laut.de-Kritik

Die Band auf der Flucht findet eine neue Heimat.

Review von

"Band On The Run", das dritte Album der Wings und das fünfte Album Paul McCartneys nach der Zeitrechnung "Beatles" hat eine turbulente Entstehungsgeschichte: Zum Schreiben der Songs zogen sich die Bandmitglieder Linda und Paul McCartney, Denny Laine, Henry McCoullough und Denny Seiwell nach Schottland zurück, doch so still und friedlich die Landschaft dort auch sein mag – die Stimmung war es nicht. Die Aufnahmen sollten dann nach Willen McCartneys in Nigerias Hautstadt Lagos stattfinden, doch kurz vor Abflug verkrachten sich die Musiker zusehends, McCoullough stieg aus und Seiwell zog nach.

Dass "Band On The Run" dann innerhalb von sieben Wochen in Lagos dennoch fast fertig aufgenommen wurde, ist angesichts der weiteren Widrigkeiten vor Ort durchaus ein Wunder: Kurz nach der Ankunft wurden Linda und Paul überfallen und ihnen alle Lyrics und Demobänder gestohlen. Paul rauchte daraufhin so viele Zigaretten und anderes, dass er eine Panikattacke erlitt und zusammenbrach, die Titel mussten mühsam rekonstruiert werden, und das auch noch mit ziemlich veralteter Technik im EMI-Studio vor Ort. Eine krude Abenteuer-Story, die sich heutige Hipster-Bands wohl ziemlich gerne aneignen würden, denn es fehlt nichts von jenen Zutaten, die Authentizität garantieren: Drama, Sucht, Vintage.

Doch, Lokalkolorit müsste auch noch dringend hinzugenommen werden, um das Hippie-Hipster-Klischee zu erfüllen, das im Übrigen die realen Probleme vor Ort ziemlich ausblendete – der zeittypische Monsun, die politischen Unruhen sowie die grassierende Cholera-Epidemie. Egal: McCartney wollte auch mit afrikanischen Musikern aufnehmen, doch der nigerianische Musiker und Aktivist Fela Kuti beschuldigte ihn öffentlich der "Cultural Appropriation" (also der kulturellen Aneignung). Am Ende war so nur Remi Kabaka an "Band On The Run" beteiligt und steuerte die Percussions zum Song "Bluebird" bei.

Den letzten Schliff des Albums besorgte in London schließlich Produzentenlegende Tony Visconti, der für seine Zusammenarbeit mit David Bowie wohl am berühmtesten ist. All diese kruden wie kuriosen Fakten führten schließlich dazu, dass McCartney mit den Wings nun der künstlerische (sowie kommerzielle) Durchbruch gelang und "Band On The Run" das erste McCartney-Werk nach den Beatles wurde, das endlich wieder bedeutsam war. Auch das "Gefängnisausbrecher"-Cover des Albums schien ein Hinweis auf eine Art Neuerfindung seit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", waren doch hier auch wieder berühmte Köpfe von beispielsweise Christopher Lee oder James Coburn neben denen der Bandmitglieder hineinmontiert.

Gleich der Eingangs- und Titelsong "Band On The Run" fasziniert und oszilliert zwischen Artrock, Progelementen und einem hübschen Beatles-esquen Refrain: Die notgedrungen rekonstruierten Lyrics sind getragen von den Folgen des bewaffneten Raubüberfalls, wenn es darin heißt – "In the town they're searching for us every where, but we never will be found". Abgelöst wird dieser starke Auftakt von "Jet", einem fast schon schweinerockigen Track samt Chören – eine schlagfertige Antwort McCartneys auf den damals angesagten Glamrock.

"Bluebird" schwebt wiederum zart und poppig vor sich hin, ein Saxophon komplettiert die hauchig-jazzige Atmopshäre. Es folgt Jangle-Pop mit monotoner Sixties-Ohrwurm-Melodie bei "Mrs Vandebilt". Das schwelgerische "Let Me Roll It" mit bluesigen Gitarren entwickelt im Refrain einen gospelhaftigen Charakter und wird als Friedenstaube an John Lennon gedeutet sowie zugleich als Antwort auf dessen Song "How Do You Sleep" von "Imagine".

"Mamunia" spielt dann nur andeutungsweise mit afrikanischen Klängen, die mit einem typischen McCartney-Chorus kontrastiert werden. "No Words" ist hingegen wieder eine Reminiszenz an Beatles-Zeiten mit abwechselndem Falsett- und Harmoniegesang. Das pubselige "Picasso's Last Words (Drink To Me)" spielt mit Trinklieder-Klischees, unterbrochen durch rumpliges Schlagzeug, Spoken-Word-Einlagen und experimentelle Soundfragmente. Und es ist wie alle Kneipensongs ein wenig angeberisch, schließlich schrieb McCartney es nur, um Dustin Hoffman zu beweisen, dass er einfach zu jedem Thema ein Lied komponieren könne.

Das wunderbar klimpernde und dröhnende "Nineteen Hundred And Eigthy Five" schließt das Meisterwerk dann würdig mit einem sinfonischen Crescendo ab, das schließlich unvermittelt in den Refrain von "Band On The Rain" übergeht und langsam ausfadet. Es ist, als wollte das Album einem zuflüstern: Von vorne bitte wiederhören. Aber gerne.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Band On The Run
  2. 2. Jet
  3. 3. Bluebird
  4. 4. Mrs. Vandebilt
  5. 5. Let Me Roll It
  6. 6. Mamunia
  7. 7. No Words
  8. 8. Picasso's Last Words (Drink To Me)
  9. 9. Nineteen Hundred and Eighty Five

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