18. Mai 2010

"Sido-Fans nennen uns 'Opfaaa'"

Interview geführt von

Wir treffen den Sänger Rainer Von Vielen von der gleichnamigen Band und den Gitarristen Mitsch Oko im Kulturladen in Konstanz zum Interview vor dem Konzert. Sie erzählen uns vom Stylefaschismus, Tourleben und der einhergehenden Bierabstinenz, räumen mit dem Rockstargedanken auf und sprechen darüber, wie man im Internet die Revolution kommunizieren kann.Ende April ist am Bodensee der Frühling ausgebrochen, gegen Abend setzen wir uns mit Rainer und Mitsch bei Sonnenschein und Temperaturen über 20° in den schattigen Außenbereich des Restaurants im Kulturladen. Die Band spielt heute zum letzten Mal in der Fremde, bevor sie die Mammuttour in der Heimat beenden. Beide sind sichtlich gut gelaunt. Mitch Oko (Michi) beendet gerade ein Telefonat.

So denn, los gehts. Der Titel des neuen Albums "Milch und Honig" zeichnet sich durch den utopischen Charakter aus. Das Thema auf der Platte selbst bestimmt sich aber durch die Reflektion von globaler Vernetzung, Sicherheitsfanatismus und fehlendem Bewusstsein hierfür in der Gesellschaft. Gab es das Thema von Beginn an oder entstand es im Prozess der Aufnahmen?

Rainer: Das hat sich eigentlich erst etabliert, aber wir haben auch schon seit je her gesellschaftskritische Themen. Und der Albumtitel - es hat ziemlich lange gedauert, bis wir auf den gekommen sind. Das war erst gegen Ende der Produktion, als schon klar war, welche Stücke alle drauf sein werden. Da kamen wir auf den Albumtitel und fanden auch die Kombination ganz gut, wie du sagst. Als Kontrast zu der Gesellschaftskritik die Utopie als idealen Lebensraum. Gleichzeitig verstärken wir das noch, indem wir ein bisschen mehr Heimataspekte musikalischer Art in der Musik drin haben. Dieses Allgäuklischee: Milch, Kühe. Das fanden wir auch ganz schön, dass es jetzt diese beiden Aspekte erfüllt.

Michi: Ja, und was eben auch noch dazu kommt: "Milch und Honig" kennt jeder als Begriff aus der Bibel, und es ist natürlich auch stellvertretend für das, was wir musikalisch tun. Es reißt praktisch dieses geflügelte Wort aus dem Zusammenhang und benutzt es eben neu. Genauso wie wir irgendwelche Musikstile, die nicht zusammenpassen oder vermeintlich nicht zusammenpassen, zusammenmischen. So z.B. auch unsere Singleauskopplung von Sidos "Mein Block", das wir aus dem Ghetto gerissen haben und in ein Allgäuer Umfeld gestellt haben. Auch der "Milch und Honig"-Titel soll stellvertretend fürs Album leuchtturmartig erscheinen.

Glaubt ihr denn, dass die Leute dieses Spiel mit der Dekontextualisierung und Resemantisierung verstehen?

Michi: Ja. Es ist einfach unglaublich reizvoll, Bekanntes aus dem Zusammenhang zu reißen und in neue Zusammenhänge zu stecken, das Ungewohnte im Vertrauten zu haben oder das Vertraute im Gewohnten. Je nach dem, wie man es empfindet.

Rainer: Und zum Glück basiert unsere Musik nicht nur auf diesem Spiel. Wer das erkennt, der hat dann seine Freude daran, und du hast es ja auch erkannt.

Michi: Man ist klar im Vorteil, wenn man es erkennt.

Ist es gleichzeitig auch der eigene Anspruch, nicht in einem Genre verhaften zu bleiben und mit diesem Clash aus Hip Hop, Elektro und Pop alle anzusprechen?

Michi: Es kommt ja automatisch dadurch ...

Rainer: Es ist gewachsen mit dem Projekt und es hängt vielleicht auch ein bisschen damit zusammen, wo wir herkommen - aus dem Allgäu. Da gibt's zwar viele Musiker, aber keine Szene. Und so macht der Hip Hopper mal was mit dem Grindcore-Menschen, der Hippie mit dem Metaller und der Elektroniker mit dem Indie-Rocker. Dieser Mix ist da in der Musikszene oft schon vorhanden. Dadurch fühlt es sich für uns auch nicht so ungewöhnlich an, dies zu machen und hat sich selbstständig dahin entwickelt. In der Band kommen wir auch alle aus unterschiedlichen Richtungen, hat sich aber auch durch die Szene ergeben. Dadurch, dass man nicht so stilfixiert ist und mit anderen Leuten gerne was ausprobiert. Und so kommen Michi und Dan eher aus der Metallecke ...

