laut.de-Kritik

Fernab von Hip Hop leben gelernt.

Review von

"Kuck' mal, wer da spricht, Mann!" Upps! Obwohl Sentino und sein damaliges Label einst ziemlich viel daran gesetzt hatten, sich unauslöschlich ins Gedächtnis der laut.de-Rapautorenschaft zu brennen, hatte ich den Burschen tatsächlich komplett vergessen.

"Ey, Deutschland! Hat mich irgendjemand vermisst? Ich war weg. Ziemlich lange sogar." Ja, jetzt fällts mir auch auf. Mit "Ich Bin Deutscher Hip Hop" hatte er 2006 den richtigen Weg bereits eingeschlagen gehabt. Eigentlich schuldet uns Sentino seitdem ein Album, das seinem Rap-Talent gerecht wird.

"Wie es mir geht: scheißegal. Ob ich noch leb': scheißegal. So war es immer, von daher hatte ich eh keine Wahl." Den Vorwurf, eins der möglicherweise größten Talente im hiesigen Hip Hop-Zirkus achtlos aus den Augen verloren zu haben, muss ich mir tatsächlich ebenfalls machen lassen. Noch einmal Glück gehabt: Viel gab es offenbar nicht zu verpassen.

Sentino löste sich nach seiner letzten Veröffentlichung mehr oder weniger in Luft auf, zog zusammen mit seiner Mutter nach Warschau und verschwand von der Bildfläche. "Die letzten vier Jahre habe ich damit verbracht, alles in Frage zu stellen", erklärt er den Kollegen von der Juice. "Fernab von Hip Hop mal ein bisschen leben zu lernen." Davon sollte sich so mancher Show-Hustler, der emsig im Hamsterrad des Rap-Geschäfts seine Runden dreht, vielleicht ein Scheibchen abschneiden. Sentino jedenfalls ist die Auszeit ausgesprochen gut bekommen.

"Hör' mal hin, wie Sentence rappt, Sentence flowt, Sentence reimt, Sentence schreibt." Okay, DAS hatte er vorher auch schon drauf. Exzellente Rhythmik, ausgefeilte Reimkonstruktionen, bilderreiche Sprache und flüssiger Vortrag zeichneten Sentino seit jeher aus. Er rappt auf Deutsch, auch mal auf Polnisch, singt seine Hooklines selbst und behauptet: "Ich treff' den Takt blind." Das glaub' ich nach "Stiller Westen" wieder sofort.

Im Grunde krankte es ja immer viel stärker an dem, das Sentino erzählte, als daran, wie er es tat. In dieser Hinsicht zeigt seine aktuelle Veröffentlichung Fortschritte, die ganz offenbar in Siebenmeilenstiefeln zurückgelegt wurden. "Kredibil, aber nicht hardcore", präsentiert sich Sentino jetzt. "Deswegen kack' ich auf Klischeegrütze." Danke!

Statt seine Energien darauf zu verschwenden, unentwegt den Harten zu markieren, reflektiert Sentino inzwischen ganz nüchtern über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für Zimperlichkeiten bleibt so wenig Zeit wie für Reue oder Schwäche, wenn es gilt, den richtigen Weg für sich selbst zu finden: "Frag' dich: Wer willst du sein? Fünf Jahre König und 50 Jahre Bauer? Ich kämpfe für fünf Jahre, auch wenn es 50 Jahre dauert."

Ganz nebenbei rechnet Sentino mit dem Rapgame ab, schaufelt ein kleines, nettes Grab für ein ebensolches "Hirngespinst" und wirft darüber hinaus durchaus überlegte Blicke auf historisches wie tagesaktuelles Geschehen. Im "Stillen Westen" interessieren die Preise für Luxuslimousinen deutlich weniger als die Frage, welchen Mindestlohn deren Hersteller wohl seinen Arbeitern am Band zahlen mag. Nicht gerade erbaulich, so eine Welt, die das Bling-Bling hinter sich gelassen hat, aber zur Abwechslung verdammt realistisch.

Sentinos "Lieder übers Leben, wie ich es kenn'" verraten eine Menge über ihren Urheber. "Ich will noch mal was spüren" - diese Intention springt einen aus "Stiller Westen" geradezu ins Gesicht. Schade nur, dass die Beats weder mit der raptechnischen noch mit der inhaltlichen Stärke und Vielfalt mithalten. Dabei ist noch nicht einmal schlecht, was die Herren Produzenten ihren Reglern entreißen, es fehlen lediglich die frischen Ideen. Grandiose Momente wie in "Flutlicht", in denen Sentino dem Oldschoolklassiker-Sample aus "Top Billin'" mit einem rotzigen "Sei mal ruhig jetzt!" über den Mund fährt: einfach zu dünn gesät.

Statt dessen setzt "Stiller Westen" über weite Strecken auf den allzu bewährten, Monumentalfilm-tauglichen Breitwand-Sound mit Synthies, Claps, jeder Menge Pathos und, wenn es nachdenklich werden soll, mit molligem Piano und getragenen Streichern. Stellenweise stopfen Monroe, Shusta, Fourtee Beats und Konsorten auch einfach zu viele Details in ein einziges Instrumental. Das kompakte Gedrängel wirkt dann - so zum Beispiel in "Achterbahn" - eher breiig, als dass es Wucht oder Feuer transportierte.

"Das ist ein Street-Album", räumte Sentino selbst gegenüber der Juice ein. "Es ist nicht krass ausproduziert." Ja, schade. In "Karma" rappt er aber: "Siehst du den Schimmer? Nenn' es Hoffnung!" Dass Sentino - oder Sentence, wie immer er sich dann nennen mag - seine Schuld noch einlöst und mit dem bereits angekündigten nächsten Album "Wilder Osten" endlich die lange fällige Granate zünden wird - diese Hoffnung jedenfalls bleibt quicklebendig.

Trackliste

  1. 1. Intro - Blick In Die Crowd
  2. 2. Achterbahn
  3. 3. Karma
  4. 4. Hirngespinst
  5. 5. Flutlicht
  6. 6. 110 %
  7. 7. Verwelkte Rosen
  8. 8. Am Nagel Geboren
  9. 9. Mein Bruder
  10. 10. Vorbei Der Traum
  11. 11. Resistence
  12. 12. Wesenszüge
  13. 13. Licht In Dir
  14. 14. Stiller Westen
  15. 15. Durch Die Tür
  16. 16. Thron Aus Stein
  17. 17. Abspann

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