27. Oktober 2007

"Ich habe alle Regeln gebrochen!"

Interview geführt von

Ende Juli 2007 lädt Warner Music zur Albumpräsentation der neuen Soloplatte von Serj Tankian in das Hamburger Museum Für Kunst und Gewerbe. Von Prunk und Historie des Gebäudes sichtlich begeistert, gibt mir der Sänger von System Of A Down, fernab der für Hamburger Verhältnisse tropischen Wetterlage, ein Interview, das weit über die Grenzen seiner ersten Soloplatte hinaus geht.Die Plattenfirma hat sich mächtig ins Zeug gelegt und zur Albumpräsentation den güldenen Spiegelsaal im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg gemietet. Nachdem Serj uns Journalisten das im Herbst erscheinende erste Soloalbum in einer für diesen Ort unverschämt hohen Lautstärke um die Ohren gehauen hat, geht es in einen kaum kleineren Raum zur Privataudienz.

Ich sitze auf einem Sofa am Ende des Raumes, als Serj Tankian sanft und geschmeidig über die 30 Meter Teppich zu mir herüber "schwebt". Ganz im Gegensatz zu den lautstarken und extrovertierten Performances seiner Band System Of A Down, treffe ich einen zuvorkommenden, elegant in schwarz gekleideten Gentleman. Trotzt seiner allgegenwärtigen Höflichkeit sprudeln die Worte in der nächsten halben Stunde nur so aus ihm heraus, der sauber getrimmte Kinnbart untermalt dabei perfekt den freundlich lächelnden Gesichtsausdruck meines Interviewpartners.

Serj: Hey schöner Tag was? Die Sonne ist draußen, jeder trägt kurze Hosen und ist am Chillen ...

Ja, wie du an meinem verbrannten Gesicht sehen kannst, war ich gestern auch in Sonne. Ein bisschen Kiten. Treibst du auch Wassersport?

Oh, cool. Ich liebe zwar den Ozean und das Wasser, aber außer Schwimmen betreibe ich keinen Wassersport. Vielleicht eines Tages ...(lacht laut) ... wenn ich nicht zu arbeiten habe.

Stimmt es, dass du gerade in Barcelona lebst?

Nein, ich lebe in L.A., und ich habe auch noch ein Haus in Neuseeland.

Aber du bist gestern in Paris gewesen?

Ich werde übermorgen in Paris sein. Ich war gestern in London.

Na ja, aber auf jeden Fall kennst du dich mit den europäischen Metropolen gut aus. Welche ist in deinen Augen die spannendste von allen?

Hm, spannendste? Ich weiß nicht, es gibt so viele verschiedene interessante Dinge an so vielen unterschiedlichen Orten, gerade in Europa, da es dort so viele unterschiedliche Kulturen gibt. So viel Geschichte, wunderschöne Architektur und Museen, überall wo ich hingehe, versuche ich etwas zu entdecken, was ich davor noch nicht gesehen habe. Ich finde es z.B. den Hammer, dass wir heute hier in einem Museum sind. Das ist für mich wirklich etwas Besonderes und total aufregend. Viel besser als in einem Büro oder ein Hotel. In Deutschland mag ich zum Beispiel Köln sehr gern. Es gibt da das Picasso Museum. Es ist einfach ein wunderschönes kleines Städtchen zum umhergehen und ein bisschen Cafe trinken. Natürlich mag ich auch Berlin. Ein bisschen in den Osten und dann wieder in den Westen schnuppern. Einfach schauen, wo historisch gesehen das alte Ostberlin war. Aber mein Gott, ich liebe Prag und Paris, es gibt einfach so viele wundervolle Orte ... London ist okay.

Nur okay? Ich bin da noch nie gewesen...

... Ach wirklich, na ja, ich mag es, ich bin daran gewöhnt. Ich habe viele Freunde dort, aber ich glaube, ich mag einfach lieber stillere Orte als die großen Metropolen. Aber ich genieße auch die großen Städte, obwohl ich dort meistens arbeite. Deshalb bin ich, wenn ich mal nicht arbeite, auf dem Land oder am Ozean.

So wie in Neuseeland ... einfach eine Auszeit von der großen Stadt L.A. nehmen ...

