25. Februar 2011

"Castingshows sind erniedrigend"

Interview geführt von

Rumers Debütalbum "Seasons Of My Soul" lockte in England schon so manchen hinter dem Kachelofen des Poprentnertums hervor. Mit der fast schon verloren geglaubten Songwritingkunst der 60er und 70er schlängelte sich die getragende Ballade "Slow" im Sommer 2010 bis in die Top 3 der englischen Charts. Da man auf der Insel niemals um einen Hype verlegen ist, galt Rumer ab sofort als Rettung des alten Souls.Vor einem Showcase in Hamburg trafen wir an einem verregneten Januarmorgen eine etwas müde, aber stets zuvorkommende Sängerin, die Interviews mit derselben Überzeugung bestreitet wie ihre gesamte Karriere.

Zum Einstieg: Kennst du einige deutsche Künstler?

Ja, ich habe schon mit einer Band namens Boozoo Bajou, die auch auf !K7-Records sind, zusammengearbeitet, das war eine interessante Erfahrung. Ich hab' auch noch eine bayerische Rockabilly-Band getroffen, aber sonst eher weniger.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich bin in einem sehr musikalischen Haushalt aufgewachsen. Ich habe sieben Geschwister, alle drei Brüder machten Musik. Wir hatten dafür ein eigenes Musikzimmer zu Hause. Da hatten sie Gitarren, Amps und ein Drumkit, und ich bin immer reinspaziert. Da ich noch nicht so groß war, haben sie mich zum Mikrofon hoch gehoben, damit ich Backing Vocals singen konnte. Also, die ganze Familie ist sehr musikalisch, mein Bruder Chris hat früh schon eigene Songs geschrieben, mein Bruder Rob ist ein großartiger Fingerpicking-Gitarrist, ihn sieht man auch auf dem Cover.

Spielten deine Eltern auch Instrumente?

Nein, nicht wirklich. Es waren nur meine Geschwister, denen ich den ständigen Umgang mit Musik zu verdanken habe.

Niemals überlegt, eine Familienband zu gründen?

Das ist mein Traum. Ich versuche immer noch, sie dazu zu bewegen. Wir wären sicher sehr gut, aber sie glauben nicht, dass sie es draufhaben. Sie nehmen die Musik nicht ernst, für sie war es nur Spaß.

Wann war dir klar, dass du eine Sängerin werden wolltest?

Ich glaube, seit ich Judy Garland gesehen habe, wollte ich eine professionelle Sängerin sein, seit ich fünf Jahre alt war. Eigentlich wollte ich genau Judy Garland sein. (Lacht)

Aber der Weg zur erfolgreichen Sängerin war nicht so leicht, oder?

Allerdings, ich hatte viele verschiedene Jobs, um mich über Wasser zu halten. Ich jobbte als Kellnerin in Bars und Restaurants, als Haarwäscherin, als Lehrerin, im Kino, als Köchin, Putzfrau, Zimmermädchen – ich war eigentlich schon alles einmal. Und parallel machte ich immer Musik.

Warum hast du weitergemacht? Was hat dich angetrieben.

(Lange Pause) Hoffnung. Die Leute reden zwar immer recht schnell von Schicksal und Vorbestimmtheit, aber ich glaube, dass es tatsächlich immer schon mein Schicksal war. Ich wusste, dass das meine Bestimmung ist. Alles andere, was ich vorher oder nebenbei machte, war mein Training. Ich habe zehn Jahre lang kämpfen müssen, um da zu sein, wo ich jetzt bin. Das war mein Training. Wie viel kannst du aushalten? Glaubst du wirklich daran? Hast genügend Gottvertrauen? So wurde ich bis ans Limit gedrängt. Aber ich hatte immer noch Hoffnung, glaubte fest daran, hatte viel Liebe und Passion, und so konnte ich es schaffen.

Also wolltest du nie aufhören?

Ach, ich dachte immer ans Aufhören. Aber, wie gesagt: Die Hoffnung und der Glaube an mich selbst siegten über die Zweifel.

Auf dem Album gibt es sowohl klassisch-anhimmelnde Lovesongs als auch traurige Klagelieder über Verlust. Wie balanciert man die zwei Enden des emotionalen Spektrums aus?

