laut.de-Kritik

Here come the men in black.

Review von

"Here come the men in black, they won't let you remember ..." legt Will Smith vor 20 Jahren über den Refrain von Rushens Hit "Forget Me Nots": "Sending you forget me nots / To help me to remember", steht dort im Original. Forget-me-nots ist im Englischen die Blume mit dem sprechenden Namen Vergissmeinnicht. "Forget Me Nots" zählt zum Katalog der großen Titel der Disco-Welle. Und Patrice Rushen, die ihre Songs selbst textet, komponiert und arrangiert, zählt neben Irene Cara, Patti LaBelle, Donna Summer, Gloria Estefan, Diana Ross, Chak-Chak-Chaka Khan und Grace Jones Ende der 70er zu den erfolgreichsten Stimmen.

Dem Zeitraum zwischen 1978 und 1984 widmet sich "Remind Me: The Classic Elektra Recordings" als Sammlung besonders guter Songs. Auch besondere Versionen umfasst das Re-Issue: nämlich die für den Disco-Soul sogar zutiefst Genre-prägenden 12-Inches.

Die Zeitreise zündet vom ersten Takt an. Rushen zieht es nur als Gast in die Disco-Welle. Ihre erste Platte, mit 18, beeindruckt mit instrumentalem, progressivem Jazz, der stark seiner Zeit vorauseilt, und Angejazztes fließt im Unterton in ihre weitere Musik, R'n'B, Funk und Disco ein.

Wenige Soul-Balladen im Stile der Commodores zieren diese Sammlung. Meist geht es dagegen mit harten Bass Drum-Schlägen auf hohem Tempo zur Sache – Disco-Funk eben.

Alle Essentials dieses Stils sortiert Patrice Rushen sauber durch: "Never Gonna Give You Up", ewige Freundschaft, Liebe in guten und schlechten Zeiten – Funk verbreitet gerne längere Zeitperspektiven, setzt auf lange Songs und untermalt dieses Zeitgefühl entsprechend. Dinge brauchen ihre Entwicklung. Funk darf utopisch wirken, und das macht ihn trotz der Hammer-Kawumms-Bassläufe unbeschwert und leicht. Womit sie ein zweites Kriterium einlöst: Luftigkeit. Als weiteres Essential tischt Patrice Rushen daher in "Number One" den lautmalerischen "da-da-da"-Gesang auf und erinnert dabei ein bisschen an ihre Zeitgenossin Minnie Riperton. Sie schwebt über den Beats.

Zum Ewigkeitsgedanken und der Luftigkeit gesellt sich Nächstenliebe: "All we need to do is care for each other (...) / Love will find you somewhere / Just keep your heart open today". Zweifel keimen auf, ob die stets Smartphone streichelnde Menschheit mit Stöppseln im Ohr wirklich offen dafür ist, wenn "Love will find you somewhere". Solche Texte fallen heute aus der Zeit. In solchen Songs wie "All We Need" verfließen die Grenzen zwischen sexueller Liebe und Alltagsfreundlichkeit. Einerseits entwickelt Disco-Funk sich zum Soundtrack der Ära Ende der 70er, als Homosexualität plötzlich an Akzeptanz gewinnt, und das beileibe nicht nur dank Combos aus der schwul-urban-progressiven Subkultur wie Village People.

Patrice Rushen holt sich einen Duettsänger mit an Bord, und die Zeilen wechseln zwischen Mann und Frau sehr flexibel. Eine klassische Duett-Aufteilung findet sich nicht mehr, was auch für Hetero-Rollen eine Spiegelung des sozialen Wandels der 70er bedeutet: Es lässt sich nicht mehr festlegen, wer die führende Rolle innehat, und es lässt sich aus einem Aufeinandertreffen von Dame und Herr im gleichen Alter nicht mehr folgern, dass die beiden ein Paar sein oder werden könnten.

