laut.de-Kritik

Am Ende verglüht der Protagonist in der Hitze des Wahnsinns.

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Ob dieses Album als eines der "größten aller Zeiten" bezeichnet werden darf? Vielmehr entspricht es seinem Titel "The Art of Falling Apart" in vielerlei Hinsicht. Die Geschichte geht so: In den späten 70ern lebt Marc Almond in Leeds, studiert Kunst, schmiert sich vor Ganzkörperspiegeln mit Katzenfutter voll und vollzieht den symbolischen Geschlechtsverkehr an sich selbst. Eines Tages hört er den Mitstudenten David Ball auf Synthesizern rumfiepen und fragt ihn, ob er Soundtracks zu seinen schmutzigen Performances abliefern könnte. Die erste EP "Mutant Moments" entsteht 1980 selbstfinanziert in Kleinstauflage. Nachts arbeitet Almond im Club "The Warehouse", wo er eines Tages den Northern-Soul-Klassiker "Tainted Love" zu Ohren bekommt. Die erste Langspielplatte namens "Non-Stop Erotic Cabaret" entsteht, die Coverversion wird zum Welthit und spielt kaum Tantiemen ein. Eine dubiose Plattenfirma namens "Some Bizzare" und ihr fragwürdiger Betreiber Stevo Pearce tun das Ihre zum finanziellen Dilemma.

Was zur Kunst eines armen, schnellen Lebens gehört, thematisiert der homosexuelle Almond seit jeher. Drogen und Orgien, Langeweile und Exzess bestimmen die Textwelt, zirkelnd um Sexzwerge, Frustration, schmutzige Liebe im erotischen Varietétheater; auf dem zweiten Album wird zu den selben Melodien in schierer Endlosschleife ununterbrochen getanzt. Soft Cell scheinen ihren Platz am Markt gefunden zu haben - das erste erfolgreiche Elektroduo Großbritanniens. Das Setup ähnlich wie bei den Vorbildern Suicide - ein exzentrischer Sänger und ein stoischer Keyboarder. Um nun aber, nachdem alles gesagt wurde über Halbwelten und weiße Discomusik, weiterhin erfolgreich zu bleiben, braucht es eine Anpassung an die Gegebenheiten. Man nehme das Beispiel The Human League, die vom düsteren Dancefloorbrett "Being Boiled" zum heiteren "Don't You Want Me Baby" wechselten und so bis heute die Miete bezahlen.

Almond aber flirtet nicht mit den Schlagerparaden, lieber mit Aleister Crowley und Heroin. Er bewegt sich im Dunstkreis der schwarzmagischen Industrialikonen Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV), David Tibet (Current 93) und John Balance (Coil). 1982 gründet er Marc & The Mambas, die seine Vision eines elektronischen Fiebertraums von Andalusien umsetzen. Es reicht für zwei Alben, das letzte produziert von Studioikone Flood. Soft Cell hingegen verkommt für den Sänger zum Projekt der Kategorie kalter Kaffee.

"The Art Of Falling Apart", 1983 veröffentlicht, scheint zu Anfang genau dies zu sein: Schale Aufgüsse vergangener Zeiten, Kopien der alten Songs. "Forever The Same" erinnert mit seinen synthetischen Bläsern direkt an den Vorgänger-Opener "Frustration", "Where The Heart Is" schrammt nur haarscharf an "Say Hello, Wave Goodybe" vorbei. "Numbers" bringt den ersten originellen Einfall, einen mellow Funk-Track zum Thema Prostitution und Notfallsex. Am Ende wird das Nummernthema in einen Bodycount übersetzt - wie gewohnt ziemlich "sleazy".

Bisher noch keine 'Reißer', man ist geneigt einfach abzuschalten und Soft Cell Soft Cell sein zu lassen. Aber dann: "Heat". 6:13 Minuten sich in immer tiefere Abgründe schraubende Tanzpsychose. Almond doppelt sich selbst, singt gegen sich an, erzählt von den Grausamkeiten einer Borderliner-Beziehung: "Do you use up bodies like cigarettes / Do you need them for ego / Do you need them for sex". Orientalisch anmutende Harmonien scheinen direkt dem Mamba-Projekt zu entstammen. Fiebrige Keyboardstreicher werden dissonanter, überlagern sich, die Lyrics auch: "Your skin's going dry / And the color of sand / Ignore the cigarette burning your hand" - am Ende verglüht der Protagonist in der Hitze des Wahnsinns. Bis heute muss jede lesbische Gruft-DJane in jeder spinnwebenverhangenen Hinterhofdisco diese Hymne spielen. Sie gehört zum Besten, was das Duo aus Yorkshire jemals leistete.

"Kitchen Sink Drama" auch. Eine kleine Chanson-Einlage mit Taktwechseln und hübschen digitalen Geigen und Bratschen und einer Geschichte über eine desolate Hausfrau. Ein kleines Truman-Capote-Träumchen, das erneut Hinweise auf die eigentlichen Sehnsüchte des Sängers gibt. Das kleinbürgerliche Glück nämlich wählte Almond im Anschluss an den Ausflug in die zwielichtigen Bereiche der Popmusik. Man kann getrost feststellen, dass er in den 90ern und 00ern zum unwichtigen Schnulzensänger für die schwule Community verkam. Inklusive finanziellem Bankrott, schwerem Motorradunfall und (angeblicher) Mitgliedschaft in der Church of Satan.

Die Originalausgabe der LP kam mit einer 12"-Maxisingle, Vorderseite "Martin", ein weiterer Dancetrack zum Thema menschlicher Abgrund. Martin hat Probleme, Martin ist morbide, Martin ist neugierig, Martin hat Albträume, Martin hat Halluzinationen - KILL, KILL, KILL! Hier wird ein B-Movie gesungen.

Rückseite und Abschluss der Weltkarriere von Soft Cell ist ein Jimi Hendrix-Medley - kein Witz, ein Jimi Hendrix-Medley! Auf ihren ersten Konzerten spielte die Band eine blubbernde Version des Black-Sabbath-Klassikers "Paranoid". So wie es anfing, so geht es zu Ende: Mit sogenanntem Hardrock, sogenannten Gitarrensolos und sogenanntem Blues. Noch einmal zehn Minuten die schmierige, zynische Illusion eines mit Hippies gefüllten Stadions. Danach kam nur noch Scheiße.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Forever The Same
  2. 2. Where The Heart Is
  3. 3. Numbers
  4. 4. Heat
  5. 5. Kitchen Sink Drama
  6. 6. Baby Doll
  7. 7. Loving You Hating Me
  8. 8. The Art Of Falling Apart

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LAUT.DE-PORTRÄT Soft Cell

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