9. Oktober 2018

"Ich wollte wie Cave oder Cohen singen"

Interview geführt von

Nach dem Tod von Gitarrist Piotr Grudzinski lagen Riverside auf Eis. Nach dem Farewell mit der Ambient-Kompilation "Eye Of The Soundscape" stürzte sich Mastermind Mariusz Duda in weitere Arbeit und bewältigte den Verlust aktiv.

Auch durch die beiden Releases von Lunatic Soul ("Fractured", "Under A Fragmented Sky") wurde Duda klar, dass die Erinnerung an den Gitarristen nur durch den Fortbestand von Riverside weiterlebt. "Wasteland" geriet nicht nur zur Brücke zwischen den alten und neuen Riverside, sondern weist trotz der düsteren Thematik in die Zukunft, wenn auch mit mahnendem Finger. Im Bewusstsein, etwas Großes geschaffen zu haben, präsentiert sich der Mittvierziger beim Gespräch deutlich aufgeräumter als beim letzten Mal.

Hi Mariusz, ich hoffe, dir geht es gut.

Ja, mir gehts ziemlich gut. Ich komme gerade aus den Ferien. Ich war auf den kanarischen Inseln, habe das Grün und die Palmen genossen und mich ein wenig in meinem persönlichen "Wasteland" wiedergefunden. Da gibt es einige postakokalyptische Landstriche. Das Thema verfolgt mich also wie du hörst (lacht).

Die neue Platte hat keinen Titel, der aus sieben Worten besteht, sondern trägt schlicht und einfach den Titel "Wasteland". Warum habt ihr euch zu dieser Wahl entschlossen?

Wir haben die Wahl getroffen, weil damit das neue Kapitel von Riverside beginnt. Die Anzahl der Worte im Titel war sehr wichtig für das vierte, fünfte und sechste Riverside-Album. Nun habe wir Nummer sieben erreicht und diese Zahl taucht im Titel auf. Wenn man einen Blick auf das Cover wirft, springt einem dieses Mal die Zahl ins Auge.

Beschreibst du mit "Wasteland" einen dystopischen Ort in der Zukunft oder spielst du auf die heutige Zeit an?

Es geht mehr um unsere Realität und die Zukunft, die daraus entwächst. Ich wollte eine post-apokalyptische Story kreieren, was ich eigentlich immer möchte (lacht). Aber jetzt lassen es die Umstände, die Riverside ereignet haben, anders erscheinen. Wir haben als Band das Ende der Welt erlebt. Deswegen passt das post-apokalyptische Thema perfekt zu uns. Das ist jetzt der richtige Moment. "Wasteland" spielt nicht nur auf die Situation in der Band an. Manche identifizieren sich mit der Situation in Polen, andere mit der in Europa. Es ist die Geschichte über die Zeit, in der wir leben. Wir leben in unsicheren Zeiten. Das wollte ich heraus stellen. Der Titel ist multidimensional und voller Symbolik.

Lass uns über die Musik sprechen. Es gibt diesen A-Capella Einstieg mit "The Day After". Ihr baut die Platte wie einen Score auf, der dann mit "Acid Rain" und "Veil Of Tears" richtig Fahrt aufnimmt. Beide Tracks leben von einem Old School-Metal-Vibe. Gehst du damit zurück zum Sound deiner wilden Jugendjahre oder ist es auch eine Reaktion auf die Fuzzy Gitarren-Sounds, die Maciej Meller auf eurer Kollaboration "Breaking The Habbit" verwendet?

Das ist eine interessante Sicht. Aber "Breaking The Habbit" hat mich nicht beeinflusst, denn Maciej spielt auf unserer neuen Platte keine Rhythmus-Parts. Die spiele ich. Er ist für die meisten Soli zuständig. Aber um auf deinen Punkt zurückzukommen. Riverside lassen sich grob in zwei Perioden einteilen. Die alten Riverside zwischen "Out Of Myself" und "Anno Domini High Definition" klangen progressiv mit komplizierten Strukturen, abgerundet von einem Underground-Sound sowie einer Underground-Produktion (lacht).

