laut.de-Kritik

Die musikgewordene Ghetto-Version eines John Wu-Klassikers.

Review von

Schule schwänzen, Holsten zischen, im Keller kiffen, Kopf nicken, Amiga kicken - only built 4 Dreier Abi 95. Sorry, Mutti, I'm "Striving For Perfection", aber welcher Halbstarke geht am Nachmittag schon gerne zu Reli oder Mathe, wenn ihm Raekwon von "Knowledge God" erzählt? "Yo why's my niggas always yellin that broke shit / Let's get money Son, now you wanna smoke shit / Chill God, yo the Son don't chill Allah / What's today's mathematic Son? Knowledge God"

Eben - auch wenn man außer "Chill God" nicht wirklich was verstanden hatte. Und während sich der Wu-Tang-Chefkoch und sein kongenialer Ghostface-Buddy hörbar das Coke ins linke Nasenloch schniefen – nur um dann über ein klassisches Kopfnicker-Gericht mit leckerem Loop-Allerlei vom RZA großes Kung-Fu-Mafia-Drogen-Kino ins verrauchte Vorortzimmer zu jagen – stehen genau dort Bier und präparierte Cola-Flasche für die "Hausaufgaben" parat. Wie gesagt, der Kopf nickt, die Entspannung steigt und alle adlippen: "Italiano, slanted-eyed bangin them fat Milano". Ja, Mutti, wir können besser mit Musik lernen und danke für die Schnittchen.

Zwei Jahre und Jahrgänge zuvor tönten im besagten Kinderzimmer - genau wie bei 3er BMWs, Alternative-Discos und Jugendzentren - noch Westcoast-Lowrider von Cypress Hill, Dr. Dre oder Ice Cube aus den offenen Fenstern. Als jedoch ein Jahre später das Clan-Debüt die G-Funk-Grundfesten der Kassettendecks bis auf die letzte Spule erschütterte, war die kleine Welt eine andere. Die zwei Wu-Mitglieder ODB und Method Man legten high nach, doch erst Raekwons erstes Solowerk "Only Built 4 Cuban Linx…" sorgte 1995 für den finalen "Black Sunday" der Kollegen aus Compton und Co - als deren entspannte Cruise-Alben regelrecht aus den Stereoanlagen flogen. "The Purple Tape" war da.

Die bis heute ungebrochene Faszination des Albums hat viele Facetten, aber nur einen Kern: "OB4CL" ist die musikgewordene Ghetto-Version eines John Wu-Klassikers ("The Killer"-Samples anbei). Raekwon und Ghostface erzählen teils wahre, teils komplett überspitzte Drogengeschichten aus dem Mafia-Umfeld (In der Wu-Home Base Staten Island/ New York wohnen auch ein paar bekannte "Paten") und hauen dir Slang-Ausdrücke inklusiver komplexer Bilder um die Ohren. "Stand on the block Reebok gun cocked / Avalance rock get paid off mass murderous services / Chef break em, watch the alley cats bake em" ("Glaciers Of Ice").

Da es damals weder wikipedia noch rapgenius.com gab, waren Text und Verständnis oftmals zwei verschiedene Paar Clarks – und auch nicht wichtig. Das Duo, unterstützt vom Clan und Nas, rappt so tight wie Jay-Z und Missy gerne wären - "Me and Missy be the new Tag Team / "Whoomp! There It Is" / We like, Rae & Ghost, A.G. and Show" – und der RZA holt einen dichten, vielschichtigen Soundteppich aus den Tiefen seines Studios, der nicht den kleinsten Spalt öffnete wie Bruce Lees Deckung. Die Drums pumpen straight, der Bass füllt Bäuche, die Loops kommen und gehen, brechen und strahlen, und der halbstarke Head nickt sich mit Supergangster-Kopfkino ins Outta-Space.

"Ricaans be givin me much shit, the dutch shit / Stay cool papi, seize it with enough shit" ("Wu-Gambinos"). Scheiß doch auf unsere Vorstadt-Weißbrote der Klasse '95, wenn sich der gnadenlose, hypnotisierende, immer leicht versetzte Jahrhundert-Beat bei "Criminology" auf "Rainy Dayz" die scharfen Streicher-Synthies in die Nerven schneiden, Nas-Rae-Ghost auf "Verbal Intercource" ohne Tricks mal eben Rap neu erfinden und zum Schluss dem bösen Taten auf "Heaven And Hell" und "North Start" to the smoothest abgeschworen wird.

Die Hip Hop-Beef-Dramatik erkannten viele Jünglinge damals nicht, wer lauscht schon vollgedröhnt oder mit Ellenbogen-raus dem "Shark Niggaz"-Skit des "Purple Tapes" ("Only Built…" kam zur CD auch als lila Kassette auf den Markt), auf dem sich Rae und Ghost über Notorious BIG auslassen. Kollege Nas beschrieb es Jahre später auf "Last Real Niggas Alive" so: "BIG was ahead of his time, him and Raekwon / My niggas, but dig it, they couldn't get along / That's when Ghostface said it on the Purple tape / Bad Boy biting Nas album cover, wait / BIG told me Rae was stealing my slang / And Rae told me out in Shaolin BIG would do the same thing / But I borrowed from both them niggas."

