23. Januar 2009

"Die Leute hassen sich nur noch"

Interview geführt von

Am 30. Januar veröffentlicht Shiml nach längerer Pause wieder ein Album über Selfmade Records. "Im Alleingang": Der Titel ist Programm.Obwohl er bereits einen amtlichen Interview-Marathon im Rücken hat, treffe ich am anderen Ende der Telefonleitung auf einen erfreulich aufgeräumten, gut gelaunten Gesprächspartner, der offenbar keinerlei Anstalten trifft, sich auf den eingefahrenen Lorbeeren auszuruhen.

Schön, dass wir uns endlich mal sprechen. Inzwischen hast du ja eine ganze Menge Routine ...

Ja, ich glaube, in den letzten sieben Tagen hab' ich an die dreißig Interviews gegeben.

Ach du scheiße, da hast du wahrscheinlich sowieso schon alles x-mal erzählt.

(Lacht) Das macht nix. Für euch mach' ich das gerne.

Das ist gut. Zumal ich dir ohnehin wohlwollend gegenüber stehe, nachdem ich mir heute mehrmals dein Album reingepfiffen habe ...

Hast du das schon?

Oh ja. Eigentlich wollte ich dir erst hinterher sagen, wie ich es finde, damit du dir jetzt nicht zu viel darauf einbildest.

Super! Perfekt! Du bist die Erste, die mir dazu Resonanzen gibt. Du bist wirklich die Erste, die ich spreche, die das Album überhaupt richtig gehört hat und nicht bei der Entstehung dabei war.

Vorzugsbehandlung, das gefällt mir. Wir machen jetzt aber erstmal das Interview, oder?

Genau, genau! So machen wir das.

"Hinterm Horizont" ist von 2006, das liegt inzwischen schon ein bisschen zurück. Was hast du gemacht, in der ganzen Zeit?

Nach "Hinterm Horizont" hab' ich bestimmt ein Dreivierteljahr lang nur Auftritte gespielt. Wir waren extrem oft unterwegs, Montana Max und ich, und haben sehr, sehr viel erlebt. Dann, musikalisch gesehen, lagen ein paar Features dazwischen, der Sampler natürlich auch. Dann waren wir auf Tour. Aber ein Release von mir kam in dieser Zeit nicht, was ich selber sehr schade finde, weil: Eigentlich kennt man das von mir ja anders. Davor hab' ich Album nach Album releast und insgesamt ja mit diesem ... ich glaub' ... sechs Alben rausgebracht.

Ich hab' viele private Geschichten gemacht. Ich hab' extrem viel gearbeitet. Von morgens bis nachts, könnte man sagen, und habe aber auch viel an Liedern fürs neue Album gebastelt. Insgesamt hab' ich jetzt in den letzten zwei Jahren bestimmt vierzig Tracks gemacht. Wir hätten also einige Alben damit voll bekommen, was die Anzahl der Lieder angeht.

Nur war mir das alles noch nicht gut genug. Nach "Hinterm Horizont" hab' ich mir gesagt: "Okay, jetzt machste das Album, das du unbedingt machen willst, und lässt dir die Zeit, die du haben möchtest. Die Zeit habe ich mir genommen. Die Tracks waren mir nie gut genug und haben nie gut genug zusammen gepasst. Am Ende hab' ich es doch geschafft und bin jetzt voll und ganz zufrieden, mit dem Ergebnis.

Mich hat ein bisschen überrascht, dass überhaupt keine Features von deinen Selfmade-Kollegen drauf sind. Wie kommt das?

Ich hab' mir gesagt, ich möchte mit dem Album was ganz Eigenes machen. Ich möchte was machen, was wirklich nur mir gehört, wo ich voll und ganz drinstecke und das ich gestalten kann, wie ich das möchte. Dann hab' ich schon ganz viele Lieder mit Fav und dem Toni gemacht, in letzter Zeit. Jetzt steht "Chronik 2" an. Ich hab' heute die Planung bekommen. Da werden wir sicherlich auch ganz viele Lieder miteinander machen.