Auf "Shrine Of New Generation Slaves" entwickelte sich alles in eine professionelle Richtung. Zu dieser Zeit haben wir großen Wert auf das Songwriting gelegt und uns mehr auf die einfachen Dinge konzentriert, aber spielten gleichzeitig immer noch abgefahren und wesentlich professioneller. "Wasteland" ist für mich die Brücke zwischen diesem neuen Ansatz und einem Zurück zu diesem Underground-Stil. Es ist nicht so, dass ich dahin zurück wollte. Ich dachte, dass "Wasteland" vom Sound her rostiger, roher, erdiger klingen sollte, um diese post-apokalyptische Stimmung zu erzeugen.

Ich konnte mir hingegen nicht vorstellen zu unseren elektronischen Einflüssen zurück zu gehen. Das ist die Story einer post-apokalyptischen Welt, in der es als einziges Instrument eine alte Gitarre mit verrosteten Saiten gibt. Zu Gunsten eines organischen Sounds haben wir dieses Mal die elektronische Seite stark zurückgefahren. Gerade nach der Erfahrung mit Lunatic Soul wollte ich etwas anderes probieren. Das ist der Hauptgrund, warum der Sound sich so entwickelt hat.

"Acid Rain" und "Veil Of Tears" sind nur die Einführung zum Ende der Welt. Den größten Einfluss auf das Ende der Welt in der Zukunft könnte einmal Politik haben. Darum geht es in "Acid Rain". Auf der anderen Seite ist es Religion und darum dreht sich "Veil Of Tears". Menschen, die Politik und Religion in einer schlechten Absicht nutzen, bergen eine große Gefahr. Das ist die Introduktion, die wie ein Erdbeben heranrollt. Das eigentliche Thema beginnt mit "Guardian Angel". Das ist der Anfang von etwas Neuem.

Du hast mehrfach die post-apokalyptische Szenerie angesprochen, dann lass doch direkt mal über das Instrumental des Albums sprechen, "Struggle To Survival", ein zehn minütiges Meisterwerk, in dem einiges von statten geht und ihr genau diese Stimmung musikalisch umsetzt. Wie seid ihr an die Ausarbeitung dieses Monsters herangegangen?

Auch dieser Track wurde auf der Akustik-Gitarre geschrieben (lacht) und zwar sämtliche Riffs. In meinem Kopf hab ich es mir ziemlich ausgemalt. Es war schon darauf angelegt, komplizierter zu klingen. Ich bin sehr gespannt, da wir zum ersten Mal seit "Second Life Syndrome" ein Instrumental auf dem Hauptalbum haben. Wir hatten den Song "Rapid Eye Movement" und weitere Instrumentals auf den Bonus-Discs oder auf der Kompilation "Eye Of The Soundscape".

Jetzt fühlte es sich so an, dass das Album ein großes Instrumental benötigt. Aber ich wollte es in einer etwas anderen Art und Weise machen. Und so kam der rostige, groovige Beat dabei heraus, neben einigen anderen verrückten Sounds. Darüber hinaus bin ich sehr stolz auf das Geigen-Solo. Ich stimme dir zu, Maciej spielt das Solo, das ein wenig untypisch klingt. Wir wollten einen King Crimson-Anstrich haben, der die Intensität des Albums widerspiegelt, weniger eine floydige Note. Ich mag es sehr was er zu Beginn des zweiten Teils spielt.

"Du hast Mad Max als einsamen Reiter in einem Western."

Der zweite Teil von "Acid Rain" trägt Züge eines Western-Soundtracks. Wie stehst du zu diesem Soundtrack-Vibe oder ist es vielmehr so, dass Mariusz Duda ein Faible für Colts, Zigarillos, Pferde reiten und Filme wie 'Die Glorreichen Sieben' oder die alten Streifen von John Wayne und Clint Eastwood hat?

Für mich ist "Wasteland" ein Road Movie und ein Road Movie-Soundtrack dazu. Die Story spielt sich in einer post-apokalyptischen Welt ab und diese Welt ähnelt dieser Western-Welt ziemlich. Es gibt dort viel Landschaft und Raum und du hast nur den einsamen Reiter. Du hast Mad Max als einsamen Reiter, aber in einem Western, eine Art Post-Western-Szenario. Und ich hatte tatsächlich diese Clint Eastwood-Ästhetik im Sinn oder Sergio Leone-Filme mit der ikonischen Morricone-Musik.

