5. Februar 2018

"Sie betäuben uns mit dem Arsch von Kim Kardashian"

Interview geführt von

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee erklärt uns Orphaned Land-Sänger Kobi Farhi nicht nur, warum er mit seinem neuen Album "Unsung Prophets & Dead Messiahs" eine Rückkehr zu großen Konzepten wagt. Es geht auch um Roger Waters, Gewalt im Metal, Reality-TV, politische Entwicklungen in der Türkei, Huxleys "Schöne Neue Welt" ... und den Allerwertesten von Kim Kardashian.

Normalerweise finden Pressetage in Bars, Hotels oder Labelräumen statt. Kobi Farhi, Sänger der israelischen Prog Metaller Orphaned Land, quartiert sich bei seinem Berlin-Besuch dagegen in einer Moschee ein. Und nicht etwa irgendeiner, sondern in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die schon vor ihrer Eröffnung im Juni 2017 in den Schlagzeilen stand. Die liberale Ausrichtung des Glaubenshauses stößt konservativen Muslimen sauer auf, es hagelt Morddrohungen – weil eine Frau die Moschee betreibt, weil Frauen hier predigen dürfen, weil Frauen und Männer hier gemeinsam beten dürfen, weil Homosexuelle hier willkommen sind. Gründerin Seyran Ateş steht unter ständigem Polizeischutz, sie ist beim Treffen mit Orphaned Land leider selbst nicht anwesend.

Dafür bekommt die Moschee von jemand anderem Besuch: Um die Mittagszeit schneit eine Gruppe Schulkinder herein, um sich die Räumlichkeiten auf dem Gelände der evangelischen St. Johannis-Kirche anzusehen. Da wir vom Label jede Menge Zeit eingeräumt bekommen, entscheidet sich Farhi spontan dazu, das Interview kurz zu unterbrechen und im Gebetsraum Hallo zu sagen. Wenig später ist er umringt von gut zwanzig Kindern, spricht mit ihnen auf Arabisch, erzählt von seiner Vision von Toleranz. Dazu hat der mehrfache Friedenspreisträger natürlich vor und nach dem Nachwuchs-Intermezzo im Gespräch mit uns ebenfalls eine Menge zu sagen, setzt er sich doch mit seiner Band seit Jahrzehnten für das Schlagen von Brücken zwischen scheinbar unüberbrückbaren Kultur- und Religionsgrenzen ein.

Kobi, wir befinden uns hier in einer Moschee auf dem Gelände einer evangelischen Kirche. Du bist Jude – wie fühlt sich das für dich an? Perfektes Setting oder?

Es ist wirklich die perfekte Kombination für Orphaned Land. Aufgewachsen bin ich in Jaffa, eine gemischte Stadt von Juden, Muslimen und Christen. Nach so etwas suche ich immer. Mein Label kennt mich – das ist die perfekte Location für Interviews. Viel besser als in einer Bar mit einem Bier. Es gibt dir den Vibe von Orphaned Land.

Dass du hier bist, ist sowohl für die Band als auch die Moschee ein starkes Zeichen.

Ja, ganz besonders dieser Ort reflektiert viel vom Spirit der Band. Die Moschee wird von einer Frau betrieben, einer sehr revolutionären. Es ist sogar mehr als ein besonderer Ort, denn das Thema unseres neuen Albums sind "Unsung Prophets & Dead Messiahs" – unbesungene Propheten und tote Messiasse. Wir singen über die vielen Revolutionäre in der Geschichte, die getötet wurden. Wir sprechen im Konzept das Höhlengleichnis an. Platon schrieb es vor 2.500 Jahren. Er schrieb es, weil die Griechen Sokrates getötet hatten. Sokrates war für ihn die Weisheit, das Licht, der Philosoph – doch sie töteten ihn. Platon schrieb das Gleichnis, weil er etwas über das menschliche Verhalten erkannt hatte. Ich kann dir Parallelen dazu in den letzten tausend Jahren aufzählen: Immer wieder fielen Revolutionäre Mordanschlägen zum Opfer. Modernere Beispiele wären zum Beispiel Martin Luther King und Mahatma Gandhi, Jitzchak Rabin aus Israel und Anwar as-Sadat aus Ägypten und Che Guevara. Sie alle waren Revolutionäre und sie alle wurden getötet. Das sind "Dead Messiahs". Hätten sie zu biblischen Zeiten gelebt, wären sie Messiasse wie Jesus Christus gewesen. Es ist nur eine Frage des Timings.

Wer weiß, wie sie in 2.000 Jahren gesehen werden.

Stimmt. Du findest einfach so viele Beispiele von Revolutionären, die getötet wurden. Die Menschen wollen einfach nicht ihre Höhle verlassen. Innerhalb von Tausenden von Jahren haben wir uns soweit entwickelt, dass wir heute solche Dinger herstellen können (deutet auf den Voice-Recorder und Smartphones), wir haben Vehikel mit Rädern und inzwischen sogar Raumschiffe! Doch das Zwischenmenschliche ist unverändert geblieben. Noch immer bringen wir uns gegenseitig um, noch immer verstehen wir einander nicht. Frauen werden nach wie vor unterdrückt – auch in liberalen Gesellschaften. Deshalb ist es wichtig, hier zu sein. Eine Revolutionäre betreibt diesen Laden und sie bekommt Todesdrohungen deswegen – genau wie die anderen Genannten. Und wer weiß, ob ihre Gegner Erfolg haben werden, ihr wehzutun, oder nicht.

