Viele werden jetzt denken: Großer Gott, denen bei laut.de ist auch nichts peinlich. Bringen die doch drei Monate nach der CD-Veröffentlichung noch eine Rezension. Stimmt. Und zwar mit ganz guter Begründung: Denn was dabei heraus kommt, wenn man sich nicht wenigstens diese Zeitspanne zur Meinungsbildung …

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  • Vor 15 Jahren

    Dieses Album des ehemaligen Kinks-Manns ist ein echtes Überraschungs-Geschenk für mich, eine musikalische Wundertüte sozusagen. Es enthält mit Titeln wie "The Tourist", "Creatures of Little Faith", "All She Wrote", "After The Fall" und "Next Door Neighbour" aktuelle und zeitgemäß gemachte Songs, die sich bereits nach kurzem Einhören als kleine Perlen erweisen und ist zugleich auch eine Art kunstvoller und spannender musikalischer Rückblenden- und Assoziationsfilm. Mit den Kernthemen: Ray Davies, das Leben anderer Leute und vor allem - Amerikanische Musik.

    It was as though all of my American influences had been floated down the Mississippi ... heißt es in den vor Mitteilungsbedürfnis schier überquellenden Notizen im CD-Booklet. Das mag seltsam klingen für jemanden, der gemeinhin für den britischsten aller Britpop-Überväter gehalten wird - aber intelligente Menschen wählen eben üblicherweise immer den anderen Weg. Und so befasste sich Davies bereits Anfang/Mitte der Neunziger in einem Dokumentarfilm mit dem amerikanischen Jazz-Genie Charles Mingus - just als die deutlichsten aller Kinks-Referenzen (Blurs "Parklife" und "Modern Life Is Rubbish") ihren Höhenflug erlebten. Diese sozusagen dialektische Aufhebung seiner eigenen Person macht Davies in gewisser Hinsicht immun gegen platte Kritik.

    Um das Jahr 2000 herum bestritt er einige Auftritte im New Yorker Jane Street Theatre mit "Yo La Tengo", bei denen er bereits einen Teil der Songs aus "Other People's Lives" präsentierte, namentlich "Things Are Gonna Change". Das Erstaunliche an dem Album ist die für mich ganz überraschende Frische und Wandlungsfähigkeit von Davies' Stimme. Die Band spielt adäquat gut. Die Texte sind erwartungsgemäß witzig und intelligent:

    I'm just another tourist checking out the slums
    With my plastic Visa drinking with my chums
    I dance and swing while ABBA sing
    And I flash my Platinum
    To the sound of Livin' La Vida Loca
    Yes, Livin' La Vida Loca

    Für diese Passage aus "The Tourist" möchte ich den Mann mal ganz brüderlich virtuell umarmen!

    Das Album ist voll von Selbstzitaten und Querverweisen: "Next Door Neighbour" ist auf den ersten Lauscher hin ein "ganz typischer" Kinks-Song, wird aber später von einer sehr jazzgroovigen Bläser-Sektion untermalt. In "The Getaway" taucht tatsächlich ein "Sunny Afternoon" auf, gesungen allerdings mit Neil Young-Timbre und umgeben von countryrockenden Slide-Gitarrenläufen. Ab und zu klingt Ray Davies wie der Ray Davies der frühen Kinks, machnmal wie John Lennon (in "After The Fall" bei diesem kurzen Echo-Einschub) und manchmal wie Tom Petty. Am Anfang von "Is There Life After Breakfest?" - ein ätzend humoriger Song übrigens - blitzt eine "Lola"-Gitarren-Passage auf.

    Sicherlich ist die forcierte Amerika-Bezüglichkeit von "Other People's Lives" kein politisches Statement. Für die politischen Zustände diesseits und jenseits des Atlantiks hat Davies gleichermassen geziemende Worte parat:

    I close my eyes and lay back and I think of England.
    I dream about that green and pleasant land we knew as England.
    That throne of kings, that sceptred isle set in a silver sea
    Has turned into a laughing stock divided without harmony.

    That's why I remain yours truly, confused N10
    ...
    So forgive my lack of confidence and total low esteem
    But the dog eat dog society has deemed us all has-beens.

    Dieser Song ("Yours Truly, Confused N10") befindet sich nicht auf "Other People's Lives" sondern (u.a.) auf einer im Herbst 2005 veröffentlichten Charity-EP zugunsten der Katrina-Geschädigten. N10 ist die Postleitzahl des Londoner Stadtteils "Muswell Hill", in welchem Davies aufwuchs und der auch Namenspate für das Kinks-Album "Muswell Hillbilly" war.

    Und in die andere Richtung (in einem jüngeren Interview, anlässlich der Peinlichkeiten bei der Bewältigung der Katrina-Katastrophe):

    I have been astonished by the reactions and apparent shame of some of the U.S. television reporters who seemed overwhelmed to discover that there actually is poverty in America... They made me want to grab my television and shout 'Hello, dear reporter, yes, America actually does have poor and underprivileged people as well.

    Sämtliche Songs auf "Other People's Lives" sind sowohl vor der Katrina-Katastrophe als auch vor dem Zwischenfall entstanden, bei welchem Davies in New Orleans in's Bein geschossen wurde. Man kann diese Ereignisse daher nicht direkt in Beziehung zum Album setzen, aber - mit Rücksicht auf das obige Interview-Zitat - könnte man fast von einer Art Prophetie sprechen. Denn, wenn es stimmt, dass Ray Davies der Meister der Beobachtung des Lebens der sogenannten Leute von der Strasse, der kleinen und großen Verlierer ist, dann dürfte diese Stadt wohl auch in Zukunft ein spannender Ort für ihn sein. Ebenfalls im CD-Booklet las ich, dass er demnächst ein Projekt mit einer Marching Band plant. Na, darauf bin ich mal gespannt.

  • Vor 14 Jahren

    ... aah: Bei Laut.de gibt's 'ne Review... http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/d/…

    Wahr ist wohl: Stellt man "Other Peoples Lives" in eine Reihe mit innovativen Neuproduktionen wird man ehrlicherweise keine 5/5 Punkte und vielleicht auch nicht 4/5 vergeben können ... naja die Punkte-Diskussion ist ohnehin müßig ...

    Zitat (« Gleich "Things Are Gonna Change (The Morning After)" stimmt auf den melancholisch-behäbigen Rhythmus der Platte ein. »):

    Da würde ich ja mal vorsichtig einwenden: Sunny Afternoon ist irgendwo der melancholisch-behäbigste Song aller Zeiten. Womit ich zwar nicht unbedingt sagen will, dass es auf O.P.L. ein Stück diesen Ranges gibt, aber auch die Behäbigkeits-Attitüde kann musikalisch originell oder weniger originell in Szene gesetzt werden.

    Man kann das Album vermutlich nur als das nehmen, was es sein will - das Ergebnis von Davies' Beschäftigung mit der Geschichte der amerikanischen Populärkultur, seinen persönlichen Lebenserfahrungen und seinem vertrackten Problem, grundsätzlich nur als der Britpopper wahrgenommen zu werden. Soweit ich es überblicke, widersteht er dem Versuch, diesem billigen Ansinnen gerecht zu werden und an "alte Glanzzeiten" anzuknüpfen. Das imponiert mir. Genau das macht auch die Musik für mich interessant.