Ich erinnere mich daran, als wir die Parts für "Wasteland" spielten, klang das gerade im zweiten Teil nach einem Western, diese "Ahahah"-Chöre. Und Michael sagte: Oh das ist perfekt, ich habe auch noch die passenden Sounds in der Datenbank dafür. Die hörst du schon von Anfang an, was wieder eine Reminiszenz an 'The Good, the Bad and The Ugly' darstellt (lacht). Für uns ist das etwas Neues, und wir wollten es unbedingt verwenden. Was ich herausstellen möchte, ist, dass "Wasteland" das Album mit der Musik für die großen Räume ist und cinematisch klingt. Gleichzeitig kommt es bei den kommenden Shows ziemlich eindrucksvoll daher, wenn alle Fans diese Melodien intonieren.

Ihr kreiert einige großartige Bilder. Was kannst du zur Lyrics-Zeile "Wading To The Desert To The Promised Land You Burned To The Ground" sagen? Ziemlich symptomatisch für die Story, oder?

Wie ich schon sagte, dreht sich "Acid Rain" um die Politik und "Veil Of Tears" um Religion, speziell um die katholische Kirche. Diese beiden Songs setzen sich mit der Vergangenheit auseinander. Ich stelle mir mich selbst in der Zukunft vor inmitten dieses Post-apokalyptischen Themas. Ich dachte dabei häufig an einen Teufelskreis. Es gibt die Politik und einige Leute, die in Religion involviert sind. Die Story ist eine Rückkehr an den selben Ort, wie man es beim letzten Mal getan hat und wieder davor. All diese Kreuzzüge, die stark mit der Religion verbunden sind. Dies spielt sich in der Vergangenheit ab.

Seitdem hat sich nichts geändert. Manchmal bringt dich Religion dazu, nicht unbedingt die besten Dinge zu tun. Ich stellte mir dieses verheißungsvolle Land komplett zerstört vor durch das Ende der Welt. Und dies hat sich schon einige Male in der Vergangenheit abgespielt. Aber ich dachte, dass es eine nette Einführung in dieses post-apokalyptische Thema abgibt. Aus mancher Sicht wurde aus dem versprochenen Land das Ende der Welt, was nicht gut ist. Das sind die Lehren, die für die Zukunft zu ziehen sind.

Nun habt ihr drei Balladen auf dem Alben, die allesamt sehr emotional ausfallen. Jedes dieser Stücke zeigt eine unterschiedliche Seite deines Stimmumfangs. Du wirst ja häufig mit dem hohen und soften Timbre in Verbindung gebracht und speziell im Track "Guardian Angel" singst du sehr tief, aber auch zerbrechlich und daraus entsteht ein cooler Kontrast. Wie kam es zu dieser Form der Intonation und der Verwendung des dunklen Timbres in "Guardian Angel"?

Ich wollte einfach etwas anderes ausprobieren. Dem geht eine lustige Story voraus: Vor der Tour, die wir letztes Jahr starteten, hab ich mich dazu entschieden, Gesangsunterricht zu nehmen, da es zu einer langen Pause nach Piotrs Ableben gekommen war. Ich war mir nicht sicher, ob ich in physischer Hinsicht den Shows gewachsen sein könnte. Deswegen wollte ich üben und einige Stimmübungen erlernen. Nach sechs Alben mit Riverside und vier Platten mit Lunatic Soul, habe ich mich schließlich dazu durchgerungen, Gesangsuntericht zu nehmen (lacht).

Mein Vocal-Coach meinte zu mir, dass ich über eine coole tiefe Stimmfarbe verfüge. Ich meinte, ich nutze sie nicht aufgrund der Arrangements, da ich mich an den Parts orientiere. Dann ändere halt die Arrangements war seine Antwort (lacht). Auf der anderen Seite kommt dieser Charakter relativ häufig zum Tragen, allerdings nur als Backround-Stimme und nie als Hauptstimme. Wir hatten nun diesen einsamen Reiter und diese Wild West-Movie-Stimmung. Es soll etwas männlicher klingen. Was sollte ich tun, damit es männlich klingt, Screamen? Ich kann doch nicht wie Nick Cave oder Leonard Cohen singen, um männlicher zu wirken. Aber vielleicht sollte ich es probieren, dachte ich. Und es funktionierte. So stellt es sich heraus, dass wir etwas anderes auf dem Album haben und ich mag das sehr.

"Die Kirche schwebte irgendwo in meinem Kopf rum."

Es gibt ja noch weitere Vocal-Experimente. Du hast Melodien ohne Text, die dunkle Stimmfarbe und viele Vocal-Schichten. Geht das auf deinen Unterricht zurück?