Denkst du, die Sache könnte sich noch verschlimmern, wenn gewisse Leute davon erfahren, dass du heute hier bist?

Haters will hate. Immer. Extremisten werden immer Extremisten sein. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht hier, um zu provozieren. Ich bin hier, um zu unterstützen. Aber was auch immer die Leute darunter verstehen, sie werden es so interpretieren wie sie möchten.

Du wirst es nicht ändern können.

Eben. Einigen wird nicht gefallen, dass ich mit Metalhorns neben dem Koran posiere. Aber ich tue das auf respektvolle Weise – meines Wissens nach, jedenfalls. Ich nutze dieses Zeichen auf respektvolle Weise. Wie gesagt: Ich bin hier, um zu fördern. Unser Album beschäftigt sich mit Revolutionären, die für und wegen ihrer großartigen Ansichten starben. Und ich befinde mich hier an einem Ort, wo vielleicht eine weitere genau deswegen sterben könnte.

Wir werden später noch ausführlicher auf die Thematik zurückkommen. Konzentrieren wir uns jetzt eine Weile auf die Musik und das neue Album. Eure letzte Platte "All Is One" liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Kannst du kurz zusammenfassen, was seitdem alles passiert ist? Zum Beispiel gab es ja das "Kna'an"-Projekt ...

Ja, "Kna'an" war ein Nebenprojekt, das wir fürs Theater geschrieben haben. Es ist also nicht wirklich ein Orphaned Land-Album. Ansonsten sind wir viel getourt, haben Orte bereist, an denen wir vorher noch nie waren. Ich finde, das neue Album führt gewissermaßen den Faden von "All Is One" fort. Genauso orientieren wir uns damit aber auch zurück zu den früheren Konzeptalben. Ich singe höher als auf vorhergegangenen Platten. Meine Vocals sind in bestmöglicher Form. Es ist immer gut, wenn es sich anfühlt, als wäre dein neues Album dein bestes. Wir sind in jeglicher Hinsicht zum nächsten Level gelangt. Fast zwei Jahre lang habe ich gebraucht, um das Konzept und die Message festzulegen. Wir tun das inzwischen seit 26 Jahren und natürlich musst du da überlegen, wie du es jetzt angehen möchtest.

"Unsung Prophets" ist das erste Album ohne Yossi Sa'aron an der Gitarre. Wie war das für dich?

Es fühlt sich toll an. Nicht, weil Yossi kein guter Gitarrist wäre – er ist großartig! Wir sind auch nach wie vor befreundet und treffen uns ab und zu auf einen Kaffee. Es fühlt sich toll an, weil Orphaned Land dieser Geist innewohnt, der über den Musikern der Band steht. Wenn du Gitarre spielst und den Geist der Band kennst, kann ich dir beibringen, für Orphaned Land zu spielen. Sein Weggang tat beiden Seiten gut – ihm und uns. Er wollte sich auf seine Solokarriere konzentrieren und wir sind der Meinung, ohne ihn unser bestes Album geschaffen zu haben. Wir wussten nicht, ob wir dazu in der Lage wären, doch ja: sind wir. Denn es gibt in dieser Band nicht das eine Mastermind. Aber warten wir mal ab, was die Fans sagen, haha. Ich hoffe, sie nehmen es gut auf.

"Musik ist eine Waffe!"

Ihr geht auf "Unsung Prophets" wieder komplexer und auch brutaler zu Werke. War das hauptsächlich eine musikalische Entscheidung oder trug das gewählte Konzept ebenfalls dazu bei?

Wir haben schon immer gerne Konzeptalben gebaut. "All Is One" war keines. Es hatte zwar eine sehr starke Message, folgte aber keinem Konzept, hatte kurze Songs und griffige Titel: "Brother", "Children", "Fail". Wir fanden, diesmal sollten wir wieder zurück zum Konzeptalbum kommen. Zwar würden wir die heutigen Produktionsstandards und Sounds beibehalten, uns ansonsten aber eher an den früheren Alben wie "Mabool" und "The Never Ending Way Of ORWarriOR" orientieren, wo wir lange Songs haben und auf dem Album eine komplette Geschichte erzählen. Es soll wieder stärker werden. Bei "All Is One" wollte ich eigentlich auf Growls verzichten, habe es dann aber doch nicht geschafft. Jetzt gibt es wieder mehr von ihnen. Das ist wohl ein Teil von mir, den ich einfach nicht gehen lassen kann, auch wenn ich einmal dachte, ich könnte. Trotzdem habe ich heute auch mehr Raum, meine Clean-Vocals zu entfalten. Wir nutzen sie auf sehr gute Weise, wie ich finde. Sowohl mit den Growls als auch den Cleans bin ich sehr glücklich.

Komplexe, progressive Musik wurde von Diktaturen in der Historie häufig unterdrückt, weil sie auf gewisse Weise "provokant" erschien. Ist das auch ein Grund, warum du dich mit Orphaned Land in diese Richtung orientierst – als Weg, Freiheit auszudrücken?