Ich schrieb einfach über meine Erfahrungen und Emotionen. Und es war halt so, dass meine Emotionen wirklich all over the place waren. Ich war noch jünger, wilder, uneingeschränkt und sehr leidenschaftlich, daher ist eine wirklich breite emotionale Bandbreite auf dem Album zu hören. Auch sehr viel Trauer, weil ich viele Menschen verloren habe, so rund um 2003. Da war ich in meinen frühen Zwanzigern.

Meine Zwanziger waren wirklich mit Trauer überschattet. Ich verlor meine Mutter, meine Großmutter, meinen Stiefvater, meine Tante – es war wie Gewehrfeuer, das meine ganze Familie auslöschte. Dadurch löste sich auch mein Zuhause auf, generell der Gedanke eines Heimes, das Gefühl eines Ortes. Das Haus wurde verkauft, es gab Testamentverhandlungen, Erbstreitereien, und darüber hinaus musste man mit dem Verlust und der Trauer fertig werden. Dann kamen die ganzen Gedanken – gibt es ein Leben nach dem Tod, was bedeutet das Leben eigentlich, und so weiter. Das war eine unglaubliche Zeit des Todes und der Wiedergeburt. Das sind die Themen, mit denen ich mich auf dem Album näher beschäftige.

Sind die Lyrics alle autobiographisch?

Ja, zum größten Teil. Manchmal mit Elementen der Fiktion, des Theaters. Ich habe doch auch eine große Vorstellungskraft.

Als Journalist versucht man immer, Musik auf neue Arten zu beschreiben und zu interpretieren. Wie würdest du als Künstlerin selbst deine Musik beschreiben?

Ich beschreibe es als Musik, (lange Pause) die Tiefe hat. Sie kommt von Herzen und erkundet menschliche Erfahrung von einer persönlichen Sichtweise aus. In Sachen Sound klingt es nach Soul/Jazz im Singer/Songwriter-Stil. Ich bin Singer/Songwriter im Soul/Jazz-Stil.

"Es ist schwer, eine simple Sprache zu verwenden."


Welchen Einfluss hatte dein Produzent Steve Brown auf den Sound? Würdest du diese Art von Musik auch ohne ihn machen?

Ja, würde ich. Steve war in dem Sinn entscheidend, weil er für alles bezahlt hat, für die Musiker und so. Und Steve hat ein sehr feines, klassisches Gespür, er gab der Musik diesen fließenden, klassischen Sound, den ich auch immer für diese Songs haben wollte.

Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Er kam nach einer Show einfach zu mir, ihm gefiel meine Arbeit. Er wollte unbedingt, dass ich zu ihm ins Studio komme und mit ihm arbeite. Und so passierte es. Nun ist er auch auf dem Album vertreten, er spielt viele der Instrumente.

Du bekommst zur Zeit sehr gute Presse, vor allem in den englischen Medien ...

Überraschend, ja!

Überrascht dich das große Medieninteresse?

Nun ja, ich bin ja eine Art Schriftsteller, und Journalisten eigentlich auch. Da gibt es halt gegenseitigen Respekt, denke ich mir. So überrascht es mich nicht so sehr, dass anderen Autoren meine Texte gefallen, weil sie sie verstehen. Und sie sind es wahrscheinlich auch leid, immer uninteressante Lyrics zu hören. In meiner Musik kann man viel entdecken, es gleicht auf der Textebene einem Puzzle, man kann viel zusammensetzen. Und das auf eine Art und Weise, die Menschen, die sich professionell mit Texten, Literatur und Posie auseinandersetzen, gefallen kann.

Und trotzdem kann auch der normale Hörer mit deiner Musik etwas anfangen.

Ja, das war stets mein Ziel. Ich versuchte, einen Weg zu finden, um eine komplizierte Botschaft oder ein kompliziertes Gefühl auf eine möglichst simple Art und Weise zu vermitteln. Bei manchen Künstlern sind die Lyrics sehr subjektiv, teilweise obskur und schwer zu fassen. Sie machen komplizierte Referenzen oder verwenden abstrakte Bilder. Das ist immer noch schön, aber nicht zugänglich. Ich wollte hingegen die komplizierte Idee in kurzen und einfachen Geschichten erzählen. Ich denke, das ist mir gelungen, indem ich eine sehr einfache Sprache verwendet habe. Es gibt einige Kommentare, dass meine Texte sogar zu simpel und uninteressant sind, aber genau darin liegt der Sinn. Es ist sehr schwer, eine wirklich simple Sprache zu verwenden.