Davon abgesehen wollte ich die Features Max, Tua und Casper unbedingt drauf haben, weil ich die sehr krass finde. Ich bin nicht unbedingt ein Fan davon, seine Alben mit unzähligen Features voll zu packen. Gerade bei so einem Album, das sich ja doch mit vielen persönlichen Aspekten befasst, wollte ich nicht unbedingt vier, fünf Gastparts drauf haben. Von daher hab' ich mir gedacht: Ey, es muss ja nicht immer Selfmade sein. Ich hab' die Freiheit, das machen zu können. Dann hab' ichs gemacht.

In Foren habe ich schon böse Stimmen gelesen, Favorite und Kollegah seien sich schlicht zu schade dafür?

(Lacht) Ja. Nee. Das ist definitiv nicht so. Ich kann mir natürlich vorstellen, weißte: Die Leute haben lange nichts von mir gehört und haben gedacht, ich hab' mich nicht mit solchen Dingen beschäftigt. Das ist bestimmt der Fall. Aber ich denke mal - oder ich bin echt überzeugt davon: Wenn die Leute sich das Album anhören, dann hören sie ganz genau, wie viel Professionalität und wie viel Arbeit da drin steckt, und dass es locker mithalten kann.

Aber sie werden auch hören, dass es in eine andere Richtung geht. Fav und Toni sind auf jeden Fall viel, viel schneller und auch näher beieinander, als ich. Und das ist meiner Meinung auch ganz gut so.

Erfolgsgeheimnis: Künstler Künstler sein lassen


Du fühlst dich also gut aufgehoben bei Selfmade?

Ja, auf jeden Fall.

Wie gestaltet sich da die Zusammenarbeit, gerade im Hinblick auf die räumliche Trennung? Du sitzt in Bremen ja nicht gerade um die Ecke.

Momentan bin ich beruflich noch an Bremen gebunden. Ich studier' hier Werbung und Kommunikation und bin derzeit noch für ein paar Monate in der Ausbildung. Nebenbei arbeite ich in einer Werbeagentur hier in Bremen. Von daher kann ich hier nicht weg, weil ich das Studium unbedingt zuende machen muss. Ich hatte schon immer Unruhe in mir, wenn ich nichts Festes in der Tasche hatte, weil ich weiß, wie das ist: ohne Kohle zu leben. Das ist nicht besonders geil. Deswegen muss ich irgendwas Festes in der Tasche haben, um in Ruhe zu arbeiten.

Selfmade sagt, was die Zusammenarbeit angeht, dass die Künstler so bleiben sollen, wie sie sind. Sie haben uns ja ausgesucht, weil die Musik Potenzial hat und Selfmade sagt: Ey, gestalte das, wie du willst. Wir stehen hinter dir. Natürlich hören sie sich alles an, geben Tipps und geben die Richtung vor. Aber im Grunde genommen konnte ich völlig frei arbeiten. Selfmade hat vor allem Verständnis gehabt, dass ich mir die nötige Zeit genommen habe.

Das ist auch irgendwie ein bisschen die Philosophie von Selfmade: die Künstler Künstler sein zu lassen und ein wirklich sehr, sehr gut funktionierendes Management dahinter zu packen. Ich denke mal, das wird auch irgendwann ... oder man sieht jetzt schon, dass es extrem zum Erfolg führt. Momentan sind wir Independent-Label Nummer 1 in Deutschland, würde ich sagen.

Es ist also nicht nötig, dass dein Boss bei dir vorbei kommt, um dich mal durchzuschütteln, wie er das bei Favorite gerne mal tut?

Ich glaube, ich kann mit Stolz behaupten, von allen Selfmade-Künstlern der organisierteste zu sein. Ich habe, glaub' ich, noch nie ein Interview oder einen Termin verpennt, weil ich mir das im privaten Leben auch nicht leisten darf. Dafür ist es mir einfach zu viel wert. Irgendwie bin ich ziemlich organisiert.