Ja. Musik ist eine Waffe – eine positive Waffe zwar, aber nichtsdestotrotz eine Waffe. Und wir benutzen in unserer Musik auch viele Elemente, die Diktaturen anwenden, zum Beispiel Radioeffekte. Wir nutzen Zensur-Sounds, dieses Piepen. Das Label hat mir erzählt, dass Journalisten angerufen haben und wütend fragten, warum sie die Band zensieren.

Darauf wollte ich noch zu sprechen kommen. Das Piepen ist schon Absicht, nicht wahr?

Wir nutzen es als Zeichen für Zensur. Wir zensieren uns selbst. Im Booklet siehst du auch die gelöschten Stellen dazu.

Und wenn du genau hinsiehst, erkennst du auch, was ursprünglich dort stand.

Genau, du erkennst das Wort noch immer. Wir wollten Motive von Propaganda, Zensur, Diktatur in der Musik verwenden. Also nutzen wir Radiowellen, Beep-Samples, Weißes Rauschen. Wir mögen diesen Klang ... der Medien! Die Leute fragen: "Wer hat sie zensiert? Das Label?" Es ist ein guter Trick, Zensur zu thematisieren. Ich finde das super. (grinst)

Im Booklet zum Album findet sich eine beeindruckend lange Gästeliste. Auf Steve Hackett möchte ich gleich noch separat zu sprechen kommen. Kannst du mal kurz zusammenfassen, wer sonst noch alles mitgewirkt hat?

Zunächst mal ist da Hansi Kürsch von Blind Guardian. Er singt bei "Like Orpheus", der ersten Single. Was soll ich sagen? Er ist ein großartiger Sänger. Über Orpheus heißt es in der griechischen Mythologie, dass selbst die Stürme es mochten, wenn er sang. Hansi ist wie ein moderner Orpheus! Er spielt die Rolle des Helden, der aus der platonischen Höhle herausgetreten ist. Tomas Lindberg von At The Gates, der im letzten Song, "Only The Dead Have Seen The End Of War", growlt, repräsentiert dagegen mehr die Stimme der Wahnsinnigen, die die Höhle nicht verlassen wollen. Du kennst Platons Höhlengleichnis oder? Es ist doch verrückt, dass die Leute ihre Höhle nicht verlassen wollen und den Kerl, der hinausgeht, als Irren ansehen und ermorden. Das ist, was Mahatma Gandhi, Martin Luther King und all den anderen zugestoßen ist.

Ich finde es super, dass wir zwei so verschiedene Sänger auf der Platte haben. Der eine kommt vom Power und Heavy Metal, der andere vom schwedischen Death Metal. Aber beide passen hervorragend in ihre theatralischen Albumparts. Abgesehen davon hörst du zwei Violinen, die wir in der Türkei aufgenommen haben, und einen Chor, den wir in Israel aufgenommen haben. Wir haben also in drei Ländern aufgenommen: Isreal, Türkei und Schweden.

Was die Chöre angeht: War der Ansatz ein anderer als bei früheren Alben?

Nein, das handhabten wir wie immer. Aber was sich geändert hat, ist, dass die Band in etwas höheren Lagen geschrieben hat als üblich. Ich habe sie gebeten, es tiefer zu transponieren, da es für mich ungewohnt war. Sie erwiderten: "Nein, wir lassen das so. Du wirst höher singen, das wird noch mehr Emotionen aus deiner Stimme herauskitzeln." Sie haben mich herausgefordert, aber sie hatten Recht. Ich singe höher und meine Stimme steht auf diesem Album mehr im Vordergrund. Und ich finde, es ist meine bisher beste Leistung. Wahrscheinlich ist das auch der größte Unterschied zu früheren Alben.

Kommen wir jetzt zu Steve Hackett: Sein Solo in "Chains Fall To Gravity" ist ja nicht eure einzige Zusammenarbeit. Du bist auch Gastsänger auf seinem aktuellen Album "The Night Siren". Wie kam denn das alles zustande?

Steve kontaktierte mich, weil er vorhatte, ein Friedenslied zu schreiben. Er hatte von uns gehört und wollte, dass ich Teil davon bin. Also sind wir das angegangen. Er bot an, mich dafür zu bezahlen, schlug aber gleichzeitig vor, stattdessen ein Solo für unser Album beizusteuern. Was soll ich mit Geld? Cookies kaufen? Komm her und spiel das Solo, das wird für immer da sein!

Wahrscheinlich verdienst du sogar mehr Kohle mit seinem Solo, als er dir bezahlt hätte.

Ach, vergiss die Kohle, darum geht es doch nicht. Du kaufst dir ein Bier, weg ist sie und morgen kannst du dich schon nicht mehr daran erinnern. Aber das Solo wird für immer da sein! Und das ist Steve Hackett von Genesis! Du hast das Solo ja gehört, nicht wahr? Es ist fantastisch – ein Meisterwerk. Er spielt es in der Ballade, als der Held die platonische Höhle gerade verlässt. Die Gäste auf dieser Platte und wie sie ihre Rollen spielen, machen wirklich einen Unterschied.

Verstehe ich richtig, dass das Solo als Storyelement eingeplant war?

Ja genau. Ich schrieb Steve eine E-Mail, erklärte ihm das Albumkonzept und erzählte von dem Song, auf dem er spielen würde. Er sollte nicht einfach nur ein Solo spielen, sondern mir war wichtig, dass es etwas bedeutet. Er ging voll darauf ein und das Ergebnis ist brillant. Du hörst, dass er es ist.

