14. März 2012

"Ich bin definitiv raus bei Reamonn"

Interview geführt von

Die Reamonn-Schaffenspause ist für Sänger Rea Garvey kein Grund die Füße hochzulegen. Der irischstämmige Wahlberliner legte sein Solodebüt vor, ging auf Tour, spielte ein Vierteljahr den Casting-Coach und beschallt derzeit abermals mittelgroße Clubs der Republik.Seit über einem Jahr herrscht Funkstille im Hause Reamonn. Zwar wurde eine Auflösung der irisch-deutschen Poprocker nie offiziell bestätigt, doch selbst die eingefleischtesten Anhänger glauben kaum noch an ein sechstes Studioalbum. So zumindest ist der allgemeine Tenor vor dem Berliner Huxleys, einige Stunden bevor sich Sänger Rea Garvey zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate in Berlin als Solokünstler präsentiert.

Es sind vorwiegend Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren, die sich bereits am Nachmittag vor dem Club eingefunden haben, um der Reamonn-Hauptfigur ganz nah zu sein. Es ist bereits die zweite Tour unter dem Banner seines Erstlingswerks "Can't Stand The Silence". Zwischen der ersten im Herbst 2011 und der aktuellen liegen gut vier Monate TV-Marathon als Juror in der Casting-Show "The Voice Of Germany". Wir treffen uns mit dem Sänger im Backstage-Bereichs des Huxleys und sprechen über neue Wege, alte Sackgassen unqualifizierte Jury-Mitglieder.

Hallo Rea, ganz schön was los da draußen.

Rea: Echt? (lacht)

Einige Mädels stehen sich vor der Halle schon die Füße in den Bauch, obwohl erst in vier Stunden Einlass ist. Das macht in diesem Fall aber auch Sinn, denn die Show heute Abend ist ausverkauft, wie nahezu die komplette Tour. Überrascht dich der Zuspruch?

Die erste Tour im Herbst lief schon sehr gut, so dass wir diesmal größere Hallen gebucht haben. Wenn du dann hörst, dass die komplette Tour ausverkauft ist, haut dich das natürlich um, keine Frage. Man muss aber immer auf dem Teppich bleiben. Ich weiß, dass momentan viele Tourneen von Kollegen nicht so gut laufen. Umso dankbarer bin ich, dass es bei mir gerade gut läuft. Erfolg verführt natürlich, aber du musst wirklich versuchen, geerdet zu bleiben, sonst bekommst du irgendwann die Quittung dafür. Ich weiß, wovon ich rede (lacht).

Da bin ich jetzt aber gespannt.

Das war jetzt keine große Sache, aber es gab mal einen Moment am Flughafen, wo ich der Meinung war, ich könnte meinen Promi-Bonus in die Waagschale werfen, um noch einen aussichtslosen Flug zu ergattern. Ich war in der Nähe von Frankfurt unterwegs und wollte unbedingt einen Flug nach London innerhalb der nächsten Stunde klarmachen. Da war diese nette Dame am Telefon, die meinte, dass es weder aus Frankfurt, Stuttgart oder Köln eine Möglichkeit gäbe, innerhalb der nächsten Stunde nach London zu fliegen.

Ich fragte sie dann mit etwas tieferer Stimme, ob sie denn die Band Reamonn kenne. Ich glaube nicht, dass sie die Band kannte, sondern sie eher das Gefühl hatte, dass ich Probleme mit der Aussprache des Wortes Bremen hatte, und so gab sie mir nur noch zu verstehen, dass es leider auch keinen Flug von Bremen nach London gäbe. Das war ein ziemlicher Schlag ins Gesicht für mich (lacht). Es war, als würdest du eine Autogrammstunde geben, und keiner kommt, verstehst du?

Wie auch immer, wenn du in einer Zeit, in der viele Leute den Euro zweimal umdrehen müssen, eine komplette Tour vollkriegst, dann macht mich das natürlich auch stolz und bestätigt mich in meiner Arbeit. Das ganze Paket ist jetzt rundum perfekt. Die erste Tour war eine Art Warm-Up für alle Beteiligten. Jetzt sitzt alles, jeder weiß, wie der andere live funktioniert. Du gehst dann mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auf die Bühne. Und wenn dann die Hallen noch voll sind, ist es natürlich umso geiler.

"Irgendwann war bei Reamonn die Luft raus und Routine kehrte ein"


Die Hallen waren während deiner Zeit bei Reamonn in der Regel auch voll. Hast du das Gefühl, während deiner Solo-Konzerte auf eine andere, eine neue Fan-Basis zu treffen, oder erkennst du viele bekannte Gesichter?

Natürlich trifft man auch Leute, die einen schon zu Reamonn-Zeiten begleitet haben. Aber wenn ich mir Abend für Abend die ersten drei oder vier Reihen anschaue, entdecke ich auch viele neue Gesichter. Das ist toll. Es herrscht so eine Art Aufbruchsstimmung. Das merke ich nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Fans, die gewillt sind, den neuen Weg mit mir mitzugehen.

Eine Solo-Karriere zu starten ist ja auch mit gewissen Risiken verbunden; selbst für jemanden wie dich, der bereits Jahre zuvor erfolgreich mit einer Band unterwegs war. Hattest du auch ein bisschen Angst vor dem Neuanfang?

