laut.de-Kritik

Mit Anlauf in die ausgetretenen Underworld-Latschen.

Review von

"White youth, black youth / Better find another solution / Why not phone up Robin Hood / And ask him for some wealth distribution." Zugegeben, dieses einleitende Zitat markiert nicht gerade ein poetisches Meisterwerk. Muss es auch nicht. Denn es stammt von The Clash. Genauer gesagt aus "(White Man) In Hammersmith Palais".

Und deshalb thront es auch hier, am Anfang dieser Kritik, über einem Soundtrack, der einen risikobehafteten Spagat zwischen dem Gestern und dem Heute der britischen Popmusik wagt. Da dürfen The Clash nicht fehlen. Als Bindemittel, als Sicherheitsnadel, die den zum Reißen verdammten Hosenboden zumindest lose zusammenhält. Denn ein Großteil der hier vertretenen Künstler verleibte sich früher ja auch alleine im Jugendzimmer Clash-Platten auf Repeat ein.

Der Einsatz von zeitgenössischen Popsongs im Soundtrack-Metier ist eine eigenständige Kunst. Quentin Tarantino nutzte Pop zur Dekonstruktion und entwickelte damit eine Art Mixtape-Verfahren, das im gegenwärtigen Superhelden-Kino ("Guardians Of The Galaxy" oder "Suicide Squad") brachial nervt. Viel interessanter erscheint es, wenn Soundtrack und Film verschmelzen und in stetiger Rückkopplung ein ganz bestimmtes Gefühl offenbaren.

Zack Braffs mittelmäßiger Coming-Of-Age-Streifen "Garden State" sog beispielsweise erst durch den Einsatz früher Coldplay-Songs und zärtlicher Shins-Knospen eine gewisse Magie auf. Die Synthie-Orgien in Nicolas Winding Refns neonfarbenem Alptraum "Drive" öffneten die Tore zu einem anderen visuellen Zustand. Und schließlich wertete Danny Boyles "Trainspotting" mit seinem urbritischen Sound die bitter-süße Verliererwelt der Junkie-Geschichte mit fleischigem Kontext auf.

Jetzt erscheint "T2 Trainspotting", der offizielle Nachfolger des immer noch grandiosen Dramas. Und irgendwie fragt man sich (ganz unabhängig von der finalen Qualität des Endprodukts), ob das in Zeiten ewiger Reboots und Remixe in der Kinowelt überhaupt nötig ist. "T2" kehrt zu den altbekannten Figuren zurück, also zumindest zu jenen die überlebt haben. Diesen eingebrannt erscheint der kultisch verehrte Soundtrack, der nun in zwei besonders prägnanten Sequenzen wiedergeboren wird. Denn "Born Slippy", der Underworld-Überhit, der sich "Trainspotting" wie eine Knasttätowierung von überwältigender Schönheit einstanzte, und Iggy Pops "Lust For Life", das die legendäre Eröffnungssequenz so perfekt unterstrich, sind beide auch in der vorliegenden Neuauflage präsent.

Underworld erschaffen mit "Slow Slippy" eine Art Frankenstein-Monster, einen Song-Zombie, der einige auffallende Wiedererkennungsmerkmale zur Schau trägt, insgesamt aber deutlich düsterer, abgehackter, industrieller und tragischer klingt. Ein seltsames Teil mit wellenförmiger Schubkraft. "Lust For Life" indes wird The Prodigy zum Fraß vorgeworfen, die den Oldtimer aber beinahe ehrfürchtig steuern und nur wenig neues zur Karosserie hinzufügen.

So entfaltet sich der T2-Soundtrack in drei Kammern: Numero Uno frönt die gerade besprochene nostalgische Rückkopplung zum Altbekannten. Nummer Zwei kombiniert Soundtrack-typisch alte Klassiker, die sowieso jeder im Ohr hat (von Run DMC bis Blondie), während Nummer Drei einen Ausblick in die aktuelle Popszene auf der Insel wagt und "Trainspotting" im Hier und Jetzt verortet. Ins Zentrum rücken dabei vor allem Young Fathers, die gleich mit drei Songs vertreten sind und direkt in die Underworld-Fußstapfen treten. Eine nach mehreren Hördurchgängen absolut folgerichtige Wahl.

Young Fathers generieren mit "Get Up", "Only God Knows" und "Rain Or Shine" einen ähnlich anmutigen Seitenstraßen-Vibe, der die ranzig verregnete Ästhetik der ausklingenden 90er mit dem virtuellen Weltuntergangscharme der 2010er vermengt. Die Einflüsse manifestieren sich in Tricky, Massive Attack oder Dälek, gepaart mit einer gehörigen Portion Speed und Mainstream. Die ausgetretenen Underworld-Latschen passen den Schotten jedenfalls vortrefflich.

Der Banger "Shotgun Mouthwash" des walisischen Drum'n'Bass-DJs High Contrast ist kaum zu ertragen, weil er so offensichtlich auf Trainspotting-Flair hin getrimmt wurde, das durchgeknallte "Dad's Best Friend" des Hip Hop-Satire-Dings The Rubberbandits klingt nach den britischen HGich.T.

Abermals zauberhaft dagegen Wolf Alice, deren Ballade "Silk" nach all dem rasenden Gezappel wie eine heiße Tasse Tee nach einem Spaziergang im Eisregen wirkt. Noch stärker zeigt sich nur die Fat White Family, die mit "Whitest Boy On The Beach" eine Portion merkwürdig tanzbaren Postpunk mit Karibik-Einfluss auftischt, der seinen eigenen Gesang verschluckt - eine fast transzendente Klangerfahrung.

Milliardenfach gehörte Songs wie "It's Like That" von Run DMC, Frankie Goes To Hollywoods "Relax" oder "Radio Ga Ga" von Queen trüben leider den überdurchschnittlichen Gesamteindruck. Äquivalent zur Geschichte des Films übt der Nachwuchs einen gewissen Druck auf und letztlich gelingt es ihm auch aufgrund kleiner Gesten der Verneigung, dem grandiosen Vorgänger gerecht zu werden.

Trackliste

  1. 1. Lust For Life (The Prodigy Remix)
  2. 2. Shotgun Mouthwash
  3. 3. Silk
  4. 4. Get Up
  5. 5. Relax
  6. 6. Eventually But (Spud's Letter To Gail)
  7. 7. Only God Knows
  8. 8. Dad's Best Friend
  9. 9. Dreaming
  10. 10. Radio Ga Ga
  11. 11. It's Like That
  12. 12. (White Man) In Hammersmith Palais
  13. 13. Rain Or Shine
  14. 14. Whitest Boy On The Beach
  15. 15. Slow Slippy

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