laut.de-Kritik

Hitgranaten mit Spätzünder.

Review von

Immer wieder erlebt man Momente, in denen einem die Veröffentlichungspolitik der großen Labels noch seltsamer vorkommt als ohnehin schon. Ende Januar 2016, schlappe fünf Monate nach dem Kinostart von "Straight Outta Compton", erscheint nun auch der Soundtrack zum N.W.A.-Biopic. So bald schon. Wenn die Zielgruppe da mal nicht schon längst weitergezogen ist.

Wer soll das überhaupt sein, Zielgruppe hierfür? N.W.A.-Fans der frühen Tage müssen sich die Tracks des Hip Hop-Longplayers, der dem Film Namen und Thema gab, wohl kaum ein zweites Mal zulegen. Sieben der acht enthaltenen Beiträge der Crew, um die es geht, finden sich auf "Straight Outta Compton", einzig "Real Niggaz" entstammt der Nachfolge-EP "100 Miles And Runnin'". Platten, die man eigentlich haben sollte.

Anzunehmen, dass die Crates der Alt-Heads auch den Rest längst bergen: Eazy Es Alleingang "Boyz-N-The-Hood" und "We Want Eazy" mit MC Ren gibts seit 1988 auf "Eazy Duz It". Das vom Bomb Squad produzierte "The Nigga Ya Love To Hate" veröffentlichte Ice Cube im Jahr darauf auf seinem Solo-Debüt "AmeriKKKa's Most Wanted", "No Vaseline" gehörte ursprünglich auf dessen Nachfolger "Death Certificate".

Zwischendurch lehrt "Straight Outta Compton" ein wenig Entstehungsgeschichte: "Gangsta Gangsta" bastelten Yella und Dr. Dre einst aus "Weak At The Knees" aus Steve Arrington's Hall Of Fame zusammen. Unter anderem: Im fertigen Track stecken außerdem mindestens noch Samples von den Headhunters und Boogie Down Productions.

George Clinton schaut erst mit Parliament, dann mit Funkadelic ums Eck. Deren "(Not Just) Knee Deep" kennen, auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewusst ist, sogar die Gelegenheitskopfnicker, als Basis von De La Souls "Me, Myself And I", nämlich. Roy Ayers lässt mit seiner Ubiquity zwischendurch die Sonne scheinen. Zum Abschluss setzt es einen weiteren Klassiker: Snoop und Dr. Dre mit "Nuthin' But A 'G' Thang'". Meilensteinwürdig, in der Tat.

Der Soundtrack wirft von vorne bis hinten ausnahmslos mit Hitgranaten. Bei einem Film, der die Entstehung einer Hitgranaten-Platte dokumentiert, geht das ja auch schlecht anders. Jede einzelne Nummer kennt auswendig, wer sich zuvor bereits in der Materie bewegt hat.

Die vielen, vielen größtenteils Hip Hop-unbeleckten Zeitgenossen, die trotzdem in die Kinos geströmt sind, um sich die Geschichte der Niggaz With Attitude erzählen zu lassen, und die noch zahlreicheren, die plötzlich alle schon immer glühende N-W.A.-Fans gewesen sein wollen, die wären doch diejenigen gewesen, denen man die Musik dazu jetzt endlich hätte verkaufen können. Ob das mit einem knappen halben Jahr Verspätung noch klappt?

Egal. Um sich diese in Ehren gereiften Perlen zu Ohren zu führen, erscheint jeder Vorwand gut genug. Was sich über zweieinhalb, drei, manches sogar schon über vier Dekaden hinweg bewährt hat, vergammelt jetzt auch nicht mehr, bloß weil die Veröffentlichung zu einem komischen Zeitpunkt erfolgt.

Trackliste

  1. 1. N.W.A. - Straight Outta Compton
  2. 2. Parliament - Flash Light
  3. 3. Eazy-E ft. MC Ren - We Want Eazy
  4. 4. N.W.A. - Gangsta Gangsta
  5. 5. Funkadelic - (Not Just) Knee Deep
  6. 6. Eazy-E - Boyz-N-The-Hood
  7. 7. Roy Ayers Ubiquity - Everybody Loves The Sunshine
  8. 8. N.W.A. - Dopeman
  9. 9. N.W.A. - Fuck Tha Police
  10. 10. N.W.A. - Express Yourself
  11. 11. Steve Arrington's Hall Of Fame - Weak At The Knees
  12. 12. N.W.A. - Quiet On Tha Set
  13. 13. N.W.A. - 8 Ball (Remix)
  14. 14. Ice Cube - The Nigga Ya Love To Hate
  15. 15. N.W.A. - Real Niggaz
  16. 16. Ice Cube - No Vaseline
  17. 17. Dr. Dre ft. Snoop Dogg - Nuthin' But A 'G' Thang

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