Ja, obwohl mein Haus in L.A. auch ziemlich abgelegen liegt. Einfach ruhig, man kennt die Nachbarn, das wirkliche Leben eben. Ich sehne mich nach diesen Zeiten des Friedens. (lacht)

Bei der Albumpräsentation konnte man hören, dass du einen Haufen verschiedenster Instrumente auf zahlreichen Tonspuren zur selben Zeit neben einander laufen lässt. Was ist die maximale Anzahl von Tonspuren zur selben Zeit auf dem neuen Album?

Puhhh ... (Legt die Stirn in Falten.)

Ich weiß, das ist schwer, ich habe vorher schon selbst versucht, zu zählen, und irgendwann den Anschluss verloren!

Zu jeder Zeit sind auf jeden Fall sieben Gitarren, Piano, zwei oder drei Bässe zu hören, je nach Mix und Amps, vier Drums, ein paar Synthies und Streicher. Meistens Violinen und Cellos, bei manchen Songs auch Melodica oder ein paar andere komische Instrumente für ein paar Effekte. Die Gitarren sind immer mit viel Effekten, wie Mugga Fubba oder einem Cool Pedal belegt und sollen für einen spacy Sound in den Versen sorgen. Dann gibt es noch Gongs und Glocken und alle anderen Arten von Synths. Ich weiß auch nicht, es hängt vom Song ab, manchmal muss ich selbst die Session noch mal auf den Schirm holen, um herauszufinden, was ich da alles benutzt habe, weil da einfach so viel zur selben Zeit abgeht.

Außer den Drums hast du alles selbst eingespielt, stimmt das?

Das meiste! Ich habe alle Klavierparts gespielt, den Großteil der Gitarren und Bässe und alle Synthies. Ich habe alle Streicherparts selbst komponiert, sogar die Drumparts habe ich fast alle geschrieben. Dieses Mal habe ich es genau andersrum gemacht, als zu der Zeit mit System, als wir zuerst die Drums einspielten und dann die anderen Layer darüber legten. Ich habe mit dem Piano, der Akustik-Gitarre und den groben Vokals angefangen. Danach habe ich die Drums elektronisch einprogrammiert und die restlichen Instrumente eingespielt. Am Ende habe ich richtige Drummer eingeladen und damit meine Loops ersetzt. Es war also ein ganz neuer Weg für mich. Es hat sich für mich sehr experimental angefühlt, da es die Gefahr birgt, nicht wie eine ganze Band zu klingen. Aber in diesem Fall ging die Sache auf, es hört sich an, als ob Leute gemeinsam spielen, obwohl sie es nicht tun.

Ja, man dachte, es könnte die ganze Zeit auch System gewesen sein, die dort spielten.

Das wäre möglich gewesen, obwohl hier doch zu viele Tonspuren für System vorhanden sind. Man hätte wohl ein paar mehr Musiker gebraucht, um das zu erreichen.

Ist das der Hauptvorteil der Soloarbeit, so frei und experimentierfreudig arbeiten zu können? Mehr als du es eventuell mit einer Band kannst?

Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil oder ein Nachteil ist. Es ist einfach unterschiedlich. Ich sage nur, es ist cool mit seinen Freunden zusammen Basketball zu spielen, aber manchmal willst du einfach nur ein bisschen alleine werfen gehen und den Sonnenschein dabei genießen. Beides ist cool, aber eben unterschiedlich. Das Gute daran, eine Platte für mich alleine zu machen war, dass es eine größere Herausforderung darstellte, da ich alles ohne Partner und Helfer lösen musste. Außerdem war es mehr meine eigene Vision. Ich habe alles genauso so gemacht, wie ich es wollte. Ich habe es in meinem eigenen Studio, auf meinem eigenen Label aufgenommen, es selbst produziert und das meiste auch noch selbst eingespielt. Ich hatte ein bisschen Hilfe von einem großartigen Tontechniker. Zuerst hab ich das alles selbst gemacht, aber er ist einfach besser darin. Er spielt auch ein paar mal Gitarre und Bass, sein Name ist Dan Mantie und er ist ein guter Freund von mir. Er wird auch in meiner Touring Band dabei sein. Natürlich haben Brain (Primus, Guns N' Roses) und John (Dolmayan, SOAD) die Drums gespielt, sie haben phänomenale Arbeit geleistet! Sie waren einfach Monster, ich glaube, sie haben 16 Songs in vier Tagen aufgenommen. Die meisten Songs spielten sie beide ein, und ich habe dann einfach entschieden, was am besten passte. So kommt es vor, dass Brain manchmal die Strophe spielt, John den Refrain und irgendwo dazwischen auch noch meine eigenen Drums auftauchen. Was immer für den Song am besten passt, habe ich gewählt. Es gibt einfach keine Regeln. Ich habe sie alle gebrochen. Was auch immer das Ohr sagt, war die Regel. Mir war es egal, wie es gemacht wurde, und es hat funktioniert.

