laut.de-Kritik

Heavy Metal Thunder.

Review von

Nüchtern betrachtet ist der Film ziemlich absurd. Zumindest die Art und Weise, wie er entstand. Kein großes Studio dahinter, kein richtiger Plot, keine bekannten Stars – die Chancen, dass "Easy Rider" eine Fußnote der Kinogeschichte würde, standen ziemlich gut. Doch schon bei seiner Veröffentlichung 1969 wurde er zum Hit. Und gilt ein halbes Jahrhundert später als einer jener Streifen, die die Art und Weise, wie Filme konzipiert, umgesetzt und geschnitten werden, nachhaltig verändert haben.

Bahnbrechend war auch der Soundtrack. Wie so vieles in diesem Projekt entstand er eher aus Zufall. Oder, wenn man so will, aus glücklicher Fügung. Um die endlosen Stunden an Material zu sichten, die zwei Männer auf fahrenden Motorrädern zeigten, hatte Cutter Donn Cambern eine Art Playlist zusammengestellt. Ob es sich dabei um seine eigene Lieblingsstücke handelte oder die von Produzent und Hauptdarsteller Peter Fonda, hängt von der Quelle ab. Jedenfalls war es eine interessante Mischung aus Folk und Rock, bekannten und weniger bekannten Bands.

Dachten sich auch die gerade erst zusammen gekommenen Crosby, Stills und Nash, die Fonda beauftragt hatte, den Soundtrack zu schreiben. Als sie die Rohfassung des Films mit Camberns Musikauswahl sahen, waren sie jedoch so beeindruckt, dass sie meinten, sie würden es nicht besser hinkriegen. Derselben Meinung war Dennis Hopper, Regisseur und der andere Hauptdarsteller, der sie zur Tür begleitete und ihnen Gewalt androhte, sollten sie sich wieder blicken lassen.

Ein Posten weniger auf der ohnehin überschaubaren Ausgabeliste, dachte er sich wohl, doch irrte er sich. Schließlich betrat er mit der Auswahl an schon aufgenommenen Musikstücken so etwas wie rechtliches Neuland, da die Lizenzen mühsam eingeholt und verhandelt werden mussten. Am Ende überstiegen die Kosten des Soundtracks die des Filmdrehs um ein Mehrfaches. Und führten zu interessanten Ergebnissen.

"The Weight" etwa war ein Stück aus dem Debütalbum von The Band, "Music From Big Pink". Die Platte war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Klassiker, zu dem sie später wurde. Werbetechnisch wäre die Platzierung sicherlich hilfreich gewesen, doch rechtliche Gründe führten dazu, dass im Film ihre Version und im Soundtrack die von Smith verwendet wurde. Smith war eine kurzlebige Band aus Los Angeles, die eigentlich eine Frontfrau hatte. Da die Vorgabe war, möglichst gleich wie The Band zu klingen, musste sie sich im bekanntesten Stück ihres Werdegangs mit etwas Trällern im Refrain begnügen.

David Crosby schaffte es doch noch in den Soundtrack, und zwar als Mitglied von den Byrds, die hier "I Wasn't Born To Follow" beisteuerten, die 1968 veröffentlichte Version eines Stücks des Songwriterehepaars Goffin/King (zweitere sollte unter ihrem vollen Namen Carole King 1971 mit "Tapestry" für Furore sorgen). Mehr als Crosby, der hochkant aus der Band geflogen war, um dann Crosby, Stills and Nash zu gründen, spielte jedoch Byrds-Frontmann Roger McGuinn eine entscheidende Rolle im Soundtrack.

Das hatte wiederum mit Bob Dylan zu tun, dessen Stück "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)" in einer Schlüsselszene zum Einsatz kommt. Dylan wollte aber keine so prominente Rolle spielen, also bat die Produktionsfirma McGuinn, das Lied zu covern. Was er auch tat, und dabei das Stück von sieben auf drei Minuten kürzte. Dylan war auch gebeten worden, ein Stück für den Abspann beizusteuern. Angeblich nahm er eine Serviette, kritzelte "The river flows, flows to the sea, wherever that river flows, that's where I want to be" darauf und meinte, dass McGuinn bestimmt etwas damit anfangen könne. Tat er, und bastelte daraus die "Ballad Of Easy Rider". Dylan soll nach der Sicht der Rohfassung so entsetzt von dem Film gewesen sein, dass er darauf bestand, als Co-Autor entfernt zu werden. Zur Freude McGuinns, der damit für eines seiner bekanntesten Stücke die Tantiemen kassiert.

