laut.de-Kritik

Mitt Romney ist das Böse.

Review von

In den letzten Jahren schien sich Ry Cooder in Los Angeles einen angenehmen Lebensabend eingerichtet zu haben. Ohne ganz auf musikalische Arbeit zu verzichten, widmete er sich sich nur noch Projekten, die ihm am Herzen lagen. So entstanden Alben zu seiner Heimatstadt und sogar zu den Abenteuern einer Katze.

Die vorliegende Platte ist auch eine Herzensangelegenheit, doch in einem ganz anderen Sinne: Cooder kotzt sich hier richtig aus. Der Titel ist Programm: In wenigen Monaten sind Wahlen. Dabei gehe es nicht um unsere Zukunft und die unserer Kinder, sondern um Machtdurst und Reichtum. Und um die Fortsetzung eines Systems, das im Paradeland des Kapitalismus, der USA, immer mehr Menschen in Existenznöte bringt, und die wenigen Reichen immer reicher macht.

Schon im ersten Stück redet Cooder Klartext. "Wo hat Mitt Romney sein Lachen her? Aus einem Fernkurs, wie man seinen Hund zu Tode ängstigt? Mir macht er Angst, da besteht kein Zweifel", erklärt der versierte Musiker im Begleittext.

Jedes Stück ist eine Abrechnung. "Gibt es schon eine Wall Street in deiner Stadt? Wenn nicht, gründe einfach eine. Und wenn die Polizei kommt, erkläre ihr einfach, dass du ihre Gehälter bezahlst", sagt er zu "The Wall Street Part Of Town". "Guantanamo" dagegen sei ein traditionelles kubanisches Lied, das von Frieden und Freiheit handele. "Das wird noch dauern. Gefängnisse sind eine wachsender Industriezweig", meint Cooder sarkastisch dazu.

Wenig hält er von laschen Waffengesetzen, Lynchjustiz und Sarah Palin ("Going To Tampa", "Kool-Aid"). Kriegsführung widert ihn an. "Hier in Los Angeles kommen Armee-Rekrutierer an die Schulen. Wenn man versucht, sich zu wehren, kriegt man richtig Ärger. Mir fällt keine Begriff für solch eine ungeheuere Verschwörung ein", erklärt er den Hintergrund von "The 90 And The 9".

Obama erwähnt er nicht namentlich, doch ist der US-Präsident der einzige, für den er Mitgefühl zeigt. "Der Präsident läuft einsam durchs dunkle Oval Office. Bevor du ihn kritisierst und an die Wand stellst, versuche doch mal, dich in seine Haut zu versetzen", so Cooder.

Passend zum 100. Geburtstag Woody Guthries bezieht er sich zum Schluss auf dessen bekanntestes Lied "This Land Is Your Land". "Lasst es euch nicht von den reichen Leuten wegschnappen", lautet Cooders abschließende Warnung.

Starker Tobak. In Deutschland wäre so etwas unvorstellbar, doch in den USA hat es Tradition, dass sich Musiker, Schauspieler oder Schriftsteller offen politisch bekennen und ihre Meinung kundtun. So explizit war im neuen Jahrtausend wahrscheinlich nur Neil Young, der mit "Living With War" nebenbei noch eines seiner besten Alben aus dem Ärmel geschüttelt hat.

Das ist Cooder nicht gelungen. Er hat die Platte selbst produziert und alle Instrumente eingespielt, außer dem Schlagzeug, an dem sein Sohn Joachim saß. Musikalisch bewegt er sich zwischen einer blassen Version von Creedence Clearwater Revival, Delta-Blues und Country, wobei das stampfende, akustische "Mutt Romney Blues", das sarkastisch-fröhliche "Going To Tampa" und das balladeske "The 90 And The 9" noch am meisten überzeugen.

Zu wenig, um den Funken überspringen zu lassen. Dennoch Hut ab vor einem vielseitigen, oft genialen Musiker, der sich im Rentenalter noch einmal zurück meldet, um seinen Mitbürgern ordentlich die Leviten zu lesen.

Trackliste

  1. 1. Mutt Romney Blues
  2. 2. Brother Is Gone
  3. 3. The Wall Street Part Of Town
  4. 4. Guantanamo
  5. 5. Cold Cold Feeling
  6. 6. Going To Tampa
  7. 7. Kool-Aid
  8. 8. The 90 And The 9
  9. 9. Take Your Hands Off It

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