laut.de-Kritik

Auch Beethoven hätte einen Oscar verdient.

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Im Januar 2011 schien es in Großbritannien nur ein Thema zu geben. "Hast du 'The King's Speech'" schon gesehen?", lautete die Standardfrage, gleich nach den Kommentaren zum Wetter. Die Kinosäle waren wochenlang brechend voll, der Film mauserte sich zu einem der größten Erfolge der letzten Jahre. Das Publikum war oft so ergriffen, dass es zum Schluss aufstand, um die Darbietung mit einem Applaus zu verabschieden.

So war es nur folgerichtig, dass vier der wichtigsten Oscars an den Hauptdarsteller Colin Firth, den Regisseur Tom Hooper, den Drehbuchautor David Seidler und den Film an sich gingen. Was zu Unrecht unterging, sowohl bei der Preisverleihung als auch in den Besprechungen, war die Rolle der Musik.

Damit ist weniger der Soundtrack von Alexandre Desplat gemeint, der die Stücke 1 bis 11 komponiert hat. Der Franzose gehört seit einigen Jahren zu den gefragtesten Soundtrack-Komponisten und hat auch diesmal einen anstandslosen Job abgeliefert. Unvergessliche Stücke gibt es keine, doch auch ohne Bilder lässt sich sein ruhiges Klaviergeklimper in Begleitung des London Symphony Orchestras durchaus anhören.

Ein wahrer Geniestreich ist ihm mit der Auswahl der Untermalung der Rede gelungen, die das Thema des Films liefert: Die britische Kriegserklärung an Deutschland am 3. September 1939. Dabei kommt ausgerechnet ein urdeutscher Komponist zum Einsatz, nämlich Ludwig van Beethoven.

Der führte seine 7. Symphonie zum ersten Mal 1813 bei einer Benefizveranstaltung zugunsten von verwundeten Soldaten auf, die Napoleons Truppen im hessischen Hanau geschlagen hatten. Der Name des Orchesters: "Wellington's Victory", benannt nach dem britischen General Arthur Wellesley, Duke of Wellington, der zwei Jahre später die Schlacht von Waterloo für sich entscheiden sollte.

Der zweite Satz von Beethovens 7. ist für die Rede wie geschaffen, mit seinen Streichern, die sachte beginnen, langsam an Fahrt aufnehmen und schließlich mit Bläserbegleitung den Raum bis in den letzten Winkel ausfüllen.

Ob die Herkunft des Komponisten reiner Zufall ist oder eine Botschaft darstellt, bleibt offen. Im Anschluss kommen jedenfalls noch einmal Beethoven und auch Mozart zum Zuge.

Werke des Feindes begleiten also den Eintritt Großbritanniens in den Zweiten Weltkrieg. Ein ironisches Augenzwinkern? Oder vielleicht eine Botschaft, dass Musik nationale Grenzen überschreitet und so etwas wie eine weltweit gültige Sprache bildet? Fest steht: Auch Beethoven hätte für seinen Beitrag einen Oscar verdient.

Trackliste

  1. 1. Lionel And Bertie
  2. 2. The King's Speech
  3. 3. My Kingdom, My Rules
  4. 4. The King Is Dead
  5. 5. Memories Of Childhood
  6. 6. King George VI
  7. 7. The Royal Household
  8. 8. Queen Elizabeth
  9. 9. Fear And Suspicion
  10. 10. The Rehearsal
  11. 11. The Threat Of War
  12. 12. Speaking Unto Nations (Beethoven Symphony No. 7 - II)
  13. 13. Epilogue (Beethoven Piano Concerto No. 5 ''Emperor'' - II)
  14. 14. The Logue Method (Mozart: The Marriage Of Figaro/Clarinet Concerto Mvt. 1)

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9 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    @the death of mr. smith
    hast richtig gelesen. warum er dem kritiker nicht mehr als sechs zeilen wert ist, ergibt sich inhaltlich, worauf du auch mal achten solltest anstatt nur sätze zu zählen: "anstandsloser job", "keine unvergesslichen Stücke", "ruhiges Klaviergeklimper", "lässt sich durchaus anhören".

  • Vor 10 Jahren

    @unorigineller_name (« @the death of mr. smith
    hast richtig gelesen. warum er dem kritiker nicht mehr als sechs zeilen wert ist, ergibt sich inhaltlich, worauf du auch mal achten solltest anstatt nur sätze zu zählen: "anstandsloser job", "keine unvergesslichen Stücke", "ruhiges Klaviergeklimper", "lässt sich durchaus anhören". »):

    Ich finds nur komisch, dass die ersten 11 Tracks nahezu ignoriert werden und der ganze Text nur um die letzten 3 geht. Die auch schon ca. 300 mal veröffentlicht wurden. Darum gings mir.

  • Vor 10 Jahren

    Der Soundtrack von Alexandre Desplat ist (wie immer) grandios!