Michi: Joa ...

Rainer: ... und unser Schlagzeuger Niko Lai kommt eher aus der elektronischen Ecke. Bei mir ist es das Songwriter und Hip Hop-Ding. Gleichzeitig hat jeder von uns auch einen relativ großen Horizont von dem, was ihn musikalisch interessiert. So sind wir dann auch zu diesem Stilmix gekommen.

Michi: Ich finde es witzig, dass alle es so ungewöhnlich finden, so viele Stile unter einen Hut zu bringen. Ich finde es aber viel natürlicher als einen Stil, wo man immer nur in die selbe Kerbe hackt. Marketingtechnisch natürlich sehr viel intelligenter ... ich befreie dich mal eben von dem Käfer hier...

Danke

Michi: ... du gehst ja auch nicht jeden Tag italienisch essen, irgendwann hängts dir ja auch zum Hals raus. Und man hört sich morgens auch nicht die allerkrasseste Hardcoreplatte an, weil das ja vielleicht gar nicht passt. Vielleicht bist du gerade traurig und du willst kein Lied über Hass hören, sondern ein gefühlvolles Lied über verflossene Liebe. Deswegen finde ich es sehr natürlich, dass man viele unterschiedliche Dinge macht. Immer in die selbe Kerbe, hey, immer drei Akkorde, wir spielen Indierock heute, morgen, übermorgen, immer! – ist doch langweilig. Ich find das viel natürlicher als den ganzen Stylefaschismus, den andere Leute in diesem Land betreiben.

Aber es is ja viel einfacher, immer das selbe zu machen ...

Michi: Ja, es steht ja auch schon in der Bibel: Wählet nicht den breiten Weg (lacht). Nein, es ist natürlich sehr viel einfacher, immer dasselbe zu machen und marketingtechnisch viel einfacher zu kommunizieren: Wir machen Seitenscheitel-Indierock – nur und ausschließlich.

Rainer: Die Kanäle sind dann klar, über die das kommuniziert werden soll.

Michi: Wir machen, worauf wir Bock haben. Und wir haben keinen Spaß daran jeden Tag italienisch essen zu gehen.

Rainer: Vor allem nicht unser Schlagzeuger.

Um an die Stilrichtungen und den Einfluss jedes Einzelnen noch mal anzuknüpfen. Versteht ihr euch als Bandkollektiv oder als zusammenarbeitende Solokünstler?

Rainer: Es ist ursprünglich aus einem Soloprojekt entwachsen. Seit 2005 sind wir aber als Band unterwegs, schreiben auch in der Bandformation die Stücke und ja ... Rainer Von Vielen ist eine Band.

Michi: Der Sänger von Rainer Von Vielen heißt zufällig genauso wie die Band. Es ist eine Ambivalenz, die praktisch die Vielschichtigkeit der heutigen globalisierten Welt auch über unseren Bandnamen projizieren will.

Stichpunkt 'Gloablisierte Welt'. Ihr habt einen Song, "Alles Ist Verbunden", der ja genau das anspielt. Die Welt als globales Dorf. Ihr kritisiert zum einen die Gesellschaft, die Vernetzung und den Überwachungsstaat. Dafür seid ihr in den neuen Medien aber ziemlich gut vernetzt.

Michi: Auf jeden Fall.

Rainer: Genau.

Wie passt das zusammen?

Michi: Rainer Von Vielen als Band, wir sind ja auch öffentliche Personen, ja. Es ist also auch absolut in unserem Interesse, dass die Öffentlichkeit über Kanäle, egal was für welche, Notiz nimmt und aufmerksam auf uns wird. Es ist ja Bestandteil dieses Popprojektes, das wir jeden Tag aufs Neue lostreten. Es ist ja auch wichtig und die Hauptbotschaft, dass man heutzutage zwischen den Zeilen lesen muss, vor allem wenn es um wichtige Dinge geht. Was wir machen, ist ja nicht wichtig. Wir machen ja Entertainment. Die Welt wird sich morgen weiter drehen, wenn wir morgen früh bei einem Autocrash ums Leben kommen würden. Aber es gibt ja auch wichtige Themen, und gerade bei diesen Sachen muss man sich auch als Konsument in dieser Welt bewusst sein, dass die Wahrheit dieser Welt eher zwischen den Zeilen steht als in geschriebenen Lettern in den Medien. Dass über Geld sehr viel Meinung gemacht wird.