Nicht direkt, das hat eher damit zu tun, dass mein Lehrer meinte, ich solle in diese Richtung singen. Das wäre keine schlechte Idee. Der Rest fällt in den Bereich persönliche Entwicklung, etwas anderes ausprobieren zu wollen. Dies versuche ich bei jedem Album. Etwas wollte ich ändern. Ziemlich am Anfang, als es daran ging, die Platte zu komponieren, fragte ich mich selbst, was zu ändern wäre, wie wir es generell angehen sollen. Klar war, dass wir nicht mehr die gleiche Band sein konnten.

Das schlechteste was wir hätten machen können, wäre gewesen "Anno Domini High Definition, Pt 2" aufzunehmen. Wir sahen uns einer anderen emotionalen Situation ausgesetzt. Ich dachte wir sollten die Band auf uns besinnen, weniger diesem britischen Rock Einfluss nacheifern. Das sind wir nicht. Was bringt uns mehr Qualität, war unser Ansatz.

Es klingt lustig, aber ich wollte in meinen Melodien eine patriotische Form des Denkens verankern. Das war der Aufhänger, nicht ein weiterer melancholischer Song. Deswegen gibt es "The Day After", die Vocals breiten sich förmlich aus. Selbst in einem traurigen Song wie "Lament" sollten sie powervoll klingen. Deswegen änderte ich die Melodieverläufe dieses Mal. Glücklicherweise klingt es gut. Meine Stimme wird in verschiedene Bedeutungsebenen transportiert.

Lass uns über "The River Below" sprechen. Der Refrain besitzt diese verträumte Melodie, die mich an den großartigen Moment auf dem letzten regulären Album erinnert in dem Abschlusssong "Found". Es gibt eine weitere Verbindung zu eurem letzten Album, wenn du dir die Textzeile vor Augen führst: "Take Me To The River Down Below", die mich an die Zeilen des Openers von "Love, Fear And The Time Machine" erinnern: "Come Follow Me And Go Down Were The River Flows". Gibt es eine Verbindung zum Vorgänger oder verbindet ihr damit sogar einen kleinen Funken Hoffnung?

Warum verwende ich diese Zeile "Take Me To The River Down Below? Einige Leute meinten schon, ob wir vielleicht an "Lost" anknüpfen wollen. Ich meinte nur, dass ich die Lyrics später ändern könnte. Jetzt springt es einem natürlich ins Auge, weil ich es gelassen habe (lacht). Ich wollte das Bild des Flusses verwenden, denn diese Zeile ist eine Geschichte über Erinnerungen.

Es ist die Geschichte eines einsamen Reiters, man kann ihn auch als Helden der Geschichte bezeichnen. Er kommt plötzlich an einem Grab vorbei, ein Haufen Steine. Er weiß, dass jemand hier begraben ist. Dann gibt es die Stimme, vielleicht die des Geistes. Diese erzählt die Story aus dessen Sicht heraus. Und diese fleht förmlich: Nimm meine Seele und trage sie zu dem Fluss herunter. Wenn du dich selbst im Fluss findest, wird die Erinnerung an dich ewig bleiben. Der Fluss ist die Ewigkeit in diesem Sinne, er trocknet nicht aus.

Das ist eng mit Piotr verbunden. Ich stelle mir vor, dass die Erinnerung an ihn weiterlebt, wenn er mit dem Fluss verbunden bleibt bzw. mit Riverside verbunden bleibt, also mit uns. Aus diesem Grund hab ich mich dazu entschieden diese Textzeile beizubehalten.

Es geht um liebgewonnene Erinnerungen. Das ist das gleiche mit Piotr in "The River Down Below". Seine Seele, sein Geist umgibt uns in dem Song. Das ist gleiche wie in dem Song "Lament", da dreht sich auch der erste Teil um ihn. Das war mein Einfluss. Wenn du diese Referenzen zu "Lost" und "Found" findest, dann ist das schön, weil es immer noch Riverside ist und unsere Melodien wiederspiegelt, die Art wie wir unsere melancholische Seite zum Ausdruck bringen.

Du hast über das Thema Religion als Teil der Lyrics gesprochen. Nehmen wir den Song "The Night Before". Das Piano-Pattern zu Beginn und die sakral anmutenden Melodien erinnern mich durchaus an Kirchenmusik. Hast du darüber nachgedacht als du den Song geschrieben hast?

