24. Juni 2009

"Ich wollte ein ganzes Orchester sein!"

Interview geführt von

Jeder kennt Regina Spektor, ohne sie wirklich zu kennen. Ihre Songs sind Stammgast in US-Serien wie "Grey's Anatomy", "C.S.I" oder "Weeds". Mit ihrem neuen Album "Far" will die US-Sängerin mit russischen Wurzeln nun auch in Deutschland auftrumpfen.Man könnte vermuten, dass Regina Spektor leichte Divaallüren an den Tag legt. Die Interviews im Arcotel Velvet in Berlin Mitte verzögern sich ein wenig, weil die Sängerin vorher noch stilles Mineralwasser, grünen Tee und frische Früchte zu sich nehmen möchte. Doch bei der ersten Begegnung von Zicken keine Spur: Wie das nette Mädchen von nebenan erzählt sie freimütig von ihrem Leben und ihrer Karriere als Musikerin.

Drei Jahre sind seit Deinem Erfolgsalbum "Begin To Hope" vergangen, jetzt startest Du mit "Far" neu durch. Was hast Du in der Zeit getrieben?

Gleich nach "Begin To Hope" wollte ich mich an die Arbeit für ein neues Album machen, aber durch den Erfolg habe ich Einladungen für so viele Konzerte bekommen, und ich konnte einfach nicht nein sagen. Also hat es etwas länger mit dem neuen Album gedauert.

Gibt es große musikalische Veränderungen zum Vorgängeralbum?

Von meiner Perspektive aus betrachtet sind des riesige Veränderungen, aber ich denke nicht, dass viele das verstehen werden, wenn sie "Far" das erste Mal hören. Diesmal habe ich mich sehr für die Drumparts interessiert und sie auch selbst geschrieben. Das Schöne am Keyboard ist, dass man wirklich alle Instrumente spielen kann und das wollte ich! Ich wollte ein Schlagzeug, eine Trompete, ich wollte einfach ein ganzes Orchester sein.

Deine ersten beiden Alben hast Du selbst produziert, das erste sogar noch, als Du auf dem College warst. Waren die ersten beiden Alben mit mehr Freiheit für Dich verbunden?

Nein, ich kann jetzt viel mehr machen als früher, ich werde immer neugieriger und man lässt mir alle Freiheiten, die ich brauche. Ich habe viel mehr Freiheit als Künstler als früher, aber das kommt nicht von ungefähr. Mein Rat für alle, die ihre Musik an die Öffentlichkeit bringen wollen: Entwickelt Eure Musik und macht sie stark, bevor Ihr sie bei einem Label vorstellt. Viele "Künstler" wollen Ruhm und Geld auf dem Expressweg und sind deshalb bereit, ihre Seele vorab zu verkaufen und dem Label alle Freiheiten zu übertragen.

"Ich bin ein Medium für den Song"


Dein größter Hit "Samson" hat im Internet eine Diskussionswelle über die Bedeutung des Textes ausgelöst. Versucht Du, Deine Hörer zu verwirren?

Ohje, nein, auf keinen Fall! Die Welt heute ist verwirrend genug, das wollte ich bestimmt nicht.

Trotzdem arbeitest du in Deinen Texten mit einer Fülle von intertextuellen Anspielungen, die sich nicht leicht erschließen lassen.

Wenn ich einen Song schreibe, dann kommt etwas Metaphysisches über mich und der Song schreibt sich fast von allein. Ich bin dann mehr ein Medium für den Song. Am Ende bin ich über das Ergebnis oft genau so überrascht wie alle anderen.

Also sind Deine Songs auch für Dich ein kleines Geheimnis.

Das sind sie. Manches was ich geschrieben habe, erschließt sich mir erst Jahre später. Es ist wie mit einem guten Buch, das auch völlig neue Komponenten offenbart, wenn man es nach vielen Jahre ein zweites Mal in die Hand nimmt. Meine Songs bleiben natürlich von der Melodie her gleich, aber ihre Emotionalität ändert sich. Live muss ich meine Songs auch immer wieder neu interpretieren, sonst wäre es, als würde ich den gleichen Witz immer wieder erzählen müssen.

In Deutschland kennt man Dich vor allem aus US-Fernsehserien, in denen Deine Songs zu hören sind. Warum glaubst Du, wird Deine Musik so gerne für "C.S.I", "Grey's Anatomy" und andere Serien verwendet?