Da legen sich Patrice Rushens Texte überhaupt nicht fest, und auch die verträumte Musik dient nur dazu, sich fallen zu lassen und die schönen langen Tracks tanzend, Tee trinkend oder als Flirt-Hintergrundmusik in Clubs und Cafés zu genießen. Patrice will Menschen zusammenbringen, will ihnen helfen, Mut zur Liebe zu zeigen. Dieses Leitmotiv durchzieht alle Songs unerschütterlich. Gerade dass die Texte von Hetero-Acts in diesem Musikstil so universell klangen und sich an alle wandten, wertet diese Klassiker mit sozialem Nutzen auf.

"Settle For My Love" kombiniert Romantik und Ekstase: "I'm in ecstasy", womit sie die nächste Disco-Funk-Zutat droppt. Zu Rushens Zeiten gerieten Menschen ohne Komasaufen und Koks in Ekstase. Dass Funk in 2019 nur dann Gewicht hätte, wenn Rapper mit Funk-Gespür, Pharell Williams, Wiz Khalifa und Black Eyed Peas zeitgleich richtig was reißen würden, liegt nicht an der Musik.

Es liegt am Außenherum, an der Welt, in der wir leben. Da klingt Funk naiv, übertrieben optimistisch, putzig, süß, aber einfach von gestern. Genau hier spürt man, dass "Remind Me" ein guter Sampler-Titel ist: Erinnern wir uns nicht nur an Patrice Rushen als Person, sondern an eine Zeit des Aufbruchs, der wachsenden Toleranz. Erinnern wir uns an eine Zeit, in der die meisten Acts mit Plattenverträgen Musik mit viel Geld für Produktionsdetails austüftelten. Erinnern wir uns an eine Zeit, in der Utopien noch die Chance darauf hatten, dass man sie ernsthaft diskutierte. Erinnern wir uns an eine Zeit, in der echte Räume wichtiger waren als Clouds und Chatrooms. Zu "Settle For My Love" darf man sich fallen lassen, ohne strategisch zu planen, wie der nächste Whats-App-, Tinder- oder Parship-Dialog weitergeht. "Du musst dir keine Sorgen machen!" trällert Patrice Rushen zwischen Wah-Wah-Gitarren in "Music Of The Earth". "Du brauchst dich nicht abhetzen, denn es gibt keine Eile.", singt sie verführerisch.

Rushens mal zurückhaltende, mal kristallin-hohe Stimme verkörpert das Non-Plus-Ultra guten Disco-Gesangs. Hier finden wir noch etwas tief aus dem Kern des Disco-Funk: Diese Musik baut aus Rushens Sicht auf Jazz auf. Alle Instrumente lässt sie perfekt und auf akustischem Hochglanz einspielen. Ihre Stimme vibriert mit vorbildlichem Beispiel und setzt den Maßstab.

Besonders fantastisch muten die zarten Töne an. Die Komponistin, Pianistin und Keyboarderin geht über die Klavier-Songwriter-Ballade einer Carole King hinaus und arrangiert noch ganz viel Zuckerguss um ihren Gesang auf "When I Found You" herum. Der Song ähnelt stimmungsmäßig anderen 70er-Klassikern wie etwa "(You Make Feel Like) A Natural Woman" von Carole. Doch Hörner-Akzente mit dunklem Brummen sowie das tief und schwer gespielte Schlagzeug erzeugen in Patrices Song eine interessante Gegenspannung zur rosaroten Lyrik vom Glück des Verliebtseins.

"Let's Sing A Song Of Love" lässt Rushens Klavierkünste auch solchen Hörern eingehen, die sonst vielleicht nicht aufs Piano stehen. Sie spielt genial. Sie reißt mit Dixieland-artigen Ragtime-Breaks mit, die richtig antik klingen. Sie kontrastiert sie mit dem Disco-typischen Geigenregen. Noch ein Merkmal - die Violin-Spuren machten Disco-Funk komplett, ob echte oder synthetisch geloopte. "No words, just music" empfiehlt Rushen und kommt mit wenig Text aus. Häufig hat Disco-Funk nur eine Idee, einen Slogan, erzählt keine Story – so auch hier in vielen Titeln.

