7. Juni 2006

Vom Phantom der Oper zu Freddie Mercury

Interview geführt von

In Amerika wollte man sie nicht, weil sie nicht nach Linkin Park klingen. Ohne Hype schafften Orson es dann allerdings an die Spitze der englischen Charts. Wir fragten sie, wie sich der Weg nach oben gestaltete.Orson sind in Großbritannien die Band der Stunde. Fern ab von NME-Hypes (Vermutung: Zu uncool, zu un-Indie) schafften sie es mit ihrer Debütsingle "No Tomorrow" auf den Thron der britischen Charts. In Deutschland hingegen stehen sie noch ganz am Anfang. Da wollte laut.de natürlich wissen, was vor ihrem Ratz-Fatz-Aufstieg in der Bandgeschichte so passiert ist. In Deutschland spielen sie erst mal nur vor Presse und halb so vielen Zuschauern wie im Kingdom. Vor einer dieser Shows bekamen wir Basser Johnny ans Telefon.

Ihr kommt aus Amerika, habt einen Nummer eins-Hit in Großbritannien, aber wie hat das mit euch eigentlich angefangen?

George schaltete eine Anzeige in einer Zeitung in Los Angeles. Jason las sie und kam vorbei. So kamen die beiden zusammen und begannen Songs zu schreiben. Sie beschlossen, eine richtige Band auf die Beine zu stellen, versuchten es mit einigen Typen und spielten mit ihnen unter verschiedensten Namen. Aber das ging für ein paar Jahre nicht voran. Zur selben Zeit spielten Chris, unser Drummer, und ich, als Bassist, in einer Band in LA, die sich Agnes Gooch nannte. Jason und George kamen vorbei, um unsere Band zu sehen. Wir waren eine Zeit lang ziemlich bekannt in LA und Umgebung. Als sich Agnes Gooch dann auflösten, feuerten George und Jason ihre Rhythmus-Section und fragten uns, ob wir nicht bei ihnen mitmachen wollten.

Was für Musik habt ihr denn mit Agnes Gooch gemacht?

Es war eher Alternative-Zeug, der Sänger klang nach Cheap Trick, die Musik eher nach Sonic Youth: Etwas dreckig mit bizarren Akkorden und so.

Wolltet ihr mehr in die Pop-Richtung gehen oder ist das einfach passiert?

Es war so was wie eine Evolution. Jason und George haben am Anfang Songs geschrieben, die wesentlich düsterer und langatmiger klangen. Sie orientierte sich da noch mehr an Jeff Buckley, Radiohead und solchem Zeug. Als Chris und ich dann zur Band stießen, brachten wir Disco- und Funk-Sounds mit rein, den Motown-Stil. Da kamen sie nicht mehr drum rum, eine Band mit Funk-Elementen zu werden.

Also klang die Band dank eurer Beiträge fröhlicher!

Als wir den funkyeren Sound - im Rhythmus und in der Melodie - beigesteuert haben: Das hat Jason sehr geholfen, sich selbst zu finden, vor allem in den Lyrics. Außerdem steuert Jason ja alle Gesangsmelodien und so bei. Dass wir zur Band stießen half ihm immens, herauszufinden, wer er wirklich ist - als Sänger. Er konnte plötzlich seine Einflüsse wie Freddy Mercury und ähnlichen - also großartige, melodische Sänger - einfließen lassen. Er musste keine Pop-Vocals mehr über wilde Buckley- oder Radiohead-Sounds singen, sondern konnte das über einfachere Melodien tun.

Jason hat auch in Musicals und Theaterstücken gespielt, bevor er begonnen hat, in einer Band zu singen, oder?

Ja, er war im Tour-Ensemble von "Phantom Der Oper". Da war er bis 2000 dabei ... bis er die Anzeige von George las. Daraufhin verließ er die "Phantom Der Oper"-Crew und zog nach Hollywood.

Und wann seid ihr dann zur Band gestoßen?

Chris und ich kamen Ende 2002 zur Band. Und Kevin, der zweite Gitarrist, kam letztes Jahr zu uns. Am Anfang spielten wir gemeinsam in der Hollywood-Area. Jeder in der Band - außer Jason - kommt aus Los Angeles. Da war also unsere Base und wir spielten deshalb zu Beginn in und um Hollywood und an Stränden in der Gegend. Bis wir nach Manchester flogen, um dort beim In The City Musik-Event zu spielen. Es folgte eine Tour mit Duran Duran im November 2005. Bis dahin hatten wir ausschließlich in LA gespielt.

