laut.de-Kritik

Shakespeare, Klassik und Orchesterpop.

Review von

Zum 400. Todestag William Shakespeares tobt sich Rufus Wainwright aber mal so richtig aus: Über die Deutsche Grammophon veröffentlicht der Musiker die Shakespeare-Vertonung "Take All My Loves - 9 Shakespeare Sonnets", auf der er seinen Geschmackskosmos zwischen Pop und Oper beherzt, ausgiebig und mit hörbar viel Vergnügen auslotet.

Den Ursprung nahm das Projekt 2009, als der Musiker vom Theaterregisseur Robert Wilson gebeten wurde, 25 Shakespeare-Sonette für eine Aufführung des Berliner Ensembles zu komponieren. Wainwright nahm das auch als Testlauf für seine erste Opernproduktion und fand großen Gefallen an der Arbeitsweise und den Produktionsabläufen.

Zu Synthesizerklängen eröffnet nun die walisische Schauspielerin Siân Phillips mit einer Rezitation des Sonett 43. "When most I wink, then do mine eyes best see / For all the day they view things unrespected / But when I sleep, in dreams they look on thee / And darkly bright are bright in dark directed", heißt es in diesem. Gleich darauf nimmt sich Wainwright dem Sonett in Form einer Opernarie an, gesungen von der österreichischen Kolatursopranistin Anna Prohaska.

Wainwright zeigt keine Angst, stilistisch große Sprünge zu vollziehen. Im nächsten Stück, der Vertonung von Sonett 40 ("Take All My Loves") singt der Maestro selbst. Hierfür dachte er sich ein Arrangement aus, das wohl am ehesten mit dem Terminus 'Breitband-Kammepop' zu beschreiben ist. Pulsierende Perkussion und eine sich immer mehr in Dringlichkeit und Hektik steigernde Harmonik fordern bestimmt auf: "Take all my loves, my love, yea take them all / What hast thou then more than thou hadst beforen? / No love, my love, that thou mayst true love call / All mine was thine, before thou hadst this more". Wainwright fügt etwas Ruheloses, beinahe Hastiges hinzu.

Bevor es mit einer erneut ausufernden Vertonung des Sonett 20 - erneut gesungen von Anna Prohaska - weitergeht, rezitiert es Frally Hynes in einem kurzen Intermezzo. In der anschließenden musikalischen Bearbeitung eröffnen verhallte Klavierakkorde und Streicher - der Rahmen ist mit 3:49 Minuten beinahe der eines Popsongs. Nur kurz steigert sich gegen Ende des Stücks die Dramatik, wenige Paukenschläge später hallt das Stück bereits aus und geht nahtlos in "For Shame" über: Wainwrights Bearbeitung des Sonett 10, ebenfalls dargeboten von Prohaska. Knappe drei Minuten orchestrale Opulenz, die gegen Ende zum Klimax kommen. Im Anschluß rezitiert der Schauspieler Peter Eyre noch mal das vergangene Sonett.

Dann tritt wieder Wainwright ans Mikrofon, und erneut folgt ein Kammerpop-Arrangement, das allerdings in ausufernden Rock übergeht, ehe das Stück in der Zielgeraden noch eine Wendung in Richtung Musical-Pop nimmt. Die Gäste: Helena Bonham-Carter, Martha Wainwright und Flora Butler. Ziemlich groß.

Danach schüttelt er noch weitere Asse aus dem Ärmel: Prinzessin Leia, Pardon, Carrie Fisher rezitiert Sonett 29, William Shatner Nummer 129. Dazwischen hört man fantastischen Breitbandpop mit Florence Welch an den Leadvocals, im Hintergrund: Wainwright und Ben De Vries. Hier zeigen sich seine kompositorische Stärken in Reinform - irgendwo zwischen großem Pop, Filmmusik, Musical und klassischem Unterton bewegt sich "When In Disgrace", eines der Highlights der an Highlights nicht armen Platte.

Dramatische Streicherbögen eröffnen Sonett 129 - wieder springt Rufus mit Anna Prohaska, grandios und nahtlos in eine andere Klangsphäre. Danach kommt das Berliner Ensemble zum Zug, mit dem das Projekt unter Wilson seinen Ursprung nahm. "All dessen müde nach Rast im Tod ich schrei / ich seh es doch / Verdienst muss betteln gehen", spricht der Schauspieler Jürgen Holz das Sonett 66. Dazu erklingt dissonante Geigen- und Klavierdramatik, ehe sich das Stück mit Christopher Nell in eine ganz andere, theatermusikalische Richtung entwickelt: "Und reinste Treu am Pranger steht dabei / Und kleine Nullen sich im Aufwind blähen, und Talmi-Ehre hebt man auf den Thron/ Und Tugend wird zur Hure frech gemacht / Und wahre Redlichkeit bedeckt mit Hohn / Und Kraft durch lahme Herrschaft umgebracht / Und Kunst das Maul gestopft vom Apparat /und Dummheit im Talar Erfahrung checkt".

Das Lebwohl gibt noch mal Anna Prohaska mit Sonett 8 ("Farewell"), das Inge Keller zuvor mit großartiger Stimme gelesen hat. Damit endet ein imposantes und vor Farben nur so berstendes Album, dem man den Spaß und die Begeisterung, die Wainwright für das Projekt aufbrachte, deutlich anhört. Und wer für Shakespeare nichts übrig hat, überspringt einfach die Rezitationen, um einem musikalischen Abenteuer zwischen Oper und Pop zu lauschen Rufus, thou didst good!

Trackliste

  1. 1. Sonnet 43
  2. 2. When Most I Wink (Sonnet 43)
  3. 3. Take All My Loves (Sonnet 40)
  4. 4. Sonnet 20
  5. 5. A Woman's Face (Sonnet 20)
  6. 6. For Shame (Sonnet 10)
  7. 7. Sonnet 10
  8. 8. Unperfect Actor (Sonnet 23)
  9. 9. Sonnet 29
  10. 10. When In Disgrace With Fortune And Men's Eyes (Sonnet 29)
  11. 11. Sonnet 129
  12. 12. Th'Expense Of Spirit In A Waste Of Shame (Sonnet 129)
  13. 13. All dessen müd (Sonnet 66)
  14. 14. A Woman's Face - Reprise (Sonnet 20)
  15. 15. Sonnet 87
  16. 16. Farewell (Sonnet 87)

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1 Kommentar

  • Vor 3 Jahren

    Schöne Rezension. Echt treffend beschrieben, was Rufus da für ein Kunstwerk geschaffen hat. Da taucht man richtig mit ein ... Neben all den genannten ist "Unperfect Actor" noch ein Highlight. Schön schrammelig. Shakespeare würde sich bestimmt auf die Schenkel klatschen und freuen ;-).