laut.de-Kritik

Grandiose Werkschau in stimmungsvollem Ambiente - mit Bollywood-Girls.

Review von

Betrachten wir zunächst die harten Fakten: Steven Wilson sagt den Headliner-Slot auf dem Night Of The Prog-Festival 2016 ab, weil er sich nicht mehr in der Progrock-Ecke sieht. Die Ankündigung eines Artpop-Albums flankiert von der ABBA-mäßigen Vorab-Single "Permanating" treibt den Verfechtern des heiligen 7/8-Taktes weitere Zornesfurchen auf die Stirn. Zudem springen bei der vorliegenden Konzertnachlese bei eben diesem Pop-Bonmot Bollywood-Tänzerinnen auf die Bühne und schmeißen vor dem Hintergrund kunterbunter Sternchenprojektionen mit Farbpulver um sich. Sakrileg? In Gänze halb so wild, zeigt dies doch vor allem die freigeistige Denkweise des Fünfzigjährigen jenseits Genre-üblicher Scheuklappen.

Konsequenterweise klammert der Multiinstrumentalist die experimentellen Solo-Werke "Insurgentes", "Grace For Drowning" und, mit Ausnahme des Weltkulturerbe-Titelsongs, auch den Raven aus. Die Songs der Porcupine Tree-Alben "Stupid Dream", "In Absentia" und "Deadwing", die sich in der Schnittmenge von "To The Bone" befinden, halten dagegen Einzug.

Der Fan hätte sich über eine Bandversion von "Even Less" gefreut. Aber auch die Schrammelfassung mit Wilson solo an der Klampfe zeigt die kompositorische Klasse dieses Artrock-Meisterwerks. Mit "The Sound Of Muzak", "Heartattack In A Layby", "Lazarus" und insbesondere dem vertonten Road Movie "Arriving Somewhere But Not Here" gibt Wilson weitere Klassiker zum Besten.

Unverzichtbaren Bestandteil seit Jahren bildet die fantastische Lightshow samt visueller Untermalung, die das theatralische Element der Show in den Vordergrund stellt. Die Nachbereitung auf Konserve mit Close-Ups, extravaganten Kameraeinstellungen wie dem Blick von einem Kronleuchter auf die Bühne oder Split-Screens verleihen dem reinen Konzertvergnügen auch auf der Couch Langzeitwirkung. Wie schon auf Marillions Live-Werkschau "All One Tonight", bietet die altehrwürdige Royal Albert Hall diesem Event ein besonders stimmungsvolles Ambiente.

Der Titel "Home Invasion" passt somit wie die Faust aufs Auge, und speziell die Longtracks "Detonation" und die "Hand. Cannot. Erase."-Highlights "Anchestral" und "Home Invasion / Regret #9", in denen Wilsons Begleitband um Nick Beggs, Craig Blundell, Adam Holzman und Alex Hutchings alle Register ihrers Könnens zieht, rechtfertigen den Kauf und dürften auch die meisten mauligen Progger zufrieden stellen. Ach, ja: Wer es sich zusätzlich leistet, die fantastische Ninet Tayeb bei vier Songs auf die Bühne zu bitten, hat in den vergangenen Jahren einfach Einiges richtig gemacht.

Trackliste

  1. 1. Truth-Intro
  2. 2. Nowhere Now
  3. 3. Pariah
  4. 4. Home Invasion / Regret #9
  5. 5. The Creator Has A Mastertape
  6. 6. Refuge
  7. 7. People Who Eat Darkness
  8. 8. Ancestral
  9. 9. Arriving Somewhere But Not Here
  10. 10. Permanating
  11. 11. Song Of I
  12. 12. Lazarus
  13. 13. Detonation
  14. 14. The Same Asylum As Before
  15. 15. Song Of Unborn
  16. 16. Vermillioncore
  17. 17. Sleep Together
  18. 18. Even Less
  19. 19. Blank Tapes
  20. 20. The Sound Of Muzak
  21. 21. The Raven That Refused To Sing
  22. 22. Routine
  23. 23. Hand Cannot Erase
  24. 24. Heartattack In A Layby
  25. 25. Interview

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7 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 15 Tagen

    Im Windschatten der alten Prog Helden bildet er den Fels in der Brandung- denkt er.
    Für mich OK, mehr nicht.

  • Vor 15 Tagen

    Live fand ich das Großartig, von Live auf Blue Ray / DVD / CD was auch immer bin ich allerdings kein großer Fan. Werd's mir wahrscheinlich trotzdem irgendwann zulegen weil man sich sicher sein kann, dass es handwerklich und Tontechnisch top sein wird. Insgesamt schon eher was für echte Fans. Zähl ich mich dazu...

    • Vor 15 Tagen

      edit: Erwarte aber nicht nicht reduziert-simple Wucht von Anesthetize

    • Vor 15 Tagen

      Das Niveau von der Anesthetize BluRay zu erreichen halte ich auch für gewagt, das Teil ist ein audiovisuelles Meisterwerk.
      Kann dein Urteil schon nachvollziehen, dass es eher was für Fans ist (deshalb hol ich mir die auch), gleichzeitig ist es aber auch massentauglicher. Er hat durch und durch Songs ausgewählt, die eher mainstream-orientiert sind und zur "leichteren Kost" seines Katalogs gehören. Ergo wird sich das Teil vermutlich auch da gut verkaufen. Und Sammler wie wir kaufen wahrscheinlich eh alles, was der Mann raushaut... :-D

    • Vor 15 Tagen

      Richtig, ist auch in Ordnung. Andere live Alben gab es ja auch schon und Geld will der gute Herr ja auch verdienen. Ich werd's mir ganz sicher auch noch gönnen, muss aber nicht sofort sein.

