27. Juni 2013

"Willst du eine Million Dollar?"

Interview geführt von

Spock's Beard bestehen 2013 immerhin noch zu drei Fünfteln aus der Originalbesetzung. Und doch gerieten die Einschnitte im Zuge der Besetzungswechsel sehr markant und gingen nicht ohne Brüche vonstatten. Nach dem Abgang von Mastermind Neal Morse 2002 übernahm Nick d'Virgilio den vakanten Posten als Frontmann. Diese Besetzung hatte von 2003 bis 2011 bestand und zog sich mit vier guten bis sehr guten Alben achtbar aus der Affäre. 2011 folgte schließlich der Split mit d'Virgilio, der sich für eine sichere Rente entschied und beim Cirque du Soleil anheuerte.Die Band hatte mit sinkenden Zuschauerzahlen sowie schwindenden CD-Verkäufen zu kämpfen, was man einerseits auf die zunehmende Digitalisierung und die damit einher gehende ständige und kostenlose Verfügbarkeit von Musik zurückzuführen kann, sicherlich aber auch mit der Popularität von Zugpferd Neal Morse zu tun hatte. Dies hatte zur Folge, dass die Venues kleiner wurden, was der Qualität der Performances keinen Abbruch tat.

So auch an diesem Abend im Mai 2013: Spock's Beard spielen in herrlich intimer Atmosphäre im Café Rind in Rüsselsheim vor ca. 300 Zuschauern. Mit ihrem energetischen Auftreten bei technisch stets einwandfreier Instrumentenbeherrschung sorgen die fünf Könner für Staunen und Begeisterung. Das in Zeiten von massenhaftem Musikkonsum so oft als Marketinginstrument missbrauchte Wort Authentizität trifft es in diesem Fall auf den Punkt. Vor dem Aufritt bin ich mit Gitarrist Alan Morse verabredet. Er wirkt sehr offen und herzlich, drückt mir eine Flasche Bier in die Hand und es entsteht ein zwangloses Gespräch.

Ich bin wirklich sehr glücklich hier zu sein, da mich die Musik von Spock's Beard bereits seit meiner Jugend begleitet und sehr beeinflusst hat. Schön heute mit dir zum ersten Mal zu sprechen. Mit deinem Bruder Neal hatte ich schon mehrmals das Vergnügen. Beim letzten Mal haben wir uns vor zwei Jahren im Colos-Saal in Aschaffenburg gesprochen, wo ihr euren gestrigen Auftritt absolviert habt. Neal präsentierte vor zwei Jahren dort sein "Testimony II"-Album, u.a. auch den Song "Time Changer", zu dem Spock's Beard einige Gesanglinien und Harmonien beigesteuert hatte. Nun revanchiert sich Neal gewissermaßen, in dem er dir bei zwei Songs ("Afterthoughts", "Waiting For Me") unter die Arme gegriffen hat. Wie kam es denn zu dieser Kollaboration?

Da muss man kein großes Aufhebens drum machen. Neal fragte mich, ob ich Lust hätte, ihn zu besuchen und mit ihm an Songs zu arbeiten. Ich dachte mir nur, klar was für eine Frage, natürlich hab ich da Lust drauf. Er ist nach wie vor ein großer Songwriter, wie du sicherlich weißt. Ich flog nach Nashville, wir verbrachten einige Tage in seinem Haus, schrieben an einigen Songs und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Wie habt ihr den Ausstieg von Nick, Ex-Sänger und Drummer, Ende 2011 eigentlich verarbeitet. Hat es sich abgezeichnet oder hat euch die Trennung überrascht?

Wir waren nicht wirklich darauf vorbereitet und ziemlich geschockt. Ich hab das nicht auf mich zukommen sehen. Er war seit den Anfangstagen ein Teil dieser Band und wir haben so ziemlich alle Höhen und Tiefen gemeinsam erlebt. Er war mit Leib und Seele dabei. Es war seine Entscheidung und er hat sie getroffen.

Nun ist Nick Teil des Mega-Show-Ereignisses "Cirque du Soleil". Hast du oder haben die anderen Mitglieder der Band nicht auch darüber nachgedacht, bei einer Band oder einem Projekt anzuheuern, wo man mehr Erfolg hat und mehr Geld verdient? Oder ist das überhaupt keine Option für euch?

Ich würde das wahrscheinlich nicht wagen, da ich einem gut bezahlten Job nachgehe. Hätten die anderen Jungs die Wahl, würden sie es wahrscheinlich sogar angehen. Aber derzeit sind wir alle noch glücklich mit dem was wir tun. (Dave Meros (Bass) und Ted Leonard (Vocals) spielen in einer Coverband Classic-Rock Hits für Hochzeitsgesellschaften und andere Feierlichkeiten, Anm. des Autors). Im Falle von Nick ist es einfach so, dass er für sein Engagement beim Cirque mehr als ordentlich bezahlt wird und weitere Bezüge bekommt.

Nun standet ihr vor der schwierigen Entscheidung Nick zu ersetzen, der ja Drummer und Sänger in Personalunion war.

Jimmy (Kegan) kennen wir bereits seit einer langen Zeit. Er ist unser Tourdrummer und so fiel uns die Entscheidung nicht schwer, ihn in die Band aufzunehmen. Er ist sogar in der Lage, Lead Vocals beizusteuern während er Schlagzeug spielt, denn er ist zudem ein großartiger Sänger. Aber natürlich wollten wir wieder einen Frontmann haben. Als wir hörten, dass Ted verfügbar ist und auch Bock auf uns hat, hielten noch nicht einmal Auditions ab, sondern fädelten die Sache ganz relaxt ein.

Ein neuer Sänger steht besonders im Fokus. Im Falle von Ted bin ich sogar versucht, im Bezug auf eure neue Platte nicht nur von einer guten, sondern aufgrund seines Mitwirkens von einer sehr guten Platte zu sprechen.

Und nicht nur das. Er tritt zudem als großartiger Songwriter in Erscheinung.

"Hiding Out" fügt sich nahtlos in den Bandkontext ein, da sind einige progigge Parts zu hören. "Submerged" hingegen ist trotz Neals Hang zu poppigen Songstrukturen ein Novum, klingt besagter Song sehr straight und nach Stadion Rock. Diese Offenheit gegenüber neuen Einflüssen kann man euch nicht hoch genug anrechnen.

Als ich den Song hörte, dachte ich mir nur, warum sollen wir ihn verändern. Er war bereits in Teds Demo-Fassung perfekt. Natürlich gab es auch Bedenken und Diskussionen. Aber das ist halt Teds Stil und dies gab am Ende den Ausschlag. Mit Ausnahme einiger Sound-Elemente, gerade im Gitarrenbereich und kleiner musikalischer Mosaiksteine, haben wir ihn von der Songstruktur so gelassen, wie ihn Ted geschrieben hatte. Warum sollen wir daran etwas ändern? Am Ende verbocken wir es total und der Song ist im Eimer. Mit "Hiding Out" haben wir uns mehr Mühe gegeben und eine ordentlich Portion Prog hinzugefügt.

Wie fielen denn die bisherigen Fanreaktionen zu "Submerged" aus?

Die Fans fahren sehr auf den Song ab, besonders Live funktioniert er sehr gut. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für "Hiding Out".

"Gewöhnlich gibt es bei uns nicht"


Auf der letzten Platte gab es einige epische und bombastische Momente. Nun geht es etwas gemäßigter, rockiger, fast schon intimer zu. Was kannst du über die Unterschiede zwischen "X" und "Brief Nocturnes And Dreamless Sleeps" sagen.

Es ist schon ein Prise mehr Rock'n'Roll zu hören, das kann man so sagen. Ich persönlich mag das sehr (grinst). Es hat sicherlich damit zu tun, dass John Boegehold, Rich Mouser und ich den Großteil der Produktion übernommen haben. Rich ist ebenfalls Gitarrist und er ist auch ein Rock-Typ. Dazu kommt noch das Ted ebenfalls Gitarrist ist und obendrein ein ziemlich guter, was man auch auf den Aufnahmen hören kann.

Ein richtiges Gitarrenorchester … In meiner Review habe ich zudem geschrieben, dass man auf der Platte einige simple und schöne Melodien hört, die man besonders dann zum besten geben kann, wenn man betrunken ist und sich auf dem Nachhauseweg befindet ...

(Lachen)

... bspw. "The Man You're Afraid You Are", ein grandioser Song, der um die Beatles, Zeppelin, Seventies Prog, Zappa und AOR-Schlüpferstürmer wie Journey eine Klammer setzt und Spock's Beard als Unterschrift druntersetzt. Was es mir noch schwerer begreiflich macht, warum dieser Song "nur" als Bonus-Track verwendet wurde.

Oh, das ehrt mich, danke schön, denn dieser Song gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Schade, dass er nicht auf dem regulären Album verwendet wurde. Ich bin zudem sehr stolz auf die Lyrics. Die Arbeit daran hat tierisch Spaß gemacht, was man auch vermittelt bekommt, wenn man sich den Text durchliest.