"Ich bevorzuge Künstler, die total durchgeknallt sind!"


Du hast auch die Unterstützung einer Opern-Sängerin genossen?

Ja, es ist eine Freundin von mir, ihr Name ist Ani Maldjian, und ich hatte schon zuvor mit ihr gearbeitet. Sie hat bei ein paar Tracks auf dem letzten Buckethead and Friends-Album, das ich produziert und bei Serjical Strike mitgeholfen. Sie hat auch schon bei anderen Projekten mit mir gesungen. Ich hab sie einfach eingeladen, als sie gerade in der Stadt war. Sie rief an, wir hatten uns schon lang nicht mehr gesehen, und da sagte ich ihr: "Hey, ich mache gerade das Album, warum kommst du nicht einfach vorbei und machst bei ein paar Songs mit?" Wir haben ein paar lustige Dinge gemacht. Sie ist für einen Teil der komischen Töne bei "Lie Lie Lie" verantwortlich. Sie hatte viel Spaß! Weißt du, sie hat eine atemberaubende Stimme, aber war eigentlich mehr auf Spaß aus. Bei "Saving Us" hilft sie mir mit den Höhen, den Harmonien und beim Chor. Ich baue Chöre ein, indem ich meine Stimme übereinander lege ... (führt mir spontan die Bandbreite seiner Stimmbänder vor, von den tiefen bis zu den höchsten Tönen, um dann später in einen Lachanfall auszubrechen, als er das befremdete Gesicht der Servicekraft am Ende des Raumes erblickt.) Sie legt ihre Stimme über das Ganze, und daraus entsteht etwas Großes.

Sind Opern also auch sonst dein Geschmack, könntest du dich in der Rolle des Tenors vorstellen?

Vielleicht !(lacht) Ich bin nie ein großer Klassikliebhaber gewesen, aber wenn ich Songs auf dem Klavier komponiere, sind sie immer sehr klassisch orientiert. Auch wenn sie am Ende Rocksongs werden oder ich sie für andere Gerne arrangiere. Bei klassischer Musik bevorzuge ich die Künstler, die einfach total verrückt sind. Katschaturian oder Beethoven, einfach Leute, die die Regeln brechen. Zuerst hassen sie die Leute dafür, und später, wenn sie meist tot sind, sagen sie, sie wären Genies. Wenn ich also auf dem Piano komponiere, wie ich es bei allen Songs dieses Albums tat, haben meine Songs diesen gewissen klassischen, operettenhaften Einfluss.

Aber keine spezielle Verbindung ...

Nein, nicht wirklich. Ich gehe auch nicht in die Oper. Ich war schon mal dort, und wenn was Cooles läuft, gehe ich auch wieder hin. Aber ich bin kein ausgewiesener Operngänger oder Klassik-Hörer. Es ist eher irgendwie in mir ...

Du kennst Greg Graffin?

Ja, nicht persönlich, aber du meinst doch den Sänger?

Als ich ihn das letzte Mal traf, sprachen wir auch über die Kritik am Krieg und er erwähnte dabei, dass er jene verspätete Kritik zu diesem Zeitpunkt unter künstlerischem Gesichtspunkten nicht mehr interessant findet ...

(Unterbricht mich) ... Ich hab ihn das auch neulich sagen gehört. Ich glaube es war auf MTV, Youtube oder einem dieser Sender. Ich kann verstehen, was er meint und woher seine Gedanken rühren. Ich glaube, was er sagen will ist, dass es in Zeiten, in denen es unpopulär ist, für die Rechte der Menschen einzutreten, wenige Musiker aufstehen und ihren Mund aufmachen. Bad Religion haben dies immer getan, System Of A Down haben es immer getan und auch Rage Against The Machine haben es immer getan. Wenn sich die öffentliche Meinung aber gedreht hat, betont man nur das schon Offensichtliche. Ich glaube das meinte er.