Ja, es passt zum Song, entfernt sich aber auch vom typischen Orphaned Land-Sound.

Klar, denn er hat seinen eigenen Sound. Der Klang der Gitarre ist ganz anders als unserer.

Insofern spiegelt das das "Aus-der-Höhle-Gehen" ja ganz gut wieder.

Richtig. Ich konnte kein besseres Solo finden. Wir schrieben selbst ein paar für diesen Part, aber seines passt perfekt.

Wie unterschied sich denn etwa die Arbeitsbeziehung zu Steve Hackett von der zu Steven Wilson, mit dem ihr ja auch schon einiges gemeinsam geschaffen habt?

Es hat mit beiden viel Spaß gemacht. Beide sind ja gewissermaßen Mentoren. Von diesen Leuten Anerkennung zu bekommen, ist unglaublich. Steven Wilson hat eins unserer Alben gemischt, spielte auch Keyboard und tritt auf unserer DVD auf, weil er zwei Songs live mit uns aufgeführt hat. Es ist cool, wenn Leute, die du persönlich bewunderst, deine Musik mögen. Das gilt genauso für Blind Guardian. Marcus Siepen, der Gitarrist, ist Orphaned Land-Fan, sie hatten also von uns gehört.

Mit Steven Wilson und Steve Hackett zu arbeiten, war eine Freude und auch super einfach. Ich erklärte, worum es geht und er nahm das Solo auf – perfekt! Im Anschluss haben wir noch Violinen entsprechend zum Solo aufgenommen. Es gibt da diesen Part, in dem die Geigen auf seine Gitarre antworten. Es klingt wie eine Sinfonie, eine Konversation zwischen ihm und den Violinen. Daran hatten wir vorher nicht gadacht, aber als wir das Solo hörten, passierte es einfach. Es ist wirklich magisch!

Drei Songs – "Yedidi", "Left Behind" und "The Manifest" – stammen nicht exklusiv von euch, sondern basieren auf Werken anderer Künstler. Was war der Grund für die Integration dieser Stücke?

"Yedidi" ist ein jüdisches Gedicht. Durch alle Orphaned Land-Alben zieht sich ja als Motiv, dass wir mindestens ein jüdisches Gedicht vertonen. Genauso der Satz "The storm still rages" – ihn findest du ebenfalls auf jedem Album. "Yedidi" ist etwa 1.000 Jahre alt, geschrieben von einem jüdischen Poeten (Judah Halevy, Anm. d. Red.) – wunderschön. Im Arrangement hörst du arabische Anklänge.

"Left Behind" stammt von Moran Magal, einer Musikerin, die zuvor bereits mit uns kollaboriert hat. Sie schuf ein fantastisches Klaviercover zu einem unserer Songs – "From Broken Vessels". Übrigens lebt sie in Berlin. Jedenfalls wollten wir, dass sie für uns schreibt, woraufhin sie uns "Left Behind" gab. Es passt wunderbar ins Konzept – sogar der Titel. Wir änderten zwar die Lyrics komplett, aber den Titel "Left Behind" beließen wir. Das bezieht sich auf die Menschen, die in der Höhle zurückbleiben! Ihr Song passte perfekt an diese Stelle.

"The Manifest" stammt gewissermaßen von einem "Unsung Prophet" bzw. "Dead Messiah": dem chilenischen Sänger Victor Jara. Er war ein Sänger der Rebellen und wurde vom chilenischen Regime getötet. Wir enden das Album mit einer Geste in seine Richtung und zitieren dabei einen seiner tollen Songs. Dort heißt es: "Ein Song, der Mut hat, wird für immer ein neuer Song sein." Wir beschließen das Album mit seinen Worten. Er wurde ermordet, weil er Musiker war. Er ist einer der "Dead Messiahs", die wir auf dem Album besingen.

"Während in Syrien Kinder sterben, gucken wir Big Brother"

Wir haben vorhin bereits kurz über Platons Höhlengleichnis gesprochen. In welchen Bereichen erkennst du es heutzutage wieder?

Überall! Wir befinden uns hier in dieser Moschee, deren Verantwortliche genau deshalb in Lebensgefahr schwebt, weil die Menschen immer noch in der Höhle sind. Sie wollen nicht rauskommen. Wir sind Sklaven von Gossip-News und Reality-TV, während so viele Schlimmes in der Welt passiert. Ich gebe dir ein Beispiel: Wusstest du, dass in Indien jedes Jahr 70.000 Kinder gekidnappt werden?

Nein.

Weißt du, wer Kim Kardashian ist?

Ja.

Siehst du? Dieses Beispiel führe ich immer an. (grinst)

Es steht auch im Booklet des Albums, richtig?

Es steht in den Liner Notes, genau. Es zeigt das Missverhältnis in den Medien. Wir befinden uns in einer Höhle, denn wir sehen nicht, was wichtig ist. Wir beschäftigen uns nicht mit Realität und Wahrheit. Hast du Huxleys "Schöne Neue Welt" gelesen?

Noch nicht.