Das honorieren wir natürlich auch. Selfmades Haus- und Magenproduzent Rizbo ist ebenfalls nicht mit an Bord gewesen. Erklär’ mir mal die Wahl deiner Produzenten.

Mir liegt sehr viel an der Nähe. Daran, dass ich einen Bezug zu den Produzenten habe und ihre Arbeit kenne. Mehr als die Hälfte des Albums hat Alper produziert. Der kommt hier aus meinem Viertel in Bremen, mit dem arbeite ich schon seit Jahren zusammen. Das war mir sehr, sehr viel wert, weil ich seine Beats oberkrass finde. Die erzeugen eine Stimmung und eine Atmosphäre, wie es selten der Fall ist.

Ich hab' auch von Rizbo unglaublich gute Beats bekommen. Es ist nicht so, dass Rizbo da nicht produzieren wollte. Nur es hat irgendwie für mich, für das, was ich machen wollte, momentan nicht gepasst. Da hab' ich auch gesagt - und konnte auch sagen: Ich richte mich an andere Produzenten oder kuck' mal, was es noch so gibt.

Auch für Selfmade ist das ein wichtiger Schritt, denk' ich, einfach mal Abwechslung in den Sound reinzubringen. Die letzten Alben wurden zum Großteil von Rizbo produziert, und Rizbo hat das auch gemischt, was bei mir auch nicht der Fall war. Das klingt dann alles ganz anders, als viele Alben, die vorher über Selfmade rausgekommen sind.

Für viele Fans ist das natürlich nicht ersichtlich. In Foren gibt es dann, wie du schon gesagt hast, ab und zu Leute, die denken: Okay, ich werde vernachlässigt oder so. Das ist gar nicht der Fall. Das ist alles geplant und gewollt, und genau so wollte ich das Album haben, wie es jetzt da steht. Und ich bin richtig stolz darauf.

"Du Willst Mehr" hast du selbst produziert.

Genau. Das ist, muss ich sagen, eins meiner Lieblingslieder, wenn nicht sogar das Lieblingslied. Es erinnert mich irgendwie an ... ich sag' mal ... ältere Zeiten, in denen ich meine ganzen Alben noch selbst produziert habe, weil es halt irgendwie auch den Style widerspiegelt. Früher hab' ich einfach 'nen Beat gemacht, drauf gerappt und dann hab' ich das Lied so gelassen.

Genau so hab' ich das bei "Du Willst Mehr" auch gemacht. Der Track ist einfach authentisch hoch zehn. Der wurde wirklich in dem Zustand, wie es in dem Lied beschrieben wird, geschrieben, aufgenommen und wurde so gelassen.

Bei der hörbaren Begeisterung - im Track und jetzt im Gespräch - frag' ich mich doch: Warum hast du nicht mehr selbst produziert, wenn du solch großen Wert auf Eigenständigkeit legst - und zudem noch so viel Spaß dran hast?

Weil momentan bei mir der zeitliche Aspekt die größte Rolle spielt. Ich hab' kaum Zeit gehabt, dieses Album zu machen. Ich hab' das komplett in der Nacht zusammen gekleistert. Es ist immer so, dass ich alle Lieder, egal in welchem Zustand, immer hören möchte und immer meine Hand da mit drinne haben will. Ich bin sehr, sehr pingelig. Manchmal kann das für die Produzenten oder die, die es arrangieren oder wie auch immer, wirklich nervig sein, wenn ich dann wirklich Wert auf einen einzelnen Sound lege, den ich unbedingt drin haben will. Deswegen mussten wir es aus dem Master holen, teilweise. Solche Geschichten.

Ich werde das in Zukunft definitiv wieder mehr machen. Aber jetzt, in der heißen Phase des Albums, war es so, dass ich echt morgens um halb sieben das Haus verlassen habe, mitten in der Nacht irgendwann nach Hause kam und echt an meine Grenzen gestoßen bin. Aber ich hab' gerade bei diesem Song gemerkt, dass mir das Produzieren wirklich unheimlich viel Spaß macht und unheimlich viel wert ist. Das wird in Zukunft auf jeden Fall wieder mehr werden.

