laut.de-Kritik

Wie ein Tinnitus-Pfeifen im Nebel.

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Set the scene: eine nebelverhangene Landzunge an der Küste des Ärmelkanals, auf keiner Landkarte der Welt verzeichnet, darauf ein verlassenes Haus. Für zwei Tage haben sich dort zwei Horrormärchen-partners in crime aus Wessex eingefunden, um durch dieses Anwesen zu streunen, das auf eine übernatürliche Art auf Besuch gewartet zu haben scheint. Operative A und Operative B, so nennen sich die Eindringlinge, nehmen Fotos auf und beschließen spontan, in der von der Zeit vergessenen Villa ihr drittes Album einzuspielen.

Wir sagen zunächst einmal brav danke, denn wann bitte bekommt man im Pop heute noch solcherlei Metatexte gesponnen? Mir fällt spontan lediglich Mars Voltas letzter Fluch'n'Zauberbrett-Spleen ein, dessen Überbau aber leider das musikalische Sujet überschattete. Bei Reigns und ihrem programmatisch betitelten "House On The Causeway" gehen Storyline und Plot hingegen hübsch Hand in Hand.

Über knackige 43 Minuten knüpfen A und B einen dicken schweren Vorhang. Konkret fügt der sich aus Dark-Ambient-Flächen, Drum Machine, Piano, E-Streichern und prozessiert-schamanischem Zweimännerchor zusammen; allegorisch zimmern sie eine Silhouette aus Nebelschwaden, Spinnweben und jeder Menge Unbehagen.

Die Operatives durchgraben marode Wände und düstere Vorahnungen, während besagtes Haus immer lauter von blutigen Details einer vergangenen Familientragödie orakelt. Am Ende steht die überstürzte Flucht der beiden, ein Tinnitus-Pfeifen im Nebel und ein schaurig-schönes Noir-Album.

Atmosphärisch steht Reigns beklemmender Ansatz schottischen Landsleuten wie den seligen Aereogramme oder Aidan Moffat besonders nahe, auch das Underground-Kollektiv Crippled Black Phoenix ist zu nennen. Und wenn gegen Ende die Zeile "There's something written here ... it says … this isn't happening" geflüstert wird, man aus dem induzierten Trance-Zustand erwacht, ergeben schließlich auch die Gemeinsamkeiten in der MySpace-Buddyliste Sinn: H.P. Lovecraft, Houdini und The National Autistic Society. Gruseln Sie wohl.

Trackliste

  1. 1. (Frontplate)
  2. 2. Bad Slate
  3. 3. Everything Beyond These Walls Has Been Razed
  4. 4. Mirrors At Night
  5. 5. Crex, Crex, Crex
  6. 6. Vaulted
  7. 7. Mab Crease
  8. 8. Take It Down
  9. 9. Your Tiny Hand Is Frozen
  10. 10. Black Cramp
  11. 11. (Endplate)

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