laut.de-Kritik

Das Album nach ihrer imperialen Phase: So hard!

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Im September 1988 sitzt Neil Tennant im Auto, unterwegs in Sussex, und dreht das Radio lauter: Die britischen Single-Charts werden gleich angesagt. Es ist anzunehmen, dass sich der Pet Shop Boys-Sänger dabei entspannt zurück lehnte, seinen Blick über die sanften Anhöhen der South Downs schweifen ließ, das soeben veröffentlichte "Domino Dancing" auf den Lippen, selbstverständlich ein weiterer glasklarer Nummer-eins-Hit der noch immer besten Pop-Band der Welt - what could possibly go wrong? Dann der Nackenschlag: Neueinstieg auf Platz 9. "Ich dachte nur: Das war's. Es ist vorbei", erinnert sich der Sänger rückblickend an diesen kommerziellen Einschnitt.

Der aufkeimenden UK-Rave-Bewegung rollten sie auf dem ironischerweise "Introspective" betitelten Album den roten Teppich aus: Ein Album voller 12"-Versionen, kein Song unter sechs Minuten. Dass "Behaviour" aus anderem Holz geschnitzt sein würde, ist Tennant und Keyboarder Chris Lowe zunächst nicht klar, als sie sich 1989 in einem Glasgower Studio wieder treffen. Für die Außenwelt nicht sichtbar: Der berühmte Synthie-Pop-Sänger bringt eine neue E-Gitarre mit in den Proberaum - ein wunderbares Symbolbild für das Ende ihrer "imperialen Phase", wie Tennant den Chart-Run ihrer "Actually"-Auskopplungen bezeichnete. Später nimmt man im Münchner Studio mit "Axel F"-Produzent Harold Faltermeyer auf.

Nach Sample-Orgien steht dem Duo jedoch nicht der Sinn, trotz nach wie vor ausgeprägter Nightlife-Gier drückt Texter Tennant der Aids-Tod des engen Freundes Chris Dowell aufs Gemüt. Die gesellschaftlich von Vorurteilen und Hass begleitete Krankheit ist nach wie vor ein Todesurteil, das nun den homosexuellen Freundeskreis der Band erreicht. Musikalisch weicht die Euphorie zwangsläufig ausladender Melancholie, die zwar schon die ersten beiden PSB-Alben auszeichnete, jedoch nicht in diesem Ausmaß. "Behaviour" ist trotz "So Hard" im Prinzip ein Album ohne Hitsingle, besonders enttäuscht in dieser Hinsicht die Adoleszenz-Hymne "Being Boring", der vermutlich beste Song ihrer Karriere.

Tennant, mittlerweile 36, blickt zurück auf seine Jugend und darüberhinaus. Ausgehend von einem Zitat Zelda Fitzgeralds, das ihn zum Titel "Being Boring" inspiriert, erinnert er mit tiefer, beinahe flüsternder Stimme an den Hedonismus der Goldenen Zwanziger, während ihm Lowe unscheinbare, wie auf Watte fallende Beats unterschiebt. Eine der großen Leistungen dieses Meisterwerks: Der Song ist tanzbar, ohne es darauf anzulegen, das Sound-Template zurückhaltend genug, um dem Text volle Aufmerksamkeit zu geben.

Die zweite Strophe bringt uns den jungen, lebenshungrigen Tennant der 70er Jahre näher, dem die gesellschaftlichen Normen und kulturellen Fesseln seiner Heimatstadt Newcastle die Kehle zuschnüren, und die er letztlich abwirft: "I'd bolted through a closing door / and I would never find myself feeling bored". Schließlich kommt er in der Gegenwart an, als Popstar, "in rented rooms and foreign places", nach dem Tod Dowells allerdings wie erstarrt angesichts der schmerzenden Endlichkeit des Lebens: "All the people I was kissing / some are here and some are missing".

Doch der Song ist mehr als eine Hommage an den verstorbenen Freund. Der noch nicht geoutete Tennant verteidigt hier einmal mehr Outsiderexistenzen wie das eigene Künstlerdasein und formuliert unterschwellig eine hoffnungsspendende Botschaft an die LGBTQIA+-Gemeinde, wie man heute sagen würde: So sehr das HI-Virus auch das eigene Umfeld verwüstet, der Kampf für einen spannenderen Lebensentwurf als den vieler Normalos in ihren 9-to-5-Kackjobs sei es letztlich wert: "We were never being bored." Auch schön: Derselbe Typ, der auf dem letzten Albumcover demonstrativ gähnte, schreibt jetzt einen Song namens "Being Boring". Obwohl der Song einen Bruch zu ihren Popsingles darstellt, schauten sie sich die Akkordverschiebung um einen Halbton nach oben zum Refrain hin bei der Hitfabrik Stock/Aitken/Waterman ab.

