellen sich Corey Taylor und Josh Rand aber dem Interview-Marathon zum sechsten Stone Sour-Album "Hydrograd" – und sind immer noch bestens aufgelegt, als wir kurz vor Abendessenszeit an die Tür klopfen. Während Corey gar nicht dran denkt, sein beeindruckendes Stimmvolumen auf Zimmerlautstärke herunterzuschrauben und gefühlt alle paar Sekunden in Gelächter ausbricht, startet Josh aus dem Stegreif eine Black Metal-Band. Naja, sort of...

Ihr hockt ja hier schon den ganzen Tag – welche Frage wurde denn am häufigsten gestellt?

Josh: Was bedeutet "Hydrograd"?

Corey: Ja, stimmt, das ist wahrscheinlich Nummer 1. Und: Warum habt ihr einen Country-Song aufgenommen? Stimmt es, dass ihr nackt aufgenommen habt? Nein, letzteres stimmt nicht und es hat uns auch niemand gefragt – ich wollte jetzt hier nur mal das Gerücht verbreiten, haha.

Josh: Wie lange kannst du den Hammer halten?

Corey: Oh ja, der Hammer! Mein Arm tut immer noch weh. Kennst du diese "Stronger Than All"-Challenge? Die mussten wir vorhin machen. Lief ganz okay! Wir haben über anderthalb Minuten geschafft. Aber oh mein Gott ist das hart! (Corey bezieht sich auf das The Rock Reel-YouTube-Format)

Josh: Du willst natürlich nicht als der schwächste Kerl dastehen.

Corey: Solange ich im Mittelfeld bin, ist alles scheißegal.

Gabs nicht mal einen, der nur ein paar Sekunden durchgehalten hat?

Corey: Nee, nee. Der Minusrekord liegt bei 52 Sekunden. Aber ich sag jetzt hier nicht, von wem – er ist ein Freund von uns.

Kann man ohnehin auf YouTube nachgucken.

Corey: Jahahaha!

Josh: Tremonti hat den Rekord mit fast zweieinhalb Minuten.

Corey: Son of a bitch! Diese verdammten Gitarristen!

Josh: I will come back! Ich trainiere jetzt extra dafür. Vorhin hab ich ja währenddessen eine Cola getrunken. Daran lags.

Corey: Hat er wirklich. Im Hintergrund lief das "Rocky"-Theme. Super!

Josh: Ich werde wiederkommen und mein Diat-Pepsi mitbringen, das ich normalerweise trinke!

Corey: Diät-Pepsi? Jesus ... Wie auch immer, weiter gehts, haha.

Welche Frage würdet ihr denn gerne mal gefragt werden?

Josh: Warum bist du so gut gekleidet? (er trägt ein Darth Vader-Shirt)

Weil du so ein großer "Star Wars"-Fan bist, schätze ich.

Corey: Haha ja, bei ihm ist es immer entweder "Star Wars" oder die Atlanta Falcons!

Josh: Heute bin ich wohl ein bisschen Sith-gesteuert, hehe.

Corey: Du bist immer Sith-gesteuert, Mann.

Josh: Er hat recht.

Corey: Mir ist es ehrlich gesagt scheißegal, was ich anhabe.

Okay, kommen wir mal zur Musik. Bei "House Of Gold & Bones" hattet ihr dieses riesige Konzept – "Hydrograd" startet jetzt mit diesem Voice-Over ...

Corey: Hellooo! You basterrrds!

Oh, ich dachte, das hättest gar nicht du eingesprochen.

Corey: Nee, hab ich auch nicht. Aber viele denken, ich wäre das gewesen. Eben hab' ich nur mies nachgeahmt. Das Ganze ist eigentlich ein Band-Insider, den wir nun mit aller Welt teilen wollten. Darum gehts beim gesamten Album – uns selbst der Welt mitzuteilen: wie sehr wir genossen haben, das Album zu machen, wie viel Spaß uns die Songs machen, die Aufregung darüber, sie zu spielen und dass sie größer wurden, als wir dachten. Das neckische "Hello, you basterds!" hat es für uns irgendwie ganz gut zusammengefasst. Das sind wir, wie wir uns gewissermaßen der Welt, den Fans neu vorstellen und sagen: "Wir finden es so geil, euch diese Musik endlich vorstellen zu können – kommt, habt eine gute Zeit mit uns!"