  • Vor 15 Tagen

    Ein guter Musiker, keine Frage. Aber auf Dauer, bzw. Albumlänge eher ermüdend und bisschen langweilig. Ist mir ein Rätsel, warum der oft so hochgelobt wird.
    Aber scheinbar gibt's ja genug Leute, denen er gefällt, daher ist es wohl gerechtfertigt.

    • Vor 15 Tagen

      Gerade auf Albumlänge ist fast jedes SW Werk ein wahrer Genuss...ein Konsum in Häppchen ist eine fataler Fehler und für mich undenkbar.

    • Vor 15 Tagen

      @bfff: ich sehe es genauso wie du. Ich verfolge SW seit vielen Jahren und habe ihn glaube ich so 10x live gesehen und sehe auch häufig, dass gerade die Menschen nicht mit ihm warm werden, die keine Zeit mitbringen und sich immer nur einzelne Songs anhören. Ich höre ja als Vinylfan generell eher ganze Alben, aber gerade bei SW macht das sicherlich Spaß.

    • Vor 15 Tagen

      So ist es. Steven Wilson macht gerade auf Albumlänge richtig Spaß.

    • Vor 15 Tagen

      AirRaid, schließ die Augen, nein nicht um zu sterben, das wäre ein Fehler! Schieb sein Meisterwerk "Hand. Cannot. Erase." in irgendeinen Player, gute Kopfhörer auf die Ohren und Play drücken, zurücklehnen im bequemen Sessel und 1 Stunde und 5 Min. Fresse halten. Ich garantier dir bei der Anleitung zum Genuss, Bilder, Bilder, Bilder im Überfluß. Da muss man aus Holz geschnitzt sein, wenn das nicht funktioniert. ;)

    • Vor 15 Tagen

      Ich sehe Wilson Stärke auch insbesondere auf albumlänge und weniger in einzelnen auskopplungen. Das war schon immer so, auch oder gerade mit PT. Wie man gerade sagen kann ee überzeugt nicht auf albumlänge ist mir ehrlichgesagt ein Rätsel ;-)

    • Vor 14 Tagen

      Nicht falsch verstehen. Ich bin Musiker, sowie Musiksammler und sehe Alben auch als Gesamtkunstwerk. Progressive Musik hab ich echt jede Menge im Schrank stehen, so wie einige von Mr. Wilson & Porcupine Tree, weil ich mehrfach Zugang zu seinem Material finden wollte. Aber mir gefällt irgendwas an seiner Art, Musik zu machen nicht.

    • Vor 14 Tagen

      Peace, so ein bisschen kautzig unterwegs, der Gute Wilson. Barfuß unterwegs auf Konzerten, das sein Markenzeichen fast. Wenn du wirklich Musiker bist, wirst du das besser beschreiben können AirRaid, was er so anders macht?
      Geb dir ein Beispiel, das mitreißende Solo von #Regret 9 (bisher ausschließlich Gitarre) wird hier eingeleitet durch eine wunderbare Rhythmusgitarre, deren Rhythmus bis zum Ende anhält. Das Solo selbst ist in zwei Teile auf unterschiedlichen Instrumenten aufgeteilt, einmal denke ich Wilson spielt das Solo auf seinem Keyboard am Anfang an, um dann abgelöst zu werden von seinem Leadguitarristen. Der flüssige Übergang, das Zusamensetzen der drei unterschiedlichen Instrumente, geschieht so leicht daher kommend (das ist ja nur ein Livekonzert), für mich als Nichtmusiker ist sowas ein Miracle, Wunderbar so und so!

  • Vor 15 Tagen

    "Wer es sich zusätzlich leistet, die fantastische Ninet Tayeb bei vier Songs auf die Bühne zu bitten, hat in den vergangenen Jahren einfach Einiges richtig gemacht."

    Die Frage, ob Wilson was richtig gemacht hat stellt sich überhaupt nicht. Einfach den gesamten Katalog hören, der letzten sagen wir mal 10 Jahre, da war kein Ausfall dabei. Ninet Tayeb hat zwar mit 19 eine Castingshow gewonnen, aber das verhält sich auch umgekehrt eher. Ihre Stimme passt zu Wilson, das ist klar.

    Die Show die er mittlerweile abliefert, ist noch ausbaufähig, aber genügt jetzt schon höchsten Ansprüchen. Seine Videoinstallationen sind auch schon seit Jahren dabei, endwickeln sich nur immer mehr in Richtung Perfektion. Mittelgroße Hallen (ab 5000 Plätze) ab nächstes Jahr werden bespielt, freu mich drauf. Solche Musik kann gar nicht fett genug unters Volk gebracht werden!

    Gruß Speedi

  • Vor 14 Tagen

    Hier merkt man wieder, dass Wilsons Output auf dem letzten Album mehr Klang und Produktion als Komposition war. Einfache Harmonien, eben Popmusik.

  • Vor 13 Tagen

    Steven Wilson sagt selbst, dass er sich nicht als Proger sieht, sondern als Pop-/Rockmusiker und da passt er sehr gut in das Dreieck zwischen Rock, Pop und Prog. Mal mehr in die eine Richtung, mal mehr in die andere. Er ist mit all seinen Projekten immer weit vorn gewesen und das zu Recht.
    Ich selbst hab es bisher zu keiner seiner Solo-Shows geschafft, weil ich entweder keine Zeit hatte, oder auf dem Weg zum Konzert mein Auto kaputt gefahren habe. Aus diesem Grunde bin ich sehr froh über die BluRay zu diesem besonderen Konzert. Als ich mir gestern das Konzertvideo angesehen habe, war ich sehr begeistert und ich bin der Meinung, dass sich die Anschaffung mehr als gelohnt hat!