Huxley ist auch ein Held unseres Albums. Ich nutze ein Sample von ihm im Song "Take My Hand". Er ist ein "Unsung Prophet". Mit dieser Formulierung meine ich Autoren wie ihn und Orwell. Er sagt, wenn du in der Zukunft zum Protest aufrufen möchtest, werden sie dich nicht erschießen oder schlagen müssen. Sie werden Drogen in die Luft geben, du wirst sie einatmen, glücklich sein und heimgehen. Sie werden ihre Technik verbessern, um uns besser kontrollieren zu können. Vergleiche das doch mal mit der Situation heute. 70.000 Kinder werden jährlich in Indien entführt, aber was bekommen wir vorgesetzt? Gossip. Dieser Fußballer saß mit jenem Model in dem Café dort und hat Tequila getrunken. Aha. Und? Warum braucht mein Hirn diese Information, wenn nicht, um es von wichtigen Dingen abzulenken? Sie betäuben uns mit Big Brother, mit Reality-TV, mit dem Arsch von Kim Kardashian. All das lenkt uns von den wirklich wichtigen Sachen ab, zieht uns zum Fernsehen, zu all den unwichtigen Dingen. Das ist die Höhle und wir wollen sie nicht verlassen. Albert Einstein sagte, die Welt wird nicht von denen zerstört, die Böses tun, sondern von denen, die nichts dagegen unternehmen. Genau das passiert. Die, die Böses tun, sind wenige. Aber die, die nichts dagegen tun, das sind wir alle. Es gibt eine Welt außerhalb der Höhle. Du kannst hinausgehen und die Vögel unter dem blauen Himmel fliegen sehen. Die Sonne scheint, das grüne Gras wächst – doch wir bleiben lieber in der Höhle. Das ist das menschliche Wesen. Nimm die Bibel: Die Israeliten wollten Ägypten nicht verlassen, obwohl sie dort Sklaven waren. Moses sprach zu ihnen: "Ich werde euch ins Gelobte Land führen." Sie sagen: "Nee, ich weiß nicht ... das Meer und die Wüste durchqueren ... im Zweifel lieber das bekannte Übel. Ich bin ein Sklave, aber hier ist mein Essen, ich bleibe hier."

Klar, der Weg ist gefährlich und lang.

Und vor allem unbekannt. Du nimmst lieber das bekannte Übel als das Unbekannte. Das ist ein Problem, deswegen sind wir in der Höhle. Die Menschen bekämpfen sich noch immer. Solange Frauen keine Gleichbehandlung erfahren, solange Menschenrechte weiterhin verletzt werden, solange das Sterben in Syrien nicht aufhört, werden wir in der Höhle sein. Während Kinder in Syrien sterben, gucken wir Big Brother. Die Medien nehmen den Dingen jegliche Verhältnismäßigkeit. Jeder hat schonmal von Kim Kardashian gehört. Warum weiß keiner, dass in Indien 70 000 Kinder gekidnappt werden? Wer managt dieses Missverhältnis? Das ist die Höhle. Wir sind immer noch in ihr.

In deinen Liner Notes merkst du an, dass die Maßnahmen, dagegen vorzugehen, bei der Erziehung anfangen. Im Zweifel konsumieren wir eben lieber den einfachen als den komplizierten Stoff.

Ja. Ein bemerkenswerter jüdischer Mann war Janusz Korczak. Er betrieb ein Waisenheim während des Zweiten Weltkriegs. Ihm ging es vor allem um Bildung, er war der Ansicht, wenn du die Welt ändern möchtest, musst die die Bildungsmaßnahmen ändern. Dort fängt alles an. Guck dir doch mal die Tibeter an: Sie wurden zu Toleranz erzogen, zu Mitgefühl, zu Frieden. Hast du je von einem Terroranschlag gehört, für den ein Typ aus Tibet verantwortlich war? Hast du nicht. Denn sie sind eben zu Toleranz und Frieden erzogen – es hängt alles von der Bildung ab. Wir sind wie Plastilin: Wenn du Menschen beibringst, nicht zu töten, werden wir niemanden töten. Wenn du ihnen beibringst zu töten, zu morden, zu kontrollieren, sieht das ganz anders aus. Unsere ersten Spielzeuge sind Spielzeuggewehre: Wasserpistolen, Spaßpistolen, Videospiele. Klar bist du nur ein Kind und es ist nur ein Spiel, aber trotzdem lehrt es dich Gewalt. In deinem Kopf ist es Gewalt.

Wie siehst du Metal im Kontext? Gewalt ist immerhin auch dort ein großes Thema.

Aber Metal ist nicht gewalttätig. In den Worten, im Ausdruck, in der Sprechweise gibt es Gewalt, ja. Aber Metal sagt niemals: "Geh, finde Unschuldige, schlage sie. Geh, stehle Geld. Geh, kontrolliere die Menschen." Das ist nicht die Message von Metal. Metal ist Protest gegen Gewalt. Ich habe noch nie von Gewaltvorfällen bei einem Metalkonzert oder einem Metalfestival gehört. Es ist eine Gemeinschaft zum Koexistieren. Hast du von Gangfights beim Wacken Open Air gehört? Von Messerstechereien oder Morden? Nein!

Es heißt ja immer, Wacken sei eins der friedlichsten Festivals weltweit.

Ist es, ist es! Ich höre von Mainstream-Musikfestivals, wo Vergewaltigungen passieren und was weiß ich alles. Natürlich gibt es auch im Metal Arschlöcher. Aber wenn du einen Blick auf die Mehrheit wirfst, ist es eine fantastische Gemeinschaft, die Gewalt nicht predigt, sondern als Motiv nutzt.