"Klar, wir sind nicht Linkin Park."


Der Manchester-Gig war also ein einschneidender Moment in eurer Bandgeschichte?

Ja, das war eigentlich der Wendepunkt. Wir haben unser Geld zusammengekratzt, Flugtickets gekauft, um In The City in Manchester spielen zu können. Diese Show - und dass wir unsere Single bei iTunes UK drauf hatten - brachte den Ball ins Rollen. Vor allem, was die Platten-Industrie anging. Wir bekamen einen Publishing-Deal, allein aufgrund dieser Show. Nur ein paar Wochen später bot man uns einige Plattenverträge an.

Wessen Idee war es denn, nach Manchester zu fliegen?

Es gab da diesen Typen, der hat so einen Online-Musikservice - Record Of The Day heißt der. Jemand machte ihn auf unsere Single aufmerksam, nachdem wir sie auf mySpace hochgeladen haben. Er stellte es dann auf Record Of The Day und die Resonanz war so überwältigend, dass er es arrangiert hat, dass wir beim In The City spielen durften.

Hattet ihr eure Platte eigentlich schon fertig, als ihr nach England gegangen seid? Habt ihr mal drüber nachgedacht, die vielleicht in Eigenregie - ohne Label - rauszubringen?

Ja, wir haben sie schon Ende 2004 aufgenommen und haben die Platte dann auch schon selber in Südkalifornien rausgebracht. Im Sommer 2005 haben wir sie unabhängig rausgebracht. Es gab sie in allen Läden in LA und wir haben sie über unsere Website und über CDBaby.com verkauft. Im Sommer hatten wir knapp 2000 Alben auf diesem Weg verkauft. Das ist genau die Platte, die wir jetzt noch mal über Mercury rausbringen.

Wollten sie am Anfang, dass ihr da noch was ändert?

Nein! Sie haben das Album so genommen, wie sie war, wie wir sie gemacht haben.

War diese Zusicherung das Wichtigste für euch, als ihr den Plattendeal unterschrieben habt?

Es erschien uns einfach wie ein Wendepunkt. Wir waren bereit in den Van zu steigen, rumzutouren und so zu versuchen, die Platte an der Westküste der USA an den Mann zu bringen. Das hätten wir alles selber organisieren und finanzieren müssen. Aber dann kam der Anruf von Mercury. Für uns war das das Schicksal. Wir haben vier Jahre an dieser Band gearbeitet. Und in der Sekunde, in der wir uns entschlossen haben: Wir geben unser Leben für dieses Album, wir tun was immer sein muss, damit die Leute es zu hören bekommen. Genau in dieser Sekunde schlug das Schicksal zu und half uns.

Was hat sich in der Band geändert, seit ihr den Deal habt?

Nichts!

Aber ihr bekommt doch jetzt bestimmt eine Menge Gigs angeboten u.s.w.!?

Ja, wir sind jetzt auf Promo-Tour durch Europa. Als eine Single von uns in England das erste Mal ins Radio kam, machten wir dort eine Club-Tour durch Venues, in die ca. 500 Leute passen. Und wir haben die ausverkauft. 20 Shows am Stück: ausverkauft! In zwei Wochen spielen wir wieder - dieses Mal vor ca. 1000 Leuten. Und viele dieser Shows sind auch schon ausverkauft. Außerdem dürfen wir Festivals wie Hurricane und Southside, das Fuji Festival in Japan und das V Festival in England spielen. Weil das alles so schnell passierte, sind wir jetzt seit Januar unterwegs. Wir sind Anfang des Jahres nach London gezogen. Denn wir haben in Amerika noch keinen Plattenvertrag unterschrieben, nur für UK und den Rest der Welt. Also haben wir Amerika im Januar verlassen und sind nach England gezogen.

Könnt ihr es euch erklären, warum ihr ausgerechnet in eurer Heimat - den USA - noch keinen Plattenvertrag habt?

Wir haben nicht versucht, einen zu bekommen. Als wir unseren Deal in England unterschrieben haben, haben wir die USA ausgeschlossen. Absichtlich: Die haben sich nicht für unser Album interessiert, als wir noch da gewohnt haben - die Plattenfirmenleute haben immer gesagt "Nö, das klingt nicht wie Linkin Park". Klar, wir sind nicht Linkin Park. Und deshalb sagten wir ihnen: "Wir gehen damit nach Europa. Danke und Tschüss."