Liest du alle Reviews, die du kriegst?

Immer wieder einige, ja. In manchen erkenne ich mich zwar überhaupt nicht wieder, aber ich lese sie. Manchmal kann es sogar interessant sein. Und es macht mir nichts aus, kritisiert zu werden. Oft sind diese Kritikpunkte durchaus gerechtfertigt.

Neben der Presse hast du auch einige berühmte Fans, wie zum Beispiel Elton John und Burt Bacharach ...

Richtig, Elton John ist sehr nett. Ein sehr netter, herzlicher Mann. Ich habe ihn auch schon im Roundhouse getroffen. Und mit Burt Bacharach habe ich sogar einen Song aufgenommen, das war großartig. Er gab mir einen Song und wir schickten ihn uns immer hin und her, schlussendlich veröffentlichte ich die Nummer an Weihnachten.

Würdest du die beiden auch als musikalische Einflüsse bezeichnen?

Ja, klar! Ich meine, ich kann nicht wirklich sagen, dass ich mit Elton John und seiner Musik aufwuchs, obwohl ich ihn sehr schätze. Burt Bacharach hatte sicher riesigen Einfluss auf meine Musik. Andere Künstler wären Carol King, Joani Mitchell, Nina Simmone, Roberta Flack, Ella Fitzgerald – die ganzen alten Songwriter aus Amerika, alte Hollywood-Musicals aus den Dreißigern. Darüber bin ich wirklich zur Musik gekommen. Auf der einen Seite über die ganzen alten Fernsehmusicals, auf der anderen Seite auch über alte Folk-Gesänge mit klassischer Gitarre.

"Pop ist jetzt so kultiviert wie noch nie."


Du bist für zwei Brit Awards nominiert. Was bedeuten dir diese Nominierungen? Nur sinnloser Preis oder Anerkennung von der Industrie?

Irgendwie beides. Auf der einen Seite ist es ein geschäftlicher Award, der existiert, um Verkäufe zu steigern. Gleichzeitig ist es eine wunderbare Sache, vom Establishment anerkannt und von mehr Menschen gehört zu werden. Weil: Die meisten Menschen fragen sich, wer diese Frau da ist, die da nominiert ist.

Rechnest du dir Gewinnchancen aus?

Ich erwarte mir eigentlich keinen Gewinn. Natürlich wäre es schön, Englands neuer Breakthrough-Artist zu sein. Aber die Sache ist die: Breakthrough wird von BBC Radio 1 ausgeschrieben, und der Sender hat Rumer nie gespielt. Es läuft so nach dem Motto: Votet für euren Lieblingskünstler, den Radio 1 spielt. Keiner der Verantwortlichen dort hat je einen Song von mir gehört. Das ist natürlich etwas merkwürdig, aber man wird sehen.

Im aktuellen Popgeschäft bekommt man den Eindruck, dass sich nur noch mit viel nackter Haut und Skandalen Musik verkaufen lässt. Wie ist deine Einschätzung der Popmusik?

Ich mag Pop, ich denke, Pop hat seinen Platz. Mir gefällt La Roux und Marina And The Diamonds, Katy Perry, Lady Gaga. Ich denke, jetzt gibt es im Pop einen Grad an Kultiviertheit, den es so noch nie zuvor gegeben hat. Eigentlich sollte jedes Genre irgendwie im Mainstream vorhanden sein. Pop ist da vielleicht etwas überrepräsentiert.

Eine weit verbreitete Meinung besagt, dass in der populären Musik das Image in den Vordergrund tritt und die Musik und die Songs selbst nicht mehr so wichtig sind.

Wir alle sind viel visueller geworden. Sieh dir an, wie sich Videospiele viel, viel besser verkaufen als Alben. Wir sind eine Welt voller Gamer. Die Kunst des Zuhörens verschwindet immer mehr. Alles wird sehr visuell, auch sehr austauschbar. In den Augen eines Marketingverantwortlichen muss das aber wahrscheinlich so sein. Lady Gaga trägt all diese unglaublichen Outfits, ist gleichzeitig Kunst und Künstler und kommentiert dabei noch das Weltgeschehen. Mit der Zeit wird es echt anstrengend, immer so auffallen zu müssen. Deshalb mach' ich so etwas nicht.

