20. April 2005

"Ich wollte kein Prediger mehr sein"

Interview geführt von

Im Rahmen der Promo-Aktivitäten zu seinem dritten Album "Nile" trifft Laut.de in der edlen Zürcher X-tra-Lounge auf einen entspannten Patrice. Obwohl noch nicht allzu lange wach, versucht er, sich mit sokratischen Weisheiten, Traditionen und dem von seinem Label verfassten "Nile"-Begleittext auseinander zusetzen, was ihn so manches Mal ins Trudeln bringt. Uns ist das egal, wir bohren einfach weiter und fühlen ihm auf den Zahn. Künstler interviewen ist nicht schwer, Künstler sein dagegen sehr.

Dein neues Album beginnt mit den Worten "I will change the world today". Hast du heute die Welt schon verändert?

Ich habe es auf jeden Fall versucht, obwohl ich heute noch nicht allzu viel Gelegenheit dazu hatte - ich bin noch nicht so lange wach ...

Wann steht Patrice auf?

Das kommt darauf an. Im Moment ist wegen der Promoaktivitäten ja alles komplett verschoben. Ich bin viel unterwegs und insofern im Moment nicht ganz normal (Patrice überdenkt kurz das Gesagte und kommt zu einem erstaunlichen Schluss). Aber eigentlich habe ich nie einen festen Rhythmus. Sagen wir mal so: ich würde gerne vor zwölf Uhr aufstehen. Im Prinzip fände ich es super, wenn ich um 7 Uhr aufstehen könnte …

Du lebst offensichtlich ein wahres Künstlerleben ... aber zurück zur Frage: Hast du heute die Welt schon verändert?

Ich habe bisher sehr viel geredet und hoffe, ich habe meinen Gesprächspartnern ein paar Denkanstöße geben können oder ein paar Dinge erläutert, auch im Bezug auf das neue Album. Immer wenn man Denkanstöße gibt, ist das schon mal was.

Aussagekräftige Texte sind dir sehr wichtig. Deine Grundbotschaft ist Verantwortlichkeit. Wie meinst du das?

Ich habe durch mein Talent eine gewisse Verantwortung. Ich finde, ein Lied oder die Idee zu einem Song, ist ein Geschenk. Durch dieses Geschenk habe ich die Verantwortung, mein Talent zu nutzen. Für mich ist wahre Kunst immer inspiriert von einer höheren Quelle. Ideen kreiert man nicht, man bekommt sie, und man hat das Privileg, sie ausdrücken zu dürfen. Ich sehe mich in der Verantwortung, sie auf eine Weise auszudrücken, die ihrer Quelle gerecht wird.

Sokrates hat einmal gesagt "Die Ursache des Guten ist das Schöne".

Das ist ein toller Satz ... den ich zum ersten Mal höre. Schönheit ist natürlich ein sehr weit gefasster Begriff. Musik zu machen inspiriert mich auf jeden Fall dazu, etwas Gutes zu tun. Das fällt mir spontan dazu ein, aber das wird der Aussage von Sokrates wahrscheinlich nicht gerecht. Ist auf jeden Fall ein cooler Satz!

Kommen wir auf dein neues Album zu sprechen. "Nile verteidigt ein Kulturgut, das allzu oft missachtet wird, denn die Gesellschaft ist allzu leicht bereit, die Sicherheit alter Traditionen einzutauschen für die vagen Hoffnungen in neue Technologien", schreibt dein Label YoMaMa im Beipackzettel zu "Nile". Wie ist das gemeint?

(Patrice lacht ein etwas verlegenes Lachen. Entweder kennt er den Begleittext zu "Nile" nur sporadisch, oder er mag ihn nicht. Nach einigen Versuchen, schnell eine adäquate Antwort zu finden, lässt er es mit den Worten:) Ich muss sagen, dass der Text noch mal umgeschrieben wird.

Bist du ein Freund von Traditionen?

Das Album bricht mit sehr vielen Traditionen und greift gleichzeitig viele Traditionen auf. Die Art und Weise, wie sie zusammen geführt werden, hat etwas von einer neuen Kultur. Inwiefern ich Traditionen gut finde, ist schwer zu sagen. Es gibt viele falsche, aber auch viele gute Traditionen. Der Wert liegt darin, dass Traditionen einen verknüpfen mit dem was war. Durch Tradition hat man die Chance, nicht von null anfangen zu müssen. Man muss nicht alle Fehler noch einmal machen. Auf dem was vorgelebt wurde, kann man aufbauen. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache.

"Tradition heißt, das Feuer weiterzutragen und nicht die Asche anzubeten".

Genau ..?! (Mit so vielen coolen Sprüchen hat Patrice wohl nicht gerechnet!)

Nile beschäftigt sich inhaltlich mehr mit gesellschaftlichen Themen als der Vorgänger. Wie beschreibst du deine persönliche Entwicklung seit "How Do You Call It"?

Dazu muss ich bis zum ersten Album "Ancient Spirit" zurück gehen. Das war sehr unschuldig und idealistisch. Man schreibt das ganze Leben lang für sein erstes Album. Es war zum Glück erfolgreich. Mit dem zweiten Album tritt eine Nüchternheit ein. Ich habe darauf mit meinem Idealismus gebrochen und mich gefragt, was es bringt, wenn ich mich mit dem Zeigefinger hinstelle und irgendwas predige? Bin ich überhaupt in der Position? Das dritte Album führt mich wieder zurück zum Idealismus, einem erwachsenen Idealismus, der sozusagen nach dem Verlust des naiven Idealismus entstanden ist.

Ich habe mich einfach im Studio eingeschlossen und keine Meinungen entgegen genommen, bevor das Album fertig war. Es ging mir um das bewusste Ausklammern von Einschätzungen, um alles aus mir heraus zu holen, bevor ich meine Ohren anderen Meinungen gegenüber öffne. Das Album beschreibt meine Stärken und meine Schwächen, eben alles was menschlich ist, ohne mich zu zensieren. Es geht mir darum, echte Emotionen zu formulieren, ohne Angst davor zu haben, sie auszusprechen. Ich stelle mich bewusst auf dieselbe Ebene wie der Zuhörer. Von diesem Level aus habe ich wieder Zugang zum Idealismus.

Dein neues Album heißt "Nile". Wie kam es zur Namensgebung?

Also erst einmal fand ich den Namen schön, auch wenn in der YoMama-Bio etwas anderes steht. Außerdem finde ich "Fluss" ein schönes Symbol für Leben an sich und auch für den kreativen Prozess. Der Nil ermöglicht Leben, er macht die Wüste fruchtbar und lässt menschliche Zivilisation entstehen. Das Bild fand ich ziemlich stark. Auch eine musikalische Idee entspringt einer Quelle, fließt irgendwo hin und mündet schließlich in einem Song.

Wurdest du dabei inspiriert von deinen realen Wüstenerfahrungen?

Natürlich. Ich war inzwischen in Dakar, in Sierra Leone und habe in Mali gespielt, beim Festival au Desert. Das war extrem beeindruckend. Zusätzlich hat mich die Arbeit meines Vaters inspiriert, der damals für das ZDF einen Dokumentarfilm zum Thema "Afrikanische Wurzeln" gedreht hat. Der Nil wurde dabei personifiziert durch eine Frau, die so Sachen sagte wie "Ich bin der Nil, meine Kinder nennen mich Mutter". Das hat in mir einen starken Eindruck hinterlassen. Der Nil als die ultimative Mutter.

Gibt es für dich eine mystische, eine spirituelle Dimension in dieser Metapher vom Nil?

Es gibt in allen Dingen eine spirituelle Dimension, auch in unserem Gespräch.

"Nile" ist hauptsächlich mit deiner Liveband Shashamani eingespielt. Was bedeutet Shashamani?

Shashamani ist das Land in Äthiopien, das Selassie damals den in der Diaspora lebenden Afrikanern zur Verfügung stellte, um wieder in Afrika leben zu können. Allen möglichen Sklavenabkömmlingen wurde damit die Möglichkeit gegeben, sich wieder in ihrem Heimatland anzusiedeln.

Den Namen hat sich Band übrigens selbst gegeben, da habe ich keinen Einfluss darauf gehabt.

Du verzichtest bei "Nile" auf teuere Studiotechnik und namedroppende Gäste. Welche Absicht steckt dahinter?

Erst einmal ist jedes Album ein neues Album. Der gesamte Ansatz, die Produktion und das Erarbeiten jedes Albums ist komplett anders als vorher. Mit modernem Studioequipment hat man ja sehr viele Möglichkeiten der Postproduktion. Das wollte ich sehr bewusst umgehen. Mein zweites Album war so produziert, d.h. es ist sehr aufgeräumt und vielleicht etwas glatt. "Nile" ist das genaue Gegenteil. Es klingt viel roher und dreckiger. Ich habe komplett analog aufgenommen, dadurch lebt es wesentlich mehr. Im Detail ist es zwar weniger perfekt, aber im Großen hat es wesentlich mehr Dynamik.

Das kann ich bestätigen. Das Album lebt wirklich.

Danke, ich habe auch wirklich sehr viel Herzblut, Gedanken, Geist, Liebe und natürlich auch Arbeit investiert. Wenn du mit großen Namen oder mit Studiomusikern arbeitest, hast du die Zeit gar nicht, um wirklich zu feilen. Dann bist du auf Postproduktion angewiesen.

In deiner Musik ist nach wie vor Reggae das bestimmende Element. Wie würdest du deine musikalische Entwicklung beschreiben?

Schwer zu sagen. Ich mache immer gerne das, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Man kann sicherlich Funk- und Soulelemente erkennen, aber auch Rock, Blues und Folk. Es geht darum, weiter zu gehen, nicht stehen zu bleiben. Das ist für mich modernes Singer/Songwritertum. Bei mir zirkuliert alles um den Song selbst. Der Song selbst sagt mir, was er braucht. Es ist ein sehr intuitives Arbeiten. Jede Idee verlangt nach einem bestimmten Ausdruck.

Was hast du für Pläne im laufenden Jahr?

Natürlich touren. Ich bin vor allem ein Live-Act. Wir werden im Rahmen der Tour zuerst Deutschland und die Schweiz bereisen. Frankreich, Italien, England und Portugal sind in Planung. Dann kommen natürlich die ganzen Sommerfestivals. Auf dem Gurten-Festival sind wir eingeladen und eventuell in Montreux. Dann sehen wir weiter.

Das nächste Interview-Team steht bereits scharrend in den Startlöchern. Vielleicht gelingt es ihm besser als mir, Patrice aus der Reserve zu locken...

Das Interview führte Kai Kopp

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