Und du stimmst ihm zu?

So wie ich an die Sache herangehe, steht für mich das Wohl der Allgemeinheit im Vordergrund. Wenn etwas richtig und begründet ist, und sie einfach eine Weile brauchen, bis sie die Sache verstehen und dann darüber singen, ist das okay. Ich kreide es ihnen nicht an, zu spät zu sein. Wenn sie es aber aus falschem Antrieb für den kommerziellen Erfolg tun, ist es nicht cool. Aber wenn sie es wirklich fühlen, auch wenn es die Meinung der Mehrheit ist, bin ich nicht dagegen. Ich verstehe und schätze, was er sagt, weil es mit mir das selbe war. Nach dem elften September habe ich ein paar Kommentare auf die Website Understanding Oil gesetzt und wir haben dafür so was von auf den Deckel bekommen! Oh man! Unsere Single wurde gedropt, wir hatten Morddrohungen und während unserer Tour einen Haufen Sicherheits-Probleme. Es war so was von stressig! Aber genau dann musst du aufstehen und sprechen, wenn die Leute nicht kapieren, was abgeht, und du fühlst, dass etwas falsch läuft. Künstler sollten nicht an einem Popularitätswettkampf teilnehmen. Es geht nicht darum, möglichst viel Alben zu verkaufen, sondern man muss die Wahrheit präsentieren. Diese Wahrheit muss nicht politisch sein, sie kann auch künstlerisch oder humorvoll sein. Es kann alles sein, aber es ist immer noch die Wahrheit. Es ist Persönlichkeit und diese Essenz, die das Universum zum Atmen braucht. Kunst ist diese Form von Kommunikation innerhalb des Universums und durch uns. Musiker und Songwriter sind gute Präsentatoren dieser Kommunikation.

Gerade ist Live Earth vorbei, und alle Welt redet über den Klimawandel. Denkst du, dass bei der ganzen Aufmerksamkeit, die dieses Thema erhält, vielleicht andere wichtige Themen wie z.B. der Tierschutz zu sehr in Vergessenheit geraten?

Nur, damit ich die Frage richtig verstehe, du meinst die Menschen kümmern sich zu sehr nur um Umweltprobleme und vergessen dabei den Rest?

Ich mein eher Typen, die damit angeben, ein Hybridauto zu fahren und dann sagen. "So jetzt ist alles okay!". Als ob wir keine anderen Umweltprobleme hätten ...

Weißt du, unterschiedliche Menschen engagieren sich aus unterschiedlichen Gründen. Bei "Axis Of Justice", einer gemeinnützigen Organisation, die ich mit Tom Morello vor vier Jahren gründete, machen Leute von unterschiedlichen Bands mit. Wir fordern sie dazu auf, uns ihre Themen und Probleme zu nennen, und wir helfen ihnen damit. Jeder hat unterschiedliche Interessen. Wer sich für die Menschenrechte fasziniert, sollte mit Amnesty International arbeiten. Jeder, der sich für die Umwelt interessiert, sollte mit Greenpeace, Cera Club in den Vereinigten Staaten oder vielen, vielen anderen grünen Organisationen arbeiten. Aber im Endeffekt ist es alles das selbe. Am Ende sind alle Sachen miteinander verbunden, und wenn du dir über die Welt, in der du lebst, bewusst bist, wirst du eine politische Meinung, eine Meinung über ökologische Themen, sowie über Probleme im Gesundheitswesen und bei den Menschenrechten haben, da alle Dinge auf der selben Sache beruhen und verbunden sind. Alles ist eins! Es wäre schön, wenn jeder eine Meinung zu verschiedenen Dingen hätte, aber die Leute müssen manchmal einfach ihren Fokus einer bestimmten Sache widmen. Und oft ist es hart, an 20 Millionen Dingen gleichzeitig zu arbeiten. Aber im Endeffekt ist es alles das selbe und es ist genauso begründet, wenn jemand für den Umweltschutz eintritt oder wenn er für die Menschenrechte kämpft. Für mich ist es das selbe, weil sie beide für eine weltweite Gerechtigkeit kämpfen.

