24. Juni 2011

"Painhead hat jetzt einen Körper"

Interview geführt von

"You Only Live Twice" heißt der neue Streich aus dem Hause Pain, und dabei gerät der Industrial-Metal ist so wütend und aggressiv wie nie zuvor.Peter Tägtgren kennt man gemeinhin als "Herr der Augenringe" und größten Workaholic der Metalbranche. Der Schwede ist aber auch ein angenehmer und humorvoller Zeitgenosse, der kein Blatt vor den Mund nimmt und munter aus dem Nähkästchen plaudert. Zwischen Stockholm und Graz sprachen wir über das neue Pain-Album, die Abyss-Studios und Tägtgrens Sohn.

Hallo Peter. Zuerst muss ich dir gleich schamlos zum neuen Pain-Album gratulieren. Ich habe es mir ungefähr sieben bis acht Mal reingezogen und es ist großartig. Das Album erscheint bei uns am 3. Juni 2011, da feierst du auch deinen 41. Geburtstag. War das so in der Art von "ok, Album und Party lassen sich perfekt verbinden" geplant?

(Lacht) Nicht direkt, das war eine Entscheidung von Nuclear Blast und ich hatte damit nichts am Hut. Aber in Schweden und Finnland erscheint das Teil am 1. Juni, einen Tag später gibts die offizielle Release-Party und am 4. Juni spielen wir auf einem Festival. Die Woche wird also lang und hektisch genug.

An deinem Geburtstag spielen hier bei mir in Graz übrigens deine Landsleute von Roxette. Ist ja doch ein interessanter Zufall oder?

Oh, Roxette. Da hast du wohl recht, haha.

Das neue Album hast du "You Only Live Twice" benannt. Meines Wissens handelt es sich da um Leute, die gerne eine zweite Chance hätten oder Eifersüchteleien gegenüber anderen Menschen hegen und damit zu kämpfen haben. Sind da auch autobiografische Züge enthalten?

Nein, nicht direkt. Es geht darin einfach um das Leben an sich. Wenn Menschen als Kinder aufwachsen, haben sie einen bestimmten Standpunkt im Leben, und je älter sie werden, um so stärker merken sie, dass es doch nicht so toll ist, erwachsen zu werden, haha.

Du beziehst dich also nicht auf spezielle Personen?

Nein, es geht einfach generell um die Menschen. Es geht um uns alle.

Und wie bist du schlussendlich auf den Albumtitel gekommen?

Naja, eigentlich ist das Management mit "You Only Live Twice" angerückt und ich habe ihnen anfangs gesagt, dass der Titel nicht mal für eine Sekunde einen Sinn ergeben würde. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, um so mehr hat mich der Titel schlussendlich fasziniert.

Das Artwork der Scheibe erinnert stark an Tim Burton-Filme, und in einem Artikel hast du auch mal gesagt, dass dein Maskottchen dein persönlicher "Iron Maiden Eddie" sei.

Ja, es ist der "Painhead", den wir jetzt seit ungefähr fünf Jahren anstatt des Logos als Symbol für Pain verwenden. Und ich wollte ihn einfach erweitern und habe ihm einen Körper drangemacht.

Das Cover ist ja sehr detailreich. Der "Painhead" geht auf Glasscherben, das Herz schaut ihm aus der Brust und hinter ihm befinden sich noch andere Gestalten. Was ist denn die tiefere Bedeutung des Motivs?

Nein, spezielle Hintergründe sind da nicht dahinter, da müsstest du mit den Zeichnern des Covers sprechen. Ich wollte den "Painhead" einfach nur erweitern, ihn wachsen lassen. Alles andere hat sich dann einfach so ergeben.

Ziemlich interessant finde ich auch, dass die Songs auf dem Album weitaus aggressiver sind als je zuvor. Jedenfalls finden sich hier mehr Death Metal-Licks und alles wirkt zielgerichteter. Warum dieser Wandel?

Das war ein natürlicher Prozess. Das Songwriting habe ich dieses Mal mit der Gitarre begonnen und daher hat sich wohl auch der Wandel ergeben. Ich habe auch viel mit den Vocals gespielt. Gewisse Songs haben mit der üblichen Stimmlage nicht funktioniert, so musste ich neue Gefühle reinbringen, um das Ganze variabler zu machen. Es war eine Heidenarbeit, aber im Endeffekt ist das Album wohl weitaus interessanter ausgefallen als die bisherigen.