Ich hatte beim Hören das Gefühl, dass es im Gegensatz zum Vorgänger eben nicht mehr darum ging, ernste Miene zu machen, sondern vielmehr zu zeigen: "Hey, wir lieben es einfach in einer Band zu spielen und zusammen Musik zu machen.“ Ihr habt ja auch live aufgenommen, standet also zusammen im Studio, statt minutiös alles zu durchzuplanen.

Corey: Ja, voll! Du hasts erfasst!

Josh: Gerade das Live-Recording trug wesentlich dazu bei, wie das Album jetzt klingt. Wir sind ins Studio gekommen, mit dem Ziel, was anderes zu machen – wir wollten neue Herausforderungen angehen. Live aufzunehmen war eine davon. Es ging alles superschnell! Wir haben den Kern des Albums eingespielt und hatten plötzlich noch so viel Zeit für anderes Zeug: Videos, Akustikversionen, noch ein paar Cover. Es ging darum, diese Jam-Energie einzufangen. Alles lief so kurz und schmerzlos. Man hört immer Stories, wie angespannt die Situation im Studio doch ist. Das war bei uns überhaupt nicht so!

Corey: Wir haben jeden Tag gelacht, waren total angefixt. Wir sind freiwillig sehr früh gekommen und trotzdem immer erst spät wieder abgehauen. Es hat einfach so reingehauen, dass wir gar nicht mehr wegwollten. Im Grunde gingen wir mit dem umgekehrten psychologischen Ansatz ran als normal. Viele Leute gehen denkend ins Studio und in einen Albumprozess. Seltsam.

Ihr wart jedenfalls sehr produktiv: 15 Nummern haben es aufs Album geschafft, insgesamt habt ihr aber glaube 19 aufgenommen oder?

Corey: Ja.

Ziemlich viel für eine Zeit, in der EPs wieder boomen und Download-Singles beliebt sind.

Corey: Oh ja, haha.

Ging es euch bewusst darum, mehr als eine normale 10-Track-Platte zu haben?

Corey. Gewissermaßen, ja. Ehrlich gesagt, fiel es uns ziemlich schwer, es auf die jetzige Anzahl runterzubrechen. Eigentlich hätten alle Songs raufgekonnt. Aber diese 15 haben sich einfach am besten angefühlt. Wir wollten aber den Fans etwas zurückgeben – immerhin sind seit "House Of Gold & Bones Part 2" vier Jahre vergangen. Das Motto lautete: "Wir wissen, ihr habt lange auf neue Musik gewartet, ihr werdet nicht enttäuscht sein – wir geben euch alles, was ihr haben wollt." Wir pushten uns wirklich, ein klasse Album aufzunehmen, das nicht nur Zeug drauf hat, weil es mal wieder sein musste. Es sollte den Flow eines tollen Rockalbums haben.

Und es gibt ja – dein Lieblingsthema – diesen Country-Song: "St. Marie"...

Corey: Oh ja...

Linkin Park haben gerade diese Popsongs veröffentlicht, Papa Roach schielen in eine ähnliche Richtung. "St. Marie" ist zwar nicht ganz dieselbe Schublade, aber es nähert sich etwas oder? Stichwort Radiofreundlichkeit.

Corey: Ja, das kann man schon so sagen, denke ich.

Könntet ihr euch vorstellen, eines Tages vielleicht auch die Gitarren wegzulassen?

Corey: Oh nein, niemals.

Aber nur so aus Interesse: Was haltet ihr denn davon, wenn Bands wie Linkin Park sich derart verändern? Gut, sie haben sich ja quasi neu erfunden...

Corey: Ja, ganz genau. Das ist der Punkt. Sie tun es aus persönlichen Beweggründen. Genauso wie wir unsere Gründe hatten, das neue Album auf die Weise aufzunehmen wie wir es getan haben. Es ist nichts dran auszusetzen, wenn jemand etwas neues ausprobieren möchte. Es sei denn, sie tun es aus den falschen Gründen – wenn es unaufrichtig oder fake rüberkommt; wenn es zu dimensionsgerecht ausfällt. Weißt du, wir waren schon immer eine gitarrenlastige Band. Selbst in unseren softeren Songs stellen wir stets sicher, dass es eine musikalische "Kante" gibt. Ich glaube nicht, dass wir jemals etwas wie das machen werden.

"Vielleicht wird es allen viel zu brutal"

Euer Gitarrenteam hat sich seit "House Of Gold..." ja verändert. Jim Root ist raus, Christian Martucci drin. Hat sich das auch aufs Songwriting ausgewirkt?