Wie lange habt ihr eigentlich an eurem Album gearbeitet? Die ganzen Jahre oder sitzt ihr noch nicht so lange dran?

Nein, wir haben davor schon Demos und so aufgenommen und rausgebracht. Ganz normales Zeug, das man als Band eben so macht, um gesignt zu werden. Am Album haben wir nur ein paar Monate gearbeitet, das war Ende 2004 und Anfang 2005.

Hattet ihr einen Producer, der euch bei den Aufnahmen geholfen hat, oder habt ihr das alles selber gemacht?

Nein, wir hatten einen Producer. Ich bin schon seit Jahren mit ihm befreundet. Er ist ein Drummer aus LA. Er hat bereits ein paar Demos gemacht, jedoch noch nie ein komplettes Album produziert. Er hörte unser Demos und sagte: Hört auf nur rumzumachen, nehmt ein Album auf. Hört auf, um einen Plattenfirmen-Deal zu buhlen, sondern macht das in Eigenregie. Er hatte ein kleines Studio in seiner Garage, also trafen wir uns in unserer freien Zeit - vor allem nachts, wenn wir nicht arbeiten mussten - bei ihm und nahmen es dort ziemlich langsam auf. Er machte die Aufnahmen und mixte es für uns - für sehr wenig Geld und sehr viel Kaffee.

"Bon Jovi? Wen interessiert das schon!"


Ich habe eine Review eures Albums auf Contact Music gelesen. Die nannten es "soften Stadionrock" und verglichen euch mit Bon Jovi und Maroon 5. Was denkt ihr, wenn ihr so was lest?

Was haben sie gesagt? Softer Stadionrock? War das als Beleidigung gedacht?

Ich glaube schon ...

Ich weiß nicht, wenn wir es mal in die Stadiorock-Liga schaffen ... Das klingt doch eigentlich so, als ob das eine Menge Leute mögen, oder nicht? Es interessiert mich nicht sonderlich, ob die Leute jetzt positive oder negative Reviews schreiben. Ich weiß allerdings nicht, wie sie auf Bon Jovi kommen. Vielleicht weil wir auch laute Gitarren haben. Und Maroon 5 - ich mag Maroon 5, ich mag sie sogar sehr. Wir spielen funky Musik, zu der die Leute tanzen können und sind trotzdem noch eine Rockband. Außerdem kommen wir aus LA - wie Maroon 5. Das ist großartig. Wer immer das geschrieben hat: Danke schön! Maroon 5 sind eine großartige Band. Und zu Bon Jovi: Wen interessiert das schon!

In anderen Magazinen werdet ihr als Gegenpol zu New Yorker Bands wie den Strokes und Co. dargestellt. Seht ihr das auch so?

Ja, es ist komisch, dass die Szene und Indie-Musik geografisch so auf einen Punkt festgelegt wird. Aber die Leute machen solche Musik doch auf der ganzen Welt. Genau wie Leute auf der ganzen Welt funky Musik machen. Wir spielen gleichzeitig wie Maroon 5 in LA. Und sie wurden groß, bevor wir kamen - und machen die selbe Art von Musik: melodisch und funky. Und es gab Bands in LA, die wie die Strokes klangen - bevor jemand die Strokes kannte. Mich schert es nicht so sehr, ob die Leute momentan sagen: Das ist die Szene, wo gerade alles Wichtige passiert, das ist der Ort, wo großartige Musik herkommt. Das bedeutet nichts. Großartige Musik kommt überall her.

Hat Kalifornien nicht trotzdem einen großen Einfluss auf die Musik, die ihr macht? Oder waren es eher andere Musiker, die euch beeinflusst haben?

Ich denke schon, dass es unsere Musik beeinflusst, dass wir aus Kalifornien, bzw. aus LA kommen. Denn das hat auch einen Einfluss darauf wer wir als Menschen sind. Es stimmt, dass Leute aus Kalifornien entspannter und besser gelaunt sind. Und so sind wir auch. Wir fühlen uns nicht, als wären wir einem ständigen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Wir nehmen die Dinge lieber etwas lockerer.

Ist es dann komisch, jetzt in England zu sein? London ist hektisch und England verregnet!

Es ist komisch, und London ist manchmal ziemlich stressig. Aber wir arbeiten so viel, dass wir gar nicht die Gelegenheit bekommen, das wirklich mitzukriegen. Wie sind immer im Bus, um irgendwo hin zu kommen - zu Interviews oder Gigs. All das Zeug, das eben auf dich zukommt, wenn du ein Album rausbringst.

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