Nach dem Split mit Inside-Out, habt ihr euch verstärkt dem Finanzierungsmodell des Crowdfundings zugewendet. Nun firmiert diese Tour unter dem Banner des zwanzigjährigen Bestehens von Inside-Out. Ihr seid nun auch wieder auf dem Label, habt trotzdem die Fans erneut um einen Vorschuss gebeten. Warum habt ihr euch erneut für diese Option entschieden?

Selbstverständlich um mehr Geld abzuzocken (lacht). Im Ernst, wir sind sehr glücklich darüber, so viele Fans zu haben, die bereit sind, im Voraus Geld zu bezahlen. Dadurch haben wir einfach mehr Möglichkeiten und können selbstständiger arbeiten. Ich war auch ehrlich gesagt ein wenig überrascht. Als wir diese Initiative zum ersten Mal ins Leben gerufen haben, hat es mich schier aus den Socken gehauen, wie schnell wir das Budget zusammen hatten. Wir werden das sicherlich noch einige Male tun, zumindest bis keiner mehr für uns etwas bezahlen möchte (lacht).

Man hört der neuen CD einfach an, dass sie keine Standard-Produktion fährt, sondern dass richtig was geboten wird.

Die Art und Weise, wie wir an die Produktion einer neuen CD herangehen, ist halt die teurere und aufwändigere Variante. Das nimmt einfach enorm viel Zeit in Anspruch, als dies bei einem beliebigen Popprodukt der Fall ist.

Ein Geheimnis von euch ist meiner Meinung nach, dass ihr so viele Songwriter und somit auch unterschiedliche Stile in euren Sound integriert und ihr trotzdem als Ganzes klingt. Wie kann man sich eigentlich den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen?

Gewöhnlich gibt es bei uns nicht. Wie geht das denn von statten? Normalerweise finden sich zwei oder drei aus der Spock's Beard-Familie zusammen, jammen ein wenig herum und versuchen einige Ideen zu kreieren. Dabei läuft häufig der Computer, um etwas Brauchbares direkt aufnehmen zu können. Manchmal arbeiten wir zuerst die Musik aus. Dann kommt es hingegen ebenfalls vor, dass wir die Lyrics als Grundgerüst benutzen. Ich habe dir vorhin von meinem Lyrics-Buch erzählt. Oft kommt es vor, dass wir an einer musikalischen Idee arbeiten und ich diese mit Textfragmente, die ich mir dort notiert habe, zusammen mixen.

Die Arbeitsweise an "A Treausure Abandoned" würde mich brennend interessieren.

Dieser Song fußt auf einer sehr ungewöhnlichen Arbeitsweise, die zudem zeitlich sehr weit auseinanderliegende Songwriting-Resultate zusammenfügt. Das Hauptthema stammt von mir und war ursprünglich für ein anderes Stück gedacht. Aber dann ist mein Computer abgeraucht oder irgendetwas vergleichbar Tragisches ist passiert und ich konnte den Song nicht zu Ende bringen.

John Boegehold meinte schon immer, dass er dieses Thema sehr mag und fragte mich, ob er es verwenden könne. Von meiner Seite aus stand dem nichts im Wege und er hat daraufhin den Großteil des Songs um dieses Thema herum komponiert. Das war doch sehr ungewöhnlich für einen Song von uns.

Der Song ist absolut fantastisch, insbesondere dieser komische Walzer im Mittelteil, der in die bombastisch Synthie-Melodie übergeht, die obendrein an den Opener eurer letzten Platte "X" erinnert.

Stimmt, diese verrückte Zirkus-Nummer (lacht). Das macht in der Tat Laune. Aber wir dürfen natürlich auch von uns selbst klauen (lacht).

"Neal verfolgt seine eigenen Ziele"


Viele Fans eurer frühen Werke wachen jeden Morgen auf und hoffen und beten, dass Neal wieder zu euch zurückkehrt.

(lacht) Meinst du wirklich?

So stelle ich mir das vor. Nun ist er ja zurück. Zumindest als Co-Songwriter wie oben schon angesprochen. Und dies in einem wechselseitigen Verhältnis. Warum fügt ihr nicht einfach beide Puzzle-Teile zusammen.

Nun ja, man kann nie genau voraussagen, was passieren wird. Aber ich erwarte nicht wirklich, dass er zurückkommt. Er verfolgt seine eigenen Ziele und er ist glücklich damit. Das gleiche gilt für Spock's Beard. Wir helfen uns gegenseitig beim Songwriting oder spielen ein paar Songs auf der Bühne, aber auch nur, wenn es sich anbietet und wir uns in derselben Stadt aufhalten. Warum auch nicht? Das haben wir in der jüngeren Vergangenheit ein paar Mal gemacht, aber man muss einfach sehen, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln. Genau kann man es nie sagen.

