laut.de-Kritik

Zwischen Punch und Träumerei.

Review von

Für den Albumtitel standen die Crustpunks Nausea Pate und eine missverstandene Textpassage ihres Songs "Fallout (Of Our Being)". Aggressiver Musik scheint Walter Schreifels also nach wie vor nicht abgeneigt. Musikalisch haben Quicksand auf "Distant Populations" trotzdem kaum etwas mit den Blastbeat-Vätern gemein. Etwas härter in die Saiten als auf dem 2017 erschienenen Vorgänger "Interiors" hauen sie zwar – ohne aber mit dem auf dem Comeback-Werk etablierten Laid-back-Vibe zu brechen.

Will Yip (La Dispute, The Menzingers, Turnstile) versorgt die nun offiziell zum Trio geschrumpften Post Hardcore-Ikonen dafür mit ihrem bisher kraftvollsten Sound. Der Bass von Sergio Vega klingt nach wie vor herrlich roh und grummelig und fungiert als Bindeglied zur wegweisenden ersten Bandära Mitte der 90er. Schreifels' Gitarren türmen sich dagegen zu ungleich höheren Riffwänden. Wie druckvoll Alan Cages Drums im Mix liegen, spürt man gleich zu Beginn, wenn er das Album zu "Inversion" mit einem Intro-Fill eröffnet.

Dazu kommen Produktionsspielereien, die nie Überhand nehmen, den Songs jedoch oft entscheidende Twists verleihen. So verschwinden die Vocals zum Beispiel in "Phase 90" passend zur Quasi-Hookline "fade" langsam hinter der einsetzenden Leadmelodie. Bei "Missile Command" verteilen sich Bass, Gitarre und Overdubs effektiv im Raum und sorgen für viel Tiefe – obwohl der Kern des Songs aus gerade mal zwei Tönen besteht. Überhaupt gestalten Quicksand auf "Distant Populations" das Songwriting simpler als in der Vergangenheit. Oft konzentrieren sie sich auf zwei bis drei Parts pro Song, spielen dadurch extrem auf den Punkt und kommen immer unter vier Minuten (teils sogar unter drei) ins Ziel.

Selbst in dieser kurzen Zeit kreiert das Trio große dynamische Bandbreite, was maßgeblich daran liegt, dass die Musiker sich gegenseitig viel Platz lassen. Musterbeispiel ist "Katakana", wo in den Strophen instrumental nur Vega das Feld bestellt, während Schreifels seine Gitarre bloß als perkussiven Soundeffekt nutzt und Cage minimalistisch die Hi-Hat bearbeitet. Im Chorus brettern beide dafür umso heftiger.

Quicksand bündeln so ihre altbekannten Stärken mit einigen neuen Tricks, die sie auf "Interiors" bereits in den Bandkosmos eingeführt hatten. Zu letzteren zählen auch die Vocals von Walter Schreifels. Der seufzt und stöhnt seit der Reunion mehr als er singt oder schreit, so dass trotz intakter Rifflastig- und Bodenständigkeit der Tracks immer auch eine entrückte, träumerische Note mitschwingt. In dieselbe Kerbe schlägt er textlich, wunderbar nachzuhören in "Phase 90". Dort sinniert er über die beschleunigte Gesellschaft so: "Trying to finish the book I was reading / I put it down for too long, too long / I got distracted by other things, other dreams / Forgot the characters and their names / How the plot lines fade ..."

Zum heimlichen Highlight gerät das ruhigste Stück der Platte: "Brushed". Ungewöhnlich für Quicksand prägen hier Drum-Machine-Beat und akustische Gitarre das Soundbild. Das spartanische Grundgerüst schmückt die Band nach und nach aus, driftet in spacige Gefilde und landet dank zugänglicher Vocallines irgendwo zwischen Lush und Oasis. Statt "nur" hochklassiger Vermächtnisverwaltung bietet "Distant Populations" also auch die nötigen Quäntchen Mehrwert, um Quicksand in der Rangliste der sinnvollsten Reunions (mindestens) der letzten Jahre in Spitzenposition zu halten.

Trackliste

  1. 1. Inversion
  2. 2. Lightning Field
  3. 3. Colossus
  4. 4. Brushed
  5. 5. Katakana
  6. 6. Missile Command
  7. 7. Phase 90
  8. 8. The Philosopher
  9. 9. Compacted Infinity
  10. 10. EMDR
  11. 11. Rodan

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1 Kommentar

  • Vor einem Monat

    Der Vorgänger war etwas zu verkopft und sperrig...Härte und Dynamik gefallen mir jetzt besser. Schreifels und seine Mannen sind einfach immer noch eine sehr eingespielte Maschine mit sehr relevanten Themen im Gepäck. Das Ding hier rockt für mich durchgängig und verdient 5 Punkte