laut.de-Kritik

Hier sitzt jede Silbe wie ein italienischer Maßanzug.

Review von

Ich muss zugeben, dass ich das US-amerikanische Rap-Game schon seit längerem nicht mehr mit Adlerohren verfolge. Die Gründe sind mannigfaltig: Teils ist es dessen schiere Größe, teils der immanente Größenwahn, teils die frappierende Ideenlosigkeit, partikular vielleicht auch Faulheit. Geblieben ist mir eine selektive Wahrnehmung, die wiederum mit keiner Nord- oder Südstaaten-, bzw. Ost- oder Westküsten-Präferenz einhergeht: Hauptsache, es kann was.

Da nimmt es nicht Wunder, dass ich laut 'Hier' schreie, als Dilated Peoples-Frontmann Rakaa seine Solo-Scheibe nun doch noch aus der Taufe hebt. Angesichts der Vorlaufzeit schwelte ja schon der Verdacht auf Dre'sche Detoxie.

Dass der Mann seit rund zwanzig Jahren an Flow und Delivery arbeitet, hört man: Jede Silbe, die er mit seinem markant-sonorem Organ auf den Beat spuckt, sitzt einem italienischem Maßanzug gleich elegant wie leger, sein verbales Timing konkurriert in jeder Gangart an Präzision mit einem Schweizer Uhrwerk und die Reimarchitektur in punkto Stabilität mit den Pyramiden von Gizeh: Dieses Zulu-Nation-Mitglied hat die Weltoffenheit wahrlich verinnerlicht.

Womit Rakaa es allerdings in der langen Inkubationszeit meines Erachtens nach ein bisschen zu gut gemeint hat, ist die musikalische Weitläufigkeit von "Crown Of Thorns". Andererseits: Wer es wie in "Mezcal" schafft, Rap in eine derart relaxte Buena Vista Social Club-Atmo zu tauchen oder in der angejazzten Samba-Abschweifung "Rosetta Stone Grove" im huldvollen Schnelldurchlauf die Entstehungsgeschichte des Hip Hop runter zu deklinieren, verdient größtmöglichen Respekt.

Nun ist Rakaa Iriscience aber eben auch ein amtlicher Straight-Forward-MC und das stellt er wiederum in der Dream-Team-Kollabo mit Haus-Produzent Alchemist, seinem Dilated-Spezi Evidence und Familienfreund Defari in "Aces High" unter Beweis: "Game recognize game since day one" - so schauts aus. Den Newcomer Fashawn hätte es da eigentlich gar nicht mehr gebraucht.

Ähnlich elaboriert gestaltet sich auch die obligatorische Ausführung des ewig gültigen Straßengesetzkatalogs: Krondons hinterhältige Artikulation schleicht sich perfekt durch die nervöse Krimi-Akustik, während man von einem Satz zugespitzter Geigen im Takt erdolcht wird - so und nicht anders vertont man die dunklen Ecken von L.A. im Jahr 2010.

Nicht fehlen darf bei einem Graffiti-beschlagenen Künstler wie Rakaa selbstredend die hohe Kunst der bunten Wände: Für "Mean Streak" sprühen Chali 2na (a.k.a. die menschliche Tuba) und sein Gastgeber ihre Zeilen auf eine von El-P verchromte Barrikade von einem Beat. Dieser basiert wiederum - angehenden Nostalgikern tritt das Wasser ins Auge - auf einem dröhnendem Synthie-Sample aus Ice-Ts 88er Hit "Colors".

Dringend erwähnt sei auch "Connect The Dots", kurz "C.T.D.": Eine dermaßen funktionierende und zugleich unprätentiöse Aufforderung zur Genick-Laola ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Verloren geglaubte Hip-Hop-Automatismen werden hier mir nix, dir nix und nur vermittels ein paar Bläsern und Funk-Samples reanimiert - aber wen erstaunts, wenn das Dilated-Backbone DJ Babu an den Boards operiert?

Strapaziös gestaltet sich hingegen das von Oh No instrumentalisierte "Assault & Battery": Eine verschachtelte Baseline unter scheppernden Drums und kruden Scratches zeugt zwar von Rakaas universellen Rap-Skills und mag Puristen entzücken, birgt aber schnell auch hohes Skip-Risiko.

Der folgende "Ambassador Slang" präsentiert sich mit einem auf den unteren Oktaven hämmernden Klavier sowie ein paar rasanten Fanfaren musikalisch dann zwar wieder gefälliger, gerät jedoch aufgrund der Vielzahl an geladenen Botschaftern nur wenig prägnant. Dieses Urteil muss sich bedingt auch die Single "Delilah" gefallen lassen: Evidence' grundgeiler Beat hierzu hätte dann doch einen Tick mehr Variation vertragen.

Der wahre Lyricist tritt letztlich hervor, wo andere Kollegen behaupten, auch dann noch Rapper zu sein, "wenn der Beat nicht mehr läuft": Für "Upstairs" knipst er diesen nämlich tatsächlich aus und beschert einem, begleitet nur von ein paar schwebenden Akkorden und einer Hand voll Fingerschnippern, das vereinnahmendste Outro, das mich seit langem - wenn nicht jemals - aus einer Hip-Hop-Platte hinaus begleitet hat. Hier zeigt sich, das dieses Genre so viel mehr kann als weithin vermutet.

Trackliste

  1. 1. Crown Of Thorns (feat. Aloe Blacc)
  2. 2. The Observatory (feat. MAD Lion)
  3. 3. Delilah
  4. 4. Human Nature (Now Breathe) (feat. KRS-One)
  5. 5. C.T.D.
  6. 6. Assault & Battery
  7. 7. Ambassador Slang (feat. Tasha, Tiger JK, Roscoe Umali, Bigryzn, ...)
  8. 8. Eyes Wide (feat. Krondon)
  9. 9. Mezcal
  10. 10. Rosetta Stone Grove (Universal Language) (feat. Noelle Scaggs)
  11. 11. Aces High (feat. Fashawn, Evidence & Defari)
  12. 12. Mean Streak (feat. Chali 2na)
  13. 13. Upstairs

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