laut.de-Kritik

Das Mixtape für die Teenage Angst.

Review von

Zwei Außenseiter, ein rostiger Lada und eine Reise Richtung Walachei, die das Leben der beiden Protagonisten für immer verändern soll. In Fatih Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Bestseller "Tschick" bringt der Regisseur ("Gegen die Wand", "Soul Kitchen") eine klassische Coming-of-Age-Geschichte auf die deutschen Kinoleinwände.

Die Mutter hängt an der Flasche, der Vater fährt mit seiner Mätresse auf 'Geschäftsreise' und das beliebteste Mädchen der Klasse würdigt ihn keines Blickes: Für den 14-jährigen Maik könnte das Leben kaum beschissener laufen. Bis Andrej Tschichatschow, kurz Tschick, in einem kurzgeschlossenen Lada bei ihm zu Hause vorfährt. Der pragmatische Eigenbrötler, der in der Schule bisher nur durch gute Noten und Dauerfahne auffiel, zerrt den verzagten Maik aus seiner Lethargie und gibt den Impuls für eine ereignisreiche Reise quer durch Deutschland.

Ein solcher Roadtrip ohne Musik wäre kaum aufregender als eine öffentliche Lesung des Telefonbuchs, weshalb Fatih Akin eine Mischung aus bekannten Songs und komponiertem Score von Vince Pope zusammengestellt hat. Die instrumentalen Stücke des Briten, der unter anderem für die Musik der Serie "Misfits" zuständig war, versprühen dabei die Sorglosigkeit und den Freiheitsdrang, den die beiden Ausreißer auf ihrer Tour erleben.

Das Leitmotiv aus dem "Intro" erinnert mit seinem beschwingten Rhythmus und dem lebensbejahenden Chor an die Songs von José Gonzáles und Of Monsters And Men, die im Film "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" Verwendung fanden. So dick wie dort trägt Pope zwar nicht auf, doch neben der ähnlichen erzählerischen Grundidee lassen sich auch die musikalischen Parallelen der beiden Streifen nicht von der Hand weisen.

Der Score mag gerade dadurch nicht besonders originell wirken, verdeutlicht aber besonders in Verbindung mit Fatih Akins Bildern die Natur eines planlosen Trips zweier Kumpels, die ohne Führerschein und Landkarte drauf los fahren. Schade nur, dass die einzelnen Stücke sehr kurz ausfallen. Der längste Track "Tennis" läuft mit anderthalb Minuten so schnell durch wie ein maroder Keilriemen in einem 40 Jahre alten Lada.

In dem sowjetischen Allradler finden Tschick und Maik auch eine Kassette von Richard Clayderman, dessen "Ballade Pour Adeline" von dort an in Dauerschleife leiert. Zuschauer dürfen sich an Marshall und Ted erinnert fühlen, die in "How I Met Your Mother" eine ähnliche Aktion mit "500 Miles" von The Proclaimers abgezogen haben. In "schick" sorgt das etwas kitschige Pianostück für einige ulkige Momente, wie etwa die erste Autobahnfahrt der beiden illegalen Fahranfänger, taucht jedoch eine Spur zu häufig in den Szenen auf.

Daneben setzt Fatih Akin auf weitere bekannte Songs aus der Popkultur, was nicht immer ganz passt. Was beispielsweise Seeeds "Goosebumps" mit grasenden Kühen zu tun haben soll, erschließt sich im Kino nicht so recht. Das Lied hätte auch jedem anderen Feel-Good-Song der Berliner Dancehall-Kapelle Platz machen können.

Für Verwunderung sorgt auch die Anordnung der Songs auf dem Album. "Hurra Die Welt Geht Unter" von K.I.Z. und Henning May setzt erst im späteren Verlauf des Films ein, befindet sich aber bereits auf Platz zwei der Tracklist. Daneben fehlen andere Stücke komplett, wie "Ball And Biscuit" von The White Stripes. Der krachende Blues des Duos rückt im Film zum ersten Mal den klapprigen Lada ins Rampenlicht und funktioniert dabei ausgezeichnet. Bitter, dass es der Song wohl aus rechtlichen Gründen nicht auch auf das Album schaffte.

Das Highlight des Soundtracks stellt aber das Stereolab-Cover "French Disko" dar, dass die Beatsteaks gemeinsam mit Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow eingespielt haben. Mit gewohnt feinfühliger Lyrik transportiert von Lowtzow das Original ins Deutsche und fängt damit die Teenage Angst ein, die Maik und Tschick in der Buchverfilmung erfahren: "Es ist sicherlich absurd in dieser Welt zu leben / Sie erscheint dir sinnentleert / Doch zieh dich nicht zurück".