Es stimmt, es kommen sehr viele Produzenten auf mich zu und fragen, ob sie meine Songs in gewissen Episoden verwenden dürfen. Es freut mich, dass sie ihnen gefallen, und dass sie meine Musik nicht einfach als musikalischen Lückenfüller sehen. Sie verbinden meine Songs mit ihrer Storyline, das ist natürlich ein echtes Kompliment für mich.

Für den Narnia-Film "Prinz Kaspian" solltest Du sogar eigens einen Song zu schreiben...

Wenn ich einen Film mag, habe ich kein Problem damit, einen Song beizusteuern, wenn ich einen Film nicht mag, fällt mir dazu nichts ein, so einfach ist das. Nachdem ich mir "Prinz Kaspian" angeschaut hatte, war ich mit einigen Freunden auf einen Drink verabredet, doch die sagten kurzfristig ab und ich ging nach Hause und der Song "The Call" sprudelte einfach aus mir heraus. Es war gut, dass ich nicht gewartet hatte, so konnte ich meine Eindrücke vom Film direkt in Musik umwandeln. Manchmal geht einem dieser intime Moment verloren, wenn Du Dich mit Fernsehen oder etwas anderem ablenkst. Doch an dem Abend waren nur ich, mein Klavier und meine Eindrücke vom Film anwesend.

"Wir haben Angst, dass unser Herz berührt wird"


Du bist in Moskau geboren, hast russisch-jüdische Eltern, mit neun Jahren habt Ihr die Sowjetunion verlassen und seid über Italien, Norwegen und Italien schließlich in New York gelandet. Hat Dich Deine Vergangenheit eher verwirrt in Deiner Identität?

Wir leben in einer Welt mit so vielen Kulturen, je mehr du kennst, um so weniger wird es dich verwirren. Mein Hintergrund hat mich schon sehr früh erkennen lassen, dass Dinge wie Nationalismus absoluter Bullshit sind. Ich bin eben ein Mix aus vielen Dingen, wie ein großer Smoothie, und jemand hat einen riesigen Mixer genommen und einen ganz neuen Geschmack kreiert.

Mit neun Jahren hast Du Moskau verlassen und musstest Dein erstes Klavier zurücklassen. Erinnerst Du Dich an den Abschied?

Oh ja, es war, als müsste ich meinem besten Freund Lebewohl sagen. In New York hatte ich dann immer diesen Tagtraum, dass ich eines Tages zurückkehren würde, in einem prachtvollen Kleid auf einem edlen Pferd, und mein Klavier in die USA bringen würde. Keine Ahnung, wo es jetzt ist, aber es hat ganz spezielle Kerben im Holz, ich würde es sofort erkennen.

Du bist mit klassischer Musik aufgewachsen, später hast Du dann Deine Liebe für Richtungen wie Hip-Hop, Rap und Punk entdeckt. Wie kam das kleine russische Mädchen auf diesen Weg?

Meine Eltern waren schon in Moskau große Fans der Beatles, der Beach Boys und der Moody Blues, wir hörten ihre Musik auf Kassetten, die wir zu Hause hatten. Als wir in New York ankamen, war ich aber dieses kleine russische Mädchen, das mit Mozart und Chopin aufgewachsen war. Dann hörte ich Hip-Hop und Punk und dachte mit gerümpfter Nase: Das ist doch keine Musik, wie furchtbar! Aber nach und nach fand ich auch das interessant. Das passiert wohl manchmal im Leben. Wenn man eine starke Aversion gegen etwas hat, dann nur, weil man Angst davor hat, es zu lieben. Wir haben dann wohl Angst, dass unser Herz von etwas Neuem berührt wird. Bei Avocados ging es mir ähnlich, erst dachte ich, ist das ekelig, jetzt esse ich es jeden Tag.

Du hast einmal gesagt, viele Deiner Songs existieren nur in Deinem Kopf, Du hast sie noch nie aufgeschrieben.

Ich schreibe meine Songs immer nur in meinem Kopf, unglücklicherweise vergesse ich dadurch eine Menge von ihnen. Viele Fans haben Live-Mitschnitte von Konzerten gemacht, die ich nach Jahren im Internet entdecke, und manchmal komme ich so wieder in Kontakt mit meiner Musik. Irgendwie muss ich auf die Hobbyfilmer dieser Welt vertrauen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Regina Spektor

"To me, the mentality was you sit at the piano and play Bach or Mozart or Chopin. You didn't ever improvise, so the idea of writing my own music was an …

Noch keine Kommentare