laut.de-Kritik

Ein Turing-Test für die Popmusik.

Review von

Es steht am Ende einer absurden Entwicklung: Poppy veröffentlicht ein Album. Von der YouTube-Obskurität zur musizierenden YouTube-Obskurität zum ausufernden Hype zur eigenen Platte. Ein Werdegang, bei dem man für den schnellen Groschen gerne einmal unbeholfen und halbgar zu Werke geht. Im Schaffen von Titanic Sinclair und Poppy scheint dies aber von vorneherein beabsichtigt zu sein. "Poppy.Computer" greift Elemente der bereits erschienen "Bubblebath"-EP auf und vermengt sie mit den verworrenen Motiven der Internet-Persönlichkeit.

Musikalisch lässt sich Poppy einfacher abgrenzen als inhaltlich. Sie bedient sich offensichtlich beim Pop. Allerdings kommt dieser mit leichtfüßigen, fast an Disco oder an die 80er erinnernden Synthesizer daher, die gemeinsam mit viel Bounce und facettenreichen Drumpattern im 2017 des Genres ankommen. Ob nun das fast an Madonna erinnernde "Bleach Blonde Baby", ein J-Pop-infiziertes "Moshi Moshi", Chiptune-Banger wie "Computer Boy" oder psychedelische Balladen wie "Pop Music": die Produktions-Palette reicht von modernen elektronische Stilrichtungen à la Diplo über Aphex Twin bis hin zu Jeff Antonoff.

Die verspielte Herangehensweise an kommerzielle Genre-Konventionen erinnert an Indie-Musiker, die ihre Inspirationen aus Mainstream-Gefilden ziehen. Dies spiegelt sich auch im Klang von "Poppy.Computer" wider. Gerade Acts wie Kero Kero Bonito, Grimes, St. Vincent oder Carly Rae Jepsen produzierten zuletzt ähnlich klingende Musik.

Man könnte Poppy als Collage aus Pop Art, postironischer Absurdistät, Starkult-Groteske und transhumanistischen Motiven verstehen. Diese weitreichende Palette an Inspirationen wird in dem mädchenhaften, oft etwas naiv klingenden Songwriting erst auf den zweiten Blick deutlich. Doch die Präzision, mit der hier Tropen aus Popmusik mit konträren Motiven verwoben und teils brutal bastardisiert werden, beeindruckt immer wieder. Die nuancenreiche Performance der Sängerin unterschlägt den eigentlichen Tiefgang.

Fehlt der Kontext ihrer vorangegangenen YouTube-Videos nämlich, ergibt auch diese gesamte Platte weitaus weniger Sinn. "Poppy.Computer" stellt eine clevere, intermediale Fortsetzung des Poppy-Kultes dar, der sich im vergangenen Jahr über zahllose kurze Videos und kleinere Auftritte etabliert hat. Die Rekontextualisierung von Begriffen und Zahlen, die in ihrem Universum mit gänzlich neuen Bedeutungen und Implikationen aufgeladen wurden, ergänzen viele Songs um Interpretationsmöglichkeiten und Querverweise, die die offensichtliche erste Hörebene grundlegend subversieren und ad Absurdum führen.

Beispielsweise entfalten Zeilen wie "I've caught you in my interweb" im Zusammenhang mit ihrem bisherigen Schaffen eine neue, non-metaphorische Wirkung. "Interweb" bleibt dabei aber der wohl wörtlichste Titel der Platte. "Computer Boy" spielt mit vorher etablierten Verständnissen von Kybernetik. Die Liebes-Ode an einen virtuellen Jungen lässt sich grundlegend anders verstehen, wenn man die immer wieder angedeutete maschinelle Natur der Poppy-Person einbezieht. "Poppy.Computer" fühlt sich in aller Absurdität wie ein Turing-Test an, in dem die Protagonistin synthetisierte Musik als reale Kunst ausgeben möchte.

Auf eine absurde Weise treibt Poppy die Verwendung von Image und Star-Persönlichkeit auf die Spitze. Interessanterweise wären dementsprechend die nächstliegenden Vergleichspunkte für die Ausführung der Musik die frühe Lana Del Rey oder Melanie Martinez. Beide haben prägnante und vorgefertigte Images für ihren Klang aufgefahren, um ihrer Musik eine zusätzliche Bedeutungsebene zu geben.

Der große Reiz hinter dem Schaffen von Poppy und Titanic Sinclair ist, dass die Musik sich nicht wie die Endstufe des Konstruktes anfühlt, die verkauft werden soll. Vielmehr lässt sich der Eindruck gewinnen, die Musik wäre zwar ein logischer Schritt, aber nur eine weitere intermediale Entwicklungsstufe ihres großen und weit aufgefächerten Plans.

"Poppy.Computer" mit all seiner polierten und kommerziellen Pop-Ästhetik fühlt sich tatsächlich wie das Puzzlestück eines avantgardistischen Kunstwerks an. Diese Subversion des Pop-Begriffes lebt auch in der Musik, bewahrt sich aber noch eine gewisse Experimentierfreude und widersetzt sich thematischen Konventionen. Oder um es besser zusammenzufassen:

"Pop is when you hear a song/ And cannot help but sing along/ It's when you hate it but you still appreciate it/ Pop belongs to everyone/ Pop is on the radio/ And who decides we'll never know/ Somebody told me I should follow where the money goes/"

Und nun füge man die Bedeutungsebene ihrer Persönlichkeit hinzu und versuche einzuordnen, was dieses Album eigentlich kommunizieren will.

Trackliste

  1. 1. I'm Poppy
  2. 2. Let's Make A Video
  3. 3. Bleach Blonde Baby
  4. 4. My Microphone
  5. 5. Moshi Moshi
  6. 6. Computer Boy
  7. 7. My Style (feat. Charlotte)
  8. 8. Fuzzy
  9. 9. Interweb
  10. 10. Software Upgrade
  11. 11. Pop Music

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LAUT.DE-PORTRÄT Poppy

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