Die Band, die jedoch am meisten vom Soundtrack profitierte, war Steppenwolf. Die Truppe um Sänger John Kay (als Joachim Fritz Krauledat in Deutschland geboren und mit seiner Mutter im Alter von 14 nach Kanada ausgewandert) lieferte die beiden Stücke zu Beginn. "The Pusher" stammt ursprünglich vom Singer/Songwriter Hoyt Axton und setzt sich kritisch mit der Drogenszene auseinander, die zunehmend von harten Stoffen und skrupellosen Kriminellen bestimmt wurde. Ein düsterer Blick in die Zukunft, der sich leider bewahrheitete.

Und natürlich die Hymne jedes Motorradfahrers, "Born To Be Wild", mit der prägenden Zeile "I like smoke and lightning / Heavy metal thunder". Den Begriff Heavy Metal erfanden Steppenwolf zwar nicht, doch betteten sie ihn in verzerrte Gitarren ein und gehören so zu den Vorreitern eines Genres, das mit Black Sabbath bald die oberen Etagen der Charts stürmen sollte. Auch wenn Kay schnell das einzige verbliebene Gründungsmitglied war - mit diesen zwei Liedern und dem Bandnamen hat er Jahrzehnte lang seinen Lebensunterhalt bestritten.

Gänzlich in Vergessenheit geraten wären vermutlich Fraternity of Man, eine kurzlebige Band aus dem Umfeld Frank Zappas (Gitarrist Elliott Ingber hatte eine Zeit lang bei den Mothers Of Invention gespielt), dessen herrlich überzogenes, mit einer jaulenden Pedal Steel versehenen "Don't Bogart Me" augenblicklich zu einem Kiffer-Klassiker wurde. Die Botschaft: Lass den Joint nicht im Mundwinkel hängen wie Humphrey Bogart seine Zigarette, sondern reiche ihn gefälligst weiter.

Das einzig entbehrliche Stück ist "Kyrie Eleison". Der Jazz-Komponist David Axelrod hatte versucht, Rockmusik mit gregorianischen Gesängen zu vermischen und somit Art Rock vorweggenommen. In einer gewissen Hinsicht ist dieser Auszug aus seiner "Messe in F Moll" also ein Meilenstein, doch das Ergebnis passt zum Namen der Band, die 'elektrischen Pflaumen'. Aus der Reihe fällt auch "If You Want to Be a Bird (Bird Song)", ein Gaga-Stück der Holy Modal Rounders, die sich in der Folk-Szene des New Yorkers Greenwich Village einen Namen gemacht hatten, außer diesem Stück aber wenig Bleibendes hinterlassen haben.

Der größte Star des Albums war und ist Jimi Hendrix, der mit seiner Gitarre und seinen psychedelischen Texten nicht nur kommerzielle Erfolge erzielte, sondern das Ende der 1960er Jahre auch musikalisch prägte. "If 6 Was 9" aus seinem zweiten Album "Axis: Bold As Love" (1967) ist nicht eines seiner besten Stücke, doch zählte hier vor allem der Name.

Der unwahrscheinliche Erfolg von "Easy Rider" hatte für den von Drogen- und Alkoholexzessen bereits schwer gezeichneten Musiker noch ein unangenehmes Nachspiel, denn sein Manager finanzierte ein Trittbrettfahrerprojekt mit dem Titel "Rainbow Bridge", zu dem er den Soundtrack liefern sollte. Hendrix starb, bevor er diese Verpflichtung erfüllen konnte, der Film war ein Riesenflop, doch wenigstens kam dabei der mitreißende Auftritt "Live In Maui" heraus.

Ja, ein unwahrscheinlicher Erfolg. Peter Fonda zahlte die Ausgaben während der Aufnahmen mit seiner Kreditkarte (ca. 400.000 US$), die Lizenzen für den Soundtrack beliefen sich auf etwa eine Million, doch nahm "Easy Rider" in den Kinosälen 60 Millionen ein, wurde für zwei Oscars nominiert und brachte Dennis Hopper in Cannes den Preis für das beste Erstlingswerk ein.

Die größte Auszeichnung ist aber, dass Film wie Soundtrack auch noch heute aktuell wirken. Die Utopie des amerikanischen Traums, die Grenzen grenzenlos anmutender Freiheit, Dylans großartige Texte und "Born To Be Wild" sind schließlich zeitlos.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. The Pusher - Steppenwolf
  2. 2. Born To Be Wild - Steppenwolf
  3. 3. The Weight - Smith
  4. 4. Wasn't Born To Follow - The Byrds
  5. 5. If You Want To Be A Bird - The Holy Modal Rounders
  6. 6. Don't Bogart Me - The Fraternity Of Man
  7. 7. If Six Was Nine - The Jimi Hendrix Experience
  8. 8. Kyrie Eleison Mardi Gras - The Electric Prunes
  9. 9. It's Alright Ma (I'm Only Bleeding) - 9 Roger McGuinn
  10. 10. Ballad Of Easy Rider - Roger McGuinn

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