laut.de-Kritik

Der "Sting In The Tail" ist kein 'Pain In The Ass'.

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Zum Zeitpunkt der Bandgründung der Scorpions 1965 steckte die Rockmusik noch in den Kinderschuhen. Ganz besonders in unseren Gefilden, die keinerlei eigenständige und organisch gewachsene Popkultur aufweist. Und nun soll auf einmal Schluss sein? Aus und vorbei mit einer Band, die länger auf der Welt ist als die allermeisten Leser dieser Rezension?

Das zumindest verkünden Klaus Meine und Co. Doch es sei ihnen gegönnt. Immerhin befinden sich die Gründungsmitglieder der Band nach Abschluss der kommenden Welttournee in drei Jahren im besten Rentenalter von 65. Ist es wirklich notwendig, an dieser Stelle noch einmal auf die enormen Verdienste der Band hinzuweisen? Sicherlich nicht; verdient haben sie sich den Ruhestand allemal.

Immerhin prägten sie den Hardrock von der norddeutschen Tiefebene aus weltweit entscheidend. Sie haben den typischen Powerballadenstil erfunden beeinflussten Künstler wie z.B. Sepultura, System Of A Down, Shakira oder Billy Corgan. Diese Liste könnte man schier endlos fortsetzen.

In der Heimat hingegen haben die Hannoveraner trotz allen Welterfolgs zumindest in der Szene ein wenig an Reputation eingebüßt. Zu Recht fragte man sich, was die Truppe zwischen "Crazy World" und "Unbreakable" da eigentlich für stereotypen Kram verzapft hat. Doch bereits der letzte Longplayer "Humanity" war ein Schritt aus der allzu routinierten Gleichförmigkeit.

Ausrutscher der Vergangenheit darf man getrost vergessen. "Sting In The Tail" ist als finales Kapitel ein überaus spaßiges und lohnenswertes Stückchen Musik geworden und kein 'Pain In The Ass'. Eine Karriere getreu dem Motto: 'Es zählen der erste und der letzte Eindruck.'

Die Platte klingt wie eine Zeitreise in die absolute Blütezeit des Hardrock. Für die stretchledrigen Niedersachsen bedeutet das im Wesentlichen die totale Rückbesinnung auf die erfolgreiche 'Post Uli Jon Roth'-Phase zwischen "Tokio Tapes" (1978) und "Love At First Sting". Sting". Das wurde in der Tat Zeit und hat zweifellos viel zu lang gedauert. Doch den überraschend ungetrübten Genuss steigert das umso mehr.

"No Limit" ist ein fröhlich Klopper, in "Slave Me", "Turn You On" oder "Let's Rock" stolziert Meine breitbeinig wie ein junger Pfau durch die Ohrmuschel. Es funktioniert noch immer. Das Titelstück reanimiert erfrischend den prähistorischen Ur-Metal.

"Raised On Rock" und das Bekenntnis "The Best Is Yet To Come" haben das Zeug zu späten Klassikern vom Schlage "Make It Real" aufzusteigen. Im Up- und Midtempo Bereich ist diese CD genau jenes Opus, auf das man seit "World Wide Live" wartet. Und das ist immerhin ein Vierteljahrhundert her.

Selbstverständlich lassen es sich die Altmeister der Feuerzeugballade nicht nehmen, endlich wieder echtes Gefühl zwischen Romantik und Melancholie zu erschaffen. Ganz und gar ohne kitschige Süßlichkeit, die ihnen seit dem Segen und Fluch "Wind Of Change" vorgehalten wurde. Die augenzwinkernde Eigenhommage "SLY" an den Überhit "Still Loving You" ist als Sequel durchaus präsentabel. Doch der absolute Killer ist das intensive "Lorelei". Möglicherweise mit Abstand das beste Scorpionslied seit 20 Jahren.

Ist diese Scheibe innovativ? Nein! In weiten Teilen sogar rührend anachronistisch. Doch das war und ist im Hardrock von untergeordneter Bedeutung. Hier zelebriert Schenkers Truppe souverän genau jene Tradition, die sie selbst miterfunden hat. Wer wollte ihnen das verwehren? Wenn man sich anschaut, was vergleichsweise leerflaschige Dino-Kollegen wie Ian Gillan oder Kiss kürzlich ablieferten, wertet dies die Platte noch auf.

Trackliste

  1. 1. Raised On Rock
  2. 2. Sting In The Tail
  3. 3. Slave Me
  4. 4. The Good Die Young
  5. 5. No Limit
  6. 6. Rock Zone
  7. 7. Lorelei
  8. 8. Turn You On
  9. 9. Let's Rock
  10. 10. SLY
  11. 11. Spirit Of Rock
  12. 12. The Best Is Yet To Come

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