Rainer: Wir versuchen natürlich im Privaten das zu leben, was wir auch vermitteln. Ich finden diesen Ansatz ja ganz schön, der auch für Attac steht, diese Globalisierungsgegner: Global denken und lokal handeln.

"Endlich wieder die eigenen Frauen"


Kann denn Revolution tatsächlich nur Tanz und Entertainment sein wie in eurem (älteren) Song "Tanz deine Revolution"? Ihr bewegt euch ja auf Twitter und den Communities. Aber die Communitynutzer sind ja, wie ihr selbst reflektiert habt, häufig nicht emanzipiert genug, um das zu verstehen und verantwortungsvoll zu nutzen.

Michi: Das glaube ich nicht. Ich sehe das immer so wie ein Fass der Erkenntnis, wo ständig ein Tropfen reinfällt. Und irgendwann kommt dieser letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das gibt dann wieder einen gesellschaftlichen Quantumsschub. Und wenn du sagst "Tanz deine Revolution" - die Revolution in dir selbst und in der Gesellschaft muss nicht immer total unlustig ablaufen. Man kann die auch definitiv fröhlich sehen. Ich sehe das also nicht als Widerspruch, es muss ja nicht bitterer Ernst sein.

Rainer: Ich meine, jede Band, die behauptet, sie macht kein Entertainment, die lügt. Schon alleine der Fakt, dass du eine Band bist und dich auf die Bühne stellst, Musik machst - du bist einfach Entertainer. Da führt kein Weg daran vorbei, da kannst du noch so kritische Texte haben.

Michi: Du kannst noch so scheiße drauf sein und in Hamburg wohnen, es wird so sein ...

Rainer: Aber das Schöne ist: als Musiker hat man die Möglichkeit, Inhalte zu vermitteln und gleichzeitig über dieses Entertainment auch Denkanstöße zu verteilen, Informationen zu streuen, oder zumindest das zu kommunizieren, was einem als wichtig erscheint.

Aber noch mal explizit: Kann ich eine Revolution über Twitter kommunizieren?

Michi: Du kannst es über alles kommunizieren ...

Dann wäre es ja die super Plattform, wenn das ginge, oder? Einmal geschrieen, alle habens gehört.

Rainer: Wenn ein Bedürfnis da ist, dann kannst du es auch über Twitter vermitteln.

Michi: Auf jeden Fall. Es kommt ja nicht auf den Kanal an, sondern Sender und Empfänger sind die ausschlaggebenden Punkte. Ob das jetzt über ne Flaschenpost geht oder über ein Glasfaserkabel, ist relativ scheiß egal.

Dann muss der Empfänger aber auf Revolution gepolt sein.

Michi: Vielleicht ist es ja auch so, dass er noch gar nicht auf Revolution gepolt ist und in dem Moment, wo er irgendeinen kritischen Text liest, irgendwas in ihm auslöst an Denkprozessen und auf die Erkenntnis hinführt, dass irgendwas vielleicht doch nicht in Ordnung ist, wenn das freie Spiel der Kräfte, sprich Kapitalmärkte, das Geschehen auf der Welt bestimmt. Und ob das Kabel jetzt Rupert Murdoch gehört ist für den Prozess auch erst mal zweitrangig. Klar kann Rupert Murdoch sagen, er lässt solche Infos nicht über sein Kabel. Und es gab bisher noch nie eine Nachricht von unserer Seite, die auf Twitter, Myspace, Facebook in irgendeiner Form gefiltert worden wäre. Zumindest nicht so, dass ich das mitbekommen hätte. Was wir mal mitbekommen haben, ist, dass mal Chinesen auf unsrer Homepage waren.

Rainer: Ja, dass wir halt Klicks aus China haben.

