laut.de-Kritik

Reichhaltige Poprock-Wundertüte mit Herz und Seele.

Review von

Zugegeben: Zunächst behandelte ich die Promo-CD von "Château Schrottgrenze" sehr stiefmütterlich. Der Name machte mir Angst, und das Cover (nicht identisch mit der nun in den Regalen liegenden Endversion) zeigte sich ebenfalls nicht sonderlich appetitanregend. Handelte es sich doch um ein unaufgeräumtes, schäbiges Zimmer, vollgestopft mit schedderigem Krimskrams; nicht sonderlich geeignet, irgendwelche aufkeimende Liebe zu nähren. Bis, ja, bis die CD schließlich den Weg in den Player fand – und seitdem als äußerst gern gehörter Gast immer wieder den Weg dorthin zurück findet. Wieder mal reingefallen auf diese elenden, vorurteilsbehafteten Äußerlichkeiten, von denen man eigentlich doch so frei ist.

Mitreißend startet der Opener "Nichts Ist Einsamer Als Das". Rhythmisch, melodiös, vorwärtstreibend, edelster Pop in vollendeter Indierock-Ummantelung. Und dieser Text! Die Gefühle eines zurück gelassenen Mädchens sind in packende und treffliche Zeilen umgesetzt. Gescheitert bei einem Date, bei einer Bewerbung, bei sonstwas; egal, der Stachel sitzt tief: "Kein Taumel/Kein Applaus/Kein Rausch Für Dich/Blamiert/Dein Make-Up Ist Zerronnen Und Verschmiert/Nichts Ist Einsamer Als Das". Volltreffer! Es greift auch den männlichen Zuhörer – denn jeder hat irgendwann einmal diese niederschmetternden Momente erlebt, bei denen man schier an der Welt verzweifeln möchte.

Schrottgrenze legen weiter den Finger in die Wunde: "Du Hast Kanonen Gefeuert Und Glocken Geschlagen/Und Niemand Hat Es Hören Wollen/Du Hast Dich Geschmückt In Den Schönsten Farben/Niemand Hat Es Sehen Wollen". Ein wohlgesetztes Riff und ein stimmiges Break dramatisieren zusätzlich im letzten Songdrittel, ehe "Nichts …" ausklingt mit verhallter "Bap-Da-Baba-Da-Ba"-Mädchenstimme im Hintergrund. Stimmig instrumentiert und komponiert – dieses wunderbare, angerockte Pop-Juwel macht sofort Appetit auf mehr. Mittlerweile gebe ich mein nächstes Vorurteil auf, Schrottgrenze irgendwo im Spannungsfeld zwischen Virginia Jetzt! und Angelika Express ansiedeln zu wollen. Die Band um Frontmann Alex Tsitsigias brettert qualitativ nämlich ungleich kräftiger in Richtung jener Liga, in der die Tomtes und Kettcars zuhause sind.

"Am gleichen Meer" thematisiert den Rückblick auf Vergangenes und deren Bedeutung für die Zukunft beim Betrachten alter Urlaubsbilder eines Eiscafes am Strand: "Und In Den Kugeln Ist Hass Drin, Früher Wie Heute/Und Die Kurtaxe Von Morgen/Zahlen Mit Sicherheit Die Gleichen Leute/Am gleichen Meer". Bilder bleiben ein Thema, etwa im rockenden "Fotolabor". Es gilt, den (Lebens-) Film zu entwickeln in der Finsternis: "Diese Räume Haben Träume". "Wenn Du Da Bist" punktet textlich mit der Ur-Erkenntnis aller Liebenden, wenn der Wunsch nach 'Bitte geh’ doch jetzt noch nicht' übermächtig erscheint: "Sag' All Die Dinge/Die Du Mir Gesagt Hast/Noch Einmal."

Diese bunte Poprock-Wundertüte mit Indietouch macht verdammt viel Spaß. Im Refrain federleicht instrumentiert verführt "Wie Ein Geist, Bloß Immer Da" zum Mitwippen. Abwechslung wird groß geschrieben bei Schrottgrenze: Die Grenzen zwischen Pop, Rock und gepflegtem Indietum verwischen und wachsen zu organischen, fein ausgearbeiteten Song-Abenteuern zwischen Liebe, Hoffnung und Nachdenklichkeit. Die Texte erscheinen weder banal noch zu befindlich, kommen aber niemals mittig-glattpoliert daher. Die richtige Mischung halt.

Die einfühlsame, saubere Intonation von Sänger Alex Tsitsigias hebt sich wohltuend vom derzeit oft gepflegten Genöle mancher Deutschrock-Kollegen ab. Produziert von Tobias Levin (Tocotronic, Kante) und von Michael Ilbert (Cardigans, Hellacopters) zaubern stets ein warmes und vielschichtiges Soundarrangement für die einzelnen Titel. Von der Punk-Vergangenheit der Band ist nicht sonderlich viel zu spüren; diese nehmen sie zugunsten schwelgerischer Melodien und Akkorde zurück. Der kräftige und geradlinige Rock der Band ist dennoch stets präsent.

Schrottgrenze werden weiter rotieren in meinem heimischen Player. Denn da sind diese speziellen Songs, die ich gar nicht mehr missen möchte - heute, demnächst und zu besonderen Gelegenheiten. "Nichts...", "Geist..." und die berührende Ballade "Staub" sind Titel, die viel zu schade sind, um nach nur zweimaligem Hören im Regal zu versauern. Zumal auf dem Album immer wieder neue Song-Lieblinge zu entdecken sind. Und ich werde in Zukunft tunlichst zunächst die Musik in Augenschein nehmen, bevor ich vorschnell über Bandnamen und Cover Vorurteile aufbaue. Man kann sich ja nur verbessern.

Trackliste

  1. 1. Nichts Ist Einsamer Als Das
  2. 2. Am Gleichen Meer
  3. 3. Fotolabor
  4. 4. Wie Ein Geist, Bloß Immer Da
  5. 5. Alaska
  6. 6. Seit Ich Alles Von Dir Weiß
  7. 7. Kongress
  8. 8. Wenn Du Da Bist
  9. 9. Eine Stadt Aus Klebstoff
  10. 10. Mann Am Punkt
  11. 11. Schrottgrenze

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3 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    hm keine kommentare? wie ich finde das beste album von der truppe, schade das nur das album ne review hier gekriegt hat

  • Vor 9 Jahren

    Ich finde das Album im Gegensatz zum Vorgänger sehr schwach. Und "Schrottism" hat den Vogel dann abgeschossen.
    Auf "Das Ende unserer Zeit" haben sie zwar schon das Tempo rausgenommen, aber dafür ihr Songwriting perfektioniert.
    Auf "Chateau" befanden sich dann plötzlich Texte die wirklich kaum noch was aussagten und alles klang so experimentell.
    Ich mochte diese Entwicklung nicht.
    Wer ein Schrottgrenze-Konzert vor und nach diesem ominösen Wandel besucht hat, der kann sich denken warum.

    Vorher : Bier, Schweiss, Pogo und eine Menge Spaß.

    Nachher : Coolness Wettbewerb und anerkennendes Kopfnicken. Selbst die alten Songs werden in komischen Indierockversionen gespielt um die Langeweile bloß nicht zu unterbrechen.

  • Vor 9 Jahren

    haha, sehe ich ähnlich wie die szenepolizei.

    too much boring diskurskrempel, den andere besser können.

    ein kumpel hat mir das album angepriesen "es ist besser als ea80!"

    da kann ich nicht mal drüber lachen.