laut.de-Kritik

Basiswissen der Krachmusik.

Review von

Die zehn Gebote? Kenne ich, eines davon lautet: 'Vertraue keinem, der die Ramones nicht mag'. Regelmäßig werden Pink Floyd, die Doors, Nirvana oder andere als große Innovatoren des Rock genannt. Genau so regelmäßig wird vergessen, wie essentiell die Ramones für die Entwicklung der zeitgenössischen Musik waren und immer noch sind. Mit einfachen, unnachahmlichen Songs, in die richtigen Bahnen kanalisierter wütender Energie, dem abgerissenen Einheitslook aus Jeans und Lederjacken und ihrer Attitüde hat die 1974 in Queens, NYC gegründete Band die Ästhetik und den Sound des Punkrock maßgeblich geprägt.

"Wir sind miserabel, richtig schlecht, können nicht spielen. Geh einfach raus, und mach!", hat Gitarrist Johnny Ramone einmal Paul Simonon von The Clash geraten. Denn genau so haben die Ramones Generationen von Musikern inspiriert. Während The Clash, die Sex Pistols, Television oder Elvis Costello 1977 ihre ersten Platten veröffentlichen, verbuchen die Ramones bereits zwei Alben und diverse Touren auf beiden Seiten des Ozeans auf der Habenseite. Doch weder ihr selbstbetiteltes Debütalbum noch "Leave Home" erzielen nennenswerte, kommerzielle Erfolge. Für ihr drittes Album "Rocket To Russia" beschließt die Plattenfirma überraschend eine Budgeterhöhung, die in eine bessere Produktion investiert werden soll. Für diese verstärken sich Tommy Ramone und Tony Bongiovi (ein Cousin von Jon Bon Jovi) mit einem jungen Toningenieur namens Ed Stasium, der später für Alben von Living Colour oder Motörhead verantwortet.

Auf dem im November 1977 erscheinenden "Rocket To Russia" weichen die Ramones tatsächlich ein wenig vom Rezept der Vorgängerplatten ab, erlauben sich ein paar mehr vorsichtig poppige Momente und trauen sich sogar mal ein anderes Tempo als Vollgas zu. Die Folge: zeitlose Klassikern wie "Rockaway Beach", "Sheena Is A Punk Rocker", "I Don't Care", "Cretin Hop" oder "Teenage Lobotomy" - genau ausbalancierte Songs zwischen zuckersüßen Hooklines und brachialem Krach. Mindestens genau so bekannt ist ihr "Surfin' Bird"-Cover, besser hat den The Trashmen-Klassiker bis heute niemand interpretiert.

Selbst Songs aus der vermeintlich zweiten Reihe, wie die am Bubblegum-Pop kratzende "Ramona", "I Can't Give You Anything" oder das vergleichsweise zurückhaltende "I Wanna Be Well", sind in ihrer schlichten Schönheit kaum zu überbieten. Sofern man sich auch nur halbwegs ernsthaft für Gitarrenmusik - welcher Couleur auch immer - interessiert, muss man "Rocket To Russia" kennen und besitzen. Glaubst du an Gott, brauchst du die Bibel, glaubst du an Rock, brauchst du diese Platte. Ganz einfach.

Die Neuauflage dieses Meilensteins zum 40. Geburtstag entpuppt sich als gelungene Angelegenheit. Kernstück der auf 15.000 Stück limitierten und nummerierten Deluxe-Edition (drei CDs, ein Vinyl) ist das (ebenfalls als einzelne CD erhältliche) Originalalbum in neu gemasterter Version als optimierter Stereo-Mix, der tatsächlich etwas saftiger und aufgeräumter klingt. Auf der gleichen Disc findet sich auch der neue, von Stasium höchstpersönlich vorgenommene 'Tracking Mix' mit umgestellter Tracklist.

Seine Versionen von "I Don't Care" und "It's A Long Way Back From Germany" stammen aus anderen Sessions und sind demnach noch nicht bekannt. Weitere Details erläutert der Produzent dann im Booklet im LP-Format, das mit jeder Menge schicker Fotos und Insider-Wissen gefüllt ist.

Auf Disc zwei geht es dann in die Bonusabteilung mit Radiospots, Backingtracks, und alternativen Versionen. Neben hier und da abgeänderten Texten stechen besonders das von Bassist Dee Dee Ramone voller Leidenschaft gesungene Derivat von "It's A Long Way Back To Germany" und die akustische Variante von "Here Today, Gone Tomorrow" hervor. So herrlich kaputt klingen Velvet Underground auch nach einer Wochenration Heroin nicht. Und genau hier wird die Sache richtig spannend, weil derlei Mitschnitte mehr als deutlich zeigen, wieviel Arbeit tatsächlich hinter "Rocket To Russia" steckt. Wo hier manches mal noch roh und wackelig klingt, sitzt auf der endgültigen Fassung alles genau da, wo es hin soll.

