laut.de-Kritik

Punk-Revoluzzer-Romantik ohne klares Ziel.

Review von

Die Wahl-Berliner von Radio Havanna bleiben sich treu. Auf ihrem mittlerweile siebten Album "Veto" setzen sie erneut auf eine äußerst eingängige, alkoholgetränkte und mitsingbare Melange aus Punk und Pop, die sie mit Texten über den soziopolitischen Kampf zugunsten einer gerechteren weil faireren Gesellschaft kredenzen. "Radio Havanna liefern den Soundtrack zur Party gegen schlechte Menschen", spezifiziert die Band ihre Intention. Selbsterklärend, gegen wen sie mit diesem Statement agitieren möchten.

Inhaltlich dreht sich auf der Platte, wie bereits auf dem Vorgänger "Utopia" (Thomas Morus lässt grüßen), fast alles um Solidarität und den Kampf gegen Faschismus, Diskriminierung und den nach wie vor gespenstischen Rechtsruck in diesem unserem Lande. Anders als auf den Vorgängeralben jedoch, gestattet die Truppe um Frontmann Fichte dieses Mal auch verstärkt Einblicke in biographische Erlebnisse. "Uns ist klar geworden, dass wir bisher persönliche Seiten in unserer Musik zu oft außen vor gelassen haben", kommentiert Gitarrist Arni diese Entwicklung.

Mit dem Opener "Krach" tritt das Quartett zu Beginn ordentlich aufs Gaspedal und liefert eine echte Hymne. In äußerst kurzweiligen zweieinhalb Minuten rocken sich die Kumpels, immerzu nach vorne treibend, durch einen Song über die widrigen Lebensumstände als Band on the road und die allabendlichen Höhepunkte in Form von Konzerten vor Ihresgleichen. "Es gibt nichts, das besser ist als Krach", heißt es im Refrain, und dafür gibt es volle Zustimmung. Live wird diese Nummer nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Tempos und ihrer griffigen Melodie ordentlich und standesgemäß zum Pogo laden.

Leider verliert sich aber bereits der zweite Song "Coole Kids" in romantisch verklärten Plattitüden und unbissigen Melodien. Fichte erzählt hier die Geschichte zweier sich zufällig treffender Festivalbesucher, die gemeinsam nach den fünf Worten "Coole Kids haben kein Vaterland" mit Lochbier und Trichtersaufen in den Sonnenuntergang bechern, um gemeinsam miteinander den Verstand zu verlieren. Selbstverständlich gehört dieser kontrolliert unkontrollierte Exzess (oder gar blinder Eskapismus?) auch auf "Veto", wieder zu den omnipräsenten Themen.

Klar, dass der "Herzschmerzsäufer" zur Trauerüberwindung als erstes alle seine guten Leute zur Druckbetankung einlädt: "Das muss heut' sein – Herzschmerzsaufen / Ich bin nicht mehr zu zweit und seitdem dauernd breit / Los, kommt vorbei zum Herzschmerzsaufen." Allen textlichen Schwächen und schlechten Reimen zum Trotz, überzeugt die Nummer musikalisch aufgrund einer gewissen Tanzbarkeit durchaus. Letzteres gilt auch für den übermäßig stark nach Hosen klingenden Song "Helden", in dessen Text Radio Havanna ihr von Angst und rechter Gewalt geprägtes Heranwachsen in der thüringischen Kleinstadt Suhl und das befreiende Errichten ihres eigenen Königreichs aus "Träumen und Pfeffi" reflektieren.

Neben all diesen vergangenen persönlichen Erfahrungen serviert der Vierer aber in "Chaoskind" auch halbherzige, und somit unnötige, weil unglaubwürdige Empowerment-Phrasen à la "Lass' dir nie sagen, wer du bist und was du kannst / Solche Sätze kommen gar nicht bei dir an / Ganz egal, was und wo / Ich weiß, du packst das schon", oder thematisiert den Ausbruch aus einer strukturschwachen Stadt und Aufbruch in eine sozial besser gestellte Zukunft wie in "Hungerturm".

Im letzten Drittel der Platte widmen sich Radio Havanna explizit der politischen Seite ihres Schaffens. "Antifaschisten" erzählt die Geschichte einer "Sandkastenfreundschaft", die zerbricht, nachdem eine der beiden Seiten das politische Lager wechselt. "Wir wurden alle als Antifaschisten geboren / Du bist einfach falsch abgebogen, und dann hab' ich dich verloren" singt Fichte hier.

Auch wenn diese Geschichte in vielen Freundschaften präsent sein mag und die meisten diese Thematik aus eigener Erfahrung kennen dürften, wirkt es nicht nur sehr naiv, Menschen als geborene Antifaschisten zu bezeichnen. Mehr noch, es verkennt gelebte Realität und reduziert sie auf die polaren Gegensatzpaare 'gut und schlecht', die jeden Ansatz zum Dialog ausschließen. Eine Orientierung am schottischen Aufklärungsphilosophen David Hume (1711-1776), der in seinem Werk "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral" davon ausging, dass der Mensch weder gut noch schlecht sei, wäre an dieser Stelle für zukünftige Liedtexte zugunsten einer größeren Konstruktivität wünschenswert.

Nach dem witzig gemeinten Wortspiel "Freie Radikale", in dem sich die Mittdreißiger den am weitesten unten stehenden, ärmsten Menschen in unserer Gesellschaft gegenüber solidarisch zeigen und zusätzlich "die AfD zurück in die Steinzeit" beamen wollen (die Band engagiert sich mit der eigens ins Leben gerufenen Kampagne "Faust hoch" gegen besagte Partei), geht es zum Schluss noch ein letztes Mal hitzig zur Sache. Im finalen "Schatten" rufen Fichte, Arni, Olli und Anfy mal eben die Revolution in ihrer verkrusteten und von Verbotsschildern geprägten Stadt aus und wollen "heute alles brennen sehen". Puh, harte Kost!

Was bleibt am Ende zu sagen? Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Auch nicht der Widerstand. Nach dem starken Opener "Krach" lassen die Jungs im Verlauf von "Veto" leider ebenso stark nach. Musikalisch werden Radio Havanna für ihre aktuelle Platte sicherlich keinen Innovationspreis gewinnen, doch das wollen sie wohl auch nicht.

Radio Havanna wollen in erster Linie wenig substantielle, linkspolitisch motivierte Botschaften mit Party, Suff, Punk und einer gewissen Revoluzzer-Romantik kombinieren. Leider klingen sie dabei viel zu oft wie die x-te schlechte Kopie der Toten Hosen und den Donots. Das ist schade, technisch hätten die Jungs in jedem Falle Einiges mehr zu bieten. Und was bräuchten gesellschaftlich aufgeheizte Zeiten mehr als ein starkes, durchdachtes Statement?

Trackliste

  1. 1. Krach
  2. 2. Coole Kids
  3. 3. Immer Noch Da
  4. 4. Herzschmerzsäufer
  5. 5. Helden
  6. 6. Ich Komm Klar
  7. 7. Chaoskind
  8. 8. Hungerturm
  9. 9. Simsonpunk
  10. 10. Antifaschisten
  11. 11. Hass Ohne Verstand
  12. 12. Freie Radikale
  13. 13. Schatten

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1 Kommentar

  • Vor 10 Monaten

    Radio Havanna, oder: Was passiert, wenn eine miese Anti-Flag Coverband noch miesere Eigenkompositionen raushaut. 1/5, Musik für Fans der Hosen, die denken sie wären in puncto Punkrock auch bei neueren Bands voll am Puls der Zeit.