laut.de-Kritik

Mit übergroßem Selbstbewusstsein zur Apotheose.

Review von

1996 stehen sich die Hip Hop-Entwürfe der Westcoast und der Eastcoast unversöhnlich gegenüber. Zwei Wochen nachdem der Konflikt mit den Mord an Tupac Shakur einen folgenschweren Höhepunkt erreicht, veröffentlicht Ras Kass sein Debütalbum "Soul On Ice". Zwar ist der 23-Jährige in Kalifornien verhaftet, doch mit KRS-One stammt sein Haupteinfluss eher vom anderen Ende der USA. Der Erfolg des stilistischen Hybriden hält sich in Grenzen. Mit seiner selbst für Native Speaker herausfordernden Lyrik errichtet Ras Kass sich jedoch ein Denkmal als einer der talentiertesten Texter des Genres.

Bereits im einleitenden "On Earth As It Is" schwingt er sich mit übergroßem Selbstbewusstsein zur Apotheose auf: "Me with a mic cable is a religious experience in itself." Über ein unauffällig vor sich hin schwebendes Instrumental lässt er ein phonetisches Armageddon voller religiöser Bezüge niederprasseln, das weniger eine Rezension als vielmehr eine Exegese erfordert. Doch bei aller Göttlichkeit lässt er wenig Zweifel aufkommen, für wie leer er die biblischen Botschaften in einer lebensfeindlichen Umgebung hält: "My niggas pray five times a day and still carry a trey-five-seven."

So erhebt er in "Soul On Ice" lieber die Erfindung der Rap-Musik zum Schöpfungsakt ("God created man and man created hip hop"), der er auch für sich persönlich eine existenzialistische Bedeutung beimisst: "To MC or not to MC?" Gleichzeitig führt er in dem nach einer Essaysammlung des Black Panther-Party-Mitbegründers Eldridge Cleaver benannten Titelsong von der Religion zum institutionellen Rassismus, dem zweiten Hauptthema des Albums: "Give me 50.000 black angry role models. Take me to D.C., I'll throw the first fucking bottle."

"I don't give a fuck about nonviolent resistance." Dass das als zweite Single ausgekoppelte Titellied trotz seines unverhohlenen Gewaltaufrufs überhaupt keinen aufwieglerischen Eindruck hinterlässt, hängt mit der regelrecht behaglichen Instrumentierung zusammen. Zwar entsteht so kein zweites "Fuck The Police", dennoch nimmt er die unterdrückerischen Tendenzen ins Visier, denen ein moderater Präsident wenig entgegensetzt: "If Clinton was the answer, it was a stupid question." Erst 20 Jahre später war die Frage wirklich dumm genug, um sie mit Clinton beantworten zu müssen.

Einen guten Schritt weiter geht der Rapper in "Nature Of The Threat". Im Herzstück seines Debüts nimmt er sich der Entwicklung der weißen Vorherrschaft an: "The Greek culture begins Western civilization. But 'Western civilization' means 'White domination'." Der Kalifornier zeichnet die Menschheitsgeschichte im fast achtminütigen Monster von einem Song anhand von Migrationsbewegungen nach und liefert en passant Einblicke in die Themenfelder Religion, Philosophie, Linguistik, Kunstgeschichte, Politik und die Entwicklung der Naturwissenschaften.

"Nature Of The Threat" bietet keinerlei Verschnaufpause in Form eines Refrains. Ab der ersten Sekunde referiert Ras Kass durchgängig zu einem eindringlichen, von Glockenschlägen dominierten Instrumental von Vooodu. Diesem musikalischen Frontalunterricht fehlt es zwangsläufig an Raum für Reflektion, was insbesondere angesichts kleinerer Fehler durchaus kritikwürdig erscheint. Als künstlerisches Werk, das sich mit aufklärerischer Intention durch den Kopf des Hörers fräst, bleibt der Song jedoch zweifellos beeindruckend.

Glücklicherweise erweist sich Ras Kass als schlau genug, "Soul On Ice" nicht unter dieser Last zusammenbrechen zu lassen. "Marinatin" verschafft die notwendige Erholung. Zu einem wie Schaumwein sprudelnder Westcoast-Beat schmeißt er eine kleine Privatparty mit Damenbesuch. Auch "Drama" fällt, befreit von politischer Korrektheit, aus dem analytischen Rahmen. Gemeinsam mit Coolio vermittelt er ein recht antiquiertes, festgefahrenes Frauenbild. Zumindest entkräften sie ihre Haltung zur Rollenverteilung dank eines putzigen Instrumentals, das unschuldig vor sich hin pfeift.

Die in zeitgenössischen Rezensionen mitunter kritisierten Beats geraten in ihrer Beiläufigkeit zum alles beherrschenden Text tatsächlich oft zur Nebensache. Mit Kopfnicker-Nummern wie "Etc." und "Anything Goes" passt der Kalifornier zudem besser nach New York als in seine Heimat, womit sie der musikalischen Identitätsstörung Ausdruck verleihen. Das gelegentlich von Polizeisirenen unterbrochene "Miami Life" kommt dagegen eine Spur beschwingter daher. "If/Then" irritiert mit seinem aviären Sample aus Ronnie Laws "Stay Still (And Let Me Love You)" im besten Sinne.

Der Storyteller "The Evil That Men Do" setzt einen melancholischen Höhepunkt, dessen Pessimismus sich aus der eigenen Biografie speist. Eindringlich reflektiert Ras Kass über sein dysfunktionales Elternhaus, die Gewalt in seiner Verwandtschaft, seinen Selbsthass, wie er unfreiwillig Vater wurde und nach einem Autounfall im betrunkenen Zustand mit Todesfolge im Gefängnis landete. "I'm looking at myself and seeing every other nigga I knew – it's the evil that men do", resümiert er drastisch sowohl das erlittene als auch das von ihm verschuldete Leid.

So verwundert es nicht, dass der Rapper im Epilog für Ordnung sorgen möchte. Doch "Ordo Abchao (Order Out Of Chaos)" liefert nicht das Happy End, sondern einen Schuss im Studio, der dem Dasein des Kaliforniers ein Ende setzt. Bedauernswerterweise markierte der Schlusspunkt des Albums nicht den Startpunkt einer erfolgreichen Karriere. Ras Kass ahnte das bereits in "Reelishymn". Selbst wenn sich die geographische Fehde auflöst, herrscht noch immer ein Spannungsverhältnis: "Make a radio hit: headz criticize it. Underground classic: nobody buys it. So rap is fucked."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. On Earth As It Is
  2. 2. Anything Goes
  3. 3. Marinatin
  4. 4. Reelishymn
  5. 5. Nature Of The Threat
  6. 6. Etc.
  7. 7. Sonset
  8. 8. Drama (ft. Coolio)
  9. 9. The Evil That Man Do
  10. 10. If/Then
  11. 11. Miami Life
  12. 12. Soul On Ice
  13. 13. Ordo Abchao (Order Out Of Chaos)

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1 Kommentar

  • Vor 20 Tagen

    Gibt es bei laut.de eigentlich noch ein Restinteresse daran, sich mit Rap-Musik als solcher auseinanderzusetzen, oder konzentriert man sich jetzt völlig darauf, alle aktuellen oder sogar 13 Jahre alte Platten auf die keimfreie Einhaltung sämtlicher denkbarer Erwartungen an die politische Korrektheit zu prüfen?