"Being Boring" ist ein glänzender Opener, der den wehmütigen Ton des Albums vorgibt. In "This Must Be The Place I Waited Years To Leave" beschreibt Tennant London als Sehnsuchtsort seiner Jugend. Die traumatischen Erfahrungen als homosexueller Schüler der streng katholischen Jungenschule St. Cuthbert's Grammar School verarbeitet er nach "It's A Sin" ein weiteres Mal. Die Idee entsteht, nachdem er tatsächlich eines Nachts davon träumt, wieder dort Schüler zu sein. Später gibt der Sänger zu, dass er zudem dezente Rachegelüste verspürte, weil der Newcastle Evening Chronicle ihm nach dem Erfolg von "It's A Sin" auf der Titelseite Verleumdung vorwarf und sich auf anonyme Zitate von Lehrern stützte.

Im Song wirft er ihnen autoritäre Praktiken vor und beschreibt die daraus resultierende Einsamkeit. Als weiteren Seitenhieb flicht der belesene Tennant die Zeile "History, someone had blundered / and a voice rapped 'knuckle under'" ein und bezieht sich auf ein Gedicht des 19. Jahrhunderts, das lobpreisend nachzeichnet, wie die britischen Soldaten sich 1852 auf der Krim fürs Vaterland wissend ins Verderben stürzten. Am Ende des Songs hört man sogar noch ein Sample der Moskauer Prozesse aus dem Jahr 1936: "They must be shot like dogs" - Tennant war diesmal offenbar nicht nach Subtilität.

Diese kommt auf musikalischem Wege mit "To Face The Truth", einer minimal arrangierten Ballade mit überraschenden Soul-Vibes. Interessanterweise ein Song, den Tennant bereits Anfang der 80er Jahre auf der Gitarre komponierte - und nicht der einzige: Auch "Nervously" und "Jealousy" existierten in Demo-Form vor der Gründung der Band. "This Must Be The Place I Waited Years To Leave" wiederum entstand 1986, als die Pet Shop Boys kurzzeitig für den Soundtrack zum Bond-Film "The Living Daylights" im Gespräch waren.

In "How Can You Expect To Be Taken Seriously?" ziehen sie zu rüden Powerchords charitygetriebenen Rock-Bands wie U2 die Maske vom Gesicht und verspotten deren vorgeschobene Wohltätigkeit. Weil er gerade so gut in Fahrt ist, gibt Tennant auch gleich der Rock'n'Roll Hall Of Fame noch einen mit. "My October Symphony" schwebt noch einmal im Stile von "Being Boring" auf angedeuteten Rave-Beats, an der Gitarre nach "This Must Be ..." ein weiteres Mal Johnny Marr, dem man zuvor in dessen Projekt Electronic unter die Arme gegriffen hatte.

Die Stützen von "Behaviour" sind jedoch das fragile "Only The Wind" in der Albummitte, für das erneut "Twin Peaks"-Komponist Angelo Badalamenti (der auf PSB-Platten hartnäckig Badalementi geschrieben wird) engagiert wurde, und das finale "Jealousy", fortan Gradmesser für alle PSB-Balladen. Der Einfluss des sechs Monate zuvor veröffentlichten Depeche Mode-Albums "Violator" lässt sich an den Gitarrenspuren in "The End Of The World" und "This Must Be ..." ablesen, zumindest ersteres gab Tennant im Booklet der "Further Listening"-Reihe später zu.

Ausgerechnet die Hitsingle "So Hard" fällt im Gesamteindruck - ähnlich dem etwas aufgesetzten "How Can You Expect To Be Taken Seriously?" - aus dem Rahmen. Ein bisschen Club-Flavour sollte bei all der Larmoyanz dann wohl doch noch auf die Platte, schließlich tanzte Lowe eben noch zum Set der House-Legende Frankie Knuckles, die er Anfang Oktober zu seiner Geburtstagsparty nach London einfliegen ließ. Für "So Hard" serviert er den offensivsten Disco-House-Beat der Platte, nur leider wirkten die unbarmherzigen Orchesterschläge schon bei der Veröffentlichung seltsam obsolet. Nirgendwo sonst hallten die 80er mehr nach. Der "David Morales Red Zone Remix" des Songs auf der begleitenden 12" zählt dafür zu den besten Remixes der PSB-Diskographie.

