laut.de-Kritik

Tiefer unter die Haut kann Musik kaum gehen.

Review von

Hilfe. Ohne jemanden, der mich festhält, möchte ich "Remains" nicht noch einmal im dunklen Zimmer hören. "Ambient ist elektronische Meditationsmusik." Allerdings ist das hier "Dark Ambient", und es jagt mir eine Scheißangst ein. Um genau zu sein, habe ich mich seit David Lynchs "Eraserhead" nicht mehr so unwohl gefühlt. Gruselig. Gleichzeitig großartig. Tiefer unter die Haut kann Musik kaum gehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir sprechen hier nicht etwa von Still Remains. Wohl aber von Stills "Remains". Es geht um jenen Still, der sich als DJ der Newarker Untergrund-Hip Hop-Truppe Dälek all denen unauslöschlich ins Gedächtnis gefräst hat, die ihn auch nur ein einziges Mal haben auftreten sehen. Um den Mann, der Plattenspieler vergewaltigt wie einst Jimi Hendrix die Gitarre. Genau um den. Dieser Still hat nun mit Schützenhilfe seines Kollegen Oktopus, Däleks Reglergott, sein erstes Soloprojekt fertiggestellt. Damit keine Zweifel darüber aufkommen, was hier passiert, lesen Sie die Packungsbeilage: "The ONLY instrument played on Remains are Technics 1200 Mk2 Turntables and a lot of Delay Pedals." Und dann rufen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Es ist wirklich nicht zu fassen, welche Klänge man Plattenspielern entlocken kann, wenn man Dinge damit anstellt, für die diese Geräte einfach nicht gebaut sind. In einem Interview mit dem ORF gibt Still zu Protokoll: "Ich habe versucht, den Plattenspieler wie eine Gitarre klingen zu lassen, ich wollte ihm Vierteltöne entlocken." Was soll ich sagen? Es ist ihm gelungen. Stills Turntables klingen - alleine im Eröffnungstrack "Once Confronted" - wie eine ganze Batterie verzerrter E-Gitarren, außerdem stellenweise wie orientalische Flöten, ein hochgradig verärgerter Insektenschwarm und eine wimmernde Singende Säge. Rauschen und Knistern, keineswegs zufällig eingestreut, sondern punktgenau und rhythmisch gesetzt, verstärken die beklemmende Atmosphäre - die sich gegen Ende des Stückes einfach in Wohlgefallen auflöst.

Bitte? Während ich mich noch verwundert frage, wovor ich mich eben so gefürchtet habe, legt Still nach. Clicks und Knistern über einer schrägen Soundfläche eröffnen "Atrophy". Dazu ein Beat wie ein stolpernder Herzschlag und ein Rauschen, das mir neue Schauder über den Rücken jagt. Ich denke erst an Regen. Dann an Feuer. Dann an Säurefraß. Dann schaltet sich mein Verstand dazwischen, und ich denke kurzzeitig darüber nach, ob ich nicht vielleicht paranoid bin. Kann schon sein. So oder so: Kuschelig ist das nicht. "Atrophy" gleitet fast unmerklich in "A Dream You Were Alive". Der unwirkliche Klang erweckt zu Beginn den Eindruck von Weite, man atmet beinahe etwas auf. Beinahe. Donner- oder Trommelschläge beenden die Idylle, die nie eine war. Willkommen zurück, düstere Endzeitstimmung. Mir ist kalt.

"Need" bezieht seinen Gruselfaktor aus Stimmfetzen, die durch Echos derart verfremdet werden, dass sie wie fieses Gelächter klingen. Eine unentschlossen hereinklimpernde Spieldosenmelodie wird unmittelbar aufgegriffen und verhackstückt. Bei "Futility" bin ich bereits derart mitgenommen, dass ich dem wärmeren, fast versöhnlichen Klang keinen Meter über den Weg traue. Braut sich da nicht im Hintergrund schon wieder etwas zusammen? Nicht? Morgen such ich mir einen Therapeuten. Ganz bestimmt. Schließlich "Blindness": Streicher- und Harfenklänge setzen ein, werden, kaum hat man sie als solche identifiziert, geloopt und verfremdet. Eine Fanfare aus dem Nichts, bevor der Sound komplett kippt, abrupt endet und eine verwirrte Hörerin zurücklässt. Noch mal? Ja, klar. Aber, wie gesagt: Nicht alleine.

35 Minuten sind für ein Album eher kurz. Für einen Blick in die Abgründe der eigenen Vorstellungswelt sind 35 Minuten eine Ewigkeit. Das hier ist keine Übung.

Trackliste

  1. 1. Once Confronted
  2. 2. Atrophy
  3. 3. A Dream You Were Alive
  4. 4. Need
  5. 5. Futility
  6. 6. Blindness (live)

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