laut.de-Kritik

Der Österreicher definiert sich neu.

Review von

"RAF Camora ist RAF 3.0", erklärt das schlichte Cover-Artwork. Für seine vierte Platte wechselt der Wiener MC und Produzent sein Pseudonym und zieht damit die Konsequenz aus einer musikalischen Metamorphose. Tatsächlich hat sich einiges getan und am deutlichsten verändert der Österreicher sein wichtigstes Werkzeug: die Stimme. Dass RAF dem Begriff Rapper nur noch stellenweise gerecht wird, dürfte nicht bei jedem Hip-Hop-Fan für anerkennendes Kopfnicken sorgen.

Dass er sich auch in der 3.0-Version mit der Deutschrap-Landschaft identifiziert, erscheint dagegen durchaus logisch. Schließlich weisen Reimstruktur, Flow und Auftreten weiterhin Szene-typische Merkmale auf. Doch anstelle des markanten Sprechgesangs der Vergangenheit rückt eine Mischung aus tiefen R'n'B-Vocals und energischem Dancehall-Toasting.

Das amerikanische Phänomen Autotune findet langsam aber sicher auch unter hiesigen Tonkünstlern ihren Anklang - teilweise mit verheerenden Folgen. Auch RAF 3.0 reizt die moderne Technik ständig aus und hievt seine Stimme bei "In Meiner Zone" gar bis ins Falsett hoch. Zusätzlich unterstreicht er die digitale Nachbearbeitung häufig mit prägnanten Echo-Effekten. Dem gewöhnlichen R'n'B-Fan tut das nicht weh, vielen anderen beschert es sicherlich gewisse Startschwierigkeiten hinsichtlichdes Hörgenusses.

Die Gewöhnungsphase an RAFs neues Faible für Autotune nähme auch bei mir einige Durchläufe in Anspruch - wären da nicht diese überragenden Beats. Klangtechnisch spielt der Österreicher im direkten Deutschrap-Vergleich nämlich locker zwei Klassen höher als beispielsweise Kollegah mit der "Bossaura" oder auch Sido und seine "Blutzbrüdaz".

RAF, der bereits vor knapp 15 Jahren erste Instrumentals produzierte, und sein Kumpel KD-Supier (Harris, K.I.Z., Megaloh) erschaffen mit vereinten Kräften ein rundes, ästhetisches und zugleich extrem mächtiges Sound-Monster. Reggae-Einflüsse ("Nichts Verletzt So"), fette Dubstep-Bässe ("Lach Für Mein Twitta"), Streicher ("Wie Kannst Du Nur") und jede menge Synthesizer - all das bringen die beiden in einem überaus wuchtigen, vielschichtigen und dennoch glasklar designten Soundbild unter.

Auch rhythmisch orientieren sich die Songs vorrangig an Dancehall und Contemporary R'n'B, anstatt klassische Hip-Hop-Muster abzuzeichnen. Bei "Fallen" stellen sich dagegen parallel zum Piano-Sample aus HIMs "Join Me" schnell vertraute Gitarren-Offbeats und eine Reggae-typische Bassline ein. Nur der futuristische Gesamtklang hebt die Nummer deutlich vom Roots-Sound ab.

Die berechtigte Homophobie-Debatte um Sizzla sei an dieser Stelle mal ausgeblendet. Denn der Weltstar aus Kingston demonstriert bei "Nicht Mit Uns" wieder seine einzigartigen Qualitäten als Frontmann und Hookmaschine. Neben der epischen Refrainmelodie beweist eine temperamentvolle Strophe, dass sein Feuer auch nach dutzenden Studioalben noch lange nicht erloschen ist.

Prominente Unterstützung spendet auch Marteria auf "Playmobil". Der gebremst groovende Beat mit entspannt schrammelnder E-Gitarre und Hi-Hat-Offbeats scheint dem lässigen Flow des Berliners wie auf den Leib geschneidert. So mausert sich die verhältnismäßig ruhige Nummer nach mehreren Durchläufen klammheimlich in den Kreis der Höhepunkte.

Sicherlich springen aus RAFs neuem Antlitz auf den ersten Blick vor allem die gewöhnungsbedürftigen musikalischen Veränderungen ins Auge. Doch dahinter verbirgt sich eine Fülle durchdachter Inhalte, bei denen er über die bedenkliche Entwicklung und den Irrsinn der modernen Menschheit reflektiert.

Im Vordergrund stehen dabei die Auswirkungen visueller Medien ("Lach Für Mein Twitta"), die dahin schwindene Privatsphäre ("Registriert") und das fragwürdige Konsumverhalten ("Luxus"). Für Abwechslung sorgen immer wieder Seelenstriptease der Marke "Wie Kannst Du Nur".

Im verheißungsvollen "Intro" spricht eine Frauenstimme: "Sie werden solange visualisiert, bis irgendwann auch das dritte Auge geöffnet und der Weg zur göttlichen Energie geebnet ist.". Doch anstatt seine Gesellschaftskritik mit erhobenem Zeigefinger zu üben, bezieht der Wiener seine eigene Persönlichkeit stets mit ein.

"Über tausend Friends / kenne ich aus'm Netz / Draußen würden sie an mir vorbeigeh'n / Und obwohl tausende behaupten, meinen Weg zu teilen / seh ich keinen und bleib stets allein", befindet er im fetten Opener "Roboter". Zeilen, die wahrscheinlich jedem aus der Seele sprechen, der sich schon einmal selbstkritisch mit dem Thema Social Media-Konsum auseinandergesetzt hat.

Sowohl das musikalische Upgrade als auch die thematische Umorientierung zahlen sich für RAF 3.0 voll aus. Der Österreicher definiert nicht nur sich selbst neu, sondern hebt sich mit seiner Weiterentwicklung auch von der weitläufigen Deutschrap-Landschaft ab. Wer sich mit seiner eigenwillig in Szene gesetzte Stimme anfreunden kann, dem wird dieses aufwändig konzipierte Werk großes Vergnügen bereiten.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Roboter
  3. 3. Registriert
  4. 4. Fallen
  5. 5. Sklave
  6. 6. Lach Für Mein Twitta
  7. 7. Nichts Verletzt So
  8. 8. In Meiner Zone
  9. 9. Wie Kannst Du Nur
  10. 10. Playmobil
  11. 11. Luxus
  12. 12. Crown Club
  13. 13. Nicht Mit Uns
  14. 14. Dumm & Glücklich
  15. 15. Tumor

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