"Behaviour", quasi ein Vorläufer des späteren Albums "Release", entfernte die smarten Charts-Boys von der Tanzfläche und ebnete ihnen den Weg in die Jugendzimmer der Grübler und Unangepassten. Und in die Herzen all jener, die die gesellschaftlichen Normen und kulturellen Fesseln ihrer Heimat hinter sich lassen wollten. Er habe das Album Anfang der 90er Jahre immer auf den Zugfahrten zwischen Stoke-On-Trent und Manchester zu den Take That-Proben auf dem Walkman gehört, berichtete Robbie Williams in der großartigen PSB-Doku "A Life In Pop". Das Gefühl der Verlorenheit war dann gar nicht mehr so schlimm, denn "das Album wurde mein Freund."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Being Boring
  2. 2. This Must Be The Place I Waited Years To Leave
  3. 3. To Face The Truth
  4. 4. How Can You Expect To Be Taken Seriously?
  5. 5. Only The Wind
  6. 6. My October Symphony
  7. 7. So Hard
  8. 8. Nervously
  9. 9. The End Of The World
  10. 10. Jealousy

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9 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 24 Tagen

    Die hatten schon einen! Ebenfalls von Fanboy Schuh!

  • Vor 23 Tagen

    Tolles Album. Vielleicht ihr bestes. Aber sie sind ja immer noch erfolgreich unterwegs und halten erstaunlicherweise immer noch das Niveau. Gute Rezension mit vielen Informationen.

    • Vor 23 Tagen

      Welches Niveau? Nach dem großartigen Yes kam doch nur noch Schrott.

    • Vor 22 Tagen

      Nach Yes war noch Electric ganz brauchbar. Ansonsten schon wahr. Tiefpunkt war sicherlich Hotspot. Habe auch nie kapiert was sie so an Stuart Price gefressen haben. Meiner Meinung nach ein völlig überschätzter Produzent. Seinen kreativen und kommerziellen Höhepunkt hatte er 2006 mit Madonna's Confessions Album. Danach kam von ihm nur noch 08/15-Schrott. Bin gespannt wen sie als Produzenten für ihr neues Album engagieren.

    • Vor 20 Tagen

      Die Elysium ist meiner Meinung nach sehr unterschätzt. Super und Electric gehen sehr gut ab, aber die starken Texte fehlen mir etwas und die Hotspot ist tatsächlich nur ganz okay. Die EP Agenda hat mir tatsächlich viel Spaß gemacht. Humor und Melancholie mit guten Grooves haben sie aber nach wie vor noch drauf. Bin auch gespannt, wer nach Stuart Price kommt.

  • Vor 23 Tagen

    Tolles Album. Und weil ja alles in einen Schuber muss: Die PSB Melancholy Box: mit Behaviour, Release und Elysium. Hat für Hotspot leider keine Platz.

    • Vor 22 Tagen

      Sorry, Release und Elysium sind Müll im Vergleich zu Behaviour. Diese beiden 08/15-Produktionen haben es nicht verdient in einer Reihe mit Behaviour zu stehen.

      Behaviour ist von Anfang bis Ende ein großartiges Stück Pop-Kunst. Großartige Kompositionen, großartige Produktion. Analoge Synths made in Bavaria by Harold Faltermeyer.

    • Vor 21 Tagen

      Release und Elysium sind beide grandios unterschätze Alben, haben aber im Gegensatz zu Behaviour leider jeweils echte Gurken an Bord. Release: "The Night I Fell In Love". Elysium: "Hold On". Bei Elysium lohnt es sich, auch die instrumentale Version auf dem Kopfhörer einmal anzuhören.

  • Vor 20 Tagen

    Schönes Ding. Zweiter Stein auch absolut gerechtfertigt.

    Da wir schon bei den Meilenstein Doubles sind, repariert mal den tauben Cordas und fixt endlich "Scenes from a Memory".

    Oder schmeisst Archive mal die verdienten beiden für "Londinium" und "You All Look The Same To Me" hinterher. Für letzteres würde ich mich sogar als Rezensent opfern...

  • Vor 18 Tagen

    das was auf dem Album zu hören ist, dafür lege ich kein Pet Shop Boys auf. 3/5.

  • Vor 12 Tagen

    Behaviour. Ich bin riesen PSB Fan aber ich finde einfach nicht wirklich Zugang zu der Platte. Die spätere Release ist eines meiner Lieblingsalben aber Behaviour? Es klappt nicht wirklich. Ich verstehs selber nicht. Allerdings enthält Behaviour zumindest eines meiner Lieblingslieder. Das ist Jealousy. Vor allem die Version mit langer Orchester Intro ist einfach nur Hammer. Für mich immer noch die mit Abstand beste Ballade des Duos. Being Boring ist glaub ich zeitlos. Vor allem der Text ist hier wirklich grandios. Mehr Melancholie geht kaum. So hard hab ich auch rauf und runter gehört. Macht richtig Spass auch wenn der Test eher auch wieder um Lügen und Geheimnisse in einer Beziehung geht. Zum Rest find ich wie gesagt den Zugang nicht. Meilenstein? Als PSB Fan würde ich nein sagen aber die Argumente der Rezension geben wenig Anlass zum Widerspruch. Deswegen möchte ich mich hier wohlwollend anpassen. Es ist ja die Lieblingsband.