Michi: Ja, aber ich glaub nicht, dass man in China frei auf unsere Seite gehen kann. Wir haben einen chinakritischen Text mit einem abtrünnigen Mönch, der mal auf unseren Bauernhof gekommen ist. Mit ihm zusammen haben wir einen Song gemacht. Es war ein tibetischer Mönch, der von Chinesen auch gefoltert wurde. Und seit dem wir das gemacht haben, ist der chinesische Markt für Rainer Von Vielen passé. Mal marktwirtschaftlich gesprochen. Oder?

Rainer: Ja, sehr gut möglich.

Michi: Klatsch ab Alter. Haben wir gut gemacht

(Beide geben sich einen Handschlag und lachen)

Ja, dann bleiben wir doch gerade beim Thema Markt. Und zwar beim Onlinemarkt: Die neue Platte gibts bei i-Tunes zum Download, inklusive Bonustracks und dem gesamten Albumartwork. Damit belohnt ihr ja quasi die Internetuser.

Michi: Ja, wir belohnen damit in erster Linie Leute, die sich unser Kulturprodukt, wenn ichs mal so sagen darf, käuflich erwerben. Was ja heute die Minderheit ist, dass Leute für deine Musik zahlen. Die meisten bekommen es halt irgendwo her in irgendeiner Form aus dem Internet. Und klar setzen wir so auch einen Kaufanreiz. Klar, es ist schon toll, wenn sich Leute, denen unsere Musik gefällt, auch kaufen. Es ist ja so, dass unser Hauptbroterwerb das Livespielen ist ...

Daher jetzt wohl auch die Mammuttour?

Michi: Ne, die Mammuttour machen wir, weil wir so ehrgeizig sind (lacht). Nein, wir sind schon ehrgeizig, muss man so sagen. Und die Tour ist eben auch wegen dem Albumrelease. Es bedingt sich auch alles wieder selber. Also, wir haben ein neues Album, wollen das promoten. Wir haben aber natürlich einen super Aufhänger, wegen dem neuen Album auf Tour zu sein. Und wir wollen ja auch was erreichen, deswegen haben wir uns so den Arsch aufgerissen und heute ist ja das letzte Konzert in der Fremde. Wir fahren nach dem Konzert ins Allgäu ...

Rainer: Nach Hause ...

Michi: ... schlafen in unseren eigenen Betten. Nicht neben der Kotze. Das war oft unter der Woche so: 'Guck mal, da is n Fleck, da hat jemand hingekotzt, da könnt ihr schlafen.' Na gut, das war jetzt übertrieben (lacht). Aber wir freuen uns da sehr drauf. Und morgen ist dann noch Abschlusskonzert im Allgäu – Willofs Veteranentreffen, ne ganz alte Institution im Allgäu. Da sind die schon in den 60er Jahren hingepilgert, wo diese Hippiebewegung nach Deutschland gekommen ist. Und die haben damals schon langhaarig ihre Musik gehört und getanzt. Das wird toll. Da spielen dann erst Rainer Von Vielen, dann gibt's ne kleine Umbaupause und dann kommt Orange, die andere Band von Rainer Von Vielen mit Niko Lai. Und nach dem Konzert fahren wir natürlich nach Hause, in unsere eigenen Betten, scheißen auf unseren eigenen Klos, liegen in unseren eigenen Betten, neben unseren eigenen Frauen.

Rainer: Endlich wieder die eigenen Frauen (lacht).

Aha ...

Michi: Nein, mit diesem Rockstargedanken müssen wir auch aufräumen, das ist überbewertet.

Rainer: Zumindest bei uns.

Michi: Ja, ich glaube auch bei ganz vielen anderen Bands.

Rainer: Wenn mans drauf anlegt ... mmh.

Michi: Dieses Mysterium, Backstage und Groupies und so ... Was wir tun ist harte Arbeit. Wir reisen lange, wir tragen alles selbst.

Rainer: Vor allem seit dem sich unser Schlagzeuger am Anfang der Tour den Fuß gebrochen hat, bleibt die ganze Schlepperei jetzt auch an den anderen hängen. Und man merkt da einfach, wenn einer plötzlich nicht mehr mit anpacken kann am ganzen Equipment, das ist einfach harte Arbeit.

Michi: Und gerade so eine Tour, wie wir sie gerade hingelegt haben, so knapp 50 Konzerte in zwei Monaten, ist richtig Arbeit. Aber es ist auch sehr schön. Man weiß auch, warum man das immer macht. Es ist dieser Moment, wenn man auf die Bühne geht, da kann ich noch so schlecht gelaunt sein wie z.B. gestern. Wenn ich dann auf die Bühne gehe, machts mir immer wieder Spaß zu spielen - dieser magische Moment, wo du die Leute mitreißt.