In diesem Song hört man das auch. Ansonsten sprüht dein Werk nicht gerade vor Lebensfreude. Siehst du dich als "Weinenden Clown", wie du ihn in einem Track beschreibst? Nach außen lustig, innen drin ... bäh?

Ja. Wenn man mich als Mensch kennt ... (lacht) Viele sagen, ich sei ein sehr sympathischer Mensch. Ich bin, von der Person her, immer gut drauf und humorvoll. Von den Liedern her könnte man tatsächlich denken, das sei nicht so. Das liegt daran, dass vieles, was ich, auch in meinem Freundeskreis, erlebe, nicht besonders toll ist und ich das dann gerne in die Musik packe, um es irgendwie zu verarbeiten. In den letzten Jahren waren viele Sachen, die ich erlebt habe, nicht gerade sehr, sehr schön. Es gab privat ein bisschen Stress.

Dann hab' ich, was man auch nicht unterschätzen darf, echt viel gearbeitet. Das hat mich auch bedrückt. Wenn man sich zum Beispiel das Lied "Zeitraffer" anhört: Da sind zum Beispiel Arbeit oder Alltag die Themen. Solche Dinge haben mich in den Jahren doch sehr beschäftigt - und beschäftigen mich allgemein. Ich grüble ständig und kann nicht schlafen. Das pack' ich halt in die Lieder rein.

"Zeitraffer". Das ist einer der Tracks, die von 7Inch produziert war, nicht? Meine beiden Favoriten.

"Zeitraffer", muss ich auch sagen, ist ebenfalls bei meinen Top 3-Liedern dabei. Der Beat ist so unglaublich. Als ich den gehört habe, da kam ich gar nicht klar und hab' den Song auch direkt runtergeschrieben. Der war dann innerhalb von ein, zwei Stunden fertig. Das ist eins meiner Lieblingslieder.

Ähnlich umgemäht hat mich "3000 Watt". So ein wuchtiges Ding hab' ich schon lange nicht mehr gehört.

Hmm. Es waren ganz, ganz wenige, ich sag mal, inhaltslose Stücke dabei. Wenn man sich jetzt "3000 Watt", "Panik" oder "Bumfight" anhört: Das sind ja wirklich battle-orientierte Lieder, die relativ wenig Inhalt haben. Aber ich hab' mir gesagt, und viele Leute, auch aus meinem Freundeskreis, haben bestätigt: Ey, du kannst so viel Energie in die Stimme legen und du kannst gut solche druckvollen Battletracks machen. Du musst 'n paar machen. Das seh' ich ganz genau so. Das ist immer noch ein Element, das sich durchzieht, und ein paar Battletracks mussten drauf, obwohl der Großteil wirklich eher deepe Sachen waren, die sich mit einem speziellen Thema beschäftigen.

Noch mal zurück zum "Weinenden Clown". Ich fand, dass das unmittelbar korrespondiert mit "Kannst Du Ihn Sehen". Quasi zwei Sichtweisen der selben Situation.

Oder auch der Track "Truemanshow", der gehört auch noch mit in diesen Kreis rein. "Truemanshow" und "Weinender Clown" beschäftigen sich eher mit den Schattenseiten des Bekanntseins. Sag' ich mal. "Kannst Du Ihn Sehen" thematisiert dagegen aus der Freude, nach oben zu wollen und Karriere zu machen.

Diese beiden Seiten spielen immer eine Rolle. Gerade nach "Hinterm Horizont", wo wir so viel unterwegs gewesen sind, hab' ich wirklich gemerkt, wie angreifbar man sich als Künstler macht. Wie viel man an manchen Stellen von der privaten und auch sehr, sehr persönlichen Seite zeigt, und das ist eigentlich nicht gut. Aber ich neige halt dazu, das zu machen.

Viele Fans wissen das zu schätzen, dass ich auch im Forum unterwegs bin und mich hinter die Meinungen klemme, die manche Leute haben, und mich damit beschäftigen möchte. Die Schattenseite und die positive Seite, die wollte ich wirklich mit diesen Liedern zeigen.