Bei dem Song "The Unthinking Majority" benutzt du mehrfach das Wort "Anti depressants". Steht das für etwas Größeres, für den Konsum im Allgemeinen, mit dem sich die Leute versuchen zu beglücken, oder meinst du damit die eigentlichen Antidepressiva?

Ich weiß nicht. Was meinen diese Zeilen den für dich?

Ich weiß es auch nicht, aber als ich in den Staaten war, habe ich einen Haufen von Leuten getroffen, die versuchten, sich mit Medikamenten aller Art produktiver zu halten. Und auch die darauffolgende Zeile "Making life more tolerable" habe ich, bevor ich die Texte lesen konnte, als "Making life more dollarable" verstanden.

Wow! High Five! (Serj springt mit ausgestrecktem rechten Arm von seinem Sofa auf und unsere Hände klatschen so laut gegeneinander, dass die Dame an der Bar sich wohl wundert, wie zwei Jungs ohne Bier und Fußball so viel Spaß miteinander haben können.) Das ist wirklich cool! Ich mag das wirklich, ich werde dich mal zitieren!

Ok. Das bedeutet es für mich, aber was bedeutet es denn für dich?

Weißt du warum ich den Leuten nie erzähle, was es für mich bedeutet? Damit ich erfahre, was es für andere bedeutet, und das ist wirklich interessant. Ich könnte dir einen Haufen unterschiedlichster Variationen erzählen, was es alles heißen könnte, aber ich lasse es gerne offen, so dass die Leute selber ihren eigenen Interpretationen folgen können. Das ist oftmals gehaltvoller als alles, was ich mir dazu habe einfallen lassen.

"Eins plus eins gleich drei!"


Du erwähnst oft, dass du es nicht wirklich magst, über deine eigene Musik zu reden und deshalb lieber über andere Leute Musik redest. Zumindest habe ich dich das einmal sagen hören.

Du arbeitest so lange an einer Sache, und so verwächst du total mit ihr. Die Analyse hingegen findet mehr auf der linken Seite des Gehirns statt, wobei die rechte Seite mehr für die Intuition und künstlerische Dinge zuständig ist. Also wenn du etwas in der Retroperspektive aus der psychologisch gesehen rechten Seite des Gehirns analysierst, begreifst du nicht unbedingt die Musik, die du erschaffen hast. Mit anderen Worten, ich bin genauso an der Meinung des Journalisten wie an meiner eigenen Meinung über meine Musik interessiert. Ich habe so lange daran gearbeitet und weiß was ich darüber denke, und so rede ich neben bestimmten Fragen zur Musik lieber über Theorien und andere Gedanken. Ich beantworte bestimmte Fragen, wie zu Beispiel deine Fragen am Anfang. Es ist cool, darüber zu reden, wie viele Tonspuren das Album hat, weil das Fakten sind. Aber die Bedeutung dahinter lasse ich am liebsten offen. Aber hey, was hältst du eigentlich von dem neuen Album?

Was ich von dem Album halte?

Ja, falls die Frage für dich in Ordnung geht.

Nein, ich habe kein Problem mit der Frage. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob die Leser gerade so sehr an meiner Meinung interessiert sind.

Kein Problem, lass uns die Aufnahme stoppen. Ich will das wirklich wissen.

Ich mag am neuen Album die vielen Tempowechsel. Von richtig schnellen bis zu ganz langsamen Strophen. Das machst du ja auch mit System, von dem her würde ich das als deinen typischen Stil bezeichnen. Auf jeden Fall geben die Ruhepausen einem die Möglichkeit, all das zu verarbeiten, was bei den schnellen Parts in zehn Schichten übereinander gelegt auf einen einprasselt. In den Ruhepausen kommen dann wieder die Gedanken auf, die einen kurz darauf zum Losrocken bewegen ... Das schätze ich sehr, und als ich mich für das Interview vorbereitete, habe ich mich schon gefragt, ob es eigentlich eine Band gibt, die diesem Stil nacheifert. Kennst du eine Band, die euch ähnlich ist?