(Michi grüßt einen Gast, der an uns vorbei läuft. Er reagiert nicht.)

Naja, vielleicht begeisterst du ihn ja nachher.

Michi: Sicher. Wenn er vor der Bühne steht wird er mitgerissen. Wenn nicht ... dann hat er Pech gehabt.

Ihr reißt die Leute ja gerade mit einem Stück ganz gut mit. Sido goes Allgäu ...

Michi: Ja.

Wie denn bitte kommt ihr dazu, Sidos "Mein Block" zu covern und mit einer Jodeleinlage zu unterlegen?

Rainer: Wir haben ein Konzert in München gespielt, im Feierwerk, saßen danach Backstage und feierten noch. Und das Akkordeon war zur Hand und wir haben angefangen, die Texte von HipHop-Tracks, die wir kannten, mit Ländler zu kombinieren. Wir haben dann auch alles durchprobiert, was wir kannten, bis wir auf "Mein Block" stießen. Den Text haben wir nicht richtig zusammenbekommen.

(Rainer singt die Melodie, Michi brüllt an der passenden Stelle "Mein Block")

Rainer: Aber uns war klar, dass es einfach super zusammenpasst. Und das Spezielle am Lied ist, dass es das Spannungsverhältnis zwischen Großstadt und Land durch die Musik so extrem aufmacht. Hier werden einfach zwei Heimatentwürfe kontrastiert. Das war der Reiz. Wir haben dann angefangen, es mal live zu spielen. Es kam knüllermäßig an. Und so ist der Song auf dem neuen Album gelandet. Ein guter Freund von uns hat dann noch das Video dazu gemacht, es schießt gerade durch die Decke. Die Resonanz ist auch riesig. Und lustigerweise, die Sido-Fans ...

Michi: (imitiert) 'Ihr Opfaaa.' Also Opfer mit 'a' hinten, ne. Mir persönlich ist das am allerwichtigsten.

Rainer: Ist halt geil, weil teilweise Diskussionen entstehen ...

Michi: Und wir sind gerne Licht der Erkenntnis für die ein oder andere verirrte Seele. Das macht mich am stolzesten. Wenn sich Leute so richtig schön daran reiben ... geil! Neulich sind wir auch so verrissen worden, von so einem Magazin.

Rainer: Wir wollen den Namen nicht nennen.

Michi: Das war so eine linke Wochenzeitung mit 200er Abonnentenauflage. Die haben uns krass verrissen. In etwa: "Milch und Honig, is ja für Veganer erst mal ein total doofer Titel." Und eine Zeitlang waren wir leicht tourgekollert, saßen in Frankfurt rum und haben das gelesen. Den ersten Tag saß der Stachel recht tief, aber auf die längere Distanz muss ich sagen, dass ich es ziemlich geil finde! Das hat mich so ein bisschen geadelt, dass die linken Stylefaschisten uns so finden. Ich finds immer geiler.

"Die Droge holt sich alles wieder ..."


Von den Stylefaschisten noch mal zum zugehörigen Video. Rainer, du hast ja an der Uni Ludwigsburg Filmwissenschaften studiert. Wie viel Handschrift trägt der Clip von dir, insbesondere beim Splatter-Finale ?

Rainer: Fast gar nichts. Also genau die letzte Splatterszene. Das ging mir irgendwie schon recht lange im Kopf rum, dieses Schuhplatteln mit Splatter ins Extrem zu treiben. Aber ansonsten saßen wir mit dem Regisseur Daniel Munding am Tisch und haben die Ideen zusammengeschmissen und das Konzept mündlich ausgearbeitet. Daniel haben wir dann einfach machen lassen.

Michi: Ja, er hat gerade vor dem Interview angerufen und sagte, dass morgen alle beim Abschlusskonzert mit dabei sind und diese Schuhplattelsection live auf der Bühne bringen.

Rainer: Ich bin gespannt wie sie das machen, aber ich hoffe sie haben Kunstblut dabei. Das wird ein Megatourabschluss. Und dann wirds total geil, denn es ist der 1. Mai-Samstag, da stellen die im Dorf, wo ich wohne, der Mutter aller Dörfer, wo wir übrigens auch aufgewachsen sind ... wir sind nämlich Sandkastenfreunde, gell Michi.