Überdies zählen die Rhythmus-Läufe zum musikalischen Erbe der späten 70er, frühen 80er, an denen viele Rapper nicht vorbei kamen. Im Schnitt sechs Anfragen täglich zur Erlaubnis von Samples erhält Rushen in den 90ern, und viele gestattet sie. Das Intro zu "Music Of The Earth" enthält den charakteristischen Bauplan.

Zwei Takte Wah-Wah-E-Gitarre prallen auf die Zeit versetzt geschlagene Bass Drum. Flirriges, tropikales Hi-Hat-Gewitter, zwei zufällig wirkende Schläge auf die Snare, und dann platzt nach einem Saxophon-Quiek die Bassgitarre kompromisslos herein. Einige Takte lang baut sich ein afro-beatiger Trance-Sound auf. Dann setzt ein Gesang ein, der so sportlich wie in Musicals klingt, und auch warm und honigsüß. Eine junge Dame beherrscht die Szene. Aber nur kurz. Das Wah-Wah-Hi-Hat-Gewitter brodelt im Mittelteil wieder auf. Das andere Ende des Spektrums markiert das kühle Synthie-Stück "To Each His Own" (zu Deutsch "Jedem das Seine"). Den Song produziert sie 1984, er ist die jüngste Aufnahme der Compilation, und Anderson.Paak a.k.a. NxWorries recycelt den Tune 2015.

Der Basslauf, die sommerlich unbeschwerten Funk-Gitarrenriffs oder auch mal Vokalteile aus "Feels So Real (Won't Let Go)" tauchen bei Masta Ace, Shabba Ranks, 7 Days Of Funk und zig anderen Künstlern wieder auf – verdientermaßen. Zu den Wiederverwertern des Bossa Nova-geprägten "Settle For My Love" zählen Musiq Soulchild, Curren$y, Ty Dolla $ign, Ice Cube und die Future-Retro-Rapper The Stuyvesants. Grandmaster Flash benutzt "Remind Me" für "Fly Girl", Mary J. Blige für das fast gleichnamige "You Remind Me" und für "MJB Da MVP". Common, R. Kelly, Freddie Gibbs, Snoop Dogg – eine illustre Schar einflussreicher Sänger, Rapper und Produzenten, selten Frauen, bedient sich.

Von Brasilien bis Japan tauchen Zitate aus dem Lied auf, man zählt an die 100 legale Samples. Und wer jetzt noch Zweifel an Patrice Rushen hat: Selbst De La Soul borgen sich Patterns aus "Remind Me" für ihr "Eye Know (The Kiss Mix)" aus. Immer so weiter. Bob Sinclar, Mobb Deep, $uicideboy$, Lupe Fiasco, alle diese Leute scheinen ganze Alben von Patrice Rushen angehört zu haben und drangen zu den selteneren Tunes vor.

Ob bei Anita Baker in den 80ern oder Janelle Monáe im 21. Jahrhundert: Der stilistische Impact dieser Frau bleibt ungebrochen. Patrice Rushen hat das Qualitätsniveau in R'n'B- und R'n'B-verwandter Musik deutlich gehoben. "Remind Me" – an sie muss man sich erinnern, und diese Compilation eignet sich dafür sehr gut.

Trackliste

  1. 1. Music Of The Earth
  2. 2. Let's Sing A Song Of Love
  3. 3. When I Found You
  4. 4. Haven't You Heard (12")
  5. 5. Givin' It Up Is Givin' It Up (with DJ Rogers)
  6. 6. Forget Me Nots (12")
  7. 7. Look Up! (Long Version)
  8. 8. Where There Is Love
  9. 9. Never Gonna Give You Up
  10. 10. Number One
  11. 11. All We Need
  12. 12. Remind Me
  13. 13. Settle For My Love
  14. 14. Feels So Real (Won't Let Go)
  15. 15. To Each His Own

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