laut.de-Kritik

Nasenspray, Lakonie und Alltag.

Review von

Was war das für eine dreiste Frechheit, als Mia und Spillsbury einfach Frisuren und Sound den 80ern anpassten. Dieses komplett unauslöschbare und penetrante Jahrzehnt, über das man immer wieder reden muss, wenn man über die Musik der 00er- und auch 10er-Jahre spricht.

Seit 20 Jahren im Würgegriff der NDW-Zeitschleife. Ein Ende ist nicht absehbar, und auch Sorry3000 klingen auf "Warum Overthinking Dich Zerstört" wie der zigste Wiedergänger von den Ideal, Andreas Dorau, ihren Kindern und Kindeskindern. Bei so wenig musikalischer Eigenleistung provoziert die Band aus Halle praktisch erst mal eine Aversion bei all jenen, die nach Jahrzehnten endlich einen Ausweg aus diesem Stillstand suchen.

Namen wie Stefanie Hartmann, Frank Leiden, Bianca Stress und Joni Spumante sorgen schon vor dem ersten Hören für Müdigkeit. Allein die Hoffnung, dass an den ganzen Jubelarien der Kollegen doch was dran sein muss, lässt die hohe Erwartbarkeit von etwas Schlimmen überwinden. Und sie befinden sich auf dem von absoluten Ehrenmenschen geführten Label Audiolith, die zusammen mit den Verwandten von "Springstoff" versuchen Punk am Leben zu halten.

Staat stürzen? Sorry 3000 neben erst mal "Nasenspray" auseinander, doch auch beim abermaligen Hören des kleinen Semi-Hits und Bubble-Hypes entsteht kein Suchtfaktor. Die Wiederholung der Zeile "Ist es nur eine Phase? / Wann herrscht wieder Normalität in seiner Nase?" verläuft dennoch so penetrant, bis der Song doch einen gewissen Ohrwurm-Charakter entwickelt. Sido hatte ja schon zu Beginn des Jahres seine Abhängigkeit von dem schleimlösenden Mittel gestanden. Eine kurze Google-Recherche ergibt, dass diese Sucht tatsächlich zu sehr unschönen Komplikationen führt. "Die Nasenflügel zittern / Innen ist es rot / Er ist jetzt mein Patient / Denn er hat sich in eine Sackgasse rein entwickelt / Und ich bin seine Rettung - doch es wird schwer." Weder bekommt das Thema einen ernsthaften Twist, noch eine erzwungene satirische Überhöhung. "Real-Pop" nennt das ihr Label. Statt Feuerwerk, Tanzen und Welt also Nasenspray, Lakonie und Alltag.

Manchmal sogar erstaunlich knapp und präzise beschrieben. "Und wohnst du in Zone D ist das Leben weniger okay" oder "Als Reisender im ICE tut Sachsen-Anhalt niemals weh" in "Tarifgebiet" haben das Zeug für die nächsten Parolen, die man sich auf den Uni-Toiletten abfotografiert. Leidenschaftslose Sprüche für Millennials, die fetzigen Boomer-Aktionismus wie 'Revolution ist machbar, Herr Nachbar' negieren. Die ehrliche Selbstdiagnose bei Sorry3000 lautet: "Ich kann das nicht, ich bin zu schwach."

Der "Fitness", der natürliche Feind der Selbstaufgabe, setzt man folgendes Konzept entgegen: "Klickklick: Zeigfinger auf die Maus, das ist Fitness. Schrubschrub: Zahnbürste an Zahn, auch das ist Fitness". Die niederschwellige, ostdeutsche Start-Down-Philosophie für ein ewiges Studentenleben klingt gar nicht mal so übel.

So geht es (nicht) munter auf "Warum Overthinking Dich Zerstört" weiter: Ich bin doof, ihr alle aber auch. Das Feeling einer von Selbstmitleid geprägten Generation, die auf Social Media-Apps wie Jodel über Langeweile und Depression klagt und auf Twitter ihre miese Laune über alles und jeden kübelt. 'Ich weiß es doch auch nicht' wäre vielleicht der bessere Albumtitel gewesen.

Das musikalische Underperforming geht leider auch nur ein paar Songs klar, bis alles so eintönig wie der Electro-Pop von Laing klingt und der aufgesetzte Miese-Laune-Witz deutlich an Reiz verliert. Sorry3000 haben schon zu Anfang keinen Bock auf irgendwas und verlassen gleich freiwillig das Hamsterrad. Capital Bra lacht einem über diesen Anti-Business-Move von der bunten Pizzaschachtel aus entgegen. Das reale Leben verläuft eben eintönig und freudlos, genau wie dieses traurige Debüt aus Halle.

Trackliste

  1. 1. Vorstellung
  2. 2. Fitness
  3. 3. Die Stadt ist Schöner
  4. 4. Nasenspray
  5. 5. Scapegoat
  6. 6. Dirty Talk
  7. 7. Tarifgebiet
  8. 8. Neustadt
  9. 9. Zu Schwach
  10. 10. Portwein
  11. 11. Franky
  12. 12. Du Liebst Mich Nicht
  13. 13. Steffy Love

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