Josh: Jeder bringt zumindest ein bisschen was ein. Auch Christian hat Songs eingereicht und Ideen beigesteuert. Und du siehst ihn niemals down – immer wenn er ins Studio kommt, ist er gut drauf und freut sich einfach, da sein zu können. Das ist ansteckend. Man sagt doch immer: Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb. Es kann aber auch umgekehrt sein: Wenn du jemanden hast, der dich hochzieht! Na gut, wir sind alle Knalltüten...

Corey: Hihihi.

Josh: Wie auch immer: Sein Spiel – das wirklich außergewöhnlich ist, wie die Leute auch auf dem Album hören werden – zusammen mit seiner ansteckenden Einstellung hat für einen immensen Boost innerhalb der Band gesorgt.

Corey: Ja, er brachte definitiv frischen Wind. Sein Stil passte einfach hervorragend zu uns – es hat uns super ergänzt, fühlte sich aber auch auf positive Weise anders an. Jeder von uns kam dadurch auf Songideen, die wir vorher vielleicht nicht einmal in Betracht gezogen hätten.

Was ist denn der größte Unterschied zwischen ihm und Jim?

Corey: Schwer zu sagen. Offensichtlich sind beide sehr versiert. Aber Christian verströmt mehr diesen Street-/Hard Rock-/Metal-Vibe. Sein Zeug bringt so eine natürliche Hook mit, es fühlt sich anders an. Ich will damit gar nicht sagen, dass Jims Sachen nicht hookig ausfielen – Christian hat eine andere Art von Hook. Wir fühlten uns sofort davon angezogen.

Wenn Stone Sour mal Pause haben, hört man trotzdem immer, was du so treibst, Corey. Du spielst noch bei Slipknot und bist irgendwie omnipräsent in den (Metal-)Medien. Von dir hört man dagegen weniger, Josh ...

(Corey fängt an zu gackern)

... was treibst du denn so abseits von Stone Sour?

Josh (grinst): Ach, ich mach' nur Urlaub.

(Corey lacht laut los)

Ich hab' nur mal was von Berkeley mitbekommen...

Corey: Hahaha, Dude, da ist Nummer 3! Erzähl uns von Berkeley!

Nee, lass Berkeley gut sein, haha.

Josh: Zu spät. Ich belege Kurse und bin dabei, das Master-Zertifikat zu erwerben. Mir fehlt aktuell nur noch ein Kurs. Weißt du, ich sehe mich nicht wirklich in einem anderen Projekt. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt Stone Sour. So war es schon immer, darauf liegt mein Fokus. Ich hatte in den letzten Jahren auch mit einigen persönlichen Dingen zu kämpfen, die mir viel abverlangten. Die letzte Pause war herausfordernd, das gebe ich zu. Aber jetzt gehts wieder voran mit der Band, ich kriege mein Privatleben in den Griff – es läuft super. Aber was andere Projekte angeht: Momentan habe ich keinen Ansporn dazu. Ich kann meine Kreativität in Stone Sour ausleben und sehe keinen Grund, da auszubrechen – es sei denn, ich starte endlich meine Black Metal-Band, von der ich schon seit Jahren spreche. Mucus Bug – den Namen würde ich gerne platzieren, damit ihn jeder auf dem Schirm hat, wenn es endlich passiert.

Corey (kichert): Das ist ein guter Name.

Josh: Nach diesem Stone Sour-Run kriege ich es vielleicht endlich zustande. Möglicherweise fällt das allen viel zu brutal aus. Warten wir mal ab und schauen, was passiert.

(Corey guckt neugierig zu Josh rüber – der nach wie vor keine Miene verzieht – und hält die Luft an)

Alles okay, Corey?

Corey: Endlich hat er mal Mucus Bug erwähnt!

Also ich fänds super. Ernsthaft: Übernimmst du dann auch mehr die Business-Seite der Band?

Josh: Klar, ich bin unser Buchhalter, haha.

Corey: So falsch ist das gar nicht. Das Business obliegt hauptsächlich uns beiden. Er hat mehr den Kopf für Zahlen und Fakten, weil mich das gerne mal verwirrt. Wir beide handlen die Band ja schon seit ... immer. Aber wenn es um die großen Entscheidungen geht, herrscht Demokratie – da sprechen wir mit allen drüber und versuchen, das beste rauszuholen.

"Mich inspiriert, was Corey hasst"

Wie schon gesagt: Corey, du bist in der Öffentlichkeit sehr präsent. Gibt es für dich eine Grenze, welche Dinge du zwar öffentlich ansprichst, aber nicht in der Musik?

