laut.de-Kritik

Neustart mit Roxette-Backgroundsängerin Helena.

Review von

And then he was one. Nachdem sich Marie Fredriksson aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation 2016 leider komplett von der Bühne verabschiedete, steht Per Gessle bis auf unbestimmte Zeit alleine da. Zeit, die er nun für sein Solo-Album "Small Town Talk" nutzt. Ein Ausflug nach Nashville, der wie Roxettes Country-Album klingt.

Im Zentrum der kommerziellen Country-Musik entstanden nicht etwa geerdete, staubige Songs, sondern nette Country-Pop-Lieder, die vor allem den Pop groß schreiben. In ihnen wimmelt es nur so vor Pedal Steel, Dobro, Mundharmonika und Gefiedel. Um dieses Ergebnis zu erreichen, arbeitete Gessle mit den alteingesessenen Dan Dugmore, Mickey Raphael, Stuart Duncan, Elizabet Goodfellow und Savannah Church of The Church Sisters zusammen.

Natürlich kann der Roxette-Songwriter nicht aus seiner Haut. Jedes der dreizehn neuen Stücke hätte auch zu der Band gepasst, mit der er über 45 Millionen Tonträger verkauft hat. Selbst an der Gesangsaufteilung ändert sich nichts: An die Stelle von Marie tritt über weite Strecken die schwedische Sängerin und Songwriterin Helena Josefsson, die jahrelang für Roxette als Backgroundsängerin arbeitete. Ihre Stimmfarbe ähnelt Fredrikssons, doch bleibt sie glatt und lieblich. Es fehlt ihr an Maries Ausdrucksstärke und Leidenschaft, den rauen Brüchen in ihrer Stimme, zwischen Enthusiasmus und Melancholie.

Dabei klingt Gessle schon immer dann am besten, wenn er selbst nicht am Mikro steht. Er tönt weiterhin wie Dieter Bohlens schwedischer Bruder (als Vergleich dienen hier Roxettes "The Look" und Blue Systems "My Bed Is To Big"). Wobei er dem Schrott-Titan in Sachen Kreativität und Songwriting natürlich um Längen überlegen ist. Zeitgleich umweht seine Stimme aber mittlerweile ein gehöriges Maß an Nostalgie. Die Vertrautheit eines alten Freundes, der nun schon dreißig Jahre mit uns durchs Leben zieht.

Dass seine Stücke geradezu nach einer Sängerin schreien, verdeutlicht noch einmal "Far Too Close", dass Savanna Church alleine eröffnet. Leider erstickt der Track in einer Mischung aus Country-Kitsch und Kelly Family-Flair. Mit "Simple Sound" zeigt Gessle, dass er nichts verlernt hat. Lässig schüttelt er einen Roxette-Ohrwurm allererster Kajüte aus dem Ärmel. Nur im zurückgefahrenen Arrangement zeigen sich Unterschiede. Das mit etwas zu viel Zucker bestäubte Titelstück "Small Town Talk" erhält durch den Auftritt von Nick Lowes gebrochener Stimme eine ungeahnte Tiefe.

Mit "Name You Beautiful" fällt Per komplett aus dem Konzept. Der gruselige Zwitter aus Liquido und Rondò Veneziano, von altbackenen Synthesizern und schauerlichen Drum-Breaks vorangetrieben, passt so gar nicht in die restliche Country-Umgebung. Dem unaufgeregten "The Finest Prize" gelingt diese Vermischung der Genres weitaus besser, führt die elektronischen Elemente weitaus harmonischer mit Pedal Steel und Violine zusammen.

"Small Town Talk" umweht eine Art Trauer. Indem Per Gessle Ersatz für Marie sucht, verdeutlicht er ihr schmerzhaftes Fehlen nur noch mehr. Ein Großteil der Songs driftet zudem in Belanglosigkeit ab. Gute Stücke bleiben die Ausnahme und zu viel rauscht vorbei, ohne Eindruck zu hinterlassen. Letztendlich umweht das Album die Atmosphäre eines ausklingenden Heuschoberfestes. Während die ersten zwischen den Strohballen ausräumen, drehen sich die zwei übrig gebliebenen Pärchen noch ein letztes Mal im Kreis.

Trackliste

  1. 1. There's A Place
  2. 2. The Finest Prize
  3. 3. Small Town Talk
  4. 4. Simple Sound
  5. 5. Far Too Close
  6. 6. Hold On My Heart
  7. 7. No One Makes It On Her Own
  8. 8. Being With You
  9. 9. It Came Too Fast
  10. 10. Name You Beautiful
  11. 11. For The First Time
  12. 12. One Of These Days
  13. 13. Rudy & Me

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LAUT.DE-PORTRÄT Per Gessle

Per Gessle ist fraglos eine der Ikonen des schwedischen Pop. Die eingängigen Songs des Komponisten, Gitarristen und Sängers feiern weltweite Erfolge.

4 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 11 Tagen

    ......Wobei er dem Schrott-Titan in Sachen Kreativität und Songwriting natürlich um Längen überlegen ist. ....

    Aber hat er auch einen so schönen Pullover?

  • Vor 8 Tagen

    Aus meiner Sicht ist das ein gelungenes und solides Werk. Was ich persönlich bemängele ist die Tatsache, dass Per alte Demos aufpoliert statt sich neuen Innovationen zu widmen. Vieles gab es auf den schwedischen Alben in schwedischer Sprache. No one makes it on her own gab es auch schon zu Roxettezeiten und auch Beeing with you gab es schon als Demo. Hier ist die Aufpolierung jedoch sehr sehr gut gelungen. Name you Beutiful passt in der Tat nicht so zum Albumkonzept aber es macht mir echt Laune beim Hören. The Finest Prize ist sowohl instrumental als auch vom Songtext ein musikalische Diamant. Wer Roxette mochte und wer auch Per Gessle als Solokünstler zu schätzen weiß, der wird an der Scheibe nicht vorbeikommen!

  • Vor 7 Tagen

    Drei Punkte hätten es schon gerne sein dürfen, Herr Kabelitz - und der Bohlen-Vergleich ist dämlich. Das Album hat mit "Far Too Close" und "The Finest Price" zwei Highlights; in "It Came Too Fast" wird der Tod von Bruder, Schwester und Mutter verarbeitet, die alle im letzten Jahr binnen kürzester Zeit starben. Der Titeltrack mit Nick Lowe hat eine Tiefe, die für Gessle's Bubblegum-Pop-Verhältnisse (bestes Ohrwurm-Beispiel: "Simple Sound" (mahi-nana, mahi-nana!)) beeindruckend ist. Solides Solo-Werk.

  • Vor 7 Tagen

    ...und Roxette verkauften tatsächlich über 80 Millionen Tonträger, nicht "nur" 45 Millionen. ;)
    (Quelle u.a.: Laut.de-Porträt von Per Gessle)