laut.de-Kritik

Theater-Auftritt mit Band, Orchester, Rufus und Robbie.

Review von

Freunde der Hochkultur waren die Pet Shop Boys schon immer. Doch erst seit kurzem bringen sie diese Vorliebe auch auf Tonträgern zum Ausdruck. Im letzten Jahr erschien sowohl die Compilation "Back To Mine", in der es sich zumindest Sänger Neil Tennant nicht nehmen ließ, der Disco-Gefolgschaft die Vorzüge klassischer Orchesterstücke aus dem 19. Jahrhundert näher zu bringen. Außerdem vertonte das Duo Sergej Eisenstejns Stummfilm-Klassiker "Panzerkreuzer Potemkin", der bereits 2004 auf dem Trafalgar Square Premiere feierte.

Am 8. Mai 2006 lud die Band 600 ausgewählte Gäste ins Londoner Mermaid Theatre, in dem sonst Jazz Awards verliehen werden, um gemeinsam mit dem 60-köpfigen BBC-Concert Orchestra und einigen Überraschungsgästen ein außergewöhnliches Konzert zu geben. Elf Tage vor der Veröffentlichung des gelungenen Studioalbums "Fundamental" präsentierten Tennant und sein Keyboard-Kollege Chris Lowe dem beneidenswerten Publikum 17 Songs, darunter fünf Albumtracks und das 1989 für Dusty Springfield geschriebene "Nothing Has Been Proved".

Los geht es mit den Fanfaren von "Left To My Own Devices", übrigens der erste Song, den die Boys jemals mit einem Orchester aufnahmen. Der Kreis der Geschichte schließt sich, da als musikalischer Leiter der Aufführung Trevor Horn fungiert, der nicht nur das aktuelle Studioalbum überwachte, sondern 1989 auch die Studioaufnahme dieses Songs. Die achteinhalbminütige Version führt mit verspielten Streichern und weiblichem Operettengesang angenehm süffig ins opulente Abendmenü ein.

Bleibt man beim Opener aufgrund des Dance-Beats noch recht nah am Original, zieht die nachfolgende Version von "Rent" alle Register: bereits 1990 vom Soundtrack-Magier Angelo Badalamenti in dieser komplett neuen Form arrangiert, stolziert das melancholische Juwel von 1987 in einer samtenen Balladenversion voran und stellt seine Autoren tatsächlich in die Nähe klassischer Komponisten. Wer vor der Kunst Badalamentis nicht allein schon wegen "Twin Peaks" oder dem Arrangement für den PSB-Song "It Couldn't Happen Here" (auf "Actually") auf die Knie sinkt, darf dies nun nachholen.

Auch die Gäste, die sich Tennant zur gesanglichen Unterstützung eingeladen hat, zeugen von Geschmack. Da wäre zunächst Rufus Wainwright zu nennen, dem der "Casanova In Hell" wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Mit Frances Barber betritt eine Schauspielerin die Theaterbühne, die schon im PSB-Musical "Closer To Heaven" Ende der 90er Jahre einen Charakter übernahm. Ihr Varieté-Beitrag "Friendly Fire" ist jener Show entnommen und verleiht dem Programm dank der reduzierten Pianobegleitung eine kurze Verschnaufpause, die nach dem hektischen "Panzerkreuzer Potemkin"-Track "After All", der die berühmte Treppensequenz des Films untermalt, bitter nötig ist.

Der zweite Teil von "Concrete" hält das hohe Level. Das Dianne Warren-Cover "Numb" entfaltet live erst seine wahre Qualität, mit "It's Alright" holen die Boys das Publikum erstmals aus der Reserve, bevor sich mit dem Erscheinen von Robbie Williams wohl der gesamte Saal (inklusive Elton John) von den Sitzen erhebt. Für den Balladenstar, einen langjährigen Fan der Band, muss es ein besonderes Ereignis gewesen sein, den Song "Jealousy" von 1990 zu interpretieren, der aus einer Zeit stammt, als Williams selbst noch unbekannt war. Ohne mit flapsigen Ansagen aufzufallen, müht sich Robbie am ohnehin perfekten Original ab, macht dabei aber eine gute Figur.

Sein Gastauftritt verdrängt die übrigen Songs glücklicherweise nicht in den Hintergrund: "Dreaming Of The Queen" macht noch mal richtig Lust auf das '93er Bombastwerk "Very", "It's A Sin" ist eben "It's A Sin", und "West End Girls" gerät zum leicht jazzigen Rausschmeißer. 20 Jahre nach ihrem Albumdebüt lassen die Pet Shop Boys nochmals ihr ganzes Können aufblitzen und wählten für ihr Albumcover vielleicht sogar eine ästhetische Hommage an die Jubiläumsalben des Warp Records-Labels.

Trackliste

CD1

  1. 1. Left To My Own Devices
  2. 2. Rent
  3. 3. You Only Tell Me You Love Me When You're Drunk
  4. 4. The Sodom And Gomorrah Show
  5. 5. Casanova In Hell (sung by Rufus Wainwright)
  6. 6. After All
  7. 7. Friendly Fire (sung by Frances Barber)
  8. 8. Integral

CD2

  1. 1. Numb
  2. 2. It's Alright
  3. 3. Luna Park
  4. 4. Nothing Has Been Proved
  5. 5. Jealousy (sung by Robbie Williams)
  6. 6. Dreaming Of The Queen
  7. 7. It's A Sin
  8. 8. Indefinite Leave To Remain
  9. 9. West End Girls

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2 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    wo ich gerade so schön dabei bin (siehe disco 4 kommentar):

    huihuihuihuihui, harter tobak wie ich finde. dieses äh - album bekommt eine der besten bewertungen (im psb universum) auf dieser seite..?!

    concrete soll besser als nightlife, battleship.. und format sein? pustekuchen.

    oder - interessanter geschmack.. bei mir lief es 2 mal im autoradio und das war's. selbst die unsägliche disco 2 hab ich mir annodazumal öfter reingezogen. da waren wenigstens vereinzelt ein paar interessante minuten schwierig zu erhaltender remixes dabei..

    concrete ist eher eine gute einschlafhilfe - alles recht lahm und trotz des großen "überwachers" trevor (der die großteils laschen 80er sounds im jahre 2006 auf fundamental verbrochen hat - etwas zu spät für ein 80s revival) irgendwie kacke abgemischt.

    für große fans eher überflüßig. von den meisten songs gibt es bessere (tour-) live versionen.

    wenn's schon ein orchester und kunst sein muß, dann doch lieber das recht gut geglückte experiment "battleship".

    gruß!

    ernstmosch

  • Vor einem Jahr

    Oh den Schmarrn hab ich ja erst jetzt gesehen. Ich bin eingefleischter PSB Fan und mag dieses live Album wirklich sehr gerne. Viele gelungene Momente. Ich liebe es wie die Barber "friendly fire" mit ihrer rauchigen Stimme singt oder wenn Robbie sich an "jealousy" recht gut abmüht. Die Soddom and Gomorrah Show amüsiert königlich. Sehr gelungen und auch eingefleischten Fans zu empfehlen. Übrigens ist "Concrete" das erste Live-Album überhaupt der Jungs.