Du selbst predigst stets Toleranz zwischen den Religionen. Im Metal generell gilt es eher als Stigma, seinen Glauben offen zu äußern. Es herrscht eher eine antireligiöse Haltung.

Wir werden manchmal als Band gesehen, die Religion unterstützt. Das ist nicht wirklich der Fall. Wir hegen eine Menge Kritik für Religion. Auf dem Cover zu "All Is One" siehst du die Symbole der drei Weltreligionen vereint, dazu kommt natürlich der Titel, dass alles eins ist, aber die Lyrics sprechen eine ganz andere Sprache. Das Bild ist gleichzeitig Utopie und Dystopie. Ich denke, Religion an sich war eine gute Idee. Aber was die Menschen daraus gemacht haben, ist ein völliges Desaster. Wie kannst du jemanden im Namen Gottes töten? Ob Christ oder Muslim spielt dabei keine Rolle. Wie kannst du Ideen so verdrehen? Das Problem ist, dass Menschen sich gerne alles im Sinne ihrer eigenen kranken, düsteren Agenden zurechtbiegen. Wir respektieren Religion, kritisieren aber die Religionsführer. Das ist auch ein Grund, warum ich gerade in dieser Moschee zu Gast bin. So wie hier sollte man es machen – das ist der richtige Weg. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen das irgendwann verstehen. Orphaned Land ist kein White Metal, wir stellen uns nicht hin und sagen: "Probiert Religion, das ist super." Aber wir sind auch nicht dagegen. Ich sehe keinen Sinn darin, Leuten einfach "Fuck you! Fuck your religion!" entgegenzuschleudern. Damit werde ich nichts erreichen. Sag lieber: "Ich stimme mit deinem Weg nicht überein, denn ich denke a), b), c), d), e), f), g)..." Und so weiter. Ich bevorzuge den Dialog. Und Voraussetzung für Dialog ist respektvoller Umgang. Ohne das funktioniert es nicht. Einfach "Fuck off! zu sagen, ist nicht unser Weg. Das ist vielleicht der Weg des Black Metal, was auch cool ist, aber eben nicht für uns. Ich respektiere lieber, sage aber auch, wenn ich anderer Meinung bin.

Apropos: Statt mit Dialogbereitschaft versucht die BDS-Bewegung ihre Ziele durch Boykott und Isolation Israels durchzusetzen. Das hatte in den letzten Jahren auch Auswirkungen auf die Musiklandschaft, hat die Kampagne mit Roger Waters doch einen prominenten Fürsprecher aus diesem Lager, der gerne auch Künstlerkollegen nahelegt, nicht in Israel aufzutreten. Kürzlich gab es wieder einigen Wirbel, als Nick Cave sich dazu entschied, trotzdem ein Konzert in deinem Land zu spielen und seine Entscheidung dann auch öffentlich kommentierte. Wie stehst du denn zu der ganzen Sache?

Ich finde, Roger Waters ist ein Heuchler. Ich sehe keinen Grund, warum er sich ausschließlich auf Israel konzentrieren sollte, wenn doch so viele schlimme Dinge auf der ganzen Welt passieren. Was ist so besonders an Israel? Glaube ich, dass alles perfekt ist in Israel? Nein! Es passieren schlimme Dinge in Israel. Es passieren auch schlimme Dinge in Deutschland. Es passieren schlimme Singe in Saudi-Arabien. Israel ist der einzige Ort im Nahen Osten, wo du homosexuell sein kannst ohne zu sterben. Warum schaust du nicht auf beide Seiten und beginnst einen respektvollen Dialog? Warum rufst du zum Boykott auf? Glaubst du, das bringt dir irgendwas? Orphaned Land hat viele arabische Fans. Stell dir mal vor, ich würde Syrien boykottieren, weil sie Homosexuelle nicht richtig behandeln oder Saudi-Arabien, weil Frauen dort nicht Auto fahren dürfen. Was würde ich davon haben? Würde das irgendwen interessieren?

Ich denke, er hat ein Problem mit Juden. Das ist schwer auszudrücken, denn man will sich nicht auf diesen Boden begeben, jedesmal wenn jemand Juden kritisiert, und antisemitische Anschuldigungen auspacken. Aber in seinem Fall lässt es sich nicht vermeiden. Es grenzt an Besessenheit. Und: Er spielte in Israel! Er nahm sich die Kohle! Dann hat er entschieden, jeder sollte Israel boykottieren. Aber das Geld hat er nicht zurückgegeben. Er hat das Geld nicht den Palästinensern gespendet, sondern selbst behalten. Jetzt ist er reicher und ein verdammter Held, der schreit: "Boykottiert Israel!" Ich glaube, wir – die kleinen Orphaned Land – bewirken um einiges mehr im Nahen Osten als der Riese Roger Waters. Er hat nichts weiter gewonnen als die Liebe von Extremisten. Es kam keine Annäherung, kein Fortschritt oder überhaupt irgendein Ergebnis in Friedensabsicht dabei heraus, sondern das Gegenteil. Wir haben viel mit unserer kleinen Metalband in dieser Hinsicht erreicht – das ist Fakt!

Er ist ein Heuchler. Ich liebe Pink Floyds Musik. Musikalisch ist er ein Genie. Aber mit seinen Gedankengängen ist irgendwas wirklich fucked up und falsch. Und er sollte längst erkannt haben, dass es falsch ist, denn es funktioniert einfach nicht für ihn. Aerosmith haben in Isreal gespielt. Guns N' Roses haben in Israel gespielt. Depeche Mode spielen in Israel. Alle spielen in Israel! Nur manchmal boykottiert jemand Israel. Aber wenn du Israel boykottierst, warum boykottierst du dann nicht auch die USA? Sind die USA okay? Sind wir schlimmer als die USA? Im Ernst? Die Juden sind schlimmer als die USA? Wir sind genauso scheiße! Es ist einfach nicht fair gegenüber den Juden. Schau dir die UN-Resolutionen von 2016 an. Sie werfen einen Blick auf das, was falsch läuft in der Welt und merken das an. Etwa 85 Prozent der UN-Resolutionen richten sich gegen Israel, 15 Prozent verteilen sich dann auf den Rest der Welt. Im Ernst? Wir sind verantwortlich für 85 Prozent der Scheiße in der Welt? Das ist Antisemitismus. Anders kann man es nicht nennen. Was wollt ihr von den Juden? Wir machen weniger als 1 Prozent der Weltbevölkerung aus. Man stellt sich schon die Frage, wie solche Unproportionen zustande kommen.

Wir sind nicht perfekt und schlimme Dinge passieren – das gebe ich zu. Aber was ist mit Syrien, Afrika, Russland, den USA? Israel hat Boden von den Palästinensern erobert? Okay. Die UK hat die ganze Welt erobert. Frankreich hat die ganze Welt erobert. Belgien, Holland, Portugal, Spanien – all diese Länder haben Kontinente erobert. Die Proportionen stimmen nicht. Kritik an den Juden könnte absolut richtig sein, aber sie fällt einfach unverhältnismäßig aus. Und dadurch fragen wir uns, ob dabei noch immer der alte Antisemitismus mitschwingt, der all den Hass gegenüber Juden generierte. Wie sonst erklärst du das alles? Weißt du: Würde Roger Waters über viele schlechte Dinge sprechen und im Zuge dessen auch über Israel, sehe ich: Er spricht über alles, was schlecht läuft – auch in Israel. Dazu sollte er das Recht haben. Aber er ist besessen von Israel – und nichts anderem. Es gibt so viele andere Angelegenheiten, an denen man arbeiten sollte und für die man Aufmerksamkeit schaffen sollte. Wenn du Roger Waters bist, könntest du darauf aufmerksam machen, dass jährlich 70 000 Kinder in Indien gekidnappt werden. Spricht er darüber? Spricht er darüber, weil Leute zuhören, was er sagt? Nein. Israel, Israel, Israel, Israel! Das ist das einzige Schlechte in der Welt. Die Juden müssen für alles verantwortlich gemacht werden. Ich kann es nicht ausstehen. Ich bin Jude und sehe, dass ich Frieden sehr viel besser fördere als dieser Idiot. Ich entschuldige mich für diese Ausdrücke, aber ich liebe Pink Floyd und ich bin so enttäuscht von ihm.

Eins der wenigen muslimischen Länder, in denen du bisher relativ frei auftreten konntest, ist die Türkei. Die Lage dort spitzt sich in letzter Zeit auch immer mehr zu...

Oh ja, es wird stetig schlimmer. Sie nähern sich immer weiter dem Iran an, es hat den Anschein, als würde dort bald dieselbe Revolution passieren. Das tut mir leid, denn ich liebe die Türkei. Das Gros der Kinder, die wir eben getroffen haben, war türkisch. Die Türkei hat uns immer akzeptiert, obwohl es ein muslimisches Land ist und wir aus Israel kommen. Unsere erste Show außerhalb Israels spielten wir in der Türkei! Ich nenne Türkei meine zweite Heimat. Es ist erschreckend, was dort gerade passiert und bereitet mir Sorgen. Journalisten werden festgenommen, die Freiheit leidet, sie machen Rückschritt um Rückschritt. Die Türkei befindet sich im Fall – ich hoffe, sie stürzt nicht. Es wäre eine Tragödie für mich, könnte ich dort bald nicht mehr auftreten...

Glaubst du, du kannst mit deinen Konzerten etwas dagegen bewirken?

Nein, gar nichts. Ich kann nur Musik schreiben und hoffen, dass sie uns weiterhin einladen, bei ihnen zu spielen. Meine einzige Waffe ist, Musik zu schaffen und mich damit an ein Mikrofon zu stellen.

Es gibt eine Dokumentation über euch, in der ein arabischer Fan meint: "Politiker werden niemals dem zuhören, was ein Künstler schreibt oder sagt." Hat er recht?

Ich denke, der Schlüssel ist Erziehung. Sobald du anders erziehst, werden sich andere Anführer erheben. Die Menschen müssen dazu erzogen werden, zu wissen, was wichtig ist und was nicht und wann etwas im Missverhältnis steht. Stell dir vor, wir erziehen die Leute zu gutem Verhalten, zeigen ihnen den Wert des Lebens und drücken Kindern nicht gleich Waffen in die Hand – sie werden erwachsen und werden zu besseren Anführern. Sie werden sich nicht Big Brother im Fernsehen angucken, denn sie werden sagen: "Was für ein Bullshit! Warum sollte ich mir das ansehen? Es schaltet mein Hirn aus." Sowas wird es nicht mehr geben und solche Politiker werden nicht mehr existieren, denn wir werden bessere erschaffen. Denn wir schaffen die Politiker! Sie entstehen gemäß dem Level der Erziehung, die sie erfahren. Bessere Erziehung bedeutet bessere Anführer, besseres Fernsehen, bessere Musik, besseres Alles. Schau dich mal um: Musik, Fernsehen, alles ist irgendwie schlechter als früher.

Fragst du dich manchmal, was es überhaupt bringt, dass du tust, was du tust? Ob es überhaupt etwas verändert?

Klar, solche Fragen plagen mich seit jeher. Ich mache das seit 26 Jahren und so richtig verändert hat sich nichts. Doch dann spricht mich ein Fan bei einer Show an und sagt: "Du hast mein Leben gerettet. Du gabst mir Hoffnung." Das allein, das ist die Veränderung. Wenn du eine Person beeinflusst hast, wenn du die Gesinnung eines Arabers wandelst, der Israel oder dich gehasst hat, ohne dich zu kennen, macht das einen Unterschied. Einen kleinen zwar, aber es ist Etwas. Und das ist alles wert.

Der Text zu "Poets Of A Prophetic Messianism" vom aktuellen Album ist ein Zitat Platons, das übersetzt folgendermaßen lautet: "Jeder, der eine wahre Meinung vertritt, ohne sie zu verstehen, ist wie ein Blinder auf der richtigen Straße." Ist das nun gut oder schlecht in deinen Augen?

"Der Blinde auf der richtigen Straße" – das ist eine Frage. Weiß er, dass er auf der richtigen Straße wandelt? Spielt es überhaupt eine Rolle? Es ist eine philosophische Fragestellung, geschrieben von einem Philosophen. Es geht immer in beide Richtungen, sobald du das Territorium der Philosophen betrittst, haha. Ich weiß die Antwort nicht. Aber die Leute sollten sich diese Frage stellen. Es ist einfach so und es steht in Beziehung zum Höhlengleichnis und zum Konzept von "Unsung Prophets & Dead Messiahs".

Vor sieben Jahren fragte dich mein Kollege im Interview, ob du dir manchmal wünschst, einfach nur Rockstar sein zu können. Damals lautete die Antwort: "Nein, gegenwärtig geht das noch nicht." Weil du das Gefühl hattest, als Botschafter aktiv sein zu müssen. Hat sich dein Standpunkt mittlerweile geändert? Könntest du dir ein Nebenprojekt vorstellen?

Nein. Naja, vielleicht kann ich mir das schon doch vorstellen, aber Orphaned Land ist mehr als nur eine Band – es ist eher eine Mission. Ich kann nicht über meine Beziehungen schreiben. Nicht, weil ich nicht persönlich sein will, sondern weil ich anders mehr helfen kann. Orphaned Land ist wichtig, weil wir nicht über Walhalla, Thor oder Mythologie singen, sondern darüber, was jetzt gerade passiert. Manchmal möchte ich über Liebe singen. Aber das ist nicht Orphaned Land. Wenn ich 50 bin und die Clubs und das Touren satt habe, schreibe ich vielleicht meine Balladenalben. Wer weiß? Aber im Moment habe ich das Gefühl, Orphaned Land wird besser und besser. Denn wir haben mehr zu sagen. Solange ich das Gefühl habe, das was wir tun wird besser und was wir sagen stärker, werde ich damit weitermachen.

Wünschst du dir manchmal, dass mehr Metalbands eine Agenda wie die eure an den Tag legen würden?

Es ist eine freie Welt. Ich kann niemandem vorschreiben, was er zu tun oder wie er zu reagieren hat. Ich denke, die Erziehung und die Medien sollten sich verändern. Aber wenn jemand einen Song über seine Ex-Freundin schreiben möchte, kann ich mich nicht hinstellen und bellen: "Nein, du musst über Syrien schreiben!" Ich muss seinen Willen zu schreiben respektieren. Wenn ich das nicht tue, tappe ich in die Falle und tue, was die Religion macht. Ich möchte niemandem meine Meinung aufzwingen.

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LAUT.DE-PORTRÄT Orphaned Land

Israel ist bestimmt alles andere als eine Hochburg des Metals, jedoch tauchen immer wieder einige wenige, dafür umso talentiertere Musiker aus dieser …

2 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    ...seit wann konzentriert sich Waters denn nurnoch auf Israel? Die aktuelle Tournee wird nicht gerade grundlos als "Anti-Trump-Tour" bezeichnet, und JEDER kriegt sein Fett weg...

    Und bei den Aussagen zur "fehlender Gewalt im Metal"...nun ja, das kann man sich auch nur mit selektiver Wahrnehmung erklären....Varg Vikernes, mal als Beispiel?

  • Vor einem Jahr

    tolles gespräch!

    von kobi kann man immer eine menge beeindruckendes lernen. es sind gar nicht mal immer nur die gelegentlich zuspitzenden und sehr treffenden sätze. es ist auch diese unglaublich sanftmütige, freundliche aura, die sein wesen umgibt und ganz im kontrast zur bühnenperson des metalberserkers steht.