laut.de-Kritik

Neuer deutscher Pop-Konsens. Und alle klatschen mit.

Review von

Salonfähige deutsche Lyrik: "Du bist das Wasser in dem ich tauch' / Du bist die Brandung, der ich am liebsten lausch' / Du bist die Welle, die mich ganz und gar verschlingt". Oder: "Du bist der Kompass in der dunkelsten Nacht, du bist der Tropfen, der mich betrunken macht". Das könnte echt alles sein, Silbermond, Christina Stürmer, Andreas Bourani, Rosenstolz. Gut, für Gabalier fehlen die Muskeln, die Heimatfilm-Ästhetik, die Titten und die unterwürfigen Weiber in den Texten und bei Naidoo ... ach lassen wir das.

Mit letzteren beiden hatte Connor ja für die TV-Sendung "Sing Meinen Song" zu tun und schien von diesem Zusammentreffen in der ihr bis dato beruflich ungewohnten deutschen Sprache so inspiriert worden zu sein, dass sie beschloss, ebenfalls ein deutschsprachiges Album zu machen. Das nannte sie passenderweise "Muttersprache", und es reihte sich nahtlos in den neuen deutschen Popkonsens ein. Es tat nur selten weh, war nicht aufregend, aber ein guter Marketingschachzug. Zuvor kannte man Frau Connor ja in erster Linie als R'n'B-Sängerin oder so ähnlich, seit sie vor 14 Jahren mit dem Rapper TQ und "Let's Get Back To Bed - Boy" (damals liefen noch Jamba-Werbungen) VIVA-formattauglich schlüpfrig wurde und ihre Heulbojen-Schmonzette "From Sarah With Love" die Titanic alleine zum Sinken gebracht hätte.

Weil ihr das mit dem Deutschsingen im Frühjahr so Spaß gemacht und sich nicht schlecht verkauft hat, und weil jetzt ja auch Weihnachten kommt und weil alles ganz toll und emotional war, gibt's nun Nachschub für die germanophilen Massen, ein Live-Paket, "From Sarah With Live" sozusagen, heißt aber "Muttersprache - Live und Hautnah". Kann man hören und sehen, auf DVD und in limitierter Fanedition mit vielen CDs und DVDs und Einkaufstasche und Bildern und Fan-Pass. Live und emotional und hautnah und auf Deutsch aus dem Rolf-Liebermann-Studio in Hamburg.

Das Publikum lässt sich nicht lumpen und klatscht pflichtbewusst schon beim Schlagzeugintro beherzt mit. Wie im Musikantenstadl dient das dem Ausdruck der eigenen Begeisterung. "Halt Mich" macht den Anfang: "Denn ich weiß nur, dass irgendwas hier fehlt / Ich will küssen im Regen und weinen vor Glück / Mich besaufen am Leben / Sag mal, kennst du das nicht? / Das Gefühl, dass irgendwas hier fehlt", singt sie. Später ist Connor eine Löwin, die sich selbst beschützt und vorne anfängt. Tränen trocknen und irgendwas mit Anorak ("Anorak").

"Jetzt singen wir euch ein deutsches Liebeslied", kündigt sie gut gelaunt an, und das darauffolgende Lied heißt "Deutsches Liebeslied". Dann kommt die oben zitierte Textstelle mit dem Kompass und dem Tropfen. "Du bist die Hölle, in die jedes Mädchen will", heißt es weiter. Und wieder könnte das jede andere deutschsprachige Konsenspop-Band sein.

"Ich singe jetzt ja bekanntlicherweise in meiner Muttersprache, aber meine Vatersprache ist ja Englisch und mein Vater hat mich mit Soulmusik großgezogen", erklärt sie uns im Laufe des Konzerts. Bekanntlicherweise ist nicht nur ein gutes Wort, es kündigt auch eine "Zeitreise" an. Wir hören ein Medley ihrer englischsprachigen Songs, zuerst "French Kissing" ("Do it, baby, do it on the beach / Do it, baby, do it down on the street / Do it, baby, do it, you and me / We're gonna do what they call the French kissing").

"Kennt ihr den noch?", fragt Connor. Ja, kennen wir. "Ich will eure Hände sehen, wie früher", fordert sie. Danach kommt "Let's Get Back To Bed - Boy", TQ rappt nicht mit, der ist gerade in Amerika und macht Gangsta-Rap. "Bounce" und "From Zero To Hero" runden das Medley ab.

Weil wir ja schon beim Englisch singen sind, kommt dann noch "Rock With You" und natürlich "From Sarah With Love". Große Gefühle. Danach wird's nochmal funky mit "Working Day And Night" von Michael Jackson, anschließend noch mal neue deutsche Popmusik, dazwischen ein bisschen Gospelfeeling mit "Something's Gotta Hold Me". Zum Abschied schließlich Durchhalteparolen und Binsenweisheiten: "Augen auf / Das hier ist dein Leben / Nur du kannst es bewegen / Augen auf / Liebe wird dich tragen / Dein Herz wird lauter schlagen". Schöner hätten es weder Paulo Coelho noch die Sängerin von Rosenstolz oder Steffi von Silbermond formulieren können. Sarah Connor ist eine gute Sängerin, eine sehr gute sogar, keine Frage. Alles andere, nun ... geht so.

Trackliste

  1. 1. Halt Mich
  2. 2. Anorak
  3. 3. Deutsches Liebeslied
  4. 4. Mit Vollen Händen
  5. 5. Meine Insel
  6. 6. Wenn Du Da Bist
  7. 7. Medley (French Kissing, Let´s Get Back To Bed – Boy!, Bounce, From Zero To Hero)
  8. 8. Rock With You
  9. 9. From Sarah With Love
  10. 10. Das Leben Ist Schön
  11. 11. Bedingungslos
  12. 12. Kommst Du Mit Ihr
  13. 13. Keiner Ist Wie Du
  14. 14. Wie Schön Du Bist
  15. 15. Somethings Gotta Hold On Me
  16. 16. Mein König
  17. 17. Augen Auf

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9 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Es war TQ und nicht T.I.

  • Vor 3 Jahren

    "Du bist das Wasser in dem ich tauch' / Du bist die Brandung, der ich am liebsten lausch' / Du bist die Welle, die mich ganz und gar verschlingt"

    Merci, dass es diiich giiiiiiiiiiibt! (oder so)

  • Vor 3 Jahren

    Widerwärtig und ekelhaft, die zitierten Textstellen. Von so einer aufgesetzten und abgeranzten Mainstream-Mutti braucht ja nun seit ihrem ersten kommerziellen Aufkeimen 2001 wirklich niemand mehr was anderes erwarten, aber mit den persönlichen Highlights der "Du bist für mich / Ich bin für dich"-Liebesliedtextvariation (wie z.B. Björk und Sjón 1997 in "Bachelorette": "I'm a path of cinders / Burning under your feet / You're the one who walks me / I'm your one-way street"; oder bis heute mMn absolut unerreichbar gute Line: "I'm a tree that grows hearts / One for each that you take"...) im Ohr lesen sich die zitierten Stellen von Fr. Connor, als würde man sich dabei mit einer Hand das Trommelfell mit ner heißen Nadel durchstoßen während man sich mit der anderen genüsslich die Haut vom angeritzten Gesicht zieht.

    Da kann Fr. Connor einem schon leid tun. Ist zweisprachig aufgewachsen und kann sich in keiner der beiden Sprachen auch nur annähernd so bewegend ausdrücken wie zwei gebürtige Isländer, die zufällig während der Schulzeit paar Brocken Englisch aufgeschnappt haben.