Ich sehs als Medieval-Zeug. Das war schon immer mit uns verbunden. Ich war gerade in der Vergangenheit stark von Dead Can Dance beeinflusst, gerade in Bezug auf die spezielle Melodiefindung mit den folkigen Untertönen und dem mittelalterlichen Weg zu singen. Dem fühle ich mich sehr verbunden. Es ist lustig, denn letztendlich wollte ich einen Sound mit vielen Stimmen erschaffen. Ich stellte mir die ganzen alten Frauen vor, die in der Kirche mit mir singen (lacht).

Das war so intendiert, weil es Farbe mit rein bringt. Die Kirche schwebte somit irgendwo in meinem Kopf herum, als ich die Vocals für diesen Song erstellte. Und ja, das ist ein äußerst schönes Stück Musik, das Michael Lapaj mit ins Studio brachte. Ich dachte von Anfang an, dass es ein großartiger Abschluss für das Album sein könnte. Zudem singe ich darauf wieder tief, die Stimmung ließen mir keine andere Wahl (lacht). Das ist etwas was Michael und ich häufig machen wollen, ausschließlich meine Stimme und sein Klavier. Nun hat sich die Möglichkeit dazu ergeben. Mit dieser Richtung bin ich ziemlich zufrieden.

Es gibt unzählige tolle Momente auf der neuen Platte. Das Drumming ist exzellent. Diesmal ist Michael ein wahrer Soundmagier. Es ist unglaublich, welche Synths und Texturen zu hören sind. Es muss Stunden gedauert haben, das alles auszuarbeiten.

Die Idee für die Keys dieses Mal war gewesen definitiv auf basische Sounds zu setzen. Michael spielt ausschließlich die Hammond Orgel, das Rhodes und das Mellotron und er fokussiert sich nur auf diese Sounds. Die anderen Sounds sind von der Gitarre, dem Piccolo Bass und der Violine, die perfekt auf Tracks wie "Lament", dem Intro oder in "Struggle For Survival" eingesetzt und gespielt wird. Ich finde das klingt unglaublich und schießt Riverside in den Orbit.

Du hast jetzt schon mehrmals "Lament" angesprochen. Ist dieser Track auch ein Abschied von deinem Vater?

Zunächst ist er mit Piotr verbunden, eine Art Story von ihm. Im zweiten Teil greife ich dann das religiöse Thema wieder auf. Ich stelle mir Menschen vor dem Hintergrund des Endes der Welt vor, die keine Zeit haben, sich einander nah zu sein. Nach dem Ende der Welt finden sie sich in einer unterschiedlichen Situation wieder, die voller Gefahren steckt. Sie sind zu einer kleinen Gruppe zusammengeschrumpft, die sich die Karawane der Schatten nennt und die ganze Zeit zu Gott beten. Vater wo bist du, hilf mir. Das ist etwas Normales für die Menschen. Wenn ihnen etwas Schlimmes oder Unvorhersehbares widerfährt, beten sie zu Gott, um ihnen zu helfen und sie zu retten. Dieser Song hat auf jeden Fall mehrere Ebenen.

Wie sieht es mit dem Songwriting Prozess aus. Betrachten wir die Platten, die seid "Love, Fear And The Time Machine" und dem Verlust eures Bandmitgliedes erschienen sind. "Eye Of The Soundscape" fiel regelrecht minimalistisch aus, die Lunatic Soul-Kapitel waren mehr organisch, aber auch sehr minimalistisch gehalten. Jetzt widmet ihr euch wieder einer intensiveren Form des Songwritings. Gibt es abgeschlossene Sessions für Riverside und deine anderen Projekte. Oder schreibst du die ganze Zeit und entscheidest dann, was besser zu Lunatic Soul oder Riverside passt, wenn du einen Text oder die Instrumente darüber legst.

Ich versuche immer das Album ausgehend von einem weißen Blatt Papier zu kreieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es zu Riverside oder Lunatic Soul besser passt. Das ist besser für das Album, denn sonst würde ich vielleicht die besten Parts für die Band herauspicken, die populärer ist. Ausgehend von dem leeren Blatt Papier brauche ich auf jeden Fall die Story, die dahinter liegt, das generelle Konzept und die Idee sollte stehen. Das kommt zuerst.