Wie lange hast du denn am gesamten Album gefeilt?

Ich habe eigentlich die letzten zwei Jahre daran geschrieben. Immer wieder zwischen den Touren oder wenn ich Lust hatte. Im Dezember letzten Jahres war mir dann klar, dass ich das Album jetzt produzieren kann. Zwölf bis dreizehn Songs habe ich aufgenommen, neun haben es schließlich aufs Album geschafft. Der Rest wird als Bonusmaterial in der Special Edition oder via iTunes veröffentlicht werden.

"Coole Remixe von den Pain-Fans"


Auf der Bonus-CD werden ja ganz interessante Remixes deiner Songs enthalten sein. Erzähl doch mal etwas darüber.

Also diese Remixes sind von den Pain-Fans gekommen. Die Leute gingen auf mich zu und hatten bereits eigene Versionen von diversen Songs gemacht. Ich habe nicht darum gefragt, aber die Sachen waren verdammt cool und nach Absprache mit der Plattenfirma beschlossen wir die Songs als Bonusmaterial zu verwenden.

Im Gegensatz zu den vorherigen Pain Alben wären mir auch keine Guest-Vocals oder Gitarrenriffs von anderen Musikern aufgefallen.

Nein, das war dieses Mal nicht nötig. Ich war sehr auf "You Only Live Twice" fokussiert und hatte nicht das Gefühl, dass Gastbeiträge passen würden. Vielleicht wieder das nächste Mal, wer weiß das schon?

Bei den unzähligen Bands, die du in deinen Abyss Studios produzierst, werden aber sicher zig Anfragen kommen oder?

Klar, das stimmt. Aber ich hatte ja schon Leute wie Alexi Laiho oder Mikkey Dee auf vorherigen Alben integriert.

Ist es für dich auch mal schwierig, die Ideen für Pain und Hypocrisy zu unterscheiden?

Naja, ich habe es vorher nicht wirklich im Blut, was als nächstes kommt. Es ist jedenfalls nicht so, dass ich dasitze und jetzt einen Hypocrisy- oder einen Pain-Song schreibe. Das passiert einfach.

Du hast ja genug Ideen für beide Projekte. Sortierst du da mal ein Riff für diese Band oder dort eine Hookline für die andere aus?

Das passiert eigentlich nicht so oft. Wenn ich einen Song schreibe, weiß ich recht schnell für welche Band er geeignet ist. Aber vermischen tue ich da selten etwas. Grundsätzlich bin ich beim Songwriting sehr fokussiert.

Ich frage deshalb, weil speziell der Song "Monster" eigentlich locker auf einem Hypocrisy Album stehen könnte.

Ja, das erste Riff erinnert wirklich daran. Das hat sich einfach so ergeben.

Interessant finde ich das Lied "Dirty Woman", bei dem ihr ja auch schon ein erstes Video abgedreht habt. Für mich ist er ein AC/DC Song in einem Industrial-Metal Mantel.

Ja, haha, das kommt wohl hin. Es ist einfach ein "Rock'n'Roll Metal Song". Ich habe dafür sehr hart an den Vocals gearbeitet, denn mit den normalen Pain-Vocals klang der Song verdammt lahm. Ich habe lange herum probiert, bis ich das richtige Gefühl für den Song hatte. Solche Songs passieren einfach, wenn du tagelang herumsitzt und dir Gedanken machst. Plötzlich fließt es.

Bist du bei Pain von Industrial-Vorreitern wie etwa Ministry beeinflusst?

Nicht wirklich. Beeinflusst haben mich damals hauptsächlich Rammstein und die ersten beiden Fear Factory-Alben. Das Wichtigste für mich war von Anfang an die Arbeit mit Keyboards und Techno-Sounds.

Hattest du anfangs Probleme mit der Presse oder Fans, die dich eigentlich nur als den knallharten Death Metaller von Hypocrisy kannten?