Wie stehst du zu Castingshows wie "X-Factor" und Konsorten?

Ich find sie wirklich schräg. Ich fühle mich schuldig, weil ich es mir ansehe. Weil es ist unterhaltsam, ganz ehrlich. Aber es geht nur um Aufstieg, nicht um Talent. Die Leute wollen von der Show in ein anderes Leben gehievt werden, wollen Luxus, Berühmtheit, Starruhm und das alles. Und das ist richtig naiv. Es ist kein guter Plan, den man als Sänger oder Künstler verfolgen sollte. Denn die Firmen und Sender kontrollieren dich und deinen Weg, treffen all deine Entscheidungen für dich. Sagen dir, was du tun und singen sollst. Dann bekommst du vielleicht einen schlechten Vertrag und wirst durchgekaut und ausgespuckt, weil die nächste Staffel schon vor der Tür steht. Bis du ein paar Singles draußen hast, fängt schon die nächste "X-Factor"-Staffel an, und du bist nur noch langweilig. Und für all diese Kandidaten mit ihren Debüt-Singles gibt es dann einfach keinen Platz mehr am Markt.

Also hast du auch nie überlegt …

(Rasch) Nein, niemals. Meine Mom hat immer gesagt, los mach', das gewinnst du. (Lacht) Aber das wäre nichts für mich. Ich ziehe es vor, selbst hinter dem Steuer meiner eigenen Karriere zu sitzen und die Entscheidungen selbst zu treffen. Wenn ich da mitmachen würde, müsste ich einer Maschinerie die ganze Macht überlassen.

Auch die eigene Freiheit aufgeben?

Ja, das klingt schlimm oder? Und noch dazu ist es erniedrigend. Ich hätte es definitiv nie gemacht.

Und nun verfügst Du über die angesprochene Freiheit in deiner Karriere?

Ja, die hab' ich. Atlantic Records ist ein großartiges Label. Hat die Seele eines Indie-Labels und das Budget eines Majors. Sie sind sehr gut zu mir. Ich habe auch die kreative Kontrolle, designte das Artwork. Alles liegt in meiner Hand.

Mit dieser totalen Kontrolle, was erwartest du im Jahr 2011?

Viele Reisen, viele neue Orte, viele neue Menschen, viele Interviews, viel Promotion, viel harte Arbeit. Ich will selbstbewusster werden und mich besser hier zurecht finden. Es ist schon sehr seltsam, sich in einem Hotel wiederzufinden, und jeder hält dich für diesen großen Star. Es ist interessant, damit fertig zu werden. Und auch irgendwie einen Ausgleich zu suchen. Weil: Jeden Tag nur über sich selbst zu reden, das ist nicht wirklich gesund für die Persönlichkeit. (Lacht) 2011 geht es um Balance und den Genuss des ganzen Prozesses hier. Und auch darum, yeah, einfach Spaß zu haben.

Das klingt doch gut. Zum Abschluss, was ist auf deinem iPod?

Ich habe sehr dysfunktionale Hörgewohnheiten. Ich höre mir einen Song zwei Wochen lang immer und immer wieder an. Höre nichts anderes, sondern immer nur diesen Song. Und da gibt es zur Zeit genau zwei: "Misty" gesungen von Ella Fitzgerald und "Jesus and Gravity" von Dolly Parton.

Vielen Dank für das Gespräch!

Am Abend versank das anwesende Volk tief in den weichen Futons des Stageclubs anlässlich der sehr intimen Performance, die Rumer selbst sprichwörtlich aus den Latschen kippen ließ: Die hohen Schuhe kickte sie nach dem dritten Song elegant von der Bühne. In wallender Garderobe und meist mit geschlossenen Augen übertraf sie mit ihrer sehr zurückhaltenden Band die Atmosphäre des Albums um einige Ecken. Besonders ihre stimmliche Kraft demonstrierte, dass wahre Emotion auch auf der Bühne funktioniert.

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