laut.de-Kritik

Zum Teil große dadaistische Texte, aber wenig Pop.

Review von

Knapp 16 Jahre ist es her, dass sich Rainald Grebe 2005 den Indianerschmuck auf und ans Klavier setzte. Mit "Brandenburg" machte sich der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur auch als Liedermacher einen Namen. Zahlreiche Alben später – solo, live, mit Orchester oder Band – erscheint "Popmusik". Da steckt so viel Pop drinnen, wie Nährstoffe in Cola – nämlich keine. Ernst nimmt sich der Comedian nach wie vor nicht, daran hat sich nichts geändert. Und wie schaut's musikalisch aus?

Nach insgesamt 13 Alben war nun die bunte Welt des Pop dran, um mit auffallendem Coca-Cola Cover endlich im Rolling Stone rezensiert zu werden, sagt er. Bei Grebe weiß man gleich: ernst meint er das nicht. Trotzdem soll es "modern, frisch, stellenweise fast tanzbar" klingen. Bestückt mit "Refrains und Hooklines, die einen mitnehmen und mitreißen."

Gleich beim Opener "Wissenschaft ist eine Meinung" bekommt er Unterstützung von Fortuna Ehrenfeld. Und wenn Wissenschaft mit Meinung einhergeht, ist der Aluhut nicht weit, den sich Grebe im bereits veröffentlichten Video aufsetzte. Im Refrain zeigen sich Fortuna Ehrenfeld mit gelber Federboa über den karierten Pyjamas – vor der Garage und dem Deutschen Bundestag, bis sie beim Thema Gleichberechtigung querdenkertypisch die Flucht ergreifen. Schließlich möchte man sich seine "Meinung" schon selbst bilden. Der amüsante Ohrwurm bleibt hängen. Aber nur bis zum nächsten Song.

Bei "Der Klick" verwendet er das Wort "Klick" so häufig, dass sich nach spätestens 40 Sekunden etwas Aggression breit macht. Wir klicken beim Aufstehen, Kaffeetrinken, wenn wir auf den Bus warten. "Klick, klick, klick". Klickelicklick. Auch Schuhtick oder Tzazik reimen sich auf Klick. Ja, wir haben's verstanden. Das Geklicke ist nervig. Die Botschaft kommt rüber, wie sie rüberkommen soll. Das macht den Song aber nicht weniger nervig. Auch dazu gibt es bereits ein Video. Glatzköpfig und in Pink wird zum Electrobeat auf alles, auf das man Klicken kann, gekl... – nach 2:52 Minuten hat sich's endlich ausgeklickt.

In "Meganice Zeit" scheint die Sonne wie Jennifer Lopez aus dem Radio, während Grebe mit dem Auto durch Deutschland an Plakaten der AFD vorbeifährt: "Früher waren das ein paar Verrückte, die waren besoffen oder dement / Die saßen in der Bahnhofsmission, heute sitzen die im Parlament." In "Calvinismus" reiht Grebe zu schnellen Beats eine Dada-Zeile an die nächste, bringt es aber trotzdem auf den Punkt "Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen." "Die Welt geht unter, geht aber auch wieder auf."

Während am "Adel" in der Bunten kein gutes Haar gelassen wird und sich musikalisch Retrocharme breit macht, wird es bei der Ballade rund um die "Flugbegleiterin" theatralisch. Mit imposantem Orchester zum Schluss. Für das Liebeslied "Die Rose" übernimmt Grebe die Melodie von Amanda McBrooms Klassiker "The Rose", bevor es am Ende um den "Tod" geht, der eigentlich nichts mit einem zu tun hat, trotzdem auf jedem Konzert tanzt und "kommt, wann es ihm passt."

Rainald Grebes Lieder leben von seinen Texten. Seine aktuellen und relevanten Themen verarbeitet er zu dadaistischen Zeilen. Mal frei nach Schnauze, dann wieder subtil und verschleiert. Wortgewand – wirklich top. Die Refrains und der Sound strengen allerdings an und man ist daher gewillt, gleich weiter zu "klicken", was inhaltlich schade ist. Ganz klar ist hier ein großer Künstler am Werk. Musikalisch ging's aber doch etwas schief.

Trackliste

  1. 1. Wissenschaft ist eine Meinung
  2. 2. Der Klick
  3. 3. Meganice Zeit
  4. 4. Der Calvinismus
  5. 5. Flugbegleiterin
  6. 6. Adel
  7. 7. Eis
  8. 8. Die Kraft der Pflanze
  9. 9. Während du schliefst
  10. 10. Die Tournee
  11. 11. Die Rose
  12. 12. Der Tod

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3 Kommentare

  • Vor 4 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Monaten

    Finde auch, zum Teil großer Humor, aber musikalisch verfällt er vom Sound und den Refains oftmals zu sehr in Gleichförmigkeit. Unbedingt die kabarettistischen Live-Alben geben. Die lassen sich tatsächlich kultig nennen.

  • Vor 4 Monaten

    Ich hatte nach "meganice Zeit" sehr sehr hohe Erwartungen. Da man auch Mal politische, kabarettistische Texte mit guter Musik verbinden könnte. Das gelingt Reinald leider nur bei diesem einen Song so richtig.
    Der Rest hat ein für mich, neben eher unspannender Instrumentierung, ein typisches Storytelling Problem. Die Geschichte ist nach 1-2 Mal hören erzählt. Es fehlen Nuancen, Überraschungen. Ich lese ein Buch auch nicht drei Mal nacheinander. Und so sind die Flugbegleiterin oder während du schläfst, eben zum Mal hören ganz nett. Das Album läuft aber nicht öfter.
    Schade. Denn gute Texte und gute Musik ließe sich ja auch Mal kombinieren und spannend halten.