Der Titel wäre perfekt, damit starte ich auch meistens. Die Farben des Artworks sind auch sehr wichtig für mich. Mehr oder weniger die Form des Ganzen. Dann beginnt der Kompositionsprozess. Nach einer gewissen Zeit, präsentiere ich das Material den Jungs von Riverside und die sagen ja oder nein. Oder wir machen etwas zusammen oder manchmal spiele ich es ihnen auch direkt akustisch vor. Für Lunatic Soul baue ich alles eher im Studio zusammen.

Diese Platte ist bereits die dritte kurz hintereinander. Zuerst kam "Fractured" von Lunatic Soul, dann der Nachfolger "Under A Fragmented Sky". Daran schloss sich direkt die kompositorische Arbeit für Riverside an. Aber die komplette Musik kam aus mir heraus in der Zeit zwischen Oktober und Dezember letzten Jahres. Da stand das gesamte Album. Michael fügte noch "The Night Before" hinzu und wir hatten alles. Richtig emotional. Ich denke irgendwo im Unterbewussten stauten sich diese dunklen und melancholischen Sachen an und warteten auf ihren eigenen Moment. Ich dachte zunächst, dass ich mich damit auf den Lunatic Soul-Alben auseinandersetze, aber die dunklesten Momente gibt es bei Riverside, da der Level der Emotionen sehr unterschiedlich jetzt ist.

Es geht sehr tief. Ehrlicherweise kannte ich diese Tiefe auf den vorherigen Alben nicht. Ich möchte nicht sagen, dass es besser ist. "Love, Fear And The Time Machine" behandelte die Kindheit, kindliche Erinnerungen an die Vergangenheit. Auch die Melancholie unterschied sich deutlich, sie war mehr sanft. Jetzt ist sie deutlich durch den Verlust geprägt. Auch aus diesem Grund wollte ich über jemanden schreiben, der eine Katastrophe überlebt hat. Das war meine Hauptinspiration. Als ich anfing zu komponieren, wollte ich wieder zu einem intensiverem Sound zurück. Besonders nach "Eye Of The Soundscape", das sehr sanft rüberkam, wollte ich wieder in eine intensivere Richtung gehen. Vielleicht wird unser nächstes Album noch intensiver.

Was ich sagen kann, ist, dass "Wastelands" sehr emotional ausgefallen ist und mich ziemlich stark berührt. Wir hatten uns schon einmal anlässlich des Releases von "Eye Of The Soundscape" unterhalten. Du hast über die Pläne gesprochen, die dir für das jetzige Album vorschwebten. Es ist cool zu sehen, wie sich alles entwickelt hat und das Album jetzt wirklich zustande gekommen ist.

Ich kann mich nicht erinnern, was ich genau gesagt habe, aber ich erinnere mich, dass wir darüber gesprochen haben. Habe ich darüber gesprochen, wie das neue Album klingen soll oder sogar etwas von diesem post-apokalyptischen Thema erwähnt?

Das Thema hast du nicht erwähnt, aber du sprachst davon, dass die Platte intensiver und härter ausfallen würde. Nicht im Sinne von "Anno Domini High Definition", aber dass du andere Texturen und Farben verwenden wolltest. Intensiver stand ganz oben auf der Rechnung.

So was in die Richtung. Dieses Jahr war so intensiv. Ich habe eine Sache realisiert. "Fractured" kam im Oktober '17 heraus, im Mai kam "Under A Fragmented Sky" im Mai und "Wasteland" kommt jetzt im September 2018 heraus. Innerhalb eines Jahres sind unter meiner Federführung drei Alben erschienen. Das ist schon einiges (lacht). Das war schon ein wenig verrückt, jetzt sollte ich ein wenig auf die Bremse treten.

Der finale Record ist der Riverside-Release, da dort alles angefangen hat. Es ist cool, zu sehen, wie sich der Plan in die Tat umgesetzt habe, selbst wenn nicht zu hundert Prozent feststand wie sich alles entwickelt. Es ist cool, dass wir uns jetzt darüber unterhalten könne und ich hoffe beim nächsten Mal reden wir über ein weiteres Riverside Kapitel, dass vielleicht ein wenig freundlicher ausfällt (lacht).

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1 Kommentar

  • Vor 2 Monaten

    Sympathischer Typ und großartiger Musiker.
    Meinetwegen kann er gerne bei dem Veröffentlichungstempo bleiben, bisher war noch nie was schlechtes dabei (egal mit welchem Projekt). Ich mochte sogar die von vielen verhasste 'Eye of the Soundscape' ziemlich gern...