(Beide lachen. Michi tätschelt Rainer am Kopf)

Michi: 27 Years of quality control

Control?

Michi: Ja klar. Und morgens werde ich dann mit meinen Frauen, also Mutter, Frau und Schwester ... und Vater hingehen, den Maibaum aufstellen und so ein Gerstenkaltgetränk trinken. Wir trinken ja auf Tour kein Bier mehr ...

Was?

Rainer: ... Dem Alkohol entsagt.

Michi: Genau. Kein Alkohol, keine Drogen ...

Ziemlich konsequent. Aber warum?

Rainer: Ja, es ist einfach kontraproduktiv für das, was wir erreichen wollen.
Michi: Auf dem Catering steht 'kein Bier', folglich gibt's keine Alkoholika Backstage.

Rainer: Es zieht sich eben so hin, gerade wenn du fünf, sechs Tage unterwegs bist, nur einen Tag Offday hast und das wieder und wieder, wenn du da jeden Abend dein Bier trinkst, dann ...

Michi: ... biste am Ende echt drauf ...

Rainer: Du gehst dir selber auf den Sack, du wirst krank und du gehst deinen Mitmusikern auf den Sack.

Michi: Das ist einfach unprofessionell. Der eine kann nicht mehr fahren, der andere ist total euphorisch und will sich super gern weiter mit diesem total unwichtigen Menschen unterhalten, während alle anderen weg müssen. Der andere ist leicht säuerlich, weil er betrunken ist, und am nächsten Tag holt sich die Droge alles wieder, was sie dir am Abend gegeben hat. Es ist aber auch recht schwierig, zumindest in dem Bereich, in dem wir uns bewegen. Wenn du vor zwei Uhr kommst, bekommst du ungefragt einen Kaffee hingestellt. Kommst du nach zwei, gibts ungefragt ein Bier. Deswegen muss man auch in jungen Jahren aufpassen, wir als 17-Jährige, dass man da nicht aufs falsche Fleisch ... äh, Gleis gerät.

Rainer: Aufs falsche Fleisch?!

(Beide lachen)

Da ist wieder die Veganerproblematik...

Michi: Ja, nö, vegan sind wir nicht.

Rainer: Aber wir sind schon fast ...

Michi: Nö, ich ficke gern und ich esse gern Fleisch.

Top Titel für das Interview, oder? Na gut. Wir wechseln mal das Gleis. Wir sitzen ja gerade noch im Sendebereich von FM4. Dort hast du 2005 den Protestsongcontest gewonnen ...

Rainer: Der hat uns auf jeden Fall total viel geholfen. Gerade als Einstieg war das super für uns. Michi war gerade in den letzten Zügen seines Studiums, und wir haben uns überlegt, zusammen Musik zu machen. Und vor allem, dass er die ganze Organisation und das Management an die Hand nimmt.

Michi: Ich hab ja Management studiert, ne? (Grinst)

Rainer: Aber dadurch konnten wir halt in Österreich voll losstarten und haben diverse Konzerte und Festivals spielen können. Es hat uns auf jeden Fall massiv geholfen.

Michi: Wenn es nicht FM4 gewesen wäre, die uns eine Initialzündung gegeben hätten, wäre es sicher jemand anderes gewesen. Auf der anderen Seite muss man es wieder bejahen: Es war einfach unglaublich wichtig, dass FM4 uns gespielt hat. Auf dem Weg, den wir gehen, mit Musik Geld zu verdienen, kannst du ohne den Support der Medien, die hier eine ganz wichtige Rolle spielen, nichts erreichen. Wenn die nicht mitspielen, egal ob in Form von print oder online, wirst du in dem Gewerbe nichts reißen.

Ja, ich fragte deshalb, weil der Sender in Österreich nicht nur regional ausgestrahlt wird, sondern ...

Michi: ... landesweit. Das gibts in Deutschland gar nicht. Es gibt den Deutschlandfunk, aber ja ... Österreich ist auf jeden Fall der Traum eines jeden Musikschaffenden. Du musst im Prinzip FM4 in der Tasche haben, dann hast du das Land im Sack.

Fehlt uns nicht so was?