Im Titeltrack sagst du: "Jedes Wort sagt euch zu viel über mich ..."

"... darum fasse ich mich kurz."

Fühlst du dich angegriffen?

Nein. Ich glaube, ich hab' das nötige Selbstbewusstsein, um irgendwie dagegen zu halten. Nur man merkt, dass manche Leute über die Stränge schlagen. Die Sachen, die mir persönlich etwas bedeuten oder die wirklich niemand hören soll, die hört auch niemand, weil ich die ganz für mich alleine behalte. Manche sagen trotzdem, dass ich teilweise auf Alben oder auf dieser musikalischen Ebene offener bin, als auf der privaten Ebene, weil ich wirklich 'n Grübler bin, über alle Sachen nachdenke, und man diese Dinge dann in der Musik hört.

Aber dass man sich angreifbar macht, das kann halt auch 'ne Seite sein, die nicht gerade schön ist. Man kriegt dann mal hier oder da eine drauf, dann wird man irgendwie angegriffen oder beleidigt, was weiß ich. Aber da kann ich drüberstehen, das beschäftigt mich nicht sonderlich.

Du hast irgendwann mal gesagt: "In erster Linie rappe ich für mich." Gilt das immer noch?

Ja. Wobei ... Mit "Hinterm Horizont" sind ja wirklich Tausende Fans dazu gekommen, und Tausende Leute, die das Album gehört haben. Irgendwann habe ich angefangen, was ich jetzt auch tue, zusätzlich auf einer anderen Ebene mitzudenken. Ich weiß jetzt, wie viele Leute einem zuhören. Das ist eine gewisse Macht, die man da verliehen bekommt. Man könnte es vielleicht Verantwortung nennen.

Wobei ich sagen muss: Am Ende des Tages rappe ich wirklich für mich. Ich sage das, was ich denke, und da nehm' ich kein Blatt vor den Mund. Das sind meine Gedanken, die ich habe. Wenn das jemand nicht gut findet oder so, dann kann ich das trotzdem sagen. Marilyn Manson mal gesagt: Auf einer CD kannst du rumschreien, wie du willst, das ist endlich mal ein Medium, wo keiner zurückschreit. Du kannst sagen, was du willst. Das ist eine gute Sache. Dafür rappe ich immer noch.

Wo du das Thema Verantwortung selbst aufs Tapet bringst: Fühlst du dich für deine Fans ein Stück weit verantwortlich?

Ja, schon. Aber ich sag' mal so: Viele Themen, Gewalt und Probleme: Ich krieg' das bei vielen Freunden mit, dass es da zu Hause richtig Krach gibt oder dass Leute wirklich so wenig Geld haben, dass sie sich teilweise echt nicht alles zu essen leisten können und so weiter und so fort. Das sind Probleme, die wirklich da sind. Die in der Jugend und bei vielen Leuten Thema sind und viele Leute beschäftigen.

Ich denke, es ist wichtig, das dann zum Thema zu machen und wirklich offen auszusprechen, anstatt diese Sachen nicht zu erwähnen und totzuschweigen. Weil: Diese Dinge gibt es, und ich weiß, dass sie viele Leuten betreffen. Ich denke, es ist immer die bessere Lösung, über solche Geschichten zu reden und sie zu thematisieren, anstatt sie einfach zu verschweigen.

Du verwendest sehr starke Bilder. Man hat oft das Gefühl, dass eine Kamera mitläuft und dass man gleich ein Drehbuch mitgeliefert bekommt. In "Zeitraffer" ist das ja auch explizit angesprochen.

(Unterbricht) Ich hab' gehofft, dass das der Videotrack wird. Da gab es "Kannst Du Ihn Sehen" noch nicht, und ich saß damals in einem Hotelzimmer und hab' mir wirklich vorgestellt: Boah, ist der Beat krass! Vielleicht könnte man da ein Video draus machen! Ich habe mir Kameraszenen ausgedacht, mir Perspektiven vorgestellt, wie die Kamera mitläuft. Find' ich cool, dass du das hörst.

