laut.de-Kritik

Ein Stich ins eigene Fleisch.

Review von

Nichts ist im Rockzirkus vergänglicher als die Bedeutung des Wortes "Farewell". Auch die Scorpions, immerhin einer der größten deutschen musikalischen Export-Schlager der letzten dreißig Jahre, klebten sich im März 2010 das "Farewell"-Etikett auf den Luxus-Liner und traten bei all jenen eine Euphorie-Welle los, die noch ein letztes Mal zu "Wind Of Change" mitpfeifen wollten.

Die Strategie ging auf, die Hallen waren voller als in den vergangenen Jahren. Ein würdiges Ende einer beeindruckenden Karriere stand bevor, zumal der Album-Abschiedsgruß in Form von "Sting In The Tail" die Band nochmal in unerwarteter Topform präsentierte.

Doch urplötzlich erwacht die Freude am Musizieren bei den fünf Veteranen aufs Neue. Abschied? No way. Das macht auf einmal alles wieder dermaßen viel Spaß, dass man nicht nur die Tour auf unbestimmte Zeit verlängert, sondern sich gleich nochmal auf die Schnelle im Studio einfindet, um die hypnotisierte Gefolgschaft so kurz vor dem Feste noch mit einem weiteren "Geschenk" zu beglücken.

Lustig, wie die Niedersachsen nun mal sind, taufen sie das Resultat auf den Namen "Comeblack" und senden per Video-Botschaft das passende Augenzwinkern gleich hinterher. Die Zeit drängt allerdings, denn der Tourplan ist pickepackevoll und auch der Weihnachtsmann liefert ungern mit Verspätung. Für neue Songs bleibt also keine Zeit. Da hilft dann nur noch ein Coveralbum.

Da die Hannoveraner scheinbar nicht sonderlich viele Inspirationsquellen aus vergangenen Dekaden besitzen, einigen sie sich für die Standard-CD-Version auf gerade mal sechs Evergreens, zu denen noch sieben eigene - wohl gemerkt - neu eingespielte Klassiker hinzukommen.

Wer sich als Die-Hard-Fan an nur minimal veränderten Interpretationen von Songs wie "Still Loving You", "Rock You Like A Hurricane" oder "Blackout" erfreut, ist selber schuld, zumal der etwas blechern klingende Bombast der Neuzeit mit der erdigen Wucht der Originale nicht ansatzweise mithalten kann.

Interessanter wird es da schon bei den Coverversionen. "Tainted Love" beispielsweise läuft der Manson-Version fast den Rang ab. Industrial-lastig brettern sich die Gitarren durch den Gloria Jones-Klassiker, der 1981 durch das Synthiepop-Duo Soft Cell Berühmtheit erlangte.

Klaus Meine klingt auch im hohen Alter noch wie zu Zeiten, als er sich in Spandex-Beinbekleidung an "Big City Nights" erfreute. "Children Of The Revolution" kommt ähnlich brachial daher, während man sich wiederum die süffige Umsetzung der Beatles-Nummer "Across The Universe" hätte sparen können.

Auf "Tin Soldier" stechen die Skorpione dann wieder giftiger. Dennoch kann der treibende Metal-Rocker nur selten mit der markanten Ur-Version der Small Faces mithalten. Die krachende Version von "All Day And All Of The Night" geht wiederum in Ordnung, ehe das opulente wie überflüssige "Ruby Tuesday" das "Comeblack"-Treiben beendet.

Auch wenn es bei einigen Coverversionen durchaus zu Überraschungsmomenten kommt, tun sich die Fünf mit "Comeblack" eher keinen Gefallen. Letztlich stechen sich die Skorpione mit der belanglosen Neu-Performance ihrer eigenen Stücke zu tief ins eigene Fleisch. Da kommt selbst ein Rüdiger Nehberg zu spät.

Trackliste

  1. 1. Rhythm Of love
  2. 2. No One Like You
  3. 3. The Zoo
  4. 4. Rock You Like A Hurricane
  5. 5. Blackout
  6. 6. Wind Of Change
  7. 7. Still Loving You
  8. 8. Tainted Love
  9. 9. Children Of The Revolution
  10. 10. Across The Universe
  11. 11. Tin Soldier
  12. 12. All Day And All Of The Night
  13. 13. Ruby Tuesday

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8 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Die machen doch nicht Schluss?
    Das mit dem Aufhören erschien mir als klare Ansage, und ich hab sie geglaubt. Ich fand das auch gut so - eine gute neue Scheibe und eine Welttournee als Abgang in Würde.

    Vielleicht hören sie ja auch wirklich auf, und die wollen bloß mit diesem Scheibchen - ein "richtiges" Album ist das ja nicht - nochmal ein bisschen Extrakohle abgreifen. Der schnelle Euro nebenbei halt.

    Solche Veröffentlichungen braucht aber echt kein Schwein. Genauso wie die 30.000ste Live- oder Best of- scheibe von Iron Maiden!

  • Vor 10 Jahren

    Ein mal kurz reingehört, die Neuaufnahmen "alter" Songs ist unnötig, die Cover zwar interessant, aber nicht unbedingt den Vollpreis der Platte wert. Irgendwie hätte es mich mehr gereizt, wenn man was gaaanz altes wie das Überalbum Fly to the rainbow neu aufgenommen hätte. Aber ohne Uli John Roth an der Gitarre wird das wohl utopisch bleiben...

  • Vor 10 Jahren

    Peinlicher Dreck, braucht kein Mensch. Sollen sich endlich mal auflösen und zwar sprichwörtlich. :D