Es gibt einige spirituelle Anleihen in den Lyrics bspw. "Somewhere Out There Waiting For Mey" kann man sowohl auf das Warten auf eine glückbringende Begebenheit als auch auf etwas Übernatürliches hin deuten.

Klar, man kann das auf beide Weisen interpretieren ... wie es einem am besten passt (lacht). Ich mag es einfach, wenn ein Text ein offenes Ende hat. Wenn er auf mehreren Ebenen funktioniert, viele Fans anspricht, aber gleichermaßen eine Grundstimmung wie das Warten in dem angesprochenen Song erzeugt.

Was bedeutet eigentlich der mysteriös anmutende Albumtitel "Brief Nocturnes and Dreamless Sleeps"?

Es klingt einfach verträumt und vieldeutig. Eigentlich geht dieser Titel auf eine Zeile aus einem Buch zurück, das ich gelesen habe, und zwar die Geschichte der Zivilisation von William Durant. Als ich über diese Zeile gestolpert bin, dachte ich mir, dass es einfach cool klingt. Sie ist sehr poetisch und wirkt intellektuell. Dann habe ich mir diese Zeile in mein kleines Notizbüchlein, das ich immer mit mir herumtrage und in dem ich Einfälle festhalte, notiert. So geschehen mit dieser wunderschönen, lyrisch klingenden Textzeile, die zudem Erinnerungen an Impressionisten wie Marc Chagall wach werden lässt. Genau weiß ich natürlich nicht, was dieser Titel bedeutet, aber ich mag ihn einfach.

Du scheinst viel zu lesen. Als ich euch vor der Venue getroffen habe, hast du ein Buch unter dem Arm gehabt. Ich meine sogar, dass es von John Grisham war.

(Leicht verlegen und lachend) Erwischt. Das ist natürlich keine schwere Kost. Aber ich lese in der Tat viel und halte dies so abwechslungsreich wie möglich. Somit findet man sowohl wissenschaftliche Bücher wie "Die Geschichte der Zivilisation" als auch Just-For-Fun-Literatur wie die Bücher von John Grisham.

Da ich selbst Gitarrist bin, interessiert mich besonders warum du diese außergewöhnliche Fingerpicking-Technik spielst.

Ursprünglich habe ich mit dem Bassspielen angefangen, Kontrabass um genauer zu sein. Den hab ich vor allem mit meinen Fingern gespielt. Als ich dann zur Gitarre gewechselt bin, habe ich diese Technik einfach übernommen. Für mich klang es am Natürlichsten, so zu spielen.

Diese Story erhält noch ein wenig mehr Würze, weil mein Bruder Neal damals zu mir meinte, ich könne niemals harte Rockmusik mit den Fingern spielen, niemand sonst würde das tun. Und ich meinte nur, warte mal ab und wie ich das kann (lacht). Danach blieb mir nichts mehr anderes übrig, als diese Technik zu verwenden. Das gab mir einen zusätzlichen Schub. Zudem hat man irgendwie einen direkteren Zugang zu dem Instrument und es bieten sich dem Spieler viele Möglichkeiten an, Sounds zu erzeugen wie mit den Fingernägeln oder in dem man die Saiten anreißt. Das ist einfach cool.

Gibt es eine Frage, die euch noch nie jemand gestellt hat, die du aber schon immer beantworten wolltest?

Es hat mich in der Tat noch nie jemand gefragt, ob ich ihm eine Millionen Dollar geben würde (lacht).

Wie lauten eure Pläne für die Zukunft?

So genau kann ich dir das gar nicht sagen. Wir werden diese Tour zu Ende spielen, dann nach Hause fahren, worauf wir uns alle sehr freuen. Zudem bringen wir demnächst ein Video heraus, das wir zu "Submerged" gedreht haben und das wir ein wenig in unserer Heimat promoten wollen. Ein paar Shows in den USA und Canada stehen ebenfalls noch aus. Falls nicht noch Festivals im Sommer dazwischenkommen, werden wir uns im Anschluss daran wieder mit dem Songwriting für die nächste Platte beschäftigen. Darauf freue ich mich, besonders auf die Zusammenarbeit mit Ted Leonard. Unsere aktuelle Platte ist nur ein Vorgeschmack auf das was noch kommt. Vielleicht gibt es in Zukunft noch einen Abstecher nach Nashville, wer weiß. Lassen wir uns überraschen. Für "On A Perfect Day" haben fünf Leute Ideen beigesteuert und trotzdem funktioniert der Song. Vielleicht ergibt sich auch wieder etwas in dieser Richtung.

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