Ist das deine Arbeitsweise? Bist du ein visueller Typ?

Ich denke, dass Bilder das, was man sagt, extrem verstärken können. Dass Sachen, wenn die Leute sie sich auch bildlich vorstellen können, einfach eine viel, viel stärkere Wirkung bekommen. Deswegen nutze ich das oft. Davon abgesehen bin ich auch ein extremer Filmfreak. Ich kenn' fast jeden Film, den es so gibt. Ich steh' halt auf Bilder.

"Die Leute scheren sich einen Dreck um den Nachwuchs"


Du hast auch mal gesagt, wenn überhaupt, dann hörst du nur Rap aus den eigenen Reihen. Ist das immer noch so – und wer steht inzwischen in deinen "eigenen Reihen"?

Ja, das ist wirklich fast immer noch so. Wenn ich teilweise mit irgendwelchen Kollegen spreche, zum Beispiel meinem besten Kumpel Montana Max, der voll die Ahnung hat, voll in der Szene drinsteckt und jeden irgendwie kennt, dann komm' ich mir teilweise wirklich arm vor. Weil ich Leute, die anscheinend relativ bekannt sind, nicht kenne. Das hat erst mal zeitliche Gründe. Andererseits hört man auch so viel Scheiße, dass ich meist einfach gar keinen Bock hab', mir die Sachen anzuhören.

Erzähl mir davon. Was meinst du, was bei uns alles auf den Tisch flattert.

Hahaha! Das kann ich mir vorstellen. Ja. Von daher hör' ich mir erst mal Sachen aus den eigenen Reihen an. Weil ich sie meist sehr gut finde und weil sie mich interessieren. Und andererseits natürlich auch, weil man Bescheid wissen muss, in welche Richtung es geht und weil man natürlich doch irgendwie dazu gehört.

Momentan hör' ich die Tua-Sachen sehr, sehr viel. Ich hatte ja während meines Albums Kontakt zu Tua, als der gemeinsame Track entstand. Die Sachen feiere ich extrem, auch das neue Video, das gerade rausgekommen ist. Das find' ich krass. Man merkt bei Tua extrem, dass er etwas Neues machen will, was vorher noch niemand gemacht hat. Das bewundere ich immer, bei irgendwelchen Musikern. So etwas hör' ich mir dann auch an und hinter so etwas steh' ich total.

Dann natürlich auch Leute wie Casper, die wirklich auf meinem Album drauf sind. Auch Montana Max, mein Wegbegleiter seit Jahren. Eigentlich kann man sagen, das Album gehört zu einem sehr, sehr großen Teil auch ihm, weil wir an so etwas meistens zusammen arbeiten. Wir hören uns die Sachen an und verbessern sie zusammen, und das ist andersrum auch so. Dann Favorite und Kollegah von Selfmade, natürlich.

Aber auch Leute, die noch eher unbekannter sind und hier aus meiner Stadt oder aus meinem Viertel stammen. Neulich kam einer an, den ich kannte. Der ist viel jünger und hat mich gefragt: 'Ey, kannste mir nicht mal helfen, so 'nen Track zu machen. Ich hab' hier fast 'n ganzes Album geschrieben.' Dann hat er mir das vorgerappt und ich hab' gesagt: 'Komm, wir nehmen das zusammen auf. Ich misch' dir das und mach' dir das fertig.' Dann hat er mich noch gefragt, welchen der drei Namen, die er auf dem Tisch hatte, ich gut finde.

Es geht mir da auch um die Symbolik, weißte? Dass ich bei "Kannst Du Ihn Sehen" auch sage: Es gibt Leute, junge Musiker, die wollen was machen, aber niemand hilft denen. Die Leute, die eigentlich dafür verantwortlich sind, auch aus der eigenen Stadt, die älter sind, die scheren sich einen Dreck drum, weil das eigene Ego zu groß ist. Und das kann ich halt irgendwie nicht ab. Daher helf' ich gerne auch solchen Leuten und hör' mir so was an. Die gehören auch zu den eigenen Reihen, und solches zu fördern, finde ich, gehört zu meinen Aufgaben hier bei mir in der Stadt.

