laut.de-Kritik

Rave-Hölle oder Rock-Festival: Bitte schwofen Sie jetzt!

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Es gibt wenige Bands, von denen man guten Gewissens behaupten kann, dass sie ihre ureigene Nische gefunden haben. Rainer Von Vielen ist eine davon. Das liegt nicht mal am auffälligen Einsatz von Obertongesang, sondern am Stilmix des Allgäuer Bastard Pop-Quartetts. Oder wieviele Acts kennt ihr, denen man zutraut sowohl eine Rave-Höhle als auch ein Rock-Open-Air zu bespaßen?

"Überall Chaos" heißt die fünfte Scheibe der Band um Namensgeber Rainer Von Vielen. Und der präsentiert sich genauso wie seine Mitstreiter in der vielleicht bis dato vielseitigsten Verfassung. Als Chaos darf man es getrost bezeichnen, wenn Autotune-besprengter Orient-Pop mit gehörigem Synthie-Einschlag die Grundlage für Guru-Grollen, Gangshouts und betörendes Falsett-Säuseln bietet, und dabei auch noch irgendwie ein bisschen an Peter Fox erinnert. Weil Rainer Von Vielen dieses Chaos aber kontrollieren, wird daraus ein formidabler Hit namens "Divan".

Während der Opener ein wahnwitziges Genre-Potpourri abgibt, entpuppt sich "Der Größte Tag" als relativ straighter Alternative Rocker. Der Refrain schielt gen Deutschpunk, Rainer beschränkt sich auf normale Singstimme, Mitsch Oko wedelt sich ein flottes Akkord-Riff aus dem Handgelenk, lässt der Rhythmusfraktion aber genug Freiraum, damit sie dem Song ihren Groove-Stempel aufdrückt. Wenn "Divan" erste Wahl für die Hitparaden exzentrischer Multi-Kulti-Hipster-Partys war, ist "Der Größte Tag" der Kandidat für die Rock-Radio-Heavy-Rotation.

Äh ja ... und was stellen wir jetzt mit "Rainerize A Riot" an? Es wummert, es kracht, es FX-t: Des Sängers Zweitprojekt Orange lässt grüßen und verleiht Rainer Von Vielen eine gesunde Prise Clubkultur. Bitte schwofen Sie jetzt. Egal ob zu Slap-Gitarre, Slap-Bass, Flitze-Drums, Hook-Vocals oder Mörder-Synthies. Alles killt. Ab in den Abgrund.

Die drei ersten Songs fassen die Schlagrichtung von "Überall Chaos" schon recht gut zusammen. Besser gesagt: Die Bandbreite zeigt, wie offen die Band agiert, ohne dabei beliebig zu klingen. Denn trotz der Reise von einem Ende des musikalischen Universums zum anderen, hat man nie das Gefühl, Rainer Von Vielen würden ihre eigene Identität zugunsten ihrer Wandlungsfähigkeit aufgeben.

Statt Hip Hop-Elemente zu integrieren und wie Rap klingen zu wollen, statt Metal-Riffs auszupacken und dabei einen auf Finsterling zu machen, beugen sie diese einfach ihrer Vorstellung und passen sie dem eigenen Kosmos an. Genau deswegen schiebt sich die Faith No More-Adaption "Wir Kümmern Uns" wahrscheinlich so perfekt zwischen die Eigenkompositionen.

Apropos "Wir Kümmern Uns": Nicht nur bezüglich des Covers greifen die Musiker in die Heavy-Kiste. Ganz generell hat man das Gefühl, Rainer Von Vielen sind etwas härter und dunkler unterwegs. Mag sein, dass das auch an Neuzugang Sebastian Schwab am Schlagzeug liegt. Der kann zwar Disco, langt aber auch etwas deftiger zu und frönt gemeinsam mit seinem Gitarristen Headbang-Fantasien ("Herz Auf Hand"), an denen sich bisweilen auch Bassist Dan Le Tard beteiligt.

Gleichzeitig wohnt manchen Stücken eine sinistre Atmosphäre inne. "Lernen Zu Schreien" scheut sich nicht vor 'Geisterhaus-Flair'. Behäbig wiegt man sich in Düster-Psychedelik, streut Klaviergeklimper ein, lässt Mitsch Oko Postrock-Räusche durchleben. Oder wählt die umgekehrte Herangehensweise, setzt Knorkator-like auf scheinheilige Safety-Allüren und heckt die ein oder andere Schelmerei aus ("Unschuld Vom Land").

Aber Rainer Von Vielen wären nicht Rainer Von Vielen, wenn es nicht auch jede Menge zum Wohlfühlen gäbe. Zwar ist man grundsätzlich immer für ein Experiment zu haben, trotzdem bahnt sich die Liebe zur Harmonie immer wieder ihren Weg durchs Dickicht. Kein Song kommt ohne große Hooks aus, vor ein wenig Kitsch scheut man sowieso nicht zurück. Und wenn "Aneinander Rauschen" meditativ aus dem Album geleitet, kann man das auch einfach nur genießen.

Bei dem ganzen musikalischen Aufgebot vergisst man fast die Texte, die Wortakrobat Rainer aus verschiedenen Gefühlslagen heraus serviert. Dabei gibt es hier genauso viel zu entdecken wie im Instrumentalbereich. Zwischen Gesellschaftskritik, der Suche nach der inneren Mitte und dem künstlerischen Prozess an sich reitet er die Klischees und hebelt sie gleichzeitig aus.

Beispiel: "Einmal ließ ich meine Seele baumeln". Nachsatz: "An einem Strick um meinen Hals". Bei aller Relevanz der angesprochenen Themen kommt die Selbstironie zum Glück nie zu kurz. So findet sich dann am Ende des Rundumschlags "Wir Kümmern Uns" (alles von Snowden, Gesundheitswesen bis Epic Fail) die knappe Bemerkung: "Es ist'n Dreckssong, doch jemand muss ihn singen."

Liebe Rainers, wir freuen uns auf noch viele weitere Dreckssongs von euch!

Trackliste

  1. 1. Divan
  2. 2. Der Größte Tag
  3. 3. Rainerize A Riot
  4. 4. Pendel
  5. 5. Unschuld Vom Land
  6. 6. Herz Auf Hand
  7. 7. Wir Kümmern Uns
  8. 8. Alles Tun
  9. 9. Kopf Oder Zahl
  10. 10. Lernen Zu Schreien
  11. 11. Aneinander Rauschen

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