Corey: Puh, das ist 'ne gute Frage. Ich glaube nicht, nein. Ich bin relativ offen, was das das angeht. Manchmal schreibe ich aber über bestimmte Dinge, die ich erst beim Reden direkter anspreche. Das ist ein Anspruch, den ich an mein Schreiben stelle: Es sollte eher allgemeiner gehalten sein. Über was ich schreibe, will ich den Leuten nicht in den Rachen stopfen. Ich möchte, dass sie von sich aus etwas mitnehmen. Ich möchte, dass sie ihre eigene Interpretation anstellen. Deswegen fällt meine Meinung in der Presse wahrscheinlich etwas spezifischer aus. Dabei muss ich mich nicht so allgemein ausdrücken. Bei den Lyrics dagegen versuche ich es so unspezifisch wie möglich zu halten.

Gibt es ein Thema, bei dem es dir besonders wichtig ist, es lyrisch und musikalisch auszudrücken?

Corey: Ich glaube ein einziges allein gibt es nicht. Natürlich willst du über das Leben und was so los ist schreiben – und das aufrichtig gegenüber deiner aktuellen Situation, wo du gerade im Leben stehst. Genauso möchtest du auf Dinge eingehen, die dich aus der Vergangenheit beeinflussen.

Josh: Was die Musik angeht, inspiriert mich vor allem das Hören neuer Musik – all das Zeug, das du hasst, Corey!

Corey: Was soll das denn sein?

Josh: Mir hat es echt völlig neue Tore geöffnet, Jack White zu hören oder die Black Keys

Corey: Die Black Keys stören mich nicht sooo ... Sie sind zwar ziemlich "Coachella" geworden in den letzten Jahren, aber die sind okay. Die ersten paar Alben war echt gut.

Josh: Ray LaMontagne...

Corey: Ich liebe Ray LaMontagne! Seine ersten drei Alben sind brillant!

Josh: Bon Iver...

Corey: Oh ... jaaa ... ich sag mal...

Josh: Das neue Album ist fantastisch! Total originell und weird.

Corey: Das habe ich noch nicht gehört, kann ich nicht beurteilen.

Josh: Die ersten beiden Alben waren super. Ich bin nicht sicher, ob Leute, die diese mögen, große Fans des neuen werden, aber ich finds großartig.

Corey: Das kannst du aber bei so ziemlich jedem sagen. Von Muse zum Beispiel liebe ich die ersten beiden Platten. Alles danach ist okay und ich schätze es, bin aber kein großer Fan davon. Ich liebe einfach gitarrengetriebene Scheiße, weißt du?

Josh: Was ist mit "Psycho"? Der Rhythmus ist doch super!

Corey: Es ist okay ... aber einfach kein "Stockholm Syndrome". Da kommt nichts ran, sorry. Das ist der beste Muse-Song allerzeiten. Sie hätten den auch heute veröffentlichen können und er wäre immer noch genauso kraftvoll wie damals!

Josh: Ach komm, jetzt klingst du wie die Metallica-Fans, die nicht über "Master Of Puppets" hinauskommen.

Oh, apropos Metallica: Gerade vor einer Stunde kam rein, dass Lars Ulrich jetzt einen Twitter-Account hat.

Corey: Was? Lars ist jetzt bei Twitter? Oh boy...

Was meinst du wird passieren?

Corey: Na, ich werd' ihm folgen müssen!

Oh, Ich sehe wir müssen zum Ende kommen. Corey, du engagierst dich ja seit einiger Zeit für The You Rock Foundation – eine Initiative zur Depressionshilfe und Suizidprävention. Auf Netflix ist gerade die Serie "13 Reasons Why" gestartet, die sich ja auch mit diesem Thema befasst. Hast du sie schon gesehen?

Corey: Nee, noch nicht.

Es geht ja darum, dass die Hauptperson ihre Gründe aufzählt, die sie veranlasst haben, Selbstmord zu begehen. Gehen wir mal den umgekehrten Weg: Was sind für dich Gründe, weiterzumachen – persönlich und bei Stone Sour?

Corey: Ich hab' viele, aber der eine Grund, der mir sofort einfällt, sind meine Kinder. Sobald du Vater wirst, geht es weniger um dich, sondern viel mehr um sie. Muss es! Du musst sicherstellen, dass du nicht nur für dich selbst, sondern auch für sie die besten Entscheidungen triffst. Denn wenn dir was passiert, was passiert dann mit ihnen? Ich will nicht, dass meinen Kindern jemals etwas Schlimmes geschieht. Das treibt mich an.

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