laut.de-Kritik

Neo-Prog für den Kopf, Death Metal fürs Herz.

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Wann kommt denn jetzt endlich das nächste Necrophagist-Album? Warum verarschen The Faceless ihre Fans mit einer halbgaren Resterampe-Platte? Und warum zur Hölle mussten sich Spawn Of Possession im letzten Jahr klammheimlich auflösen? Fragen über Fragen, die düstere Wolken über dem einstigen Pioniergenre des Technical Death Metal aufsteigen ließen. Doch kaum brechen dieser Tage die diesigen Nebelschwaden auf, sollte jedem Frickelfan die universale Antwort förmlich entgegen springen. Sie lautet: Rivers Of Nihil.

Als einer von zahlreichen Fallujah-Klonen bewies der Fünfer aus Pennsylvania zwar auch schon auf seinen ersten beiden Studioalben ein flottes Händchen für durchgeschrubbte Tonleitern und das eine oder andere zartbesaitete Interludium. Doch mit "Where Owls Know My Name" legen sie nun schlichtweg das durchdachteste Death-Metal-Werk des Jahres vor.

Hinter Songtiteln wie "Subtle Change (Including The Forest Of Transition And Dissatisfaction Dance)" verstecken sich nicht etwa dauerslammende Nile-Brecher, sondern verdammt intelligente Tech-Nummern mit ordentlichen Prog-Rock- bis Fusion-Anleihen. Aber ganz ruhig: Trotz der offensichtlichen "In The Court"-Anspielung im Tracknamen orientieren sich Rivers Of Nihil in diesen Momenten eher an Steven Wilson denn an King Crimson.

So mischen sich zwischen die unfehlbaren Tech-Death-Parts immer wieder seichtere Gitarren- und Clean-Vocal-Passagen. Klingt erst einmal ein bisschen nach The Faceless zu ihren "Autotheism"-Zeiten, erinnert aber beispielsweise im Titeltrack auch ganz schnell an eine verdammt erotische Verschmelzung aus Porcupine Tree und Ghost Brigade.

Entsprechend energisch pumpt dann auch in bittersüßen Schüben Melancholie durch die Venen, wenn in sich rasch anschließenden Ballermomenten außerdem die patentierten Fallujah-Delaygitarren aufheulen. Oder eben das immer wieder zart reingrätschende Saxophon. Neo-Prog-Kompositionen für den Kopf, Death-Metal-Klänge fürs Herz.

Klingt jetzt alles zu sehr nach pseudo-verträumter Tränendrüse? Bullshit. "Where Owls Know My Name" ist so abwechslungsreich, wie es ein Konzeptalbum über die herbstliche Jahreszeit nur sein kann. Ebenso wie sich Rivers Of Nihil in kurzweiligen, aber filigranen Instrumental-Autopsien ergehen, entfesseln sie regelmäßig Stürme, die jeden Zweifler mühelos mit voller Wucht von der Klippe wehen.

Das beweist zum Beispiel das im Titel (ähnlich wie die genannte konzeptuelle Aufmachung) arg klischeedurchnässte "Death Is Real": Da treffen modern groovende Death-Riffs auf einen corig angehauchten Breakdown, und zum Schluss garniert man alles mit himmlisch fluffigen Cynic-Bässen. Es kann alles so einfach sein.

Genauso geht das Spiel dann auch weiter: Cynic treffen auf Cattle Decapitation, Ihsahn trifft auf Behemoth, Steven Wilson auf Decapitated. Keine Frage: Rivers Of Nihil bedienen sich einer Vielzahl schon bestehender Versatzstücke der wohl intelligentesten Formen zeitgenössischer Extreme-Metal- und Rock-Musik. Wie könnten sie im Jahr 2018 auch anders?

Das alles unterstreicht aber nur, was auch ohne die Aufzählung etwaiger Inspirationsquellen schnell klar wird: "Where Owls Know My Name" ist eine der besten Genreplatten der vergangenen Jahre. Wenn das hier wirklich die Klänge des Herbstes sind, kann man das ganze Scheißwetter ja kaum noch erwarten und sich im Übrigen schon einmal mächtig auf den Winter freuen.

Trackliste

  1. 1. Cancer / Moonspeak
  2. 2. The Silent Life
  3. 3. A Home
  4. 4. Old Nothing
  5. 5. Subtle Change (Including The Forest Of Transition And Dissatisfaction Dance)
  6. 6. Terrestria III: Wither
  7. 7. Hollow
  8. 8. Death Is Real
  9. 9. Where Owls Know My Name
  10. 10. Capricorn / Agoratopia

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7 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Nicht so recht mein genre, aber das klingt irgendwie gut

  • Vor 3 Monaten

    Feier ich richtig hart das Album, einzige Kritik meinerseits ist (wie in dem Genre so oft) der stark mechanische Klang der Drums. Vor allem die Snare klingt so hart getriggert und mega ungeil wenn er da schnellere Wirbel drauf spielt... Keine Ahnung, warum dieser klinische Sound so modern und beliebt geworden ist - ist natürlich präzise, klingt aber nicht organisch und störend mMn. Ansonsten mega fettes Teil!

  • Vor 3 Monaten

    Die Musik finde ich richtig gut. Die meisten Death-Metal-Alben langweilen nach 3-4 Songs, weil einfach nur durchgeknüppelt wird. Das Geknüppel wirkt aber nur, wenn auch mal ein paar ruhige Momente eingestreut sind ... wie hier. Teilweise sind ja sogar jazzige Passagen zu hören. Genial!
    Weniger genial ist das Mastering. Der schon genannte klinische Sound und die starke Dynamikkomprimierung sorgen dafür, dass mir nach kurzer Zeit die Ohren schmerzen. Muss ich wohl die Vinyl kaufen. Damit klingt`s meist entspannter.

    • Vor 3 Monaten

      Muss ich nochmal nachhaken: Vinyl schafft es, das arg klinische Mastering auszugleichen...? :O

    • Vor 3 Monaten

      Vinyl wird dynamischer gemastert. Klinisch wird`s aber wohl trotzdem klingen.

    • Vor 2 Monaten

      Es sollte so sein, trifft aber nicht immer zu. Leider ist es oft sehr schwierig herauszufinden, ob CD und Vinyl vom gleichen Master stammen oder ob fürs Vinyl tatsächlich ein besserer, dynamischerer Master erzeugt wurde. Vinyl ist halt hip und es geht oft mehr um den hip-Faktor als darum eine weniger versoundwarkackte Version deiner Musik zu bekommen. Zwei Master zu erstellen ist freilich mehr Arbeit und teurer. :-(