Die Hypocrisy-Fans waren einfach froh, dass ich die ersten Pain-Songs nicht unter dem Namen Hypocrisy veröffentlicht habe, haha. Für die Presse war es anfangs einfach nur ein weiteres Side-Project von irgendwem. Über die Jahre ist der Respekt aber gewachsen und Pain wurde als vollwertige Band anerkannt.

"Keine Ahnung, welche Band mehr abwirft"


Du hast am neuen Album wieder alle Instrumente selbst eingespielt, nur die Drums wurden von David Wallin übernommen. Würdest du jemals ein Pain-Album mit einer vollwertigen Studioband produzieren?

An der Studioarbeit wird sich da nichts ändern. Aber ich bin froh, dass ich die Jungs auf der Bühne habe und sie sich um viele Sachen sorgen. Ich sorge mich um die Musik und den Sound und die Jungs sorgen sich um den Rest, haha. Wenn du alleine ein Album machst, bist du richtig ausgepumpt und es bleibt nichts im Kopf zurück.

Die Proben für die Shows finden gemeinsam statt, oder zieht jeder sein Ding alleine durch?

Das machen wir schon zusammen, sonst würde es nicht funktionieren. Wir müssen auch das richtige Feeling für die neuen Songs bekommen.

Wie viele neue Songs wirst du in die Pain-Setlist integrieren?

Ich denke mal vier bis fünf Songs. So genau weiß ich das jetzt aber noch nicht.

Letztes Jahr bist du viel mit Hypocrisy getourt. Wo setzt du denn deinen Fokus für die Zukunft? Kriegst du da beide Bands unter einen Hut? Pain dürfte kommerziell ja doch erfolgreicher sein.

Das weiß ich nicht, ob Pain so viel mehr abwirft. Momentan fühlt sich Pain einfach frisch an und deswegen konzentriere ich mich darauf. Ich muss mich vor allem auf die anstehende Tour konzentrieren, weil wir verdammt viele neue visuelle Effekte einbauen. Viel Licht, viel LED, es wird sehr interessant werden.

Könntest du deine Rechnungen auch ohne deine Produzententätigkeit bezahlen? Würden die beiden Bands dafür reichen?

Ja, ich denke das dürfte sich ausgehen. Ich führe kein glamouröses Leben, ich muss nicht dauernd die neuesten Sachen kaufen, haha. Ich will nur den Strom und das alltägliche Zeug bezahlen können.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben von Peter Tägtgren aus, wenn er nicht gerade auf Tour ist?

Jede zweite Woche sehe ich meinen Sohn (Peter ist zweimal geschieden) und da beginnt der Tag um ca. 6:15 Uhr morgens. Um 7:00 Uhr bringe ich ihn zum Bus und dann gehe ich ins Studio um zu arbeiten. Wenn er von der Schule zurück ist, gehe ich mit ihm nach Hause. Wenn ich ihn nicht habe, dann gehe ich so um 9:00 Uhr ins Studio und arbeite bis ich eben fertig bin. Es gibt da keine strikten Zeiten.

Du arbeitest doch bestimmt sieben Tage die Woche oder?

Ich habe kein wirkliches Wochenende, das stimmt. Aber ich liebe meine Arbeit und sehe sie nicht als Job. Ich bin einfach glücklich, dass alles so funktioniert wie ich es immer wollte.

Du hast uns jetzt schon einiges über die Pain-Headliner-Tour im Herbst verraten. Gibt es schon Infos bezüglich eurer Supportbands?

Nein, das machen die Booker. Ich weiß da bis jetzt noch nichts, bin auf unsere eigene Show fokussiert. Aber ich werde versuchen, ein bis zwei lokale Bands mitzunehmen, um sie auf die Bühne zu bringen. Wir werden sehen, wie das im Endeffekt aussieht.

Auf "Psalms Of Extinction" hast du ein Björk-Cover konstruiert. Hast du je an ein Coveralbum mit Pain gedacht?

Ja, habe ich mir wirklich schon überlegt, aber ich habe die Idee wieder verworfen. Mir ist es wichtiger, neue Songs zu schreiben und die Band zu etablieren. Dann sehen wir weiter.

Perfektes Schlusswort. Ich danke dir für das Interview.

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