Michi: Uns fehlt so was brutal! Eine gute Radiolandschaft ist eines der krassesten Sachen, die der Kulturlandschaft in Deutschland fehlen. Es ist eine solche Frechheit was die haben. Okay, die Bayern haben jetzt On 3, ein Internetradio. Aber das Internetradio allgemein ist noch nicht zum Massenmedium avanciert. Es hören einfach noch viel zu wenige. Es hört z.B. kein Schreiner und kein Großraumbüro beim Arbeiten Internetradio. Es dauert noch fünf Jahre, bis das Internetradio der Standard ist. Aber es gibt immer wieder Lichtblicke. Berlin hat z.B. eine lebhafte Radiolandschaft mit Motor FM oder Radio 1.

Rainer: Fritz gibt's noch.

Michi: Auch super, ja. Aber so was bräuchte es eben deutschlandweit. Es ist mir auch ganz wichtig, dass du das jetzt schreibst: (langsam und betont) Ich hasse unser mainstream adult contemporary Radio. Und das ist: Die Hits aus den 70er, 80er (beide zusammen) 90ern und das Beste von heute. Und das spielt jedes Arschloch, jeder scheiß Sender spielt das, und ich erkläre dir auch, warum sie das machen. Die machen es wegen der Quote, über die sie ihr Geld verdienen. Und die Quote ist natürlich am höchsten, wenn man den kleinsten gemeinsamen Nenner fährt. Und der kleinste gemeinsame Nenner heißt: adult contemporary. Das Beste aus den 70er, 80er, 90ern und die Hits von heute. Und da krieg ich das Kotzen. Und vor allem krieg ich das Kotzen, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der über unser aller Steuergelder finanziert wird, auch nach dem adult contemporary abgerechnet wird. Und zur Quotenermittlung werden 2000 Leute in einer statistischen Merkmalserhebung befragt, was dann auf das ganze deutsche Volk hochgerechnet wird. Das ist dann die ausschlaggebende Sache, wie der Verteilungsschlüssel angelegt wird. Welche scheiß Antenne Bayern oder welcher beschissene HR3 Sender so und so viel Geld bekommt. Die Ärzte haben ja damals schon gesungen: "Und mein Radio brennt." So was brauchen wir auch mal. Wir schreiben einen Hasssong über das Radio (summt die Melodie von den Ärzten).

Ja, wäre nicht schlecht. Wird dann sicherlich ganz groß im Radio promotet.

Michi: Ja, im Radio natürlich! (Lacht)

(Die Bedienung kommt. 'Entschuldigung, ich störe nur ungern, aber es gibt Essen.')

Michi: Gut, wir kommen gleich.

Noch eine Frage, anschließend an Motor FM. Alle flüchten vom Label in die Selbstständigkeit. Ihr seid vom eigenen Label zu Motor gewechselt.

Michi: Ja, das erste Label, Deck 8, das gibt's nicht mehr. Und das zweite Label, Ebensomusik, das gibt es immer noch. Das ist meine Firma. Die Scheibe von 2008 haben wir bei Motor rausgebracht. Die jetzige Scheibe ist wie folgt rausgekommen. Und zwar haben Ebensomusik und Motor ein Subplattenfirma gegründet, die RAR heißt: Rent A Recordcompany. Über die wird das alles abgewickelt. Es ist also keine reine Motormusicveröffentlichung.

Rainer: Und wir schätzen das Know How. Weil wir das ja in den Jahren davor alleine gemacht haben, konnten wir mit Motor ausklamüsern, wie man alle Kompetenzen zusammenlegen kann.

Also habt ihr Motor mit an Bord geholt, um mit erfahrenen Leuten zusammen zu arbeiten und selbst weniger Arbeit zu haben?

Michi: Ja, es war eine Win-Win-Situation für beide. Auf der einen Seite ist es so, dass wir auf jeden Fall auch wissen, wie das Geschäft läuft. Und natürlich ist Motor ein sehr kompetenter Partner, den wir auch sehr schätzen. Es war auch ein Meilenstein in der Bandgeschichte, dass wir als Band einen richtigen Plattenvertrag bekommen haben und unser eigenes Ding rausgebracht haben. So konnten wir uns auch auf das fokussieren, was wirklich wichtig ist. Es hat relativ wenig mit einer Vertriebsabrechnung zu tun. Wenn ich das mal so sagen darf.

Ganz der Wirtschaftler. Gibt's von eurer Seite noch was?

Michi: Joa, wir freuen uns dass ihr heute da seid und bedanken uns für den laut.de-Support!

Wir danken!

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