Lobenswert. Du schimpfst, in der deutschen Rap-Landschaft werde zu viel kopiert?

Ja. Und vor allem: Weißt du, ich finde, das Schlimmste an der deutschen Raplandschaft ist, dass die Leute den anderen Leuten nichts gönnen. Ich hab' jetzt gerade neulich wieder mit jemandem gesprochen, der ist schon älter, schon 35 oder so [HMPF! D. Red.] und hat früher gemalt. Der sagt mir oft: 'Alter, ich hör keinen Rap mehr, mich interessiert das nicht mehr. Die Leute interessieren sich ja auch nicht mehr füreinander. Die Leute hassen sich ja nur noch.

Das Schlimmste find' ich wirklich, dass die Leute sich nichts mehr gönnen. Wenn ich etwas gut finde, dann sage ich das demjenigen auch. Ich hab' das Gefühl, dass manche Leute das Gefühl haben, das nicht zu können, weil sie sich sonst unter denjenigen stellen. Und das find' ich schwachsinnig.

Wie siehst du die Entwicklung? Glaubst du, da besteht noch Hoffnung?

Natürlich bin ich da auch ein bisschen rausgewachsen und häng' auch nicht mehr bei jeder Hip Hop Jam rum, wo man viele Kontakte hat und sich die Nähe schafft. Aber gerade für mich seh' ich die Entwicklung positiv, weil ich glaube, nach dem Album werden auch viele Auftritte folgen. Ich hoffe es, sagen wir mal so. Ich denk, da kann man auch wieder Nähe zu den Fans aufbauen. Ich hoffe, dass sich einige Leute einfach mal von ihrem hohen Ross runter begeben und auch mal zugeben, dass sie etwas gut finden. Das fänd' ich ganz gut.

Damit nimmst du mir die obligatorische Frage quasi aus dem Mund: Wie gehts jetzt weiter, was hast du vor?

Es ist jetzt erst mal eine Tour geplant, in der ersten Jahreshälfte. Da wird sicher Einiges los sein. Dann steht "Chronik 2" an, der nächste Sampler. Diverse Featuretracks, die jetzt wegen dem Album gar nicht bearbeitet werden konnten, warten wohl auch noch. Ich muss das erst mal alles sortieren, was da so jetzt anliegt und was sowieso schon zu spät ist ... und überhaupt.

Und dann: Ich hab' jetzt schon Beats für neue Projekte gepickt. Direkt im Anschluss. Ich hab' das Album vom Master bekommen, und hab' wirklich einen Tag später schon wieder den ersten Beat für 'ne neue CD gepickt. Ich weiß noch nicht genau, was es gibt. Vielleicht wirds 'n Solo-Album, vielleicht aber auch nicht. Mal sehen.

Ich hab' halt auch wieder Zeit, ab Mai. Von daher ... Weißte, ich bin dann fertig. Ich hab' dann zwei Abschlüsse gemacht, in drei Jahren, und kann mich dann endlich mit ruhigem Gewissen an die Musik setzen.

Klingt nicht danach, als würde im Bremer Ableger des Selfmade-Lagers demnächst die Langeweile ausbrechen. Im Anschluss an das Interview wunderten wir uns noch ein wenig darüber, dass Alper nicht längst zu den gefragtesten Produzenten des Landes zählt, und Shiml versprach Ersatz für ein einst von den vermutlich hochgradig alkoholisierten Kollegen Gässlein und Engelen verschlamptes Poster, das mich eigentlich hätte erreichen sollen, ehe er mich mit den Worten verließ:

Ich muss gleich mal irgendwann los. Wir gehen plakatieren. Ich muss auf die Straßen Bremens und mithelfen.

Sieh an, da wird noch richtig selbst Hand angelegt! Keepin' it real!

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