laut.de-Kritik

Darkness. Imprisoning me. All that I hear. Absolute horror.

Review von

Ach, Sandra. Hast den 80er Pop dominiert wie kaum eine Zweite, hast uns gezeigt, dass man auch von Saarbrücken aus zu den Madonnas und Kim Wildes aufschließen kann, und hast die ganz große Bühne dann Anfang der 90er Jahre generös für deinen Gatten Michael Cretu freigemacht. Seither sehnst du dich zwar immer mal wieder aufs Showtreppchen zurück, siehst dich aber der gemeinen Tatsache konfrontiert, nur im Kreise hoffnungslos rückwärts gewandter 80er-Fans für Aufsehen zu sorgen.

Nach dem wenig beachteten Comeback mit "The Wheel Of Time" vor fünf Jahren ist dein Thema nun eine Spur emotionaler: "The Art Of Love". Dennoch: Schwer vorstellbar, dass es Menschen gibt, die anhand des arg prätentiösen, gestalterisch katastrophalen und insgesamt wenig Fantasiespielraum zulassenden Albumcovers nicht an ein Gewerbe denken, in dem Musik eine untergeordnete Rolle spielt. Oder soll die Pailletten-Ornamentik als Verweis auf den Orient und von dort importierte Liebesspiele sämtliche Unklarheiten beseitigen? Kamasutra mit Maria Magdalena?

Wie man hört, möchte Sandra mit vorliegendem Album "ihre Bühnenpersönlichkeit entmystifizieren", was allein schon deshalb gelingen sollte, da erstmals in ihrer Karriere Ehemann Michael Cretu mit keinem Handgriff am Ergebnis beteiligt war. Stattdessen tritt Jens Gad in Erscheinung, der sogar die Ehre eines "Produced By"-Extraaufklebers auf den CDs erhielt, vermutlich für langjährige, verlässliche Tätigkeiten als Gitarrist und Co-Produzent früherer Sandra-Alben. Praktischerweise hat der Jens auch ein Studio auf Ibiza, weshalb es sich nach dem Sonnenbaden und dem Yoga-Kurs anbot, noch ein paar Songs zu komponieren.

Thematisch dreht sich Sandras Reinkarnation als World Pop-Künstlerin um alte Wunden und Verletzungen aus ihrer Kindheit, also schwer dramatische Ereignisse, die eine entsprechende Umsetzung verlangen. Gleich im relaxten Opener "What D'Ya Think Of Me" blickt sie melancholisch zurück und protzt musikalisch mit der Visitenkarte ihres Gatten. Aber mal ehrlich: Wer sollte Enigmas Räucherstäbchen-Trademarksounds ungefragt nutzen dürfen, wenn nicht des Meisters eigene Frau? Bei ihrer Eröffnungszeile "Darkness in all of my dreams" denke ich zwar eher an "Darkness, imprisoning me, all I see, absolute horror", aber so schlimm war ihre Kindheit im Saarland dann wohl doch nicht.

Im Gegensatz zu Kollegin Kim Wilde, die sich für eine mehr oder weniger stringente Weiterführung ihres alten Popkonzepts entschlossen hat und dies gegebenenfalls beattechnisch aufrüsten lässt, weiß Sandra zumindest zu überraschen. Ihr neuer Sound, den man getrost als esoterische Wellness-Mischung aus Enigma, Enya und Santana (!) beschreiben könnte, wird dadurch leider nicht spannender. Die gefällige Popmelodie im Disco-Fox von "The Way I Am" mag ein wenig an ihre glorreiche Vergangenheit erinnern, der Kinderchor in "Dear God ... If You Exist" die Brücke zu ihren gealterten Fans mit eigenem Nachwuchs bauen, ansonsten sind ihre Songs aber nicht wirklich für einen Markt abseits balearischer Strandcafés gemacht.

Was die Sache nicht besser macht, ist ihre doch mit zunehmender Dauer störende Pieps- und neuerdings auch Krächzstimme ("What Is It About Me", "Put Your Arms Around Me"). Instrumental wäre zum Beispiel "Once Upon A Time" noch gut zu ertragen mit seinem Kruder & Dorfmeister-Beat. Das opulent arrangierte "Casino Royale" stellt dann ganz offensichtlich eine Bewerbung an die James Bond-Score-Verantwortlichen dar, so dass man für den Pop-Standort Deutschland nur hoffen kann, dass die den Song niemals zu Gehör kriegen. Oder ist Sandra eh Spanierin?

Nach dem sehr furchtbaren Cover von Depeche Modes "Freelove" vor fünf Jahren, nimmt sich Sandra mit dem Hooters-Oldie "All You Zombies" diesmal eine Nummer vor, die eh schon unerträglich ist. Passt also. Ach ja, der alte Freund DJ Bobo droppte auch noch einen seiner unwiderstehlichen Raps ("Love Is The Price"). Wie hieß es kürzlich bei Enigma? "A Posteriori", Erkenntnisgewinn nach Erfahrung. Im Falle des Comebacks seiner Frau wäre ich lieber dumm geblieben.

Trackliste

  1. 1. What D'Ya Think Of Me
  2. 2. The Way I Am
  3. 3. The Art Of Love
  4. 4. What Is It About Me
  5. 5. Dear God ... If You Exist
  6. 6. Silence Beside Me
  7. 7. Once Upon A Time
  8. 8. Put Your Arms Around Me
  9. 9. What's Left To Say
  10. 10. Casino Royale
  11. 11. Love Is The Price (mit DJ Bobo)
  12. 12. Shadow Of Power
  13. 13. All You Zombies

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4 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    Ach köstlich geschmunzelt,

    über die Kritik und vorallem über den Schreiber.

    Denkt, seht, hört und lebt weiter im engen Tunnel ohne Licht.
    Ist ja auch am sichersten bzw. unauffälligsten so.

    "Danke für so viel gesunden Menschenverstand"

  • Vor 11 Jahren

    Eine sehr einseitige CD-Kritik, die kaum auf das Musikalische eingeht, sondern sich ausschließlich um die Person der 80er kümmert, ohne dabei zu sehen, dass Menschen sich auch entwickeln und verändern können - soviel zum Thema "A Posteriori" ;-)

    XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
    http://www.wiilevel.de

  • Vor 11 Jahren

    SANDRA - The Art Of Love

    Die geilste CD des Jahres 2007!!!!!

    Viele Kritiker mochten Sandra noch nie und werden sie auch nie mögen!
    Da ist es auch nicht von Wichtigkeit, wenn die Musik doch sehr anspruchsvoll ist!
    Sobald irgendwo Sandra draufsteht, wird diese sofort per schlechter Kritik vernichtet! Man gewöhnt sich als Fan daran ;-)
    Macht nur weiter so, liebe Kritiker......SANDRA ist und bleibt Deutschlands international erfolgreichste Sängerin.....auch wenn es viele von Euch ärgert......ES IST SO!!!!!

    Schreibt lieber weiter gute Kritiken für Weltbands wie Bushido, Tokyo Hotel, 50Cent und Sarah Connor......die haben das anscheinend nötig......ich hau mich weg.....

  • Vor 11 Jahren

    haha was für ein dummes geschwätz...