laut.de-Kritik

Das regt an: Zu Brechreiz und Bewunderung.

Review von

Okay, so ein Album hört man definitiv nicht jeden Tag. Einerseits bieten Periphery auf ihrem Neuling nämlich Großartiges. Das ist vor allem der Instrumentalfraktion zuzuschreiben. Viele Stellen lösen dagegen Brechreiz aus. Hieran ist in erster Linie Sänger Spencer Sotelo schuld.

Dass man, nur weil man technisch krankes Zeug spielt, nicht automatisch vor grenzwertigem Kitsch gefeit ist, wissen wir spätestens seit Dirty Loops. Ganz so schlimm erwischt es Periphery zwar nicht, aber zum Beispiel das "Flatline"-Ende ist von Boygroup-Geschlabber nicht mehr weit entfernt. Textzeilen wie "Stay with me, I'll show you paradise" und "It feels so good that I could die" ("Catch Fire") machens nicht besser. Da war sogar Oli Sykes auf dem letzten Bring Me The Horizon-Album harmloser. Nickelback sollen anbiedernd sein? Liebe Hater, wagt euch bloß nicht in die Nähe von Periphery.

Als wäre das alles nicht genug, versucht sich Herr Sotelo in seinem Paradestück "Catch Fire" auch noch als Rapper. Spätestens da steckt man sich sogar freiwillig den Finger in den Hals, um sich abzulenken.

Dabei beginnt "Periphery III — Select Difficulty" ziemlich hartgesotten. "The Price Is Wrong" und "Motormouth" präsentieren Sotelo im Shout- und die Instrumente im Meshuggah-Modus. Gut, die Spoken Word-Teile hätten nicht sein müssen, angesichts des ersten tollen Gitarrensolos nach nicht einmal zweieinhalb Minuten sieht man aber gerne darüber hinweg. Überhaupt sind natürlich die (Instrumental-)Melodien mal wieder über jeden Zweifel erhaben. Rausschmeißer "Lune" mausert sich vor allem dank seines erhabenen Klimax zu einem der Album-Highlights. Nur was Periphery einfach anscheinend einfach nicht kapieren wollen: weniger ist manchmal einfach mehr. "Oh-oh"-Chöre zerren "Lune" in wenigen Augenblicken von "Do not go gentle into that good night" zu "Ich bin der König der Welt". Außerdem wäre da noch das angepappte Streicher-Outro.

Das Hauptproblem des Albums ist nämlich nicht einmal Sotelo, sondern dass alles extrem überladen daher kommt. Viel zu selten lassen Periphery Freiräume. Ja, eure Melodien sind klasse. Aber, liebe Band, sie kommen nicht zur Geltung, wenn ihr jedes noch so kleine Atemloch zukleistert. Sogar Ausnahme-Drummer Matt Halpern beteiligt sich munter an der Malstunde. Es hat seinen Grund, warum Popmusik keine Doublebass benutzt. Das klänge dann nämlich so wie "The Way The News Goes" — wahrlich grausam im Refrain.

Besser machts "Marigold". Der Groove passt, die Dramaturgie erst recht und siehe da: Spencer Sotelo trägt tatsächlich einmal positiv zu einem Song bei. Und wie! Diesmal passt die Balance zwischen Eingängigkeit, Aggression und Prog. Die Kopfstimme sorgt für zusätzlich Atmosphäre. Spoken Word und Kirchenchor ignorieren wir geflissentlich — die Gitarrenriffs sind nämlich einfach zu geil.

Aber ein ganzes Lied zu überwinden, ohne, dass ich was zu motzen finde, schaffen Periphery trotzdem nicht. Nur fast. Mit "Absolomb". Warum hängt da jetzt schon wieder so ein gewollter Klassik-Rattenschwanz am Ende? Hört doch einfach mal auf, wenn ihr nichts mehr zu sagen habt. Ansonsten hat der Track nämlich alles: Dank des Zusammenspiels von Bass, Arpeggio-Gitarre und Schlagzeug den stärksten Groove der Scheibe, einen nicht nervenden Sotelo, Leads zum Niederknien, die gute Prise Vertracktheit und ein Ende. Letzterem verweigert man leider seine Bestimmung. Was solls. Neuer Prog kommt bestimmt.

Trackliste

  1. 1. The Price Is Wrong
  2. 2. Motormouth
  3. 3. Marigold
  4. 4. The Way The News Goes
  5. 5. Remain Indoors
  6. 6. Habitual Line-Stepper
  7. 7. Flatline
  8. 8. Absolomb
  9. 9. Catch Fire
  10. 10. Prayer Position
  11. 11. Lune

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8 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Also ich finde den wilden Ritt über die Drums im Refrain von 'The Way the News goes' eigentlich ganz nett, definitiv etwas, was ich so noch nicht gehört habe...

    Insgesamt ist die PLatte zu durchwachsen, um zu begeistern. Bei den meisten Prog-Metal-Bands gibt es für mich irgendetwas, was mich abschreckt - Gesang, Keyboardsoli, Gitarrentuning - wirken oftmals überambitioniert oder gehen einfach nicht im Ganzen auf.

    Da lob ich mir 'ne Hand voll Dreck, Spielfreude und 'not giving a fuck', wie im Falle von Mastodon (Surf-Riff in Divinations!). Und da fällt mir doch glatt auf, dass Crack the Skye auch mit Doublebass im Refrain bestückt ist. Wobei es sich da auf den ganzen Song erstreckt und generell nicht so in den Vordergrund tritt, sondern eben im Ganzen aufgeht.

  • Vor 3 Jahren

    Geile Scheibe! Ich suche zudem hier auf der Seite 'ne Möglichkeit, eine Band zu "melden" wenn diese noch nicht gelistet ist. Ich finde es bedenklich, dass "The Contortionist" noch keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Bin ich damit allein? ;-)

  • Vor einem Jahr

    tjaja, der sänger. Er erinnert manchmal ein wenig an den Kaulitz-Buben von der Tokyoter Jugendherberge.

    Trotzdem, wenn ich gesanglich brutalstes Monoton will, kann ich ja weiterhin Meshuggah hören.
    Er hat schon ein kräftiges Organ und setzt es vielseitig ein. Teils wär ein schlichter Scream vielleicht besser aber technisch gesehen können die schon was.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      sorry wegen des zweimal gelöschten posts. hab irgendnen neunmalklugen scheiß abgelassen, aber die quintessenz war wohl, dass periphery aus gründen (auch von dir genannt) definitiv ne daseinsberechtigung haben, und dass auch ich (trotz allem) fan bin.

    • Vor einem Jahr

      kann ich so stehen lassen.
      Gibt definitiv schlimmere Mucke und bei Periphery kann man ja durchaus auch viele tolle Sachen raus hören. Unterschreib ich so. :)