Und nicht nur Nas war "Only Built 4 Cuban Linx" und wurde von diesem Werk beeinflusst. Rapper wie Pusha T oder selbst Stars wie Kanye West klängen heute anders. So diktierte Dr. Dre einem deutschen Magazin um die 2000er Wende sinngemäß in den Tape-Rekorder: "Raekwons erstes Album ist zeitlos und zünde mir heute noch eine Sportzigarette dazu an." Im 2012er Update der "500 Greatest Albums Of All Time" des Rolling Stone-Magazins landete "Cuban Linx" auf Platz 480. Den benebelten Gymi-Spasten aus dem Keller war das damals ziemlich Latte, sobald der nächste Fressflash kam. Ey yo, geh mal nach oben auf die Straße, Digga: "The Ice Cream Man is coooming!"

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Striving For Perfection
  2. 2. Knuckleheadz
  3. 3. Knowledge God
  4. 4. Incarcerated Scarfaces
  5. 5. Rainy Dayz
  6. 6. Guillotine (Swordz)
  7. 7. Shark Niggas (Biters)
  8. 8. Ice Water
  9. 9. Glaciers Of Ice
  10. 10. Wisdom Body
  11. 11. Spot Rusherz
  12. 12. Ice Cream
  13. 13. Wu-Gambinos

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LAUT.DE-PORTRÄT Raekwon

"That get on the mic then, throw your cliche / Half the east coast soundin' just like Rae / If you a Gambino give credit to the flow / If you not a part …

21 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Mir rauben auch Gelaber und ständiges Tommy-Hil etc.-Gerocke ein bisschen zuviel Spaß ums "noch" als gleichwertig mit den Kammern, Forever (ähnliches Problem zwar, aber halt noch n paar Zacken geiler) und Liquid Swords zu sehen, so gut mir Beats und Raps auch gefallen.

    Allen voran auch hier mal wieder der Inspectah Deck-Part, deshalb meine Frage an die hiesigen Experten:
    Taugt sein solo-Output wirklich so wenig, wie die Kritiken (u.a. hier) es vermuten lassen - hat mich bisher immer abgeschreckt, obwohl ich seinen Rapstil eigentlich lieber mag als z.B. Raekwons - oder gibts sonst irgendwelche Seitenprojekte, die sich lohnen?
    (sorry f offtopic und grabraub, ist mir nur beim Hören eben wieder auf- bzw. eingefallen).

    Fürs Feedback dankt im Voraus
    Euern
    Kubischi :)

    • Vor 4 Jahren

      Kann dazu wirklich nichts sagen. Kenne weder den Namen noch ein SongBlack Music endet bei mir bei den Black Keys. Rap und Hip-Hop, oder wie auch immer der Stil heisst den dieser Herr macht, sagt mir nichts, höre ich nicht und kann daher auch Deine Komentar schwer beurteilen. Vermutlich hast recht. Weil die Wahrheit liegt ja bekanntlich in der Mitte.. Solong and nice Evening. PS: Höre gerade die neue Refused. Denke das sagt alles, oder?

    • Vor 4 Jahren

      Genau deshalb werd ich dann auch übernehmen demnächst

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    inspectah decks soloalben sind so ne sache

    sein hammerflow und einprägsame stimme haben schon beim wu debut überzeugt und 98 hat er im legendären above the clouds veteran guru nicht nur gegen sondern durch die wand gerappt
    das erste solo 99 uncontrolled substance gilt bei vielen als sein bestes solo
    tatsächlich hats ein recht hohes niveau und er reißt viel mit seiner art raus
    hat aber doch viele filler. movas & shakers und trouble man gefallen
    https://www.youtube.com/watch?v=OA1vjSAns88
    mit einem liquid swords oder cuban linx debut hats jedoch qualitativ nichts zu tun
    2003 dann the movement. recht durchwachsen aber mit einiges starken ausreissern nach oben
    city high ist der beste song des albums und wohl auch der beste seiner solokarriere. absolutes biest
    https://www.youtube.com/watch?v=jAYmf5iwNho

    2006 dann the resident patient, holmes
    dank bomben wie sound of the slums, a lil story und what they want bleibt das album in sehr positiver erinnerung obwohl es dann doch recht vieles eintöniges gibt
    der nachfolger kam nie raus, ist aber trotzdem im netz. das ganze ist ein mixtape. deck spittet wie gewohnt
    kenn aber wirklich nur die leute die sich mit seiner mukke beschäftigen
    2010 dann manifesto. daniel fromm hats nicht gefallen. soundtechnisch schon sehr entfernt vom wu-style. solides album, aber so richtig empfehlen kann ich eigentlich jetzt auch nichts
    2013 das colabo-album czarface mit ausnahmerapper esoteric der ihm flowmäßig zeitweise überragt
    gute beats, souveräne raps. kann man sich gut geben
    https://www.youtube.com/watch?v=4hsfvmEz9PI

    das projekt war erfolgreich so dass im letzten monat der nachfolger erschienen ist. Every Hero Needs A Villain knüpft da an wo der vorgänger aufgehört hat, wenn auch so mancher beat eintönig daherkommt trotz 7L
    kommt in der szene sehr gut an und hat für so manchen einige der soloalben vergessen lassen
    eso ist der ideale partner für ayatollah und daher läuft das in geregelten bahnen