Ich habe mir schon ziemlich viele Gedanken gemacht und ich war zu Beginn auch sehr aufgeregt, muss ich zugeben (lacht). Es war unheimlich spannend, mit neuen Leuten zu arbeiten und dabei den eigenen Horizont zu erweitern. Ich bin auch jemand, der eine Sache konsequent durchzieht, wenn er sie erst einmal begonnen hat. Die kommerzielle Seite stand auch nicht so sehr im Vordergrund.

Viel wichtiger war es für mich auszubrechen. Darum ging es in erster Linie. Das ist auch thematisch der Schwerpunkt auf meinem Album. Ich bin ein Mensch, der die Herausforderung sucht und sich stetig weiterentwickeln will. Dieses Gefühl hatte ich bei Reamonn nach all den Jahren nicht mehr. Irgendwann war die Luft raus und Routine kehrte ein. Das ist etwas, was ich gar nicht ab kann und mich bremst.

Das klingt für mich weitaus eher nach Schlussstrich, als nach der offiziell verkündeten Reamonn-Schaffenspause.

Es steht mir nicht zu, für die anderen zu sprechen, aber ich bin definitiv erst einmal raus aus der Band. Natürlich hält man sich immer eine Tür offen. Wer weiß heute schon, was morgen ist? Aber im Moment fokussiere ich mich voll und ganz auf meine Solo-Karriere.

Demnach wird es mittelfristig eher ein zweites Soloalbum, als ein neues Album von Reamonn geben?

Es wird auf jeden Fall ein zweites Album von mir geben. Ob es überhaupt nochmal zu einem neuen Reamonn-Album kommt? Who knows? Wir sind nicht im Streit auseinander gegangen. Ich hätte nichts Schlechtes über die Jungs zu erzählen, aber wie schon gesagt, ich war an einem Punkt, an dem es für mich nicht mehr weiterging. Das mag egoistisch klingen, aber manchmal musst du im Leben einfach Entscheidungen treffen, von denen du überzeugt bist, dass sie dich weiterbringen.


Du hast 2011 noch eine weitere Entscheidung getroffen, nämlich als Juror bei einer Casting-Show mitzuwirken. Inwieweit denkst du, hat dich diese Zeit weitergebracht?

Zunächst muss ich gestehen, dass ich die meisten Casting-Formate verabscheue. Was bei einigen Shows fabriziert wird, kotzt mich wirklich an. Wenn ich mir eine Jury angucke und mich dann erst mal fragen muss, wer von denen denn überhaupt selber Musiker ist, dann ist das schon ein Armutszeugnis.

Da sitzt dann beispielsweise die Frau eines berühmten Fußballers hinter dem Pult, und ich denke nur: Was soll das? Wie kann so eine Person sich anmaßen, über musikalische Fähigkeiten zu urteilen. Verstehst du was ich meine?

Es geht nur darum, mit großem Hype auf Kosten anderer so viele Leute wie möglich vor den Fernseher zu ziehen. Insofern fiel mir die Entscheidung, bei "The Voice" mitzumachen, alles andere als leicht, denn ich war zu Beginn voller Vorurteile. Als ich aber hörte, dass Xavier Naidoo mitmachen würde, wurde es für mich interessant. Ich kenne Xavier schon seit vielen Jahren. Er ist Musiker durch und durch, und ich wusste, wenn der dort mitmacht, dann hat die Show Hand und Fuß.

Also hörte ich mir alles an und merkte schnell, dass es bei diesem Format darum geht, die Leute zu motivieren und zu unterstützen, und nicht umgekehrt, wie es bei anderen Casting-Shows der Fall ist. Es war sicher nicht alles Gold, was da glänzte, und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich das eine oder andere auch anders machen wollen, aber die Basis war gut. Auch der Sender und die Produktionsfirma wollten sich von gängigen Klischees abheben, und ich glaube, das ist letztlich auch ganz gut gelungen.

Du bist gebürtiger Ire, lebst seit vielen Jahren aber in Deutschland und wohnst dabei wahlweise in Berlin und in einem kleinen Nest in Hessen. Brauchst du diesen Kontrast zwischen hektischer Metropole und wohlbehüteter Idylle?

Meine Frau, die auch gleichzeitig meine Managerin ist, kommt aus Hadamar, einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt. Als es damals mit Reamonn so richtig losging, haben wir mal ausgerechnet, dass ich fünf Tage im Monat eigentlich komplett am Flughafen verbringe, vor allem in Frankfurt. Deswegen lag der Wohnort Hadamar für uns nahe, um einfach Zeit zu sparen. Berlin ist natürlich das komplette Gegenteil. Aber auch hier verbringe ich viel Zeit, da es für einen Musiker kaum einen besseren Kontakt-Platz in Deutschland gibt.

Für mich ist eigentlich nur wichtig, dass ich die Leute, die mir wichtig sind, um mich habe. Es spielt letztlich keine große Rolle wo das ist. Als ich noch ein Kind war, sind wir häufig umgezogen. Mein Vater wechselte oft seinen Job. Das hat mir gezeigt, dass es letzten Endes nicht wichtig ist, in was für einem Haus du lebst, sondern wer in diesem Haus lebt. Der Fokus lag immer auf den Menschen, nicht auf dem Umfeld. Ich glaube, ich könnte mich überall wohlfühlen, solange meine Familie und meine Freunde in der Nähe sind.

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