Wir bei System machen einfach unser eigenes Ding. Das empfehle ich auch jedem anderen. Wir haben da nicht versucht, uns besonders von anderen abzusetzen oder etwas Neues zu kreieren. Ich habe die Songs einfach so arrangiert, wie ich es für richtig hielt. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich ein Rockalbum machen würde. Ich komponierte mit dem Piano und der Akustik-Gitarre und dachte mir "Oh das sind klassische Songs, vielleicht ein paar Folk-Instrumente oder Streicher", aber sie haben nach mehr verlangt. Sie haben nach Schlagzeug, Gitarre und mehr Melodie gerufen. Falls ich versuchen würde, ein objektiver Beobachter zu sein, was ich aber einfach nicht sein kann, aber wenn ich versuchte, ein objektiver Beobachter zu sein, dann würde ich sagen, dass diese Songs nach diesem epischen Klang geschrieen haben. Ohne selbstverliebt zu klingen, aber ich glaube, sie wollten die Größe haben, dieses "WOOOAAAA" (breitet seine Arme aus und bläht die Backen auf) Die Soundtextur ist anderes als bei System Of A Down, es hat mehr Tonspuren, und die Texte sind auf einer viel persönlicheren Ebene, viel verletzlicher und intimer als bei System.

Aber wie erklärst du dir, dass SOAD nie kopiert wurden? Wenn Bands erfolgreich sind, und das wart ihr definitiv, gibt es immer Leute, die versuchen, so zu sein wie ihr. Kopieren klingt dabei so schlecht und hinterhältig, nennen wir es doch einfach Inspiration.

Ich habe gehört, dass es ein paar Leute probiert haben, aber ich weiß nicht einmal ihre Namen. Es ist auf jeden Fall das größte Kompliment, wenn jemand sagt, dass er von dir inspiriert wurde. Aber das was wichtig für mich ist, ist dass du dich zwar von Sachen inspirieren lässt, danach aber dein eigenes Ding durchziehst. Das ist die ultimative Erfahrung. Weil wenn du das wirklich bist, dann hört es sich auch nach dir an.

Klar, aber erst ist es doch so, dass man als Musiker konsumiert und konsumiert. Währenddessen lernt man die ganzen Instrumente, und erst dann kann man aus sich raus gehen und die eigenen Sachen auf die Beine stellen.

Ja aber es ist ja keine direkte Input-, Output-Geschichte. Es braucht Zeit und wird mehrfach gefiltert, bevor es wieder ans Tageslicht gelangt. Und dann hört es sich anderes an und niemand kann mehr sagen: "Oh das hört sich an wie das, oder das oder das ...!" Du filterst es alles und hörst dich anders an. Wenn Leute nur einen Einfluss haben und sich genau so anhören, dann ist das nicht interessant.

Noch eine Frage für alle System-Fans: Wann kann man euch wieder auf der Bühne erwarten?

Ich weiß es nicht.

Aber ihr habt in Kontakt zueinander?

Oh ja, aber jeder macht gerade sein eigenes Ding. Aber wenn wir uns danach fühlen, kommen wir wieder zusammen und tun es.

Wann wirst du mit deinem Soloalbum das erste Mal auftreten?

Wahrscheinlich im September.

Und davor noch Urlaub, oder Presse und Co.?

Erst werde ich noch ein bisschen Presse machen, dann die Videos und dann noch Proben mit der Band. Ich glaube, ich werde so ungefähr eine Woche Urlaub nehmen.

Ach ja, die Videos! Du hast erwähnt, dass jeder Song ein eigenes Video mit jeweils einem neuen Regisseur bekommt?

Ja, richtig coole Art-Regisseure. Jeder hatte komplette Handlungsfreiheit und konnte seinen eigenen Zugang zum Song finden. Richtig spannend. Ich bin nicht in den Videos zu sehen, außer bei einer Performing Session bei der Single. Aber die anderen Videos sind einfach Filme für sich, die konnten wirklich machen, was auch immer sie wollten.

Das hört sich cool an und nicht nach dem üblichen Quatsch bei MTV. Mir ist es auch völlig egal, ob ich den Künstler spielen sehe oder nicht.

Ja, es kann dann eine komplett neue Interpretation sein und bildet für sich ein ganz eignes Kunstwerk.

Und zusammen bilden sie dann ein weiteres Kunstwerk

Genau! Ganz nach dem Motto: Eins plus eins gleich drei!

Vielen Dank für das Interview!

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