CD drei punktet mit einem mitreißenden Livemitschnitt von Dezember 1977 aus Glasgow, bei dem sich Sänger Joey Ramone offenbar kurzzeitig mit dem schottischen Akzent infiziert hat. Alleine wie er im rasanten "Teenage Lobotomy" aus "DDT did a Job on me" ein einziges Wort schnoddert muss man als Fan genau so gehört haben, wie die Livefassung von "Carbona Not Glue". Abgerundet wird alles von einer dicken Vinylversion von Stasiums Tracking-Mix, klangtechnisch ebenfalls makellos.

Für die "40th Anniversary Deluxe"-Ausgabe von "Rocket To Russia" kann man eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen , da sowohl Verpackung (dickes, stabiles Klappcover, nettes Booklet) als auch Inhalt (drei CDs, eine LP) echten Gegenwert liefern. Ich persönlich habe schon wesentlich mehr Geld für schlechtere Bootlegs ausgegeben. Die Frage bleibt also nicht, ob man dieses Box-Set braucht, sondern warum man es nicht längst im Schrank stehen hat.

Trackliste

Original Album (Remastered Original Mixes + 40th Anniversary Tracking Mix)

  1. 1. Cretin Hop
  2. 2. Rockaway Beach
  3. 3. Here Today, Gone Tomorrow
  4. 4. Locket Love
  5. 5. I Don't Care
  6. 6. Sheena Is A Punk Rocker
  7. 7. We're A Happy Family
  8. 8. Teenage Lobotomy
  9. 9. Do You Wanna Dance?
  10. 10. I Wanna Be Well
  11. 11. I Can't Give You Anything
  12. 12. Ramona
  13. 13. Surfin' Bird
  14. 14. Why Is It Always This Way?
  15. 15. Cretin Hop
  16. 16. Rockaway Beach
  17. 17. Here Today, Gone Tomorrow
  18. 18. Locket Love
  19. 19. I Don't Care - Version 2
  20. 20. It's A Long Way Back To Germany - Version 1
  21. 21. We're A Happy Family
  22. 22. Teenage Lobotomy
  23. 23. Do You Wanna Dance?
  24. 24. I Wanna Be Well
  25. 25. I Can't Give You Anything
  26. 26. Ramona
  27. 27. Surfin' Bird
  28. 28. Why Is It Always This Way?

Bonus Material (Mediasound/Power Station Rough Mixes + 40th Anniversary Extras)

  1. 1. Why Is It Always This Way? - Mediasound Rough, Alternate Lyrics
  2. 2. Rockaway Beach - Power Station Rough
  3. 3. I Wanna Be Well - Power Station Rough
  4. 4. Locket Love - Power Station Rough
  5. 5. I Can't Give You Anything - Power Station Rough
  6. 6. Cretin Hop - Power Station Rough
  7. 7. Happy Family - Power Station Rough
  8. 8. Ramona - Mediasound Rough, Alternate Lyrics
  9. 9. Do You Wanna Dance?- Mediasound Rough
  10. 10. Teenage Lobotomy - Mediasound Rough
  11. 11. Here Today, Gone Tomorrow - Mediasound Rough
  12. 12. I Don't Care - Version 2, Mediasound Rough
  13. 13. Here Today, Gone Tomorrow - Acoustic Version
  14. 14. It's A Long Way Back To Germany - Version 1-Dee Dee Vocal
  15. 15. Ramona - Sweet Little Ramona Pop Mix
  16. 16. Surfin' Bird - Alternate Vocal
  17. 17. Teenage Lobotomy - Backing Track
  18. 18. We're A Happy Family - At Home With The Family
  19. 19. Cretin Hop - Backing Track
  20. 20. Needles And Pins - Demo Version
  21. 21. Babysitter - B-Side Version
  22. 22. It's A Long Way Back To Germany - B-Side Version
  23. 23. Joey RTR Radio Spot Promo
  24. 24. We're A Happy Family - Joey & Dee Dee Dialogue

Live at Apollo Centre, Glasgow, Scotland (December 19, 1977)

  1. 1. Rockaway Beach
  2. 2. Teenage Lobotomy
  3. 3. Blitzkrieg Bop
  4. 4. I Wanna Be Well
  5. 5. Glad To See You Go
  6. 6. Gimme Gimme Shock Treatment
  7. 7. You're Gonna Kill That Girl
  8. 8. I Don't Care
  9. 9. Sheena Is A Punk Rocker
  10. 10. Carbona Not Glue
  11. 11. Commando
  12. 12. Here Today, Gone Tomorrow
  13. 13. Surfin' Bird
  14. 14. Cretin Hop
  15. 15. Listen To My Heart
  16. 16. California Sun
  17. 17. I Don't Wanna Walk Around With You
  18. 18. Pinhead
  19. 19. Do You Wanna Dance?
  20. 20. Chain Saw
  21. 21. Today Your Love, Tomorrow The World
  22. 22. Now I Wanna Be A Good Boy
  23. 23. Judy Is A Punk
  24. 24. Now I Wanna Sniff Some Glue
  25. 25. We're A Happy Family

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