Oder wie Tschick sagen würde: "Ohne Sinn!" Heraus sticht auch der Song "Thomas Anders" von den Beginnern und Megaloh, der das Außenseitertum thematisiert: "Doch es war und es ist wie es ist / Auffälliger Mensch, abfälliger Blick". Die beiden, speziell für den Film geschriebenen Tracks, bereichern ihn um zwei ganz unterschiedliche Stimmungen, die wunderbar in die Geschichte des "Psychos" und des "Ivans", wie Maik und Tschick von ihren Mitschülern bezeichnet werden, passen.

Braucht man also noch eine Version von "Hurra Die Welt Geht Unter" oder "Genius Of Love" in der Sammlung? Wohl kaum, auch weil die Anordnung der Tracks nicht ganz der Handlung des Films treu bleibt. Doch die tollen exklusiven Titel, der gelungene Score von Vincent Pope sowie Perlen wie "Canned Tomatoes (Whole)" von Courtney Barnett geben einen guten Begleiter zu dem stimmungsvollen Spätsommerfilm ab.

Trackliste

  1. 1. Intro - Vince Pope
  2. 2. Hurra Die Welt Geht Unter - K.I.Z Feat. Henning May
  3. 3. Genius Of Love - Tom Tom Club
  4. 4. Thomas Anders - Beginner Feat. Megaloh
  5. 5. French Disko - Beatsteaks Vs. Dirk Von Lowtzow
  6. 6. Canned Tomatoes (Whole) - Courtney Barnett
  7. 7. Car Spin - Vince Pope
  8. 8. Ballade Pour Adeline - Richard Clayderman
  9. 9. Affe Sucht Liebe (Alex Christensen Remix) - Fraktus
  10. 10. Good Better Best - Y'Akoto
  11. 11. Out Of The Black - Royal Blood
  12. 12. Tennis - Vince Pope
  13. 13. Goosebumps - Seeed
  14. 14. Willkommen Im Dschungel - Bilderbuch
  15. 15. Waha Here We Come - Vince Pope

5 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Ah, ein erfolgreiches Buch, ein toter Autor? Da müssen wa doch nen Film draus machen der es etwas einfacher für das Publikum macht. Oh, ein deutscher Film ohne ElyasTillMatthias, der wahrscheinlich erfolgreich wird? Da verkaufen wir nen Soundtrack und brauchen Lieder über die Jugend von Leuten, die sie lange hinter sich haben. Wen kennt ihr so? Seeed, ja die sind richtig hip. Beginner? Oha, übelst krasser Rap. Megaloh, nice, richtig Berliner Untergrund.

    "Endlich schleppt sich die Romanhandlung raus aus Berlin. Der Lada ist fachmännisch kurzgeschlossen, und grad hab ich die Jungs auf die Autobahn gejagt und mich unter den Tisch gelacht über den Einfall, daß sie keine Musik hören können. In Gegenwartsjugendliteratur ist es zwingend notwendig, die Helden identitätsstiftende Musik hören zu lassen, besonders schlimm natürlich, wenn der Autor selbst schon älteres Semester ist, dann ist die Musik auch gern mal Jimi Hendrix, der neu entdeckt werden muß, und Songtextzitate gehören sowieso als Motto vor jedes Buch. Aber der Lada hat leider nur einen verfilzten Kassettenrekorder. Kassetten besitzen die Jungs logischerweise nicht, und dann finden sie während der Fahrt unter einer Fußmatte die Solid Gold Collection von R. Clayderman, und ich weiß auch nicht, warum mich das so wahnsinnig lachen läßt, aber jetzt kacheln sie gerade mit Ballade pour Adeline ihrem ungewissen Schicksal entgegen. Projekt Regression: Wie ich gern gelebt hätte.

    Ein Motto aus meinem Lieblingsfilm steht dem Buch trotzdem voran, ich hoffe das geht okay:

    Dawn Wiener: I was fighting back.
    Mrs. Wiener: Who ever told you to fight back?"

  • Vor 2 Jahren

    Props für den Lieblingsfilm.

  • Vor 2 Jahren

    Tschik !!!
    Fatih Akin ist ein guter Regisseur.
    Die passende Musik zum Film ist halt schwieriger wenn
    Tschik und Maik nicht gerade Blues in der Kehle haben.
    Dann muß man musikalische Anleihen machen.
    Im Film klappt das immer besser wie im Buch.

  • Vor 2 Jahren

    4 der Songs waren auch auf meinem letzten Roadtrip-Mixtape. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? :D

  • Vor 2 Jahren

    fatih akin kann auch keinen ariernachweis erbringen, oder? taugt dieses "tschick" buch was? es klingt als könnte es interessant sein, aber mich dann doch enttäuschen :damn: dabei mag ich so bücher. "erschieß die apfelsine" und "fänger im roggen" sind alltime faves
    dafür lief letztes jahr auf dem fantasy filmfest, der höchst brilliante "cop car" mit einem anbetungswürdigen kevin bacon ♥ der soll ähnlich sein. bzw eine gewisse parallele haben. und den fand ich SAUGEIL! aber ich hab angst, dass die erwartungen, die ich an das sujet durch cop car habe, massiv enttäuscht werden :frapp: