laut.de-Kritik

Der Gen-Code des Post-Punk war weiblich.

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Der Opener scheint wie ein letzter Wink Richtung Vergangenheit: "Pure" versucht mit fernen Echos, dem körperlosen Jammer, den dissonanten Riff-Andeutungen erst gar nicht, all das zu versprechen, was der Rest des Albums schließlich einlöst. Ähnlich schräg könnte es zwei Jahre zuvor geklungen haben.

Im Herbst 1976 spielen Siouxsie & The Banshees einen ersten Gig beim legendären Punk-Festival im Londoner 100 Club. Die Besetzung ist schillernd, wenn auch von kurzer Dauer: Marco Pirroni (später Adam & The Ants) an der Gitarre, Sid Vicious am Schlagzeug, am Bass Steven Severin. Man spielt eine kakophonische Version des "Vater Unser". Nach 20 Minuten ist der krachige Spaß vorbei. Danach kommen The Clash und nehmen den Laden im Sturm.

Wer weiß, wo Siouxsies Reise hingegangen wäre, hätte die Sache mit dem Plattenvertrag schon damals oder im Jahr darauf - The year punk broke – geklappt. Denn früh genug am Ball war die sendungsbewusste Susan Janet Ballion, so ihr bürgerlicher Name. Dem It-Girl stand 1976 zudem eine It-Clique zur Seite: The Bromley Contingent nennt sich der Haufen, darunter so illustre Figuren wie Steven Severin und Billy Idol, dazu Jordan und Soo Catwoman, die Lichtgestalten aus dem Dunstkreis von Malcolm McLarens und Vivienne Westwoods "Sex"-Boutique auf der King's Road. Alle sind Stammgäste auf den ersten Punk-Konzerten, deren Druckwelle binnen Wochen das Königreich erfasst.

Beim legendären TV-Skandal um Moderator Bill Grundy im Dezember 1976 weilt Siouxsie mit ihre Kumpels ebenfalls live im Studio: Die Sex Pistols fluchen, Siouxsie stachelt an, Grundy geifert, suhlt sich in Obszönitäten und verliert anschließend wegen seiner angetrunkenen Schlüpfrigkeiten den Job. Das Königreich: not amused. Und die Beteiligten hatten ihren zweifelhaften Ruhm weg: Viele Shows der Pistols werden in der Folge abgesagt, Johnny Rotten auf der Straße angespuckt und mit einem Messer attackiert.

Auch für Siouxsie bleibt es schwierig. Früh entwickelte sie dabei ihren stilistischen Zitatemix aus Fetisch, Bondage, Sex und einer Prise Nazi-Sado. Und die Banshees nehmen live Fahrt auf. Doch ein Label fehlt vorerst. Das geht soweit, dass Fans die Londoner Innenstadt mit dem Slogan "Sign the Banshees: do it now" plakatieren und besprühen. Polydor erhört die Forderung schließlich, und im Sommer 1978 erscheint die Debütsingle "Hong Kong Garden", im November folgt das erste Album "The Scream".

Mag die Durststrecke für Siouxsie enervierend gewesen sein, künstlerisch entpuppt sie sich als Glück. Punk verblüht wieder, der Rauch verzieht sich und der Platz für die zweite Welle ist da. Er hätte sich das Material schneller vorgestellt, sagt The Cures Robert Smith einmal über die Platte. Und in der Tat, vom Hauruck-Gestus, von 1-2-3-4 fehlt hier jede Spur. Stattdessen lüften die Banshees bereits mit dem ersten Longplayer den Vorhang für ihr charakteristisches Soundkonstrukt, das die folgenden Dekaden mitprägen sollte.

"Jigsaw Feeling" stellt auf Anhieb John McKays Gitarrengenie ins Scheinwerferlicht. Düstere Arpeggios, die zuweilen mehr nach schrillen Geigen als nach Gitarren klingen, bestimmen das Bild. Schlagzeuger Kenny Morris legt mit seinen Voodoo-Drums jene Fäden aus, die sein Nachfolger und späterer Eheman Siouxsies, Budgie, aufnehmen sollte.

Mit "Overground" folgt ein Überhit. Langsam windet sich ein Riff aus dem Hintergrund nach vorne, Siouxsie meldet sich zögernd und verkleinert wie aus einem dieser putzigen Wohnzimmer, die man aus Großbritannien kennt, zu Wort: "Got to give up life in this netherworld / Gonna go up to where the air is stale / and live the life of pleasantries and mingle in the modern families".

Donnernd krachen schließlich die Riffs und Pauken auf das vermeintliche Idyll ein und zermalmen das Bild unter weiten, unwiderstehlichen Melodiebögen. Wer hier im Geiste Streicher-Arrangements mithören sollte, fühlt sich einige Jahre später bestätigt. 1982 veröffentlichen die Banshees eine orchestrierte, opulent orgiastische Version des Songs, ein raumgreifender, somnambuler Gothic-Flamenco, der zum formidabelsten des an Höhepunkten nicht armen Siouxsie-Ouvres gehört.

"Carcass" verbeugt sich dann noch mal Richtung Sex Pistols: McKays Riffs könnten aus dem Giftschrank von Steve Jones stammen, Siouxsie selbst unterfüttert ihr Drama mit Rotz und Attitüde. Anschließend verbauen die Banshees "Helter Skelter" von den Beatles zu einem spukhaften Veitstanz auf den Gebeinen von Charlie Manson.

Die Flanger-Gitarren von "Mirage" werfen den Schatten der nächsten Jahre voraus: Sie könnten genauso gut auf späteren, diese Grundidee noch filigraner ausformulierenden Alben wie "JuJu" oder "A Kiss In The Dreamhouse" ihren Platz finden. Nicht zuletzt der Verdienst des jungen Steve Lillywhite. Der aufstrebende Produzent sitzt 1978 bei Eddie & The Hot Rods, XTC, Ultravox und Steel Pulse hinter den Reglern. Später prägt sein Hang zum Wall of Sound die 80er-Klassiker wie die Simple Minds, Psychedelic Furs, Smiths oder auch U2.

Die Banshees verschicken dann noch eine "Metal Postcard (Mittageisen)" - auch eine Hommage an den deutsche Künstler John Heartfield, Urvater der politischen Fotomontage. Siouxsie marschiert proto-teutonisch durch metallische Landschaften und nimmt den ästhetischen Entwurf von Industrial mit seinen Post-War-Szenarien, industrieller Entfremdung und Überwachungs-Utopien quasi vorweg.

"Nicotine Stain" und "Suburban Relapse" wirken wie improvisierte Intermezzi, gleichsam das raumschaffende Vorspiel zum Höhepunkt der Platte: Messerscharfe, trockene Riffs in Kombination mit luftiger Akustikgitarre, lose miteinander verdrahtete Stop-and-Go-Teile, dazu ein Saxofon, das den Post-Punk mit beinah souligem Pop versetzt. "The Switch" ist einer jener raffiniert konstruierten Albumcloser (vergleiche etwa The Jams "Down At The Tube Station" oder "Late For The Train" von den Buzzcocks), die die volle Aufmerksamkeit dermaßen einfordern, dass man die Platte sofort von vorne hören möchte.

Eine Art Vorläufersound von Joy Division, merkte Robert Smith einst an, zwischen 1979 und 1984 selbst Banshees-Mitglied. Geht es um den Gencode des Post-Punk, bekommen meist Bands wie Magazine und Wire, PIL und Killing Joke die Credits. Eine, wenn nicht gar die prägendste Stimme dieses Sounds jedoch bleibt weiblich.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Pure
  2. 2. Jigsaw Feeling
  3. 3. Overground
  4. 4. Carcass
  5. 5. Helter Skelter
  6. 6. Mirage
  7. 7. Metal Postcard (Mittageisen)
  8. 8. Nicotine Stain